Veranstaltungsprogramm

Sitzung
ad_GlobaleUngInPost: Ad-hoc-Gruppe - Globale Ungleichheiten in (post-)pandemischen Zeiten
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
9:00 - 11:00

Chair der Sitzung: Karin Fischer, Institut für Soziologie, Johannes Kepler Universität Linz
Chair der Sitzung: Fabio Santos, Freie Universität Berlin / Aarhus University
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen

Die Corona-Krise als Katalysator: Machtverschiebungen und soziale Ungleichheiten im kapitalistischen Weltsystem

Stefan Schmalz, Philipp Köncke

Universität Erfurt, Deutschland

Die Covid-19-Pandemie hat die Gesellschaften weltweit massiv getroffen. Neben Millionen von Erkrankten und Toten hat die Pandemie auch weitgehende soziale und wirtschaftliche Folgen nach sich gezogen. Denn die Lockdowns und Shutdowns haben nicht nur zu einer tiefen Wirtschaftskrise beigetragen, die sich in vielen Ländern über mehrere Quartale hingezogen hat, sondern auch zu dramatischen sozialen Folgen bei Einkommen, Arbeit und Bildung geführt. Dabei sind die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie jedoch äußerst ungleich ausgeprägt. Sie verlaufen sowohl innerhalb der Gesellschaften ungleich zwischen Arm und Reich, zwischen Race und Geschlechtern als auch ungleich zwischen einzelnen Nationalstaaten. In einigen Ländern (China, Korea, etc.) wurde die Pandemie relativ effektiv eingedämmt; hinzu kommen unterschiedliche politische Reaktionen (z.B. Brasilien) beim Management der Pandemie. Die höheren Ressourcen für Wirtschaftshilfen, Gesundheitssysteme und Impfkampagnen führen deshalb dazu, dass der Blutzoll in vielen Industrieländern – ungeachtet einer ungünstigen Altersstruktur – langfristig niedriger sein wird als in vielen Ländern des globalen Südens, die wirtschaftlichen Folgen eher abgefedert werden können und die Zeitspanne der unmittelbaren Auswirkungen geringer ist. In dem Beitrag wird deshalb mit dem theoretischen Rüstzeug des Weltsystemansatzes versucht, einen Blick auf einige Makrotrends in der (Post)Corona-Zeit zu werfen. Dabei wird die These vertreten, dass zum einen soziale Spaltungslinien in der Weltgesellschaft tendenziell vertieft werden (Zentrum-Peripherie-Gefälle); zum anderen werden jedoch die wirtschaftlichen Verschiebungen in Richtung Ostasien und China weiter beschleunigt (hegemoniale Transition).



Krisenbedingt oder krisensicher? Ungleiche Staatsbürgerschaften und soziale Mobilität in multiplen Europas

Manuela Boatca

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Deutschland

Gesellschaftliche Krisen wirken wie Vergrößerungsgläser, die bestehende Ungleichheiten offenlegen und häufig auch dadurch verschärfen. Indem sie soziale Schließungstendenzen und Einschränkungen geltender Rechte in Gang bringen, strafen sie Narrative von Zusammengehörigkeit, Einheit und nivellierender Globalisierung Lügen. So musste das Motto der Europäischen Union „Einheit in Vielfalt“ durch Krisen wie den Sommer der Migration 2015 und neuerdings durch die Corona-Pandemie innerhalb kurzer Zeit seine global bröckelnde Glaubwürdigkeit auch innereuropäisch stark einbüßen. Der Beitrag fokussiert die Rolle von ungleichen Staatsbürgerschaften und die Regulierung sozialer Mobilität im Kontext beider Krisen, um zu zeigen, wie die politische Ökonomie kultureller Differenzen, die sowohl die Diskurse und Politiken zur Kölner Silvesternacht 2015, als auch zu den Erntehilfskräften 2020 dominierte, Nationalismus wiedererstarken lässt und damit Deglobalisierungs- und Deeuropäisierungstendenzen Auftrieb gibt.



Pandemie und Wissenszirkulation: Die Rolle der Ungleichheitsforschung in Argentinien

Clara Ruvituso

Mecila - Maria Sibylla Merian Centre Conviviality-Inequality in Latin America, Deutschland

Im März 2019 erhielten Expert:innen der Ungleichheitsforschung den Regierungsauftrag, eine Analyse über die sozialen Folgen des Lockdowns in den Armen-Vierteln von Argentinien zu erstellen. Dank der bereits existierenden engen Beziehungen der Universitäten mit den sozialen Organisationen vor Ort und der wissenschaftlichen Netzwerke des nationalen Projekts PISAC (Programa de Investigación sobre la Sociedad Argentina Contemporánea) konnte die dafür berufene Kommission in Rekordzeit circa 500 Sozialwissenschaftler:innen (mehrheitlich aus der Soziologie und Geographie) für die Studie mobilisieren. Diesem ersten Bericht folgten weitere Studien, Diagnosen und Empfehlungen zur Auswirkung der Pandemie unter Betrachtung alter und neuer Ungleichheiten. Aufbauend auf den produzierten Studien sowie der geführten Tiefen-Interviews mit beteiligten PISAC-Koordinator:innen und Wissenschaftler:innen zielt meine Präsentation darauf ab, die Rolle der Ungleichheitsforschung in der Pandemie sowie deren zentrale Ergebnisse und Auswirkungen im Falle Argentiniens zu reflektieren.



Insights from our research project 'Solidarity in times of a pandemic' SolPan+ Latin America

Isabella Radhuber, Marie Jasser

Universität Wien, Österreich

Title

Insights from our research project 'Solidarity in times of a pandemic' SolPan+ Latin America

Presenters

Isabella Radhuber, Marie Jasser (possibly with the participation of Latin American colleagues)

Abstract

A globally coordinated approach coping with the COVID-19 crisis needs to be informed by specific situations and contexts. There is, however, little evidence to date on currently ongoing dynamics in Latin American countries. The project 'Solidarity in times of a pandemic' SolPan+ Latin America (https://digigov.univie.ac.at/solidarity-in-times-of-a-pandemic-solpan/solpan-latin-america/ ) examines in 15 Latin American countries the following questions: 1.) What are the major changes that people experience in their lives during the COVID-19 pandemic in these Latin American countries? What do they consider the greatest challenges in daily routines? 2.) How do people feel supported (or not) by their countries' policy responses to the crisis? Do they feel that their government could have done something different in terms of their policy response? 3.) How, and why, do people act beyond the governmental advice? How do people, organizations and institutions act (or not), and what initiatives emerge during the pandemic to support other people in the respective countries? The project parts from the observation that there is wide research on pandemic preparedness and on strategies for increasing societies' resilience in times of a pandemic, most of which focuses on European countries, the United states and few other regions. Yet social and political-economic dynamics differ in countries situated in the so-called global periphery and significantly change their possibilities and the way in which these countries respond to the current pandemic and crisis.



Zur Dialektik in (post)pandemischen Zeiten. Zwischen Nekropolitik und Utopie?

Nadja Meisterhans

Universität Wien, Österreich

COVID 19 ist keine Naturkatastrophe. COVID 19 ist Ausdruck eines eklatanten politischen Versagens – auf der nationalen, europäischen wie auch globalen Ebene. Die Corona-Krise verdeutlicht auf drastische Weise, dass Krankheiten nicht vor Staatsgrenzen halt machen, sondern eine globale Dimension haben, die Ungleichheiten massiv verstärken.

Der Vortrag problematisiert, dass mit Corona möglicherweis ein autoritärer Krisenlösungsmodus gesellschaftlich normalisiert wird, der auch in zukünftigen Krisen Anwendung finden könnte. In Anbetracht der Tatsache, dass Gesundheitsnarrative im Kontext der Seuchenbekämpfung immer die Gefahr des autoritären Missbrauchs in sich bergen, beschäftigt sich der Vortrag mit Bezug auf die Kritische Theorie der frühen Frankfurter Schule mit dem Problem, dass die globale Gesundheitskrise von Populist*innen instrumentalisiert wird. Seit einigen Jahren sehen sich zahlreiche Demokratien mit einem wachsenden autoritären Backlash und reaktionärem Populismus im nationalen und globalen Kontext konfrontiert, welcher sich im aktuellen biopolitischen Krisenmanagement verfestigen könnte. Der Vortrag wirft die Frage auf, ob das derzeitige Corona-Krisenmanagement autoritäre Begehren in der Gesellschaft verstärkt und zu einer neuen Form von Ideologie führt, die als nekropolitischer Populismus bezeichnet werden könnte. Aus einer dialektischen Perspektive betrachtet, könnte die globale Gesundheitskrise aber auch eine Chance für politische und gesellschaftliche Lernprozesse bieten. Es soll deshalb anhand ausgewählter Beispiele untersucht werden, inwiefern die gesellschaftliche Krisenaufarbeitung auf der Grundlage von zivilgesellschaftlichen Kritiken zur Herausbildung utopischer Perspektiven beitragen. Die These ist, dass zivilgesellschaftliche Skandalisierungen, die sich auf aktuelle Corona-Politiken beziehen progressiv sein können, wenn sie sich auf performative Negationspraktiken beziehen, die einer Strategie der solidarischen Selbstermächtigung folgen. Im Anschluss an Ernst Bloch soll deshalb diskutiert werden, ob zivilgesellschaftliche Skandalsierungen, die das Bestehende negieren, durch latente, d.h. noch nicht bewusste, utopische Begehren motiviert sind, die im Rahmen künstlerischer Aktions- und Protestformen auf fantasievolle Weise in manifeste konkrete Utopien übersetzt werden können. Keywords: Psychoanalyse/Kritische Theorie/Nekropolitik/Utopie