Veranstaltungsprogramm

Sitzung
ad_umstritten: Ad-hoc-Gruppe - Umstrittenes Expertenwissen: Zur Wissensproblematik der Politik
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
14:30 - 16:30

Chair der Sitzung: Sebastian Büttner, Freie Universität Berlin
Chair der Sitzung: Thomas Laux, TU Chemnitz
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Externe Ressource:
Präsentationen
ID: 369 / ad_umstritten: 1
Ad-hoc-Gruppe - Umstrittenes Expertenwissen: Zur Wissensproblematik der Politik

Zur politischen Legitimation von Expertise: ein Vergleich von Corona-, Euro- und Klimakrise

Caspar Hirschi

Universität St.Gallen, Schweiz

Liberale Demokratien haben eine Stärke, die in akuten Krisen zur Schwäche werden kann: die breite Abstützung und der mehrstufige Ablauf ihrer Entscheidungsprozesse. In ihrer verfahrensgestützten Langsamkeit liegt die spezifische Input-Legitimation demokratischer Systeme. Aus diesem Grund weiten sich akute Krisen in Demokratien leicht zu politischen Krisen aus. Die Erfordernisse der Krisenbewältigung rühren an die Grundlagen der demokratischen Legitimationsstiftung, geht es doch um ein schnelles Eingreifen mit massiver Hebelwirkung. Anders formuliert: In Krisen sind Mechanismen zur Erzeugung von Output-Legitimation gefragt, die mit der Input-Legitimation von Demokratien zu kollidieren drohen.

Anders als für Diktaturen und Autokratien gibt es für Demokratien auch in akuten Krisen keine Entlastung von der doppelten Aufgabe, gleichzeitig Input- und Output-Legitimation zu erzeugen. Betrachten wir die spezifischen Herausforderungen, die Krisen an Demokratien stellen, unter dem Aspekt der Input- und Output-Legitimation, können wir besser verstehen, welche Absichten und Funktionen mit wissenschaftlicher Expertise verbunden sind. Die These dieses Beitrags lautet, dass sie kollidierende Erfordernisse von Input- und Output-Legitimation auszugleichen oder zumindest übertünchen soll, indem sie zum einen eine kompetente Hochgeschwindigkeitspolitik gewährleistet, die mit dem Tempo einer akuten Krisendynamik mithält, und zum andern eine demokratische Stellvertreterdebatte in der Gestalt eines wissenschaftlich fundierten Richtungsstreits ermöglicht, um den Schein eines argumentativ getriebenen Ringens um politische Entscheidungen zu wahren. Für ersteres soll Expertise möglichst homogen, für letzteres möglichst heterogen, ja pluralistisch erscheinen.

Auffällig ist nun, dass die drei großen Krisenerfahrungen der letzten zehn Jahre – die Eurokrise, die Klimakrise und die Coronakrise – mit fundamental unterschiedlichen Formen der Legitimationserzeugung durch Expertise verbunden waren. Diese Unterschiede zu rekonstruieren und legitimationstheoretisch zu erklären, nimmt sich der Beitrag vor.



ID: 415 / ad_umstritten: 2
Ad-hoc-Gruppe - Umstrittenes Expertenwissen: Zur Wissensproblematik der Politik

Unbestimmte Negation: Gegenexpertise als alternative Fakten

Nils C. Kumkar

Unversität Bremen, Deutschland

Wie lässt sich ‚antiwissenschaftliche‘ Gegenexpertise, unter anderem die sogenannte ‚Klimaskepsis‘, differenzierungstheoretisch fassen? Dieser Aufsatz schlägt vor, sie über ihre kommunikative Form (und nicht über ihren faktischen Gehalt) zu bestimmen: Sie artikuliert sich gegenüber einer bereits vorhandenen Expertise als unbestimmte Negation und erlaubt dem politischen System so die Abwehr/den Aufschub von Entscheidungsdilemmata.



ID: 441 / ad_umstritten: 3
Ad-hoc-Gruppe - Umstrittenes Expertenwissen: Zur Wissensproblematik der Politik

Wissen, Expertise und Wissenschaft – verschiedene Formen der Infragestellung

Eva Barlösius1, Eva Ruffing2

1Leibniz Universität Hannover, Deutschland; 2Universität Osnabrück

Wissenschaftliche Expertise – so die grundlegende These unseres Vortrages – wird in unterschiedlichen Kontexten in unterschiedlicher Art und Weise infrage gestellt, und woran sich die Infragestellung festmacht – der Referenzrahmen –, variiert ebenfalls. Hinsichtlich des wissenschaftlichen Wissens, auf das sich wissenschaftliche Expertisen berufen, wird vor allem moniert, dass es nur begrenzte Geltung besäße. Es gehört jedoch zu den Eigenarten wissenschaftliche Wissens, dass sich seine Verlässlichkeit immer nur auf den jeweiligen der Stand der Forschung bezieht. Entscheidend ist vielmehr, dass es den Standards der Wissenschaftlichkeit entspricht. Sie bilden den Referenzrahmen.

Im Kontext von Politik und Verwaltung stellt sich die Infragestellung wissenschaftlicher Expertisen anders dar. Politik und Verwaltung sind gegenwärtig mit zwei im Widerstreit stehenden Entwicklungen besonders konfrontiert: Zum einen nimmt die Bedeutung von wissenschaftlichen Expertisen in politisch-administrativen Prozessen stetig weiter zu. Zum anderen wird wissenschaftliche Expertise als Grundlage für politische und administrative Entscheidungen immer häufiger infrage gestellt. Diese Infragestellungen beziehen sich in erster Linie auf den Gebrauch wissenschaftlicher Expertise zu politischen und administrativen Entscheidungszwecken. Die sachliche Angemessenheit dieser Entscheidungen stellt hier den Referenzrahmen dar.

Bei der dritten Form wird wissenschaftliche Expertise grundsätzlich infrage gestellt: Ihre Bedeutsamkeit für die politische und administrative Entscheidungsfindung wird prinzipiell negiert und ihre Verlässlichkeit fundamental bestritten. Anthony PERL et al. (2018) sprechen in diesem Zusammenhang von einer „willful ignorance“ wissenschaftlicher Expertise. Kennzeichnend für die dritte Form ist, dass sie im Kontext der gesellschaftlichen Transformation zur Wissensgesellschaft und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Verwerfungen zu analysieren ist. Diese Infragestellung kämpft dagegen, dass sich politische und administrative Entscheidungen darüber legitimieren, dass wissenschaftlicher Expertise Vorrang gegenüber alle anderen Argumentationsgrundlagen eingeräumt wird. Dieser Vorrang bildet hier den Referenzrahmen.



ID: 642 / ad_umstritten: 4
Ad-hoc-Gruppe - Umstrittenes Expertenwissen: Zur Wissensproblematik der Politik

Wissenschaftliche Rückendeckung für politische Alternativlosigkeit? Kontroversen um die Rolle von Expert*innen in der deutschen Corona-Politik

Silke Beck

UFZ Leipzig, Deutschland

Dieser Beitrag verfolgt das Ziel, die Ursachen, Merkmale und Folgen von Kontroversen um Expert*innen exemplarisch am Fall COVID-19 von März bis Ende Dezember 2020 zu erfassen. Im zweiten Abschnitt führen wir in unseren analytischen Bezugsrahmen ein. Dieser ist auf die konstitutive Rolle von Wissenschaft zugeschnitten. Um seine besonderen Beiträge zur Diskussion um umstrittene Expertise aufzuzeigen, verorten wir diesen dann im Stand der Forschung. Im dritten Abschnitt stellen wir die Ergebnisse eines der ersten internationalen Vergleiche zu nationalen Reaktionen auf COVID-19 vor. Hierbei arbeiten wir die zentralen Befunde über und die konstitutiven Merkmale der deutschen Reaktion heraus. Wir richten dabei das Augenmerk auf die Frage, ob und in welcher Weise Kontroversen um die Rolle von Expertisen in der Politik entstehen. Auf der Basis der Ergebnisse des internationalen Vergleichs analysieren wir dann die Stellungnahmen der nationalen Expert*innengremien. Dafür rekonstruieren wir den zeitlichen Verlauf der Pandemie von Anfang März bis Ende Dezember 2020. Vor diesem Hintergrund betrachten wir die Stellungnahmen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina (Leopoldina) und des Deutschen Ethikrates (Ethikrat). Anhand dieser Stellungnahmen rekonstruieren wir, wie und auf welcher Basis diese beiden Beratungsgremien politische Ziele und Maßnahmen für die Bewältigung der Pandemie abschätzen und legitimieren.