Veranstaltungsprogramm

Sitzung
ad_DigitPräsenzQuoVad: Ad-hoc-Gruppe - Digitale Präsenz – Quo vadis? Zu Verfasstheit leiblicher Kopräsenz in digitalisierten Settings
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Marija Stanisavljeivc, Pädagogische Hochschule Luzern
Chair der Sitzung: Alexa Maria Kunz, Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Chair der Sitzung: Tilo Grenz, Bertha von Suttner Privatuniversität
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Externe Ressource:
Präsentationen

Virtuelle Präsenz in der Ausbildung von Sportlehrpersonen. Erfahrungen leiblicher Kopräsenz im digitalisierten Hochschulsportunterricht. Fallanalyse(n) aus einer virtuellen Tanzwoche

Mario Steinberg

Pädagogische Hochschule Nordwestschweiz, Schweiz

Die Ausbildung angehender Sportlehrpersonen wird von der noch immer anhaltenden COVID-19-Pandemie und dem damit verbundenen Distanzunterricht besonders herausgefordert. Während theoretisch-erziehungswissenschaftliche Inhalte auch im virtuellen Setting durch Selbststudium erlernt werden können, geht die für den Sport konstruktive leibliche und soziale Erfahrung (in der Mannschaft) im digitalisierten Setting weitgehend verloren. Während den letzten Semestern wurde Studierenden im Sport Besonderes abverlangt – Sie mussten alleine trainieren, durften Sportstätten nicht betreten und mussten ihre Leistungsnachweise auf Video aufnehmen – statt ihr Können praktisch unter Beweis stellen zu können.

Ausgehend von natürlichen Protokollen aus einer virtuellen Tanzwoche von Studierenden (transkribierte Video-Leistungsnachweise, schriftliche Reflexionen von Sportstudierenden über die Zeit des Distance Learning) aus einer pädagogischen Hochschule der Schweiz, wird im vorgeschlagenen Beitrag analysiert, wie sich die Verfasstheit leiblicher Kopräsenz durch virtuellen Sportunterricht konstituiert. Der Beitrag stellt folgende Fragen:

• (Wie) zeigt sich in im Alltag von Sportstudierenden die konstitutive Verfasstheit von Leiblichkeit, Raum und Sozialität für Sport und Sportdidaktik?

• Wie reflektieren Studierende über die Zeit des Distance-Learing? In welchem Sinn werden die reduzierte körperliche, sowie die fehlende räumliche und soziale Erfahrung im Kontext verordneter Digitalität problematisiert?

Die Auswertung der erhobenen Daten erfolgt gemäss Methodologie der objektiven Hermeneutik. Da die Krise konstitutive Elemente von Sport und Körperlichkeit herausfordert, dienen Erfahrungen von Sportler*innen und Reflexionen über ihre Erfahrungen in der Krise der Analyse als maximale Kontrastfolie, die einerseits den Rahmen leiblicher Kopräsenz absteckt und andererseits die Grenzen virtueller Präsenz in der digitalen Hochschullehre deutlich macht.



Anwesenheit digital: Kamera an / Kamera aus, Mikrofon an / Mikrofon aus, Filter an / Filter aus…? Komplexitätsbelastungen von Anwesenheitszuschreibungen in computervermittelten Lehrsituationen

Luca Tratschin

Universität Zürich, Schweiz

Der Beitrag untersucht digitale Präsenz am Beispiel der interaktionsbasierten Hochschullehre – und spezifisch an der gesprächsnahen Form des Seminars in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Im Unterschied zu vielen aktuellen und wichtigen Beiträgen untersucht er nicht, ob und wie die Funktion der (Aus)Bildung mittels digitalen Technologien erbracht werden kann. Vielmehr tritt er einen Schritt zurück und fragt nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden von digitaler und face to face Präsenz. Er beschäftigt sich damit, inwiefern digitale Technologien „interaktive“ oder zumindest interaktionsnahe Situationen hervorbringen vermögen. Damit geht es auch um die Frage, ob und inwiefern digitale Technologien ein Substitut für die für das Erziehungssystem so zentrale Interaktionsordnung leisten können. Der Beitrag untersucht die Art und Weise wie „Präsenz“ in face to face und in medial vermittelten Seminarsituationen hergestellt wird. Während er zugesteht, dass auch in virtueller Lehre Präsenz hergestellt wird, die als funktionales Äquivalent für face to face Anwesenheit dienen mag, so zeigt er aber auch, dass diese Präsenz als soziale Konstruktion wesentlich fragiler ist. Zum einen gelingt die Herstellung von Präsenz nur eingeschränkt. Zum anderen tritt die Prekarität von kommunikativ unterstellbarer Anwesenheit aus dem Latenzbereich und führt zu Verunsicherungsleistungen in der Situation. Der Beitrag argumentiert hierbei insbesondere, dass die funktionale, simplifizierende Gleichsetzung von physisch anwesenden Körpern mit kommunikativ anwesenden Personen in virtuellen Situationen in zahlreiche binäre Unterscheidungen dekomponiert wird, die die einfache Unterscheidung von abwesend/anwesend unterminieren und sich in kombinierte fraktale Unterscheidungen verästeln. So wird die Unterscheidung von anwesend / abwesend durch Kombinationen von Unterscheidungen wie eingeloggt / nicht eingeloggt, Kamera an / Kamera aus, im Kamerabereich sichtbar / nicht im Kamerabereich sichtbar, Mikrofon an / Mikrofon usw. manifest mit Komplexität und zusätzlicher Unsicherheit belastet. Die simplifizierende (und funktionale) Zuschreibung von Anwesenheit wird so komplexer gestaltet und mit Unsicherheit und Enttäuschungspotenzial angereichert.



Wieviel Körper braucht das Soziale?

Alexander Schmidl

Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Als Träger eines Virus ist der Körper für das Soziale aktuell gefährlich. Körpernahe Interaktionen werden zu ersetzen versucht, wofür sich insbesondere digitale Settings eignen. Gleichzeitig wird diese Distanz in vielen Aspekten auch als unangenehm und defizitär erfahren. Die neue Form irritiert unsere Routinen und Selbstverständlichkeiten und es wird die für viele soziale Beziehungen wichtige, leibliche Nähe vermisst. Die Irritationen, Sehnsüchte und Nähebedürfnisse sollen hier als Anlass genommen werden, um nach der Rolle der leiblichen Kopräsenz in der Konstitution des Sozialen und den Möglichkeiten ihrer Substitution zu fragen.

In der phänomenologischen Soziologie Schütz‘ (1932) fungiert der Körper als ein Ausdrucksmittel des Bewusstseins, weshalb Kopräsenz eine Grundlage für das Fremdverstehen bildet. In der Folge wird, vor allem bei Berger und Luckmann (1966/2007: 25), die Alltagswelt als der Ort der Wirklichkeitsbestimmung auch um „das »Hier« meines Körpers und das »Jetzt« meiner Gegenwart“ herum gezogen. Nicht nur Voraussetzung sondern im Kern bereits körperlich ist das Soziale in der Leibphänomenologie Merleau-Pontys angelegt, worauf Kastl (2021) mit der „Generalität des Körpers“ wieder hinweist.

Durch die Medien sind solche Konzepte, in denen der Körper das Soziale mitbestimmt, herausgefordert. Sozialer Austausch ist auch ohne die leibliche Präsenz möglich, oft werden distanzierte oder medial vermittelte Formen sogar besonders intensiv erlebt. Analytisch lohnt sich deshalb, zwischen einem sozial agierenden Körper und einem erlebenden Leib zu differenzieren. Digitale Präsenzen bieten für die erste Dimension eine Alternative. Unabhängig davon werden die verschiedenen Präsenzformen von den sozialen Akteuren immer leiblich, aber auf eine je eigene Weise erlebt.

Mit der phänomenologischen Perspektive in Verbindung mit der Körper/Leib-Differenzierung und unter Berücksichtigung der medialen Möglichkeiten ist das Ziel des Beitrages, die Möglichkeiten neuer Selbstverständlichkeiten digitaler Kopräsenz zu reflektieren. So kann gezeigt werden, dass dort, wo leibliche Anwesenheit und leibliches Erleben zusammenhängen, digitale Formate unbefriedigend erscheinen, wohingegen manche Interaktionsformen mit einer visuellen Darstellung auskommen, und in manchen der Köper sogar gänzlich suspendiert werden kann.



Kontakt: sozial, technisch und digital

Achim Brosziewski

Pädagogische Hochschule Thurgau, Schweiz

Der Begriff „Kontakt“ scheint für Erving Goffman mindestens so wichtig gewesen zu sein wie Kopräsenz. Allerdings legt Goffman grossen Wert darauf, Kontakt und Kommunikation deutlich zu unterscheiden (Goffman 1987, S. 1). Diese Unterscheidung möchte mein Diskussionsbeitrag festhalten und entlang der drei Dimensionen sozial, technisch und digital noch etwas ausbauen.

Das Wort Kontakt leitet sich von lat. contingere ab und verweist kulturhistorisch auf das Dual, die Verquickung und die Ambivalenz von Berührung und Ansteckung (Simon 2020, S. 153), was sich sowohl psychisch als auch physiko-biologisch interpretieren lässt. Kommunikation hingegen ist ein berührungsloses Geschehen, ist sie doch grundlegend auf Zeichen angewiesen, von denen wir aus den Zeichentheorien des 20. Jahrhunderts wissen, dass sie nicht einmal mit dem durch sie Bezeichneten irgendeinen Kontakt eingehen könnten. Und auch in Gegenrichtung lassen Zeichen sich nicht berühren — jedenfalls nicht als Zeichen (ausser, man pflegt ein magisches Verhältnis zu ihnen).

Im Aufgriff eines Konzepts von Niklas Luhmann (1991; 1997, S. 378–382) möchte ich Kontakt als einen „symbiotischen Mechanismus“ der Kommunikation begreifen. Darunter sind alle Einrichtungen zu verstehen, die die Körperlichkeit der an Kommunikation beteiligten Menschen symbolisch für die Anschlussregulation von Kommunikation aufbereiten: die Sexualität im Kommunikationsmedium Liebe, die Gewalt im Kommunikationsmedium der Macht, die Wahrnehmung im Kommunikationsmedium der Wahrheit, das Bedürfnis im Kommunikationsmedium des Geldes usw. All diese Einzelsymbole übergreifend und Interaktionserfordernisse einschliessend wäre Kontakt als basale Symbiosis der Kommunikation zu verstehen — und daran anschliessend „das Netzwerk“ als das soziokulturelle Produkt der Differenz von Kontakt und Kommunikation sowie als jener Unterschied, den die Unterscheidung von Kontakt und Kommunikation in der Gesellschaft für die Gesellschaft ausmacht.

Goffman, Erving (1987): Gender Advertisements (1976). New York.

Luhmann, Niklas (1991): Symbiotische Mechanismen. In: ders.: Soziologische Aufklärung 3. Opladen, S. 228-244.

Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main.

Simon, Fritz B. (2020): Verbotene und erlaubte Sozialformen. In: Heidingsfelder, Markus/Lehmann, Maren (Hrsg.): Corona – Weltgeschichte im Ausnahmezustand? Weilerswist.