Veranstaltungsprogramm

Sitzung
ad_VonBrenngläser: Ad-hoc-Gruppe - Untersuchungen zur pandemischen Gesellschaftskritik: Von Brenngläsern, großen Plänen und scharfen Einschnitten
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Desiree Waibel, Universität Bremen
Chair der Sitzung: Nils C. Kumkar, Unversität Bremen
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen
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Ad-hoc-Gruppe - Von Brenngläsern, großen Plänen und scharfen Einschnitten: Untersuchungen zur pandemischen Gesellschaftskritik

Gegenwissen und Rebellion: Zur Anatomie der Querdenker:innen-Bewegung

Oliver Nachtwey, Nadine Frei

Universität Basel, Schweiz

In den deutschsprachigen Gesellschaften sind bezüglich der Deutung einer pandemischen Lage und des richtigen Umgangs mit der Pandemie politische Konflikte entstanden. Schon früh regte sich Unmut gegen die verordneten Maßnahmen zur Einschränkung der Corona-Pandemie. Unter dem schillernden Begriff »Hygienedemos« fanden ab April 2020 Demonstrationen in Berlin statt, später firmierten diese unter der Selbstbezeichnung »Querdenken«. In der Untersuchung dieser Proteste zeigt sich, dass trotz einer normativen Unordnung es durchaus zentrale verbindende Gemeinsamkeiten gibt: Die Teilnehmer:innen und Sympathisant:innen der Proteste, die sich gegen die Corona-Maßnahmen richten, vergemeinschaften sich über ein starkes Selbstverständnis als Kritiker:innen. Die Protestbewegung zeichnet sich durch eine ausgeprägte Entfremdung vom politischen System aus, gleichzeitig verstehen sie sich als »Retter:innen« von Freiheit, Demokratie und Aufklärung. In ihrer Selbstwahrnehmung sehen sie sich zu Unrecht als die Marginalisierten und Ungehörten, weshalb ein Bedürfnis nach Gemeinschaft einen zentralen Beweggrund zur Protestteilnahme darstellt. Die Teilnehmer:innen dieser Proteste legitimieren sich über ihren Status als aufgeklärte, rationalistisch argumentierende »Expert:innen«. Ihr selbst angeeignetes Wissen, zum Beispiel über die pandemische Lage und worum es wirklich gehe, über eine fehlende Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen oder über die Auswirkungen von Masken auf die Gesundheit, berechtigt sie aus ihrer Sicht dazu, ihren Dissens gegen die coronabedingten Maßnahmen auch auf radikalere Weise auf die Straße zu tragen. Im Vortrag erfolgt eine Charakterisierung der »Coronakritiker:innen« und Interpretationsvorschläge für eine soziologische Einordnung dieser Bewegung werden unterbreitet.



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Ad-hoc-Gruppe - Von Brenngläsern, großen Plänen und scharfen Einschnitten: Untersuchungen zur pandemischen Gesellschaftskritik

Ökonomische Missstände, politische Entfremdung oder Verschwörungsglaube? Eine Analyse der Unterstützung von und Teilnahme an Corona Protesten in Deutschland

Sebastian Koos, Nicolas Binder

Universität Konstanz, Deutschland

Die letzte Dekade war geprägt von gesellschaftlichen Krisen: Auf die Finanzkrise folgte die Eurozonenkrise, dieser die sogenannte Flüchtlingskrise, und während diese noch gesellschaftlich und politisch nachhallen, ringt seit einem Jahr nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt mit der COVID-19-Pandemie. Krisen wie diese stellen Gesellschaften und Ihre Institutionen vor große Herausforderungen und lösen Ungewissheit aus. Derartige Ereignisse sind immer auch ursächlich für die Entstehung sozialer Bewegungen und politischer Proteste. Dabei kommt sozialer Ungleichheit eine zentrale Rolle zu. Gleichzeitig lösen Krisensituationen, gerade weil sie oft sehr komplex sind, als Kontingenz- und Ungewissheitserfahrungen den Wunsch nach einfachen Erklärungen aus. Verschwörungstheorien bieten hier Deutungsangebote, welche klare Ursachenzuschreibungen für Krisen erlauben. Im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie und den im Frühjahr 2020 beschlossenen weitreichende Maßnahmen zu Einschränkung des Infektionsgeschehens kam es schon im April 2020 zu ersten sogenannten „Hygienedemonstrationen“ in Berlin. In Baden-Württemberg bildete sich zur gleichen Zeit eine Gruppe, die sich als Initiative „Querdenken 711“ bezeichnete und in Stuttgart Proteste gegen Corona Maßnahmen organisierte.

Doch was genau motiviert diese Proteste und wer unterstützt diese? Aufbauend auf die Forschung zu Sozialen Bewegungen und Populismus diskutieren wir drei Erklärungsstränge für die Unterstützung und (prospektive) Teilnahme an Corona Protesten. Erstens, vermuten wir, dass ökonomische Missstände, die sich aus der Corona-Krise ergeben, ein Motiv sind Corona-Proteste zu unterstützen oder daran teilzunehmen. Zweitens untersuchen wir politische Entfremdungsprozesse, sowie die Sorge um den Zustand der Demokratie als Erklärung. Drittens wird die Rolle von Verschwörungstheorien analysiert. Nach einer solchen Lesart wäre die Krise von einer machtvollen Gruppe an Verschwörer:innen vorsätzlich zu deren Vorteil und zum Schaden der Bevölkerung. Diese Unterstellung könnte als totale Übertreibung einer populistischen Gut-Böse-Weltsicht Proteste gegen diese imaginierte Verschwörung erklären. Die Erklärungen werden auf Basis einer repräsentativen Panel-Befragung im April und November 2020 mit über 3200 Teilnehmenden geprüft. So kann insbesondere auch der Dynamik der Krise Rechnung getragen werden.



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Ad-hoc-Gruppe - Von Brenngläsern, großen Plänen und scharfen Einschnitten: Untersuchungen zur pandemischen Gesellschaftskritik

DIY und Dissidenz: Informations- und Wissenspraktiken bei AfD-Sympathisant:innen und Coronaskeptiker:innen

Anna Fischer

University of Chicago, Deutschland

In der Covid-19-Pandemie wurde Expertise enorm politisiert. Gegner:innen der Maßnahmen etablierten „alternative“ Expert:innen, argumentierten auf der Basis von wissenschaftlichen Studien und produzierten sogar eigenen Untersuchungen. Wie ist dieser „szientistische Turn“ zu deuten? Ist die neue Wissenschaftlichkeit ein Resultat von Manipulation oder entsteht hier eine alternative Wissenskultur? Wo liegt die Grenze zwischen Information, politischer Meinung und Wissen? Ist das überhaupt noch ein produktiver Ansatz? In meinem Vortrag beantworte ich diese abstrakten Fragen mit einem Fokus auf die konkreten Informations- und Wissenspraktiken von Teilnehmer:innen von Coronaprotesten. Die heterogene Mobilisierung gegen die Corona-Maßnahmen beruht auf ganz ähnlichen Informationspraktiken, wie sie auch der Mobilisierung gegen die Politik der Bundesregierung in der so genannten Flüchtlingskrise zu Grunde lagen. Basierend auf wiederholten Interviews mit 60 Teilnehmer:innen beider Bewegungen analysiere ich in einem ersten Schritt diese Praktiken: ein kontinuierliches sich-informiert-halten über Abonnements alternativer Medienkanäle bei Facebook und YouTube, das Kuratieren dieser Abonnements, sowie das eigene Produzieren von Inhalten. Durch diese zeitintensiven Informationspraktiken stellen AfD-Sympathisant:innen und Coronaskeptiker:innen eine kontinuierliche Verbindung mit einer alternativen Medienwelt her. Ihre politische Subjektivität konstituiert sich im Kern aus diesem Verständnis und Zugang zu Information. In einem zweiten Schritt lege ich dar, wie die derzeit zu beobachtenden Wissenspraktiken aus den Informationspraktiken heraus entstehen, aber gleichzeitig von diesen beschränkt werden: Sie erschöpfen sich in der Sammlung „roher Daten“, sind stark deduktiv und stellen zwar die interpretative, jedoch nicht die epistemische Autorität der etablierten Wissensordnung in Frage. Ausgehend von diesen Ergebnissen argumentiere ich, dass Konzepte der politischen Meinungs- und Wissensbildung im Hinblick auf die Bedeutung eines von Online-Technologien geprägten Kommunikationszusammenhangs erweitert werden müssen.



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Ad-hoc-Gruppe - Von Brenngläsern, großen Plänen und scharfen Einschnitten: Untersuchungen zur pandemischen Gesellschaftskritik

Kritik in der Krise? Wie in der Corona-Pandemie die Grenzen klassischer Gesellschaftskritik aufscheinen.

Jenni Brichzin, Felix Kronau, Jakob Zey

Universität der Bundeswehr München, Deutschland

Seit Max Horkheimers programmatischer Gegenüberstellung von traditioneller und kritischer Theorie ist klar: Sozialwissenschaftliche Kritik funktioniert meist über die Problematisierung eines verhärteten gesellschaftlichen Status quo. Sei es nun die Kritik an einer als dominant begriffenen Gesellschaftsformation (etwa am Kapitalismus), sei es die Kritik an gängigen Formen der Humankate-gorisierungen (etwa an Einteilungen in Frauen und Männer, Einheimische und Ausländer) oder sei es die grundlegende Kritik an epistemologischen Grenzziehungen überhaupt (etwa zwischen Mensch und Maschine) – sie alle stellen zumindest implizit gesellschaftliche Fortentwicklung in Aussicht, indem ein als verabsolutiert und essenzialisiert begriffener Status quo überwunden wird.

Was aber passiert in einer Situation, in der das Problem gerade nicht der Status quo, sondern der Verlust desselben ist? Schon vor der Corona-Pandemie sahen sich soziologisch informierte Kritiken, die auf der Wandelbarkeit des Sozialen bestehen, starken Anfeindungen ausgesetzt – vom Relativismus-Vorwurf an postmoderne, feministische und postkoloniale Theorien bis zu angeblich realitätsferner Kapitalismuskritik. Angesichts der pandemiebedingten Umbrüche im Zusammenleben und des damit einhergehenden Einbruchs der Kontingenz in den Alltag stößt die klassische Form sozialwissenschaftlicher Kritik, so möchten wir argumentieren, tatsächlich an ihre Grenzen.

Entlang von Beispielen soziologischer Stellungnahmen im öffentlichen Diskurs in der Frühphase der Pandemie (etwa in Publikumszeitschriften) diskutieren wir diese These. Treffen wir hier auf typische Varianten klassischer Kritik oder stoßen wir auf alternative Formen soziologischer Intervention – sinnstiftende Einordnungen etwa, oder Besänftigungen? Wenn die Interventionen aber nicht im eigentlichen Sinne kritisch genannt werden können, sind sie dann Ausdruck traditioneller Theorie und damit automatisch ein Hindernis gesellschaftlicher Emanzipation? Kann in der Situation der Pandemie der soziologische Bezug auf die virologische Forschung – Prototyp traditioneller wissenschaftlicher Praxis – als Praxis des Bemühens um Emanzipation gelten? Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen leistet unser Vortrag einen Beitrag zur ‚schöpferischen Zerstörung‘ der einfachen Dichotomie von traditioneller und kritischer Theorie.