Veranstaltungsprogramm

Sitzung
ad_VonDerSozialenBeweg: Ad-hoc-Gruppe - Von der sozialen Bewegung zur Institution? 'Volkgesundheit', Public Health und die Bedeutung der medizinischen Kulturkritik
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Moritz von Stetten, Universität Bonn
Chair der Sitzung: Corvin Rick, Universität Bonn
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen

Nachverfolgen von Infektionsketten im 19. Jahrhundert Zur Dunkelziffer der Syphilis und der Prävention gegen die „Winkelhurerei“ in Berlin

Sophie Ledebur

Humboldt Universität, Deutschland

Erst kürzlich machte das Robert Koch-Institut auf die weite Verbreitung der Syphilis aufmerksam. Ihre „Rückkehr“ lässt nach den sowohl präventiven als auch repressiven Maßnahmen mit der im 19. Jahrhundert weit verbreiteten Geschlechtskrankheit fragen. Die „Lustseuche“ oder auch „Franzosenkrankheit“ und die Prostitution als dem zentralen Herd der Ansteckung ist Gegenstand zahlreicher historischer Studien. Bemerkenswerterweise blieb jedoch die im zeitgenössischen Diskurs dominierende Sorge vor der „Winkelhurerei“, der nicht registrierten und somit sanitätspolizeilich nicht überwachbaren Prostitution, weitgehend außen vor. Deren Hochburg, so zahlreiche warnende Stimmen, sei Berlin, begünstigt durch die Anonymität und zahlreichen Schlupfwinkel in der wachsenden Metropole.

Die als unkontrollierbar angesehene geheime Prostitution war Dreh- und Angelpunkt der im gesamten 19. Jahrhundert andauernden Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern des Prinzips der obrigkeitlichen Duldung der Prostitution und denen, die für ihre rigorose Unterbindung und strafrechtliche Verfolgung plädierten. Mein Fokus richtet sich (1) auf die Schätzungen, Hochrechnungen und Vermutungen der damit befassten Experten zum ‚realen‘ Ausmaß der geheimen Prostitution und der damit in Gang gesetzten Dynamik. Denn das was sich der statistischen Erfassbarkeit wie auch der sitten- und sanitätspolizeilichen Kontrolle entzog, bestimmte (2) die Praktiken kommunaler Intervention. Um die Ketten der Ansteckung syphilitischer Infektionen zu ermitteln, wurde bereits in den frühen 1830er Jahren an der Charité und in enger Zusammenarbeit mit der Polizei ein komplexes Informationsbeschaffungssystem etabliert. Die geheime Prostitution als ein per se kaum durchdringbarer Bereich forcierte jedoch nicht nur repressive Maßnahmen wie das Aufspüren und Ermitteln von Personen und Orten des Verdachts. Längst waren die prekären sozialen Verhältnisse weiter Teile der Bevölkerung als ursächliche Faktoren für die clandestine Prostitution und der mit ihr verbundenen Gefahren in den Fokus der damit befassten Praktiker gerückt. Die unter der Prämisse eines Nicht/Wissens stehenden kommunalen Maßnahmen zur Beschränkung der syphilitischen Ansteckungen bereiteten den Boden für die zur Mitte des 19. Jahrhunderts nun erstmals explizit als Gesundheits-Politik bezeichnete präventiv ausgerichtete Intervention.



„Frauenstudium und Volkshygiene“. Medizinische Kulturkämpfe zum „Schutz der deutschen Frau“ gegen die Bildungsbestrebungen der Frauenbewegung in Deutschland und Österreich

Andreas Neumann

Friedrich-Schiller-Universität Jena, Deutschland

In der langanhaltenden Debatte zur Öffnung des höheren Bildungswesens für Frauen herrschte eine starke Dominanz der Mediziner. Sie erreichten weitaus größere Definitionsmacht als die „alte“ Geisteswissenschaft. Das Thema der akademischen Frauenbildung stand im Bann psychophysischer Eignung und nach der Jahrhundertwende immer mehr auch der Sozialhygiene. Zunächst warnten Anatomen und Gynäkologen vor den Gefahren des langen Sitzens und des „Examensbüffelns“ innerhalb „männlicher Bildungswege“. Das Resultat in individueller Perspektive seien Haarausfall, Kurzsichtigkeit, Rückgratverkrümmung, Blutarmut, Nervosität und schließlich Unfruchtbarkeit. Derlei Befürchtungen mündeten in gesellschaftlicher Perspektive bei den Bedenken der Sozialhygieniker. Die Gefahr einer „Fehlentwicklung“ der Geschlechtsorgane durch übermäßige geistige Anstrengungen postulierte der Sozialhygieniker Max Hirsch noch im Jahre 1920. Das war 50 Jahre nach dem erstmaligen Auftreten derartiger Problemdeutungen in den 1870er Jahren. Für Hirsch und andere Sozialhygieniker stand nichts weniger auf dem Spiel als die Reproduktionsfähigkeit der Nation. Sollte der Staat derartige Entwicklungen finanziell unterstützen und durch eine Aufnahme ins höhere Schulwesen rechtlich konzessionieren? Die Antwort auf diese Frage kennen wir. Koedukation ist heute so selbstverständlich, dass wir kaum das Konfliktpotenzial der damaligen Forderung nach höheren Bildungswegen für Frauen nachvollziehen können. Angesichts der ausgebliebenen Katastrophe für „Frauenkörper“ und „Volkskörper“ fragt sich heute, auf welche Weise sich medizinische Betrachtungen aus gesellschaftlichen Prämissen ableiteten, um als Waffe in diesem Kulturkampf zu dienen. In meinem Vortrag werde ich zeigen, wie sich Kulturkritik mit Sozialhygiene verband, um gegen die Öffnungsbestrebungen der Frauenbewegung zu wirken.



Fettepidemie oder: Die kollektive Angst vor Fett in einer Bildergesellschaft. Öffentliche Gesundheit, Bedrohung und (Gegen-)Bewegung von 1900 bis heute

Debora Frommeld

OTH Regensburg, Deutschland

Seitdem die WHO 1997 von einer „Fettepidemie“ sprach, entfaltete sich eine Diskursdynamik, die heute über 70 % der US-amerikanischen und über 50 % der deutschen Bevölkerung betrifft und diese dabei als ‚übergewichtig‘ oder ‚adipös‘ klassifiziert. Auch wenn der Body-Mass-Index seit einigen Jahren kritisiert wird, verbleiben mächtige medizinische und statistische Evidenzen im Diskurs. ‚Übergewicht‘ wird hierbei als konstantes Narrativ eines Bedrohungsszenarios eingesetzt, das mit Multimorbidität verknüpft ist. Dabei fungieren Infografiken als Stilmittel der Gesundheitspolitik, der Krankenkassen und sind darüber hinaus in den Massenmedien weit verbreitet. Sie prognostizieren in Form von Kurven und Formeln weltweit ein steigendes Übergewicht und zeigen die individuelle Abweichung vom ‚Normalgewicht‘ plastisch auf.

Die Analyse der so genannten „obesity epidemic“ verdeutlicht, dass sich ein Wandel in der öffentlichen Gesundheitspflege seit Ende des 19. Jahrhunderts vollzog. Der Beitrag intendiert, die Ziele und Praktiken, die mit der Fettepidemie verbunden sind, anhand von drei Akteurskonstellationen und Diskurselementen vor und nach 1997 zu untersuchen.

(1) Dazu zählen Mediziner*innen als Expert*innen und Figuren der Warnung, Sicherheit und Ordnung.

(2) Die Frauenzeitschrift Brigitte gründete in den 1960er Jahren den „Diät-Club“. Dabei wurde medizinisches Wissen selektiv weitergegeben, indem Leser*innen systematisch für das Thema Normalgewicht sensibilisiert wurden. Ähnlich funktionieren heute Online-Fitness-Communities wie Freeletics.

(3) Das medizinische Normalgewicht wurde im neuen Jahrtausend zu einem Macht- /Wissengefüge im politischen und öffentlichen Diskurs, was u.a. der Nationale Aktionsplan „IN FORM“ aufzeigt.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts etablierten sich nach Michel Foucault biopolitische Botschaften, die sich seither an die Moral eines „präventiven Selbst“ (Lengwiler/Madarász 2010) richten. Die diskursanalytische Untersuchung zeigt erstens die Parallelität zwischen unterschiedlichen Diskurswelten wie Medizin bzw. Public Health und Populärkultur, zweitens wie sich die Dauerbedrohung in das gesellschaftliche Bewusstsein einer so genannten „Bildergesellschaft“ (Frommeld 2020) eingelassen hat. Dennoch organisiert sich Widerstand gegen diese kollektive Angst vor Übergewicht, eines ‚Fett-Gens‘ und Exklusion – z.B. in Form von Body Positivity.



Wandlung der öffentlichen Gesundheitsaufklärung seit den 1970er Jahren

Pierre Pfütsch

Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Deutschland

Im Zentrum des Beitrages steht die staatliche Gesundheitsaufklärung in der BRD. Sie gilt als ein zentrales Steuerungselement zur Prävention von Krankheiten und baut historisch auf der Sozialhygiene des 19. Jahrhunderts auf.

Mit der Gründung des Deutschen Gesundheits-Museums 1949 in Köln wurde eine Institution geschaffen, die die ‚Volksgesundheitspflege’ in der BRD bündeln sollte. Dort standen in den 1950er und 1960er Jahren verhältnispräventive Maßnahmen im Zentrum. Dies änderte sich in den 1970er Jahren jedoch grundlegend. Verhaltensprävention, d.h. die Beeinflussung des individuellen Gesundheitsverhaltens wurde zur obersten Prämisse.

Der Beitrag greift diesen Wandel auf und fragt nach den gesellschaftlichen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen hierfür. Die Ursachen für den skizzierten Paradigmenwechsel in der Gesundheitsaufklärung liegen – so die zugrundeliegende These – in der Verschränkung dreier ganz unterschiedlicher Entwicklungen aus den Bereichen Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft

Das auf Zivilisationskrankheiten fokussierende Risikofaktorenmodell setzte sich in Deutschland immer weiter durch und löste das zuvor vorherrschende auf Infektionskrankheiten bezogene Erregermodell ab. Es trug der Tatsache Rechnung, dass kardiovaskuläre Krankheiten in der Bevölkerung signifikant zunahmen und verstärkt als gesellschaftliches Problem wahrgenommen wurden. Damit wurde individuelles Fehlverhalten wie Rauchen oder falsche Ernährung für Erkrankungen verantwortlich gemacht.

Zur gleichen Zeit erstarkte in der BRD die Frauengesundheitsbewegung. Diese medizinkritische Bewegung, die den weiblichen Körper der Deutungsmacht des männlich geprägten ärztlichen Blickes entziehen wollte, machte auf die Rolle der Frau im Gesundheitssystem aufmerksam. Dadurch trug sie implizit dazu bei, die Gesundheitsaufklärung geschlechterspezifisch zu differenzieren. Darüber hinaus fand eine Auseinandersetzung mit zeittypischen Rollenbildern Eingang in die Gesundheitsaufklärung.

Die dritte Entwicklung zeichnete sich innerhalb der staatlichen Gesundheitsaufklärung selbst ab. Das vormalige Gesundheits-Museum wurde 1967 in die BZgA umgewandelt und erfuhr dadurch einen Innovations- und Professionalisierungsschub. Multimediale Kampagnen, die mit Mitteln der professionellen Werbung arbeiteten, sollten von nun an das Hauptinstrument der gesundheitlichen Volksbildung bilden.