Veranstaltungsprogramm

Sitzung
ad_Politierisierungspot: Ad-hoc-Gruppe - Polarisierungspotentiale segmentierter Solidarität: Arbeitsmarkt und soziale Sicherung in der Post-Corona-Gesellschaft
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Fabian Beckmann, Ruhr-Universität Bochum
Chair der Sitzung: Rolf G. Heinze, Ruhr-Universität Bochun
Chair der Sitzung: Jürgen Schupp, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Externe Ressource:
Präsentationen
ID: 291 / ad_Politierisierungspot: 1
Ad-hoc-Gruppe - Polarisierungspotentiale segmentierter Solidarität: Arbeitsmarkt und soziale Sicherung in der Post-Corona-Gesellschaft

Am Scheideweg: Neuakzentuierungen der sozialen Sicherung in der Post-Corona-Gesellschaft und Potentiale arbeitsmarktpolitischer Experimentierlabore

Fabian Beckmann1, Rolf G. Heinze1, Jürgen Schupp2

1Ruhr-Universität Bochum, Deutschland; 2Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung und Freie Universität Berlin, Deutschland

Epidemiologische Untersuchungen belegen eine sozial ungleiche Betroffenheit von der Corona-Pandemie, die sich soziologisch nahtlos in die Bereiche von Arbeitsmarkt und sozialer Sicherung verlängert. Einkommensschwäche führt häufig auch zu Immunschwäche. Hinsichtlich der kurzfristigen Pandemie-Folgen trifft eine unzureichende soziale Sicherung vor allem geringfügig Beschäftigte und Solo-Selbstständige, die vergleichsweise häufig unter Jobverlust und Einkommensausfall leiden und durch das beitragsfinanzierte und normalarbeitszentrierte institutionelle Sicherungsnetz fallen. Zudem haben es bildungsschwächere Jugendliche nach Abschluss der Schule zunehmend schwieriger eine berufliche Ausbildung beginnen zu können. Perspektivisch lässt die Pandemie darüber hinaus verschärfte Polarisierungstendenzen als mittel- und langfristige Arbeitsmarktfolgen erwarten, die von einer steigenden Langzeitarbeitslosigkeit bis zu sich verschlechternden Beschäftigungschancen für Geringqualifizierte reichen. Sozialpolitisch wurden die Pandemie-Folgen durch vereinfachte Zugänge zur Grundsicherung und eine tendenzielle De-Konditionalisierung von Leistungsansprüchen abgefedert, was die Debatten um eine grundlegende Reform des Hartz-IV-Systems erneuert hat. Damit steht eine wesentliche Säule der sozialen Sicherung im deutschen Wohlfahrtsstaat aktuell am Scheideweg: erleben wir lediglich temporäre, kriseninduzierte Anpassungen oder wirkt die Pandemie als Innovationsbeschleuniger für substantielle Neuakzentuierungen der sozialen Sicherung von Erwerbstätigen? Der Beitrag präsentiert zum einen aktuelle empirische Befunde einer Regionalstudie zu Erfahrungen und Bewertungen der „bedingungsarmen“ Grundsicherung aus der Perspektive von Jobcenter-Beschäftigten und pandemiebedingten Leistungsbeziehenden. Diese Erkenntnisse werden zum anderen in einen grundlegenden wohlfahrtsstaatlichen Reformdiskurs eingebettet. Dabei werden Potentiale und Chancen dezentraler Arbeitsmarkt- und Sozialpolitiken sowie die Chancen experimenteller Laborräume an der Schnittstelle von Arbeitsmarkt und Zivilgesellschaft ebenso diskutiert wie das Risiko hieraus entstehender segmentationsverstärkender Effekte.



ID: 689 / ad_Politierisierungspot: 2
Ad-hoc-Gruppe - Polarisierungspotentiale segmentierter Solidarität: Arbeitsmarkt und soziale Sicherung in der Post-Corona-Gesellschaft

Work-Life-Balance in Zeiten von Corona: über sozialpolitische Adjustierungen und deren Begrenzungen

Beat Fux

Universität Salzburg, Österreich

Die Coronakrise führte augenscheinlich zu ausgeprägten, wenn auch zeitweiligen Veränderungen im Erwerbsverhalten. Insbesondere die rasche Verbreitung von Erwerbsarbeit im home-office leistet einen Beitrag zur Aufweichung traditioneller Muster der Work-Life-Balance. Abhängig von Geschlecht, Familienform und Erwerbsart lassen sich dabei sowohl Tendenzen in Richtung eines teilweisen Abbaus von Segmentierungen (z.B. vermehrte Inklusion der Männer in den innerhäuslichen Tätigkeitsbereich) als auch neue Schließungen (z.B. zwischen systemrelevanten und nicht-systemrelevanten Berufen) beobachten. Damit einhergehend kann vermutet werden, dass das Instrument des home-office auf differenzielle Art und Weise zur Adjustierung der Work-Life-Balance genutzt wird. In unserem Beitrag werden in einem ersten Schritt und anhand von Auswertungen des österreichischen Corona-Panels in einem ersten Schritt zentrale Anpassungen in der Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit nachgezeichnet. Der Fokus wird dabei einerseits die gender-, familienform- und arbeitsformspezifischen Veränderungen der Einkommenssituation und andererseits auf den differenziellen Bedarf an sozialpolitischen Ausgleichsleistungen gelegt. Obwohl die Corona-Situation für sozialpolitische Adjustierungen in Richtung einer Egalisierung der Beruf-Familie-Beziehungen hätten genutzt werden können, begrenzten sich die wohlfahrtsstaatlichen jedoch weitgehend auf den (teilweisen) Ausgleich von Einkommenseinbußen. In einem zweiten Schritt sollen die hieraus resultierenden sozialstrukturellen Ambivalenzen dokumentiert werden.



ID: 684 / ad_Politierisierungspot: 3
Ad-hoc-Gruppe - Polarisierungspotentiale segmentierter Solidarität: Arbeitsmarkt und soziale Sicherung in der Post-Corona-Gesellschaft

Geschlecht und Elternschaft in der COVID-19 Pandemie – Einblicke einer Mixed-Methods-Studie in Berlin

Sabine Hübgen1, Laura Eberlein1, Mareike Bünning2, Lena Hipp1,3

1Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Deutschland; 2Deutsches Zentrum für Altersfragen (DZA), Deutschland; 3Universität Potsdam, Deutschland

Die Verbreitung von COVID-19 und die damit einhergehenden Maßnahmen zur Viruseindämmung haben abrupt das Leben vieler Menschen verändert. Wie stark eine Person von der Pandemie betroffen ist, hängt häufig einerseits mit dem Beruf zusammen, andererseits aber auch mit der Familiensituation. So sah sich beispielsweise das Krankenhauspersonal mit einer akuten Mehrbelastung konfrontiert, während der Handel (temporär) schließen musste. Außerdem mussten Eltern aufgrund der temporären Schließung von KiTas und Schulen plötzlich viel mehr Betreuung und Lernstoffvermittlung selbst übernehmen, was zu einer (noch höheren) Doppelbelastung führte.

Deshalb fokussieren wir uns in dieser Studie auf die Auswirkungen der Pandemie auf das Erwerbs- und Familienleben. In unserer Berliner Fallstudie untersuchen wir drei Forschungsfragen: Inwiefern verändert die Pandemie das Erwerbs- und Familienleben von Frauen und Männern in Berlin? Wie entwickeln sich diese Veränderungen über den Verlauf der Pandemie? Inwiefern variieren diese Veränderungen nach Geschlecht und Elternschaft? Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass die Pandemie bestehende Geschlechterungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt und bei der Aufteilung von Sorge- und Hausarbeit weiter verschärft – insbesondere für Mütter.

Um diese Forschungsfragen empirisch zu untersuchen, verfolgen wir einen mixed methods- Ansatz: Zum einen analysieren wir quantitativ die Daten einer Online-Panelbefragung („Corona-Alltag“), bei der die Befragten seit Beginn der Pandemie vier Mal teilgenommen haben. Zum anderen komplementieren wir diese quantitativen Daten mit den vertiefenden Erkenntnissen aus 15 qualitativen Expert*inneninterviews aus Gewerkschaften, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten sowie Berufs- und Branchenverbänden.

Unsere ersten quantitativen Ergebnisse zeigen, dass Frauen im Vergleich zu Männern eine etwas erhöhte Wahrscheinlichkeit haben, ihre Arbeitszeit aufgrund der Pandemie zu reduzieren. Dies trifft insbesondere auf Mütter zu. Wer durch die Pandemie von zu Hause arbeitet, hängt jedoch stärker vom eigenen Bildungsstand und beruflichen Merkmalen ab. In den qualitativen Interviews wird Heimarbeit häufig als ambivalent eingeschätzt: Zwar dämmt es das Infektionsrisiko deutlich ein und hat grundsätzlich das Potenzial, ein gutes Vereinbarkeitsinstrument zu sein – aber nicht bei gleichzeitiger Schließung von KiTas und Schulen.



ID: 683 / ad_Politierisierungspot: 4
Ad-hoc-Gruppe - Polarisierungspotentiale segmentierter Solidarität: Arbeitsmarkt und soziale Sicherung in der Post-Corona-Gesellschaft

Homeoffice: Neue Sicherungsstrategien in transformierten Arbeitswelten im Kontext der Corona-Pandemie. Was wir aus der Krise für die Implementierung und Weiterentwicklung von Homeoffice lernen können.

Wolfgang Schroeder

Uni Kassel, Deutschland

Corona Krise und Homeoffice scheinen zwei Seiten einer Medaille zu sein. Durch das Homeoffice sind die Corona-bedingten Kontakteinschränkungen besonders erfolgreich einzulösen. Homeoffice wird mit weiteren Vorteilen in Verbindung gebracht, die vielfach als Fortschritt auf dem Weg zu einer modernen Arbeitswelt gesehen werden. Dazu zählt vor allem eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und mehr Selbstbestimmung in der Arbeit. Insofern wundert es nicht, dass sich mit dem Homeoffice tatsächlich Vorstellungen zur arbeitsweltlichen Transformation bis hin zu einer Art arbeitskulturellen Revolution verbinden. Diese Bilder zeichnen sich durch die Dezentralisierung von Arbeitsorten, die Selbstbestimmung von Arbeitsprozessen und die Enthierarchisierung von Arbeitsbeziehungen aus. Gerichtet ist sind diese Vorstellungen gegen die bisher herrschende Präsenzkultur, die unmittelbare Weisungshoheit sowie die direkte Aufsicht von Vorgesetzten.

Das ist das positive Narrativ im Diskurs. Wir finden ungleiche Verteilungen beim Zugang zum Homeoffice, bei Arbeitsmitteln und -situation, zwischen Gut- und Geringverdienenden, zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, zwischen denen, die sich Homeoffice leisten können und denjenigen, denen Arbeitsmittel und -räumlichkeiten zu Hause nicht zur Verfügung stehen. Daneben ergeben sich Belastungsstrukturen für diejenigen, die von zu Hause arbeiten (z. B. Arbeit über die normalen Zeiten hinaus, weniger Pausen, seltenes Abschalten). Die Ergebnisse zeigen auch, dass in großen Betrieben und denjenigen mit Mitbestimmungsinstitutionen eher eine gute Gestaltung der Arbeit im Homeoffice gelingt. Ein Hebel zu guter Arbeit liegt also darin, Mitbestimmungsinstitutionen zu stärken bzw. Informationsasymmetrien gegenüber KMU abzubauen. Neben den neuen alten Ungleichheiten ist auch die soziale Dimension von Arbeit gefährdet. Zeit, Ort und Kooperationsstrukturen drohen sich aufzulösen. Denn dass Arbeit nicht nur lästiges Pendeln, Bildschirmarbeit und Ärger mit dem Chef und den Kolleg*innen bedeutet, konnten viele Beschäftigte seit Beginn der Corona-Pandemie vielfach erfahren. In diesem Beitrag geht es darum, die Grundkonstellation des Homeoffice im Lichte der aktuellen Forschung zu hinterfragen. Was können wir aus der Krise lernen, um gute Arbeit auch unter den Bedingungen einer anderen Arbeitskultur zu praktizieren.