Veranstaltungsprogramm

Sitzung
ad_Verketzbarkeit: Ad-hoc-Gruppe - Verletzbarkeit in der (Post-)Corona-Gesellschaft. Erfahrungssensible soziologische Zugänge zu Vulnerabilitätsphänomenen
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Antonia Schirgi, Universität Graz
Chair der Sitzung: Claudia Peter, nonpin
Chair der Sitzung: Frithjof Nungesser, Österreichische Akademie der Wissenschaften
Chair der Sitzung: Dennis Wilke, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen
ID: 610 / ad_Verketzbarkeit: 1
Ad-hoc-Gruppe - Verletzbarkeit in der (Post-)Corona-Gesellschaft. Erfahrungssensible soziologische Zugänge zu Vulnerabilitätsphänomenen

Verletzbarkeit in der Pandemie. Konzeptuelle Überlegungen zu einem vielschichtigen Phänomen

Frithjof Nungesser

Österreichische Akademie der Wissenschaften, Österreich

Die Corona-Pandemie führt die zentrale Bedeutung und Vielschichtigkeit der menschlichen Verletzbarkeit im Allgemeinen und konkreter Verletzungsphänomene im Speziellen in drastischer Weise vor Augen. Das Verhältnis von Verletzbarkeit und Pandemie möchte der Vortrag in drei Schritten beleuchten:

Erstens sollen vorliegende Verletzbarkeitskonzepte genutzt werden, um unterschiedliche Ebenen und Dimensionen von Verletzbarkeit in der Pandemie zu differenzieren. Unterscheiden lassen sich zunächst drei Aggregationsstufen von Verletzbarkeit: (1) So wird teils die Vulnerabilität systemischer Zusammenhänge oder Strukturen wie Gesundheitssystemen oder bestimmten Wirtschaftsbereichen diskutiert. (2) Zentral für aktuelle Debatten ist die Unterscheidung gruppenspezifischer Verletzbarkeiten, etwa von Altersgruppen, Vorerkrankten oder systemrelevanten Berufen. (3) Betrachten lassen sich schließlich auch die Verletzbarkeiten und Bewältigungsstrategien von Einzelpersonen oder Kleingruppen. Auf allen Ebenen lassen sich zudem verschiedene Dimensionen der Verletzbarkeit unterscheiden – etwa physische, soziale, ökonomische oder kulturelle.

In einem zweiten Schritt lassen sich die Reaktionen auf die Pandemie anhand der Spannungen in und zwischen den Aggregationsstufen und Dimensionen konzeptualisieren: Diskussionen um Öffnungsschritte und Kapazitätsgrenzen drehen sich um das Verhältnis systemischer Verletzbarkeiten von Wirtschafts- und Gesundheitsstrukturen. Ungleich verteilte Möglichkeiten der Risikovermeidung lassen sozioökonomische Spaltungen deutlich hervortreten oder neue entstehen. Spezifische Berufsgruppen – etwa Kulturschaffende – kritisieren pandemiebedingte Einschränkungen, woraufhin andere Gruppen – etwa Menschen im Gesundheitssystem – deren Blindheit gegenüber anderen Verletzbarkeiten beklagen. Protestaktionen oder Kunstprojekte wiederum kämpfen angesichts der Debatten über Strukturen und Gruppen dafür, die ‚Menschen hinter den Zahlen‘ nicht zu vergessen.

Drittens legen die Vielfalt und die Konflikte pandemischer Vulnerabilitäten nahe, Konzepte und Phänomene der Verletzbarkeit grundsätzlich zu reflektieren. Der Vortrag wirbt vor diesem Hintergrund für eine generelle soziologische Aufwertung dieses Themas und benennt einige der theoretischen Herausforderungen, die gerade in Auseinandersetzung mit der Pandemie hervortreten.



ID: 637 / ad_Verketzbarkeit: 2
Ad-hoc-Gruppe - Verletzbarkeit in der (Post-)Corona-Gesellschaft. Erfahrungssensible soziologische Zugänge zu Vulnerabilitätsphänomenen

Sensibilität. Verletzbarkeit. Affizierbarkeit. Ein Theorieentwurf mithilfe der Philosophie Merleau-Pontys

Antonia Schirgi

Universität Graz, Österreich

In diesem Vortrag wird ein Konzept menschlicher Verletzbarkeit vorgestellt, das von der Philosophie Maurice Merleau-Pontys inspiriert ist. In seiner Philosophie finden sich wesentliche Gedanken zu einer Theorie der Sensibilität, Verletzbarkeit und Affizierbarkeit. Auch wenn Merleau-Ponty selbst diese Konzepte nicht hinreichend ausgearbeitet hat, bietet seine Philosophie eine besonders tiefgehende und zugleich kohärente Perspektive darauf.

Ausgangspunkt meiner Untersuchung ist die Sensibilität, die zugleich Sensibilität der Welt und Sensibilität des Menschen (als Körper/Leib/Fleisch) ist. Mensch und Welt stehen in einer grundlegenden Beziehung der wechselseitigen Offenheit und des wechselseitigen Einwirkens aufeinander. Ebenso steht der Mensch in einer Beziehung der wechselseitigen Offenheit und – noch tiefergehend – der ursprünglichen Ungeteiltheit und der Interkorporalität mit Anderen.

Ein Moment der grundlegenden (anthropologischen) Sensibilität ist die menschliche Verletzbarkeit. Verletzbarkeit verstehe ich als Möglichkeit oder „Fähigkeit“ verletzt zu werden (die durch die wechselseitige Offenheit von Menschen und Welt ermöglicht wird). Aus dieser Perspektive ist Verletzbarkeit also zunächst keine Eigenschaft bestimmter Menschen oder Gruppen (sondern aller); ebenso wenig ist sie mit konkreten Verletzungsereignissen oder einer Verletzungserfahrung zu verwechseln, die jedoch auf ihr basieren.

Ein weiteres charakteristisches Moment der Sensibilität, das mit der Verletzbarkeit in enger Beziehung steht, ist die Affizierbarkeit. Affizierbarkeit beschreibt die Fähigkeit des „Mitgerissen-Werdens“ oder des „Sich-Hingezogen-Fühlens“. Gerade das Zusammenspiel der beiden hier dargestellten Momente der Sensibilität kann wesentliche – und soziologisch bedeutsame – Phänomene theoretisch fassbar machen (etwa die Teilnahme an unerlaubten Veranstaltungen während der Corona Pandemie).

Auch wenn es sich bei der Verletzbarkeit um eine grundlegende anthropologische Eigenschaft von Menschen handelt, sind nicht alle Menschen gleich und nicht in allen Situationen gleich verletzbar. Auf die Frage, wie bestimmte Verletzbarkeiten in bestimmten Zeiten und bei bestimmten Personen oder Gruppen hervortreten können, wird im Beitrag von Martin Huth eingegangen.



ID: 522 / ad_Verketzbarkeit: 3
Ad-hoc-Gruppe - Verletzbarkeit in der (Post-)Corona-Gesellschaft. Erfahrungssensible soziologische Zugänge zu Vulnerabilitätsphänomenen

Welche Vulnerabilität? Überlegungen zur Sichtbarwerdung eines Latenzphänomens

Martin Huth1,2

1Universität Wien, Österreich; 2Messerli Forschungsinstitut Wien

Im Anschluss an A. Schirgis Überlegungen fragt der Vortrag nach (den strukturellen Bedingungen) der Sichtbarwerdung von Vulnerabilität. Diese wird als Latenzphänomen begriffen: Wie ist es möglich, etwas am Anderen, aber auch an sich selbst wahrzunehmen, davon affiziert zu sein sowie es praktisch anzuerkennen, was sich nicht offen zeigt wie eine Wunde? Und warum werden – unter je kontingenten Bedingungen – Vulnerabilitäten differenziell wahrgenommen? Die Pandemie bildet hier ein illustratives Beispiel: Während hochaltrige Menschen häufig als prototypische vulnerable Gruppe (an)gesehen werden, scheint dies bei anderen sozialen Gruppen weniger selbstverständlich (z.B. suchterkrankte Menschen, etwa weil sie implizit responsibilisiert werden, „abstoßend“ wirken bzw. ihre besondere Vulnerabilität weniger im Diskurs zur Pandemie repräsentiert ist).

Ausgehend v.a. von phänomenologischem Denken wird der Einverleibung selektiver und exklusiver Typiken in unsere Wahrnehmung nachgespürt, die einen „Logos der ästhetischen Welt“ (Merleau-Ponty) bilden. Der habituelle Leib mit seinen Wahrnehmungsgewohnheiten, ist für Merleau-Ponty ein „Knotenpunkt lebendiger Bedeutungen“, die über das unmittelbar Sichtbare hinausgehen und damit den Horizont einer latenten Vulnerabilität miteinschließen. Diese Habitualitäten prädeterminieren präreflexiv, was als Vulnerabilität erscheinen kann und welche affektiven Responses dieselbe evoziert. Dies erzeugt ein Relief der Sichtbarkeit und Anerkennbarkeit, innerhalb dessen Grade zwischen einer Devulnerabilisierung und einer Hypervulnerabilisierung (mit der Gefahr von Paternalismus und stereotypisierender Defizitorientierung) liegen. Die epistemische wie ethische Implikation besteht darin, dass diese tendenziellen Ein- und Ausschlüsse von Vulnerabilitäten oftmals singulären Individuen wenig gerecht werden, aber den Wahrnehmenden tendenziell nicht oder nur bedingt reflexiv zugänglich sind, weil sie den Horizont der Sichtbarkeit/Anerkennbarkeit überschreiten.

Allerdings sind diese Muster nicht strikt determinierend, sodass fungierende, je (noch) nicht wahrnehmbare Vulnerabilitäten durch singuläre Ereignisse in Sichtbarkeits- und Anerkennungsstrukturen einbrechen oder durch soziokulturelle Verschiebungen einsickern können, jedoch nicht ohne neue Selektivität und Exklusivität zu evozieren.



ID: 424 / ad_Verketzbarkeit: 4
Ad-hoc-Gruppe - Verletzbarkeit in der (Post-)Corona-Gesellschaft. Erfahrungssensible soziologische Zugänge zu Vulnerabilitätsphänomenen

Gefährdete Übergänge: Die Sichtbarkeit familienbezogener Verletzbarkeit am Übergang ins Berufsleben

Julian Möhring

Familien- und Kinderpsychosomatik (UKGM) sowie Jugendwerkstatt Gießen gGmbH, Deutschland

Nicht erst seit der SARS-Cov-2-Pandemie werden Familien als Ort für die Erholung von den Zumutungen des öffentlichen Lebens, aber auch als Konstitutivum für spezielle Vulnerabilitäten betrachtet. Seit der Pandemie aber verstärken die Einschränkungen des öffentlichen Lebens ganz allgemein den Fokus auf Gefahren der Regression und Verletzung im eigenen Zuhause und steigern deren Sichtbarkeit.

Der Vortrag basiert auf narrativen Interviews mit bildungsarmen, werdenden Erwachsenen (18-27 Jahre) zu ihrer Situationswahrnehmung während der Teilnahme an einer beruflichen Qualifizierungsmaßnahme, die zunächst 2017/2018 und nun während der Pandemie im ersten Halbjahr 2021 durchgeführt wurden bzw. werden. Wie unter einem Brennglas wird deutlich, wie Kindheitserfahrungen der Verletzung und Vernachlässigung durch die eigene Familie im Nachhinein noch die Bewältigungsmöglichkeiten der an sie gestellten Anforderungen beim Übergang von der Schule in den Beruf beeinflussen. Dieses Aufscheinen von Verletzbarkeit in den geschilderten Erfahrungen wird zum einen hinsichtlich der Sichtbarkeit und Latenz von Vulnerabilität interpretiert. Zum anderen wird, vor dem Hintergrund sozialer Benachteiligung, diskutiert, welchen Eindruck die Pandemie bei den Interviewten hinterlässt.

Die Interviewees sind altersentsprechend mit der veränderten innerfamiliären Position gegenüber ihren Eltern beschäftigt. In diesem Wechselspiel zwischen sozialisatorischen Ablösungsprozessen und dem Aufstieg von einer abhängigen Position in eine der Verantwortung nimmt die rückblickende Bewertung der Familie und des bislang lebensweltlich Vertrauten eine zentrale Stellung ein. Deshalb ist die biografische Stegreiferzählung am Übergang von der Schule in den Beruf aufschlussreich für die soziologische Analyse innerfamiliärer Spannungen, die unter den Lebensbedingungen der von uns Interviewten häufig vorkommen, während der SARS-Cov-2-Pandemie aber generell noch einmal zugenommen haben.

Den Hintergrund des Vortrags bildet ein Pilotprojekt der multidisziplinären, psychosozialen Beratung junger Menschen in einer Jugendwerkstatt, als arbeitsmarktpolitische Maßnahme des hessischen Sozialministeriums und des Europäischen Sozialfonds, in Kooperation mit der Gießener Familienpsychosomatik des UKGM, sowie die Tätigkeit des Vortragenden als Lehrbeauftragter am Institut für Soziologie der JLU Gießen.



ID: 595 / ad_Verketzbarkeit: 5
Ad-hoc-Gruppe - Verletzbarkeit in der (Post-)Corona-Gesellschaft. Erfahrungssensible soziologische Zugänge zu Vulnerabilitätsphänomenen

Potenzierte Isolation. Zur Verletzungserfahrung eines onkologisch erkrankten Jugendlichen infolge pandemiebedingter Herausforderungen in der klinischen Kommunikation.

Claudia Peter1, Dennis Wilke2

1n.v.; 2Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Die Pandemie macht nicht nur die allgemeine menschliche Verletzbarkeit sichtbar(er), sondern auch je spezifische Vulnerabilitäten verschiedener gesellschaftlicher Gruppen. Vor dem Hintergrund dominanter Debatten zu gesamtgesellschaftlich geteilten Belastungen geraten diese spezifischen Vulnerabilitäten potenziell aus dem Sichtfeld. Mit Blick auf Kinder und Jugendliche werden vor allem Auswirkungen der veränderten Beschulung und des zurückgezogenen Lebens im Lockdown diskutiert. Erfahrungen von jungen Menschen zu erfassen, die sich ohnehin – z.B. aufgrund einer schwerwiegenden Erkrankung – in problematischen Lebenssituationen befinden und die sich somit derzeit mit doppelten Belastungen konfrontiert sehen, erscheint dagegen schwieriger.

Im Vortrag beleuchten wir diese mehrfach ‚geschichtete‘ Vulnerabilität am Beispiel einer spezifischen Gruppe von Kindern und Jugendlichen, der jungen Krebspatient*innen, die während der Pandemie stationär behandelt worden sind und gleichzeitig den Anforderungen der Pandemiebewältigung im klinischen Setting ausgesetzt sind. Konkret widmen wir uns im Vortrag der Erfahrung eines jugendlichen onkologischen Patienten, der in eine organisatorische Störung des Ablaufs auf einer pädiatrischen COVID-19-Isolierstation geraten ist.

Mithilfe einer phänomenologischen Perspektivierung wird die besondere Qualität dieser Erfahrung herausgearbeitet und ihr Charakter als Schwellenerfahrung aufgezeigt, in der zu der doppelten – medizinisch indizierten – Isolation noch die Erfahrung der Ausgesetztheit durch die Störung des organisatorischen Ablaufs hinzukommt. Inwieweit diese Ausgesetztheit mehr als bloße Isolation ist und zu einer unerträglich offenen Situation ohne Außenbezug wird, die verletzend wirkt, wird im Vortrag näher ausgeführt.

Derartige Situationen nicht zu exotisieren, sondern sie in ihrer Singularität ernst zu nehmen, ist für die Diskussion pandemiebedingter Vulnerabilität(en) gerade deshalb relevant, weil sich an ihnen – im Kontrast zur Annahme, die Pandemie betreffe uns alle gleichermaßen – die gesellschaftliche Fragmentierung und Asymmetrie pandemiebedingter Vulnerabilität(en) zeigt, die sich als Erfahrungen jeweils disjunkt zueinander verhalten.