Veranstaltungsprogramm

Sitzung
Sek_Jugend: Sektionsveranstaltung - Digitalisierung und Jugend
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Paul Eisewicht, Technische Universität Dortmund
Chair der Sitzung: Natalia Wächter, Ludwig-Maximilians-Universität München
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Jugendsoziologie (DGS)


Präsentationen

“Und dann hab ich den mehr oder weniger schlauen Move gemacht zwei Freundeskreise zu vereinen“ – Digitale Beziehungen – neue Konflikte oder alte Geschichten?

Kevin Leja

Friedrich Schiller Universität Jena, Deutschland

Ein wichtiger Aspekt des Aufwachsens in einem digitalen Zeitalter ist die Mediatisierung sozialer Interaktionen und der Beziehungsnetzwerke. Der öffentliche Diskurs und empirische Studien zur Mediatisierung von Freundschaften unter Jugendlichen finden häufig in Auseinandersetzung mit Sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram und Co statt, bei denen es vor allem um (teil-)öffentliche Inszenierung von Freundschaft und gegenseitige Bewertungen geht (vgl. Autenrieth 2015/ Trost 2013). Neben der (teil-)öffentlichen Dimension von Freundschaftsbeziehungen im Internet hat jedoch auch die Dimension der nicht-öffentlichen interpersonalen Kommunikation, die in dyadischen oder Gruppenkontexten stattfindet, eine enorme Bedeutung für Beziehungen und die eigene Identität im Jugendalter (vgl. Schulz 2011). Gerade durch die Pandemie greifen Jugendliche vermehrt auf medialisierte Formen der Kommunikation zurück, da sie ihre Freund*innen nicht wie gewöhnlich treffen können.

Als Folge der „Beziehungsverlängerung“ (Höflich 2016: 134) von bereits bestehenden Beziehungen in den medialen Raum hinein bilden sich neue „Medienidentitäten“ (ebd. 135), die jedoch lediglich als Anpassung an den medialen Rahmen und nicht als neue Identität zu verstehen sind. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwiefern das Nutzen von Kommunikationsmedien zu neuen Dynamiken in Freundschaftsbeziehungen zwischen Jugendlichen führt oder bekannte Muster lediglich in den digitalen Raum übertragen werden.

Anhand eines Interviews aus dem DFG-Projekt „Fürsorgliche Jungen?! Alternative (Forschungs-)Perspektiven auf die Reproduktionskrise“ wird aus der Perspektive des interviewten Jungen das Scheitern einer Zusammenführung zweier Freundeskreise im digitalen Raum dargestellt. Die Integration zweier Freundinnen aus dem Schulkontext auf einen Discord-Server, der von Jungen zum gemeinsamen Zocken und „Abhängen“ genutzt wird, missglückt und hat weitreichende Folgen für den ursprünglich homosozial geprägten Raum, die Freundschaftsbeziehung zu den Mädchen und die Selbstwahrnehmung des interviewten Jungen. Im Vordergrund steht dabei die Frage, welchen Stellenwert der digitale Kontext für das Scheitern der Integration einnimmt. Handelt es sich hier um neue, digitale Probleme oder ist die Situation vielmehr als eine Digitalisierung klassischer Probleme jugendlicher Beziehungsdynamiken zu verstehen?



Jugendliche und Counter Speech: Geschlechts- und bildungsspezifische Differenzen im Umgang mit digitaler Gewalt

Christiane Atzmüller

University of Vienna / Austria, Österreich

Der hohe Anteil an Online Hass und anderen Formen digitaler Gewalt im Internet ist ein massives Problem, mit dem vor allem junge Internetnutzer*innen konfrontiert sind. Weder Blockieren, Melden, bewusstes Ignorieren noch das gezielte Löschen solcher Inhalte haben sich als effektiv erwiesen. Der hier präsentierte Zugang stellt daher nicht das Löschen in den Mittelpunkt, sondern versucht, Internetnutzer*innen zu Counter Speech, d.h. zu aktiver, zivilcouragierter Gegenrede zu mobilisieren. Jugendliche Online Counter Speaker, die öffentlich sichtbar gegen negative Inhalte im Internet auftreten, haben besonders hohes Potenzial, jene Peers zu erreichen, deren Diskurs-Normen verändert werden sollen.

Bisherige Studien zeigen aber, dass Counter Speech durch Jugendliche selten vorkommt. Die Gründe reichen von geringer Empathiefähigkeit, geringer Überzeugung, dass das Eintreten für andere in Online Umgebungen richtig ist, mangelnder Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme, bis hin zur Angst, selbst zum Opfer zu werden. Besonders problematisch ist, dass Jugendliche gängige Handlungsoptionen wie Blockieren, Melden oder Kommentieren schlicht als wirkungslos beurteilen. Gleichzeitig zeigen sich deutliche geschlechts- und bildungsspezifische Unterschiede sowohl im Umgang mit wahrgenommener digitaler Gewalt als auch in den Kompetenzen, wie Counter Speech konkret gestaltet werden kann – gerade hier wurde eine gender- und bildungssensible Perspektive in der bisherigen Forschung noch nicht berücksichtigt.

Der Beitrag präsentiert jüngste Forschungsergebnisse zu Counter Speech Strategien von 14- bis 19-jährigen Mädchen und Jungen aus unterschiedlichen Bildungsschichten, basierend auf Daten aus 19 Gruppendiskussionen und 21 Online-Rollenspiel-Workshops in Wien. Der Fokus liegt auf Differenzen (i) in der Wahrnehmung und Darstellung von Online Übergriffen, (ii) in der Konstruktion von Online Opfern und Täter*innen, (iii) in den Interventions- und Bewältigungsstrategien und (iv) im Selbstverständnis, als Online Counter Speaker aufzutreten.

Die Ergebnisse eröffnen nicht nur einen differenzierten Blick auf unterschiedliche Medienkompetenzen und Rezeptionsweisen Jugendlicher im Umgang mit negativen digitalen Inhalten, sondern verweisen auch auf deutliche geschlechts- und bildungsspezifische Kompetenzunterschiede in der Bewertung und konkreten Gestaltung von Handlungsstrategien.



Zwischen Neo-Gemeinschaften und temporären Hypes – Medienästhetische Praktiken im digitalen Zeitalter als delokalisierende Formen juveniler Vergemeinschaftung?

Andreas Spengler, Lea Puchert

Universität Rostock, Deutschland

Digitalisierte Alltags-, Bildungs- und Freizeitwelten sind für Jugendliche zur Selbstverständlichkeit geworden; symbolisiert in einem „Always On“, als Gefühl, mit der Welt verbunden zu sein, ist man nicht mehr lokal begrenzt, sondern kann global interagieren (vgl. Calmbach u.a. 2016, S. 184). Damit einhergehend zeigen sich zum einen zunehmend ästhetische Praktiken Jugendlicher, die zwar typische Züge einer Jugendszene aufweisen, medial jedoch als „Hypes“ diskutiert werden und nur schwer dauerhaft zu lokalisieren sind. Auffällig dabei ist, dass insbesondere das Social Web zur Konturierung und Verbreitung dieser Praktiken (z.B. e-girls, e-boys oder vsco-girls), aber auch zur Distinktion demgegenüber (z.B. dark academia oder cottage-core) genutzt wird. Zum anderen zeigen sich emergente neue, genuin digitale jugendkulturelle Gesellungsformen (z.B. Computer-Szene, C-Walk, Nerds, Visual Kei), anhand derer nach wie vor die Existenz „szeneförmiger Netzwerke“ (Eisewicht/Pfadenhauer 2015, S. 496) diskutiert wird. Beide Phänomene deuten offenbar auf eine veränderte Rolle von Medialität und Lokalität für juvenile Verge-meinschaftungsformen, Identitätsbildungsprozesse und Alltagspraktiken hin, sind aber bislang noch zu wenig Gegenstand theoretischer und empirischer Analysen.

Der angedachte Beitrag versucht daher in einer explorativen Heuristik diese Entwicklungen zu fassen. In einem ersten Schritt werden soziokulturelle Entwicklungen mit besonderem Fokus auf Prozesse der Digitalisierung reflektiert. Im Zentrum stehen dabei die mit Konsum, Ökonomisierung, Juvenilisierung, Singularisierung und Normalisierung einhergehenden Anrufungen. So werden Zusammenhänge zwischen gegenwärtigen Formen juveniler Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung, wie sie etwa in den Bezeichungen „community“ (Rose 2015) oder „Neogemeinschaften“ (Reckwitz 2017) deutlich werden, herausge-arbeitet. In einem zweiten Schritt werden, u.a. auch am Beispiel eigener Arbeiten (Puchert 2020; Spengler & Waldmann 2012), jüngere alltagskulturelle medien-ästhetische Praktiken Jugendlicher untersucht und systematisiert, um in einem dritten Schritt zu diskutieren, inwieweit etablierte Begriffe wie „Jugendszene“ hierfür (noch) tragfähig sind, ob es sich lediglich um temporäre Erscheinungen handelt oder ein neues Verständnis zur Fassung dieser Phänomene entwickelt werden muss.



„Next Level?“ – Die Rolle digitaler Spiele in der Erziehung

Markus Meschik

Universität Graz, Österreich

Digitale Spiele nehmen seit Jahren eine zentrale Rolle in der Freizeitgestaltung von Kindern, Jugendlichen und vielen Erwachsenen ein – ein Umstand, der sich durch die pandemiebedingten Ausgangsbeschränkungen nicht verändert hat. Durch ihre große Beliebtheit bei einer jüngeren Zielgruppe, die gerne und viel Zeit mit dem Spielen digitaler Spiele verbringt, stellen sie auch in erzieherischen Kontexten eine Herausforderung dar. Während einschlägige Forschungsarbeiten zum Umgang mit digitalen Medien in der Familie bestehen, stellt der Umgang mit digitalen Spielen im Besonderen ein relativ wenig erforschtes Phänomen dar. Andere sozialpädagogisch relevante Erziehungskontexte wie die Kinder- und Jugendhilfe wurden dahingehend kaum beforscht.

Im Rahmen dieses Beitrags werden die Ergebnisse eines Dissertationsprojektes diskutiert, das die Untersuchung des Umgangs mit digitalen Spielen sowohl in traditionellen Familiensystemen als auch in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe zum Ziel hatte. Besonderes Augenmerk wird dabei auf den Umgang mit Geldmengen gelegt, die innerhalb digitaler Spiele ausgegeben werden. Diese sind auch als Mikrotransaktionen bekannt und aus Sicht des Jugendschutzes durch ihre strukturellen Ähnlichkeiten mit traditionellen Glücksspielangeboten besonders relevant. Der Umgang mit diesen Mikrotransaktionen in der Erziehung bringt dabei Aspekte zutage, die prototypisch für die Medienerziehung selbst stehen könnten: eine deutliche Diskrepanz im Wissen um digitale Medien zwischen Kindern und deren Erziehenden sowie eine Überforderung dieser angesichts der breiten Palette von Medienangeboten, die von ihren Kindern genutzt werden.

Ergebnisse der qualitativen Erhebung weisen einmal mehr auf die große Rollen digitaler Spiele bei der Sozialisation vor allem männlicher Jugendlicher sowie auf die Notwendigkeit hin, Professionist*innen auf die mit digitalen Medien verbundenen Herausforderungen angemessen vorzubereiten.



Wie digital sind Studienanfänger*innen wirklich? – Ergebnisse des Forschungsprojektes DiKoS

Gerlinde Janschitz, Matthias Penker

Universität Graz, Österreich

Jugendliche werden meist der Gruppe der Digital Natives zugeordnet, denen ein kompetenter Umgang mit digitalen Technologien zugeschrieben wird. Obwohl das Konzept der Digital Natives bereits von Beginn an heftig kritisiert wurde und mittlerweile als empirisch widerlegt angesehen wird, findet der Begriff nach wie vor Anwendung, wenn es um die Beschreibung Jugendlicher geht. Jugendliche selbst werden jedoch im deutschsprachigen soziologischen Digitalisierungsdiskurs zumeist außenvorgelassen. Diese Beobachtung spitzt sich zu, wenn eine besondere Gruppe an Jugendlichen betrachtet wird: Die Studienanfänger*innen. So gibt es im Hochschulbereich zwar viele Studien, die sich allgemein mit Themen der Digitalisierung beschäftigen, Studierende scheinen davon jedoch größtenteils ausgenommen zu sein, was mitunter der sich hartnäckig aufrechterhaltenen These von Jugendlichen als Digital Natives geschuldet sein dürfte.

In diesem Problemfeld bewegt sich das an der Universität Graz durchgeführte Projekt Analyse und Förderung des Erwerbs digitaler Kompetenzen von Studierenden (kurz: DiKoS). Im Rahmen des Projektes wurden die technische Ausstattung, das Internetnutzungsverhalten sowie die Selbsteinschätzung der digitalen Kompetenzen von Studienanfänger*innen aller neun steirischen Hochschulen erhoben. Das Design der präsentierten Mixed-Methods-Studie basiert auf einer Fragebogenerhebung unter allen Studienanfänger*innen der neun steirischen Hochschulen (n=4.676), welche durch 35 qualitative Interviews mit höhersemestrigen Studierenden vertieft wird. Anhand der erhobenen Daten wird eine detaillierte Beschreibung der Studienanfänger*innen und ihrer digitalen Kompetenzen vorgenommen. Zu diesem Zweck wurde ein multidimensionaler Digitalisierungsindex konstruiert und validiert. Im Zuge des Vortrages wird auf die digitale Pluralität von Studienanfänger*innen eingegangen und aufgezeigt, dass Jugendliche, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind, nicht zwangsläufig über erhöhte digitale Kompetenzen verfügen und sich in ihrer technischen Ausstattung, ihrem Nutzungsverhalten, ihren Kompetenzen sowie ihrer Einstellung gegenüber der Digitalisierung grundlegend unterscheiden. Die vorhandenen Unterschiede im Digitalisierungsgrad der Studierenden werden im Anschluss an die Digital Divide Forschung diskutiert und damit das Thema digitaler Ungleichheit im Hochschulbereich adressiert.