Veranstaltungsprogramm

Sitzung
Sek_Profess: Sektionsveranstaltung - Expertentum zwischen Erosion und Konsolidierung
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Tobias Sander, International University of Cooperative Education
Chair der Sitzung: Hannu Turba, Universität Kassel
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Professionssoziologie (DGS)


Präsentationen

Wissenschaftliche Expert:innen in der Berichterstattung deutscher Nachrichtenmedien über Covid-19. Diversität und fachliche Expertise im Vergleich zu früheren Pandemien

Melanie Leidecker-Sandmann, Patrizia Attar, Markus Lehmkuhl

Karlsruher Institut für Technologie, Deutschland

Im Fokus unseres Vortrags steht die übergeordnete Forschungsfrage, welche wissenschaftlichen Expert:innen von Journalist:innen für die Berichterstattung deutscher Nachrichtenmedien über die Covid-19-Pandemie ausgewählt werden – und zwar im Vergleich zu früheren Pandemien (der Vogel- und der Schweinegrippe). Diese Frage ist gesellschaftlich relevant, da die journalistische Expert:innenauswahl u.a. bestimmt, welche inhaltlichen Positionen öffentlich kommuniziert werden, welche Tatsachen diese Positionen stützen oder schwächen und/oder wie kontrovers ein Gegenstand erscheint. Durch die freie Wahl seiner Quellen wird der Journalismus zu einem bedeutenden Akteur öffentlicher Willensbildungsprozesse. Um unsere Forschungsfrage zu beantworten, haben wir mittels einer quantitativen Inhaltsanalyse insgesamt 1.472 Artikel vier deutscher Nachrichtenmedien (Die Welt, Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, dpa) analysiert und darin 3.377 individuelle Akteure identifiziert. Im Detail analysieren wir 1., welche gesellschaftlichen Akteure/Akteursgruppen in der Medienberichterstattung über Covid-19 (immer im Vergleich zu früheren Pandemien) wörtlich oder indirekt zitiert werden (Stichwort: Diversität), 2., wie hoch der Anteil der wissenschaftlichen Akteure unter ihnen ist und 3., wie hoch die fachliche Expertise der ausgewählten wissenschaftlichen Akteure ist, die wir anhand bibliometrischer Publikations- und Zitationsprofile ermitteln. Unsere Analyse zeigt 1., dass die Covid-19-Berichterstattung von Akteuren der politischen Exekutive dominiert wird und weniger als bei früheren Pandemien von wissenschaftlichen Expert:innen. Darüber hinaus ist die Corona-Debatte 2. durch eine größere Vielfalt von Expert:innenstimmen gekennzeichnet als die vorherigen Pandemiedebatten und damit weniger auf einige wenige Einzelwissenschaftler:innen konzentriert. Ferner verfügen die ausgewählten wissenschaftlichen Expert:innen in der Corona-Berichterstattung 3. im Durchschnitt über eine weit höhere fachliche Expertise als der Durchschnitt aller in den jeweiligen Fachgebieten tätigen Wissenschaftler:innen – und über eine höhere Expertise im Vergleich zu denjenigen, die in der Berichterstattung über frühere Pandemien zu Wort kamen.



Integrierte Forschungs- und Behandlungszentren als Promotoren professioneller Differenzierung im Krankenhaus. Zur Ausbildung des Berufsbildes der wissenschaftlich-klinisch tätigen Mediziner*innen im Feld translationaler Medizin.

Ramona Lange, Sebastian Starystach

Charité Universitätsmedizin Berlin, Deutschland

Gegenwärtige förderpolitische Weichenstellungen des Bundes zielen darauf, eine neue Berufsgruppe von Mediziner*innen nachhaltig zu etablieren, die wissenschaftliche und klinische Tätigkeiten gleichermaßen aufnimmt, als Übersetzer wissenschaftlicher Erkenntnisse in den Klinikalltag und zurück fungiert und auf diese Weise zur zentralen Profession des Feldes translationaler Medizin wird. Diese Binnendifferenzierung bricht sich jedoch nicht nur mit der klassischen beruflichen Differenzierung in der Medizin entlang von Fachdisziplinen, sondern strebt zudem gezielt einen Bedeutungsgewinn der wissenschaftlichen Tätigkeit gegenüber der klinischen Tätigkeit an, die bisher einen zentralen Bezugspunkt professioneller Autonomie in der Medizin ausmacht. In diesem Zusammenhang stellen die Integrierten Forschungs- und Behandlungszentren (IFB) in der Universitätsmedizin eine der umfangreichsten Fördermaßnahmen und Promotoren dieses neuen Berufsbildes dar. Ziel der IFB ist es zunächst, Translation zu fördern. Zugleich sollen schwerpunktmäßig wissenschaftlich tätigen Mediziner*innen ergänzende Pfade und Orte für die berufliche Laufbahnentwicklung insbesondere Zielpositionen zur Verfügung gestellt werden und mit dieser anvisierten Synchronisierung klinischer und wissenschaftlicher Anteile, die Ausübung eines neuen Berufsbildes der verstärkt wissenschaftlich tätigen Medizinerin in der Praxis gelingen lassen.

Zu diesem Differenzierungsprozess stellt der Beitrag Ergebnisse aus der explorativen Phase des BMBF-Verbundprojektes „Neue Wege in der Hochschulmedizin: Karriereentwicklung und Translation zwischen Autonomie und Kooperation.“ (KETAK) vor. Auf Basis von Experteninterviews mit leitenden Akteuren der acht in Deutschland geförderten IFB-Standorte sowie einer Dokumentenanalyse wird der Frage nachgegangen, welchen Einfluss die IFB auf die Ausbildung dieser neuen Berufsgruppe und deren Beförderung in der Universitätsmedizin haben. Dabei wählen wir einen institutionentheoretischen Zugang, denn das Erstarken der Institution der Wissenschaft und der dazugehörigen Beförderung von klinisch-wissenschaftlich tätigen Mediziner*innen durch förderpolitische Weichenstellungen, muss im Kontext des Wirkens einer Vielzahl von Institutionen in der Organisationsform Krankenhaus verstanden werden.



„HausärztInnen zu Zeiten der Corona-Pandemie“ – eine diskursanalytische Betrachtung

Stefanie Stark, Larissa Burggraf

Allgemeinmedizinisches Institut, Universitätsklinikum Erlangen

Berufspolitische AkteurInnen, wie der Bayerische Hausärzteverband (BHÄV), stellen HausärztInnen an vorderster Stelle um bei der Eindämmung des Corona-Virus wesentlich zu unterstützen: der hausärztliche Notdienst wird für Corona-Testungen eingesetzt, gesonderte Infektionssprechstunden werden implementiert, Bayern führt, als einziges deutsches Bundesland, VersorgungsärztInnen ein und HausärztInnen sollen fortan eigenständig in ihren Praxen Covid-19-Impfungen durchführen. So soll dem allgemeinmedizinischen Bereich, neben VirologInnen, EpidemiologInnen und IntensivmedizinerInnen, die in Öffentlichkeit und Beraterstäben stark vertreten sind, eine ebenso gewichtige Stimme zugetragen werden. Es scheint allerdings, dass „corona-politische“ Maßnahmen die Institutionalisierung der Allgemeinmedizin und die Autonomie des hausärztlich-professionellen Handelns außer Kraft setzen und sich darüber hinaus eine Differenzierung im medizinischen Bereich abzeichnet. Überdies wirkt es als, dass die allgemeine Gesundheit des Individuums nun nicht mehr dem Expertentum der Hausärzteschaft als Ausübende ihrer hausärztlichen Profession obliegt, sondern zur politischen Angelegenheit wird. Genau hier, zwischen Politik, Gesellschaft und Allgemeinmedizin greifen berufspolitische Verbände, wie der BHÄV. Aus diesen Überlegungen stellt sich die Frage nach möglichen Transformationen in der Ausübung der hausärztlichen Profession sowie der Differenzierung der AkteurInnen im medizinischen Bereich. Demnach untersucht dieser Beitrag die Rollen, Aufgaben und insbesondere die Relevanz, welche der Hausärzteschaft in der Corona-Pandemie zugeschrieben oder aberkannt wird und welche Rolle der BHÄV, als professioneller Vertreter dieser, in der Pandemie einnimmt. Im Zuge dessen wird in diesem Beitrag das deutsche Gesundheitssystem mit seinen AkteurInnen systemtheoretisch betrachtet sowie die Einbettung der HausärztInnen in diesem System aufgezeigt. Im Fokus steht die Vorstellung der hausärztlichen Profession und inwiefern das gesundheitspolitische System im Rahmen der Gesetzgebung die hausärztlich-medizinische Versorgung in der Corona-Krise institutionalisiert. Diesbezüglich wird der BHÄV als Organisationsform und berufliche Formation der hausärztlichen Profession sowie dessen berufspolitische Intention in das Zentrum dieser Analyse gestellt.



Zur berufsbiografischen Krise noch die Corona Krise eine professionstheoretische Betrachtung beruflicher Beratung zwischen Reproduktion und Autonomie bei erhöhtem Anomiepotenzial

Matthias Zick Varul

Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, Deutschland

Berufsberatung ist ein professionelles oder zumindest professionalisierungsbedürftiges staatlich sanktioniertes Tätigkeitsfeld, welches für unterschiedliche professionstheoretische Ansätze neuralgische Punkte beinhaltet. Sowohl das individuelle als auch das systemische Anomiepotenzial ist hoch, wo es um die Schnittstelle zwischen biografierelevanten Entscheidungen unter widersprüchlichen Erwartungen und Identitätsentwürfen einerseits und die erweiterte Reproduktion eines qualitativ differenzierten (und damit „potenzierten“) Arbeitskraftreservoirs andererseits geht. Eine Reflektion auf die Berufsberatung aus einer professionstheoretischen Perspektive, welche von individueller und kollektiver Anomie als professionelles Handlungsfeld ihren Ausgang nimmt, ist umso mehr angezeigt, als die sowieso schon krisenhafte Situation der Berufswahl durch gesellschaftliche Krisen – wie die gegenwärtige Pandemie – verschärft wird.

Die Professionalität beruflicher Beratung ist besonders begründungsbedürftig, u.a. weil die erforderliche fachliche Expertise im Vergleich zu den klassischen Professionen nicht umfangreich genug ist, um eine eigenständige Legitimationsgrundlage abzugeben. Der eigentliche Kern der Professionalität, die Beratungskompetenz, wird dementsprechend stark betont. Allerdings ist sie weniger einfach darzustellen, auch da Erfolg der Natur der Sache nach kurzfristig nicht zu belegen ist.

Diese Legitimationsschwierigkeiten werden durch die Pandemiebedingungen noch verschärft. Verstärkter Einsatz von Online Angeboten entprivilegiert berufskundliches Wissen weiter während unter Kontakteinschränkungen die unmittelbare Erfahrung professioneller Beratungskompetenz stark reduziert wird. Der stagnierende Arbeits- & Ausbildungsmarkt verringert zudem die greifbaren Erfolgsaussichten beruflicher Beratung. Ironischerweise ist es gerade dieser letzte Punkt, der die die Notwendigkeit professioneller Beratung begründende Anomie verschärft.

In theoretischen Überlegungen ausgehend von T. Parsons & von neueren Theorien zum emanzipatorischen Auftrag beruflicher Beratung wird eruiert, inwieweit sich Berufsberatung in dieser Situation auf Beiträge zur erweiterten Reproduktion einer komplexen arbeitsteiligen Gesellschaft beschränkt, & inwieweit sie in der Krise durch Stärkung individueller Autonomie professionellem Handeln zugemutete emanzipatorische Potenziale entfalten kann



Professionalisierung mittels Ambiguität: Der Aufstieg der Data Scientists im Kontext technologischer und sozialer Transformationen

Robert Dorschel

University of Cambridge, UK

Krisen bieten nicht nur Möglichkeitsräume für Verschiebungen zwischen bestehenden Professionen, sondern eröffnen auch Gelegenheiten für neue berufliche Gruppen im ‚system of professions‘ Fuß zu fassen. Data Scientists stellen eine solche berufliche Gruppe dar; sie konnten sich im Kontext digitaler und sozialer Transformationen in verschiedenen sozialen Feldern institutionalisieren und professionalisieren. Der Beitrag fragt, welche Deutungsmuster mit der Konstruktion und Subjektivierung der aufsteigenden Berufsgruppe der ‚Data Scientists‘ einhergehen. Aus soziologischer Perspektive beruht ihre fortschreitende Institutionalisierung maßgeblich auf Objektivierungsprozessen sozialer Wissensbestände. Anhand einer diskursanalytischen Auswertung von Stellenanzeigen und Studiengangsbeschreibungen wird aufgezeigt, dass eine ambige Logik die wissensbasierte Konstruktion von Data Scientists strukturiert. In Wirtschaft und Wissenschaft besteht auf der Ebene der Phänomenstruktur Dissens über die Klassifikation und Einordnung von Data Scientists: sie werden einerseits als GeneralistInnen, ‚leader‘ und VerwertungsethikerInnen, anderseits aber auch als Schnittstellenprofession, ‚team player‘ und DatenethikerInnen konstruiert. Es lassen sich jedoch basale Deutungsmuster identifizieren, die die konfliktiven Klassifikationen zusammenhalten. So werden Data Scientists auf einer epistemischen Ebene im Diskurs als GrenzgängerInnen, Anti-Nerds und WeltverbesserInnen diskursiviert. Diese drei Deutungsmuster werden narrativiert entlang von Transformations- und Krisenbeschreibungen. Die ambige Logik aus Dissens und Konsens im Kontext von Transformationsnarrativen wird interpretiert als eine ‚Strategie ohne Strategen‘ für die Professionalisierung: Ambiguität schafft Integrationsfähigkeit für unterschiedliche Erwartungshaltungen und Imaginationen. Insbesondere im Kontext von Disruptions- und Transformationswahrnehmungen, so argumentiert der Beitrag, stellt Ambiguität eine Form kulturellen Kapitals dar, mittels der emergente Berufsgruppen im ‚system of professions‘ Fuß fassen können.