Veranstaltungsprogramm

Sitzung
Sek_SozUngleich: Sektionsveranstaltung - Soziale Ungleichheiten in Zeiten der Covid19 Pandemie. Perspektiven und Befunde
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Cornelia Dlabaja, ÖGS Sektion Soziale Ungleichheit
Chair der Sitzung: Julia Hofmann, Arbeiterkammer Wien
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Soziale Ungleichheit (ÖGS), Sektion Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse (DGS)


Präsentationen

Neue Stressoren - gestiegene Ungleichheiten? Soziale Auswirkungen der Corona-Krise in Deutschland

Corinna Kleinert

Leibniz-Institut für Bildungsverläufe, Deutschland

Seit Ausbruch der Covid19-Pandemie im Frühjahr 2020 bis heute wurde vor allem versucht, die Ansteckungsgefahr zu minimieren, solange Impfungen noch nicht flächendeckend zur Verfügung standen. In Deutschland wurden daher Bildungseinrichtungen, Betriebe und Kultureinrichtungen geschlossen – abgefedert vor allem mit dem Instrument der Kurzarbeit. Branchen wie Einzelhandel, Gastronomie und Tourismus, persönliche Dienstleistungen und Kultur waren besonders stark betroffen. In anderen Wirtschaftsbereichen und der Bildung wurde mit der Verlagerung von Arbeit und Lernen nach Hause reagiert.

Die Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie bewirkten in Summe zweierlei: Erstens verstärkten sich bereits bestehende soziale Ungleichheiten. Zwischen Haushalten und Familien ging die Einkommensschere ebenso auseinander wie die Risiken von Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit. Mangelnder Wohnraum und dichtes Aufeinanderleben führten zu höheren Ansteckungsrisiken sowie zu schlechteren Lern- und Arbeitsbedingungen zuhause. Dadurch, dass die Verantwortung für das Lernen der Kinder auf die Eltern verlagert wurde, stieg die Bedeutung familiärer Belastungen und Ressourcen für die Unterstützung ihrer Kinder. Damit werden die vergrößerten sozialen Ungleichheiten auch in die nächste Generation übertragen.

Zweitens beschleunigte die Pandemie die Digitalisierung von Alltagsverrichtungen, beim vernetzten Arbeiten und beim Lernen. Auch davon konnten soziale Gruppen ganz unterschiedlich profitieren. Besonders betroffen vom Wandel sind Personen, die von zuhause aus arbeiten konnten. Diese sind eher jung, oft hoch gebildet und arbeiten in Büroberufen, Administration oder Management. Wenn Beschäftigten- und Bevölkerungsgruppen die digitalen Skills nicht erlernen können (oder müssen), die für neue Arbeits- und Lernformen notwendig sind, könnten sie längerfristig abgehängt werden. Damit könnte eine weitere Dimension sozialer Ungleichheit an Bedeutung gewinnen, die systematisch mit traditionellen Ungleichheiten korreliert.

Im Vortrag wird versucht, diese Thesen anhand ausgewählter empirischer Beispiele zu illustrieren, vor allem aber theoretisch zu rahmen. Dazu wird auf das Family Stress Model zurückgegriffen und Erweiterungen vorgeschlagen, die die Herausforderungen in pandemischen Zeiten addressieren.



Covid19 und soziale Ungleichheit in Österreich – Neue Dynamiken oder „more of the same“?

Julia Hofmann

Arbeiterkammer Wien, Österreich

Wie viele andere Länder hat die Covid-Krise auch Österreich nicht nur gesundheitspolitisch, sondern wirtschaftlich und sozial stark getroffen: Rund 1 Mio Personen waren Ende 2020 entweder arbeitslos oder in Kurzarbeit. Noch ist unklar, wie viele KurzarbeiterInnen ihren Job in den kommenden Monaten behalten und wie viele Arbeitslose eine neue Stelle finden werden. Zwar ist eine Zunahme von Armut in den aktuellen Statistiken noch nicht ersichtlich ist, dennoch erwarten ForscherInnen – nicht zuletzt auf Grund der Arbeitsmarktentwicklung – auch hier einen Anstieg in den kommenden Jahren.

In der Forschung wird vielfach konstatiert, dass die Covid-Krise im Bereich der sozialen Ungleichheit, wie ein Brennglas wirkt, also dass hierdurch bestehende Ungleichheiten wieder verstärkt sichtbar gemacht werden. Der Blick auf Österreich zeigt, dass es hierfür viele empirische Belege gibt: So sind Bevölkerungsgruppen, die es schon vor der Covid-Krise nicht leicht hatten (z. B. Menschen, die von Armut betroffen sind, Frauen mit Mehrfachbelastungen, z. B. Alleinerzieherinnen, und Menschen mit prekärer oder unsicherer Arbeit, die teilweise auch als Solo-Selbstständige tätig sind), von den Auswirkungen der Pandemie besonders hart getroffen.

Allerdings ergeben sich durchaus auch neue Dynamiken, z.B. in der sog. „Mitte“ der Gesellschaft: Es zeigte sich etwa, wie schnell abrupt eintretende Phasen der Arbeitslosigkeit Angehörigen der „abgesicherten Mitte“ die materielle Basis für das (Über-)Leben entziehen können, wenn sie der Sozialstaat (wie in Österreich mit einer Nettoersatzrate beim Arbeitslosengeld von rund 55%) nur bedingt unterstützt. Die Höhe des Arbeitslosengeldes in Österreich reicht derzeit nicht aus, um als „automatischer Stabilisator“ zu wirken. Somit droht ein Teil der „Mitte“ der Gesellschaft sozial abzusteigen. Besonders dramatisch ist in diesem Zusammenhang, dass auch viele junge Menschen von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Aus der Forschung ist bekannt, dass gerade der Einstieg in den Arbeitsmarkt besonders zentral für den Verlauf der weiteren Erwerbskarriere ist.

Der Konferenzbeitrag wird beide Entwicklungen im Feld der sozialen Ungleichheit – „more of the same“ und neue Ungleichheitsdynamiken – empirisch näher beleuchten und versuchen einen Ausblick auf zukünftige (post-coronale) Spaltungslinien in der österreichischen Gesellschaft zu geben.



Die Corona-Krise als Treiber sozialer Ungleichheit? Ein Vergleich der Entwicklungen in Österreich und Deutschland

Roland Verwiebe

Universität Potsdam, Deutschland

Die Corona-Pandemie hat weltweit massive Folgen für alle Bereiche des Lebens und eine fundamentale Gesellschaftskrise ausgelöst. Besonders stark betroffen sind der Arbeitsmarkt und die Bildung, da hier soziale Ungleichheiten deutlich zunehmen, einerseits durch steigende Arbeitslosigkeit und die Ausweitung der Kurzarbeit, andererseits durch die wachsende Kluft zwischen Familien in der bildungsfernen (Unter)Schicht und den vergleichsweise privilegierten Familien der Mittel- und Oberschicht. Dieser Beitrag stellt sich zum Ziele diese Entwicklungen für Österreich und Deutschland im Vergleich nachzeichnen. Bestehende Unterschiede zwischen beiden Ländern bei den Ungleichheiten am Arbeitsmarkt und in der Bildung sollen mit Blick auf institutionelle Besonderheiten und Differenzen im Corona-Krisenmanagement diskutiert werden. Der Beitrag schließt mit Überlegungen zu zukünftigen Entwicklungen und diskutiert Implikationen für die Gesellschafts- und Sozialpolitik. Als Datenbasis des Beitrags dienen offizielle Arbeitsmarkt- und Bildungsstatistiken, Berichte von NGO’s und – soweit verfügbar – Daten des Austrian Corona Panel sowie der Corona-Studie des SOEP/DIW-Berlin.