Veranstaltungsprogramm

Sitzung
ad_Pflege-Krise: Ad-hoc-Gruppe - Pflege-Krise trifft Corona-Krise
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
14:30 - 16:30

Chair der Sitzung: Vera Gallistl, Universität Wien
Chair der Sitzung: Niklas Petersen, Georg-August-Universität Göttingen
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen

Pflegekrise trifft Reproduktionskrise: Zur Ausbeutung von Pflegearbeit in Zeiten der Pandemie

Tine Haubner

Friedrich-Schiller-Universität Jena, Deutschland

Die Corona-Pandemie hat im Bereich von Pflege- und Sorgearbeiten wie ein Brennglas und Brandbeschleuniger von Krisenprozessen geführt: Die schon seit etwa einer Dekade in der feministischen Care-Forschung konstatierte Krise sozialer Reproduktion hat sich zugespitzt. Die im Zusammenhang mit der Ökonomisierung des Gesundheits- und Pflegesektors stehenden Versorgungs- und Personalengpässe machen sich nun, angesichts steigender Infektionszahlen und intensivmedizinischer Behandlungsbedarfe, dramatisch geltend. Im Kontext des deutschen Pflegesystems lassen sich zwei Umgangsweisen mit den pandemisch gesteigerten Versorgungsmängeln beobachten: Einerseits wird der Zugriff auf professionelle Pflegefachkräfte durch gesetzliche Lockerungen etwa beim Arbeitszeitgesetz ausgeweitet. Dabei wird das Personal, das bereits vor der Pandemie an Belastungsgrenzen arbeitete, zusätzlich unter Druck gesetzt. Auf der anderen Seite lässt sich ein intensivierter Rückgriff auf informelle Unterstützungspotentiale aus der Zivilgesellschaft beobachten. Hier werden Freiwillige und migrantische Pflegekräfte für die Pflege zu mobilisieren versucht und pflegende Angehörige unter pandemisch erschwerten Pflegebedingungen überwiegend sich selbst überlassen. Beide Strategien geben wenig Aussicht auf eine nachhaltige Veränderung im Pflegesystem und weisen vielmehr auf die prekären und ausbeuterischen Bedingungen sowohl formeller als auch informeller pflegerischer Arbeit im deutschen Sorgeregime hin.

Der Beitrag stellt empirische Forschungsbefunde zur Ausbeutung informeller Pflegearbeit in Deutschland ins Zentrum. Dabei wird die These eines „Community Kapitalismus“ vorgestellt, der vermehrt auf Strategien sozialer Reproduktion jenseits von Staat, Markt und Familie abzielt um die Krise sozialer Reproduktion und eines zunehmend krisenhaften Neoliberalismus zu bewältigen.



Wahrnehmungen von Pflegenden im Setting der Altenpflege während der COVID-19 Pandemie

Uta Gaidys, Begerow Anke

Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Deutschland

Die Pandemie des schweren akuten respiratorischen Coronavirus-Syndroms (COVID-19) stellt Pflegende im Setting der Altenpflege vor besondere Herausforderungen. Aufgrund pandemiespezifischer Anweisungen können Altenpflegende ein Dilemma in Bezug auf ihre moralische Verantwortung erleben. Exemplarisch sei hier das Besuchsverbot genannt, das auf der einen Seite Führsorge sowie Schutz und auf der anderen Seite Isolation und negativen gesundheitlichen Folgen für Pflegebedürftige bedeuten kann (Fischer et al. 2020). Bleiben solche moralisch belastenden Situationen ungelöst, kann es zu moral distress kommen. Anhaltende oder ausgeprägte Belastungen durch moral distress können schwerwiegende Folgen bis hin zum Berufsausstieg haben. Damit Unterstützungsangebote für Pflegende entwickelt werden können wird untersucht, welche Erfahrungen Pflegende im Setting der Altenpfleg während der Pandemie machen, welche Faktoren moral distress auslösen und wie sich moral distress konkret in dieser Situation auswirkt. Zur Abbildung von moral distress fördernden Faktoren und den subjektiven Wahrnehmungen von Pflegenden im Setting der Altenpflege während der Pandemie wird eine qualitative Methode im Sinne eines webbasierten qualitativen Surveys verwendet (Begerow, Gaidys, 2020). Die berichteten Ergebnisse beruhen auf einer Subgruppenanalyse der seit April 2020 laufenden COVID-19-Pflege-Studie zum Erleben von Pflegenden während der Pandemie, in der ausschließlich Pflegefachpersonen (n= 3800) befragt werden. Die Ergebnisse der Subgruppenanalyse von Altenpflegenden zeigen moralische und ethische Konflikte von Pflegefachpersonen und deren Folgen. Zudem werden Veränderungen und Konsequenzen der pflegerischen Versorgung im Kontext der COVID-19-Pandemie aufgezeigt. Folgernd soll eine Diskussion zur Bedeutung des Erlebens von Pflegenden und Interventionsmöglichkeiten angeregt werden.

Literatur:

Fischer, F., Raiber, L., Boscher, C. & Winter, M. H.-J. (2020). COVID-19-Schutzmaßnahmen in der stationären Altenpflege: Ein Mapping Review pflegewissenschaftlicher Publikationen. Pflege, 33(4), 199–206.

Begerow, A.; Gaidys, U. (2020) COVID-19 Pflege Studie - Erfahrungen von Pflegenden während der Pandemie – erste Teilergebnisse. Pflegewissenschaft, Sonderausgabe: Die Corona-Pandemie April 2020, 33-35.



COVID-19 – Pflegeheime im Spiel der Wellen

Karin Wolf-Ostermann1, Kathrin Seibert1, Dominik Domhoff1, Franziska Heinze2, Benedikt Preuss2, Heinz Rothgang2

1Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Deutschland; 2Universität Bremen, SOCIUM, Deutschland

Weltweit geht die COVID-19-Pandemie mit gravierenden Auswirkungen für die Gesundheitssysteme einher. Pflegebedürftige sind als hoch vulnerable Gruppe von der COVID-19-Pandemie besonders betroffen und auch Organisationen wie Pflegeheime stellt die Pandemie vor große Herausforderungen. Valide Daten zur Situation in der Langzeitpflege fehlen weitgehend.

Vor diesem Hintergrund wurden zwei Querschnittstudien zur Situation in der stationären Langzeitpflege als Online-Umfragen in Deutschland durchgeführt.

Von ca. 8000 angefragten Pflegeheimen nahmen mehr als 800 Heime während der ersten Welle (April/Mai 2020) und mehr als 400 Heime während der zweiten Welle (Januar/Februar 2021) an den Studien teil.

In der ersten und zweiten Welle der Pandemie und bevor für Pflegeheime flächendeckende Impfangebote zur Verfügung standen, entfielen in Deutschland etwa die Hälfte aller Todesfälle mit Covid-19 auf Heimbewohner:innen, obwohl diese Gruppe nur 1% aller Menschen in Deutschland und bis dahin knapp 7 % aller Infizierten entspricht.

Für die Heime waren die beiden Wellen vor allem durch bestehende Mangelsituationen gekennzeichnet: waren es zunächst fehlende Schutzmaterialien und dann FFP2-Masken, so folgten fehlende Schnelltests und unzureichende Impfstoffmengen. Um die Zahl der Bewohner:innen mit schwersten Verläufen gering zu halten und Todesfälle mit COVID-19 zu verhindern, war es daher ein vorherrschendes Ziel, ein Eindringen und eine Ausbreitung des Virus in Pflegeheimen zu verhindern. Die sich hieraus ergebende primäre Fokussierung auf das Infektionsgeschehen und die damit verbundenen Risiken in Bezug auf Morbidität und Mortalität resultierten in sozialer Isolation mit ebenfalls schwerwiegenden gesundheitlichen und sozialen Folgen für Heimbewohner:innen und ihre Angehörigen.

In Bezug auf Pflegekräfte berichten die Heime zudem, dass die Arbeitsverdichtung massiv anstieg, hervorgerufen durch große zeitliche Mehraufwände und Personalausfälle. Bereits vor der Pandemie waren Pflegekräfte in besonderem Maße belastet - in der ersten und zweiten Welle wurden sie über Gebühr gefordert. Während für Heimbewohner:innen aufgrund der nun fortschreitenden Immunisierung aufgrund von Impfungen eine Verbesserung der Situation sichtbar wird, droht für Pflegeheime ohne eine Besserung der Arbeitsbedingungen der Ausstieg einer Vielzahl von Pflegekräften aus ihrem Beruf.



Pflege von Menschen mit Demenz in der Pandemie: Ambivalenzen der Sorge

Niklas Petersen1, Annette Leibing2

1Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universitätsmedizin Göttingen, Deutschland; 2Faculté des sciences infirmières, Université de Montreal, Kanada

Die COVID-19-Krise hat strukturelle Missstände in der Pflege offengelegt, die nicht erst in der Pandemie entstanden sind, sich aber dramatisch zugespitzt haben. Die bislang oftmals unsichtbar gebliebenen prekären Arbeits- und Lebensbedingungen in Pflegeeinrichtungen sind im Verlauf der Pandemie in den Fokus öffentlicher, politischer und ethischer Debatten gerückt. Während der Diskurs um die Schutzmaßahmen in Pflegeeinrichtungen dabei von dem Narrativ der Sorge um die Gesundheit der Älteren getragen ist, wurden gleichzeitig in der Praxis in Pflegeeinrichtungen an COVID-19 erkrankten Bewohner/innen medizinische Behandlungen verwehrt. Menschen mit Demenz sind dabei in Pflegeeinrichtungen sowohl in besonderer Weise von den rigiden Schutzmaßnahmen, als auch von COVID-19-Erkrankungen betroffen gewesen.

Auf Grundlage von problemzentrierten Interviews mit Pflegekräften blicken wir in unserem Beitrag auf die Situation der Pflege von Menschen mit Demenz während der COVID-19- Pandemie. Wir rekonstruieren welche Auswirkungen die Isolationsmaßnahmen und Besuchsverbote für den Alltag in Wohnbereichen für Menschen mit Demenz hatten und zeichnen nach, welche Alters- und Demenzbilder das pflegerische Handeln leiten. Wir fragen, wie das im öffentlichen Diskurs verhandelte Dilemma zwischen Gesundheitsschutz, medizinischer Versorgung und sozialer Teilhabe von Pflegekräften und Bewohner/innen praktisch bearbeitet wurde und diskutieren die Befunde im Kontext sozialgerontologischer Kritik an der Ausrichtung und den strukturellen Voraussetzungen der Pflege von Menschen mit Demenz.



Pflegerische Versorgung in Zeiten von Corona – Drohender Systemkollaps oder normaler Wahnsinn? Bundesweite wissenschaftliche Studie zu den Herausforderungen und Belastungen von stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen im Zeitverlauf

Timo-Kolja Pförtner, Holger Pfaff, Kira-Isabel Hower

Universität zu Köln, Deutschland

Im Zuge der COVID-19-Pandemie sehen sich Pflegeeinrichtungen mit allgemeinen und pandemiespezifischen Anforderungen konfrontiert. In unserer Studie untersuchen wir die allgemeinen und pandemiespezifischen Anforderungen und Belastungen aus Sicht von Leitungskräften aus Pflegeeinrichtungen im Zeitverlauf und untersuchen zudem wie sich die Anforderungen und Belastungen im ambulanten und stationären Bereich unterscheiden. Eine querschnittliche Online-Befragung von Führungskräften in der Langzeitpflege wurde im April 2020 (n = 503) und Dezember 2020/Januar 2021 (n = 294) durchgeführt. Die Belastungen sind im Verlauf der Pandemie insbesondere für ambulante Einrichtungen und hinsichtlich allgemeiner Anforderungen in Bezug auf Personal (z. B. Personalmangel und -überlastung) und Arbeitsorganisation (z. B. Einhaltung von Vorschriften zu Arbeitszeiten oder Personalschlüssel) gestiegen. Die Sorge um Infektionen von pflegebedürftigen Menschen und von Mitarbeitern bleibt die größte Belastung im Verlauf der Pandemie. Diese Erkenntnisse helfen uns, Konsequenzen aus der Pandemie zu ziehen und uns auf zukünftige Krisen vorzubereiten.



Risikoreiche Lebenswelten - Corona-Sorge in der Pflegeheimbevölkerung

Rebekka Rohner1,2, Vera Gallistl1,2, Franz Kolland1,2

1Universität Wien, Österreich; 2Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften, Krems, Österreich

Im Verlauf der Covid-19 Pandemie ist die Lebenssituation von Pflegeheimbewohner*innen zu einem Kristallisationspunkt von gerontologischen Debatten avanciert. Diese Debatten waren durch eine erhebliche Homogenisierung der Lebenswelten von Bewohner*innen stationärer Pflegeeinrichtungen gekennzeichnet (Brooks & Hopgoo, 2021) und reihen sich damit in eine schon länger bekannte Kritik an negativen Stereotypen eines vierten Alters ein, die das vierte Alter als Lebensphase ohne Subjektstatus und Handlungsmächtigkeit imaginieren (Gilleard & Higgs, 2021).

Der vorliegende Beitrag schließt hier an und fragt, inwiefern die Ausbildung von Corona-Sorgen (abgewandeltes Health Anxiety Inventory (Bailer & Witthöft, 2014)) mit den Alltagspraktiken und sozialen Beziehungen älterer Bewohner*innen von Pflegeeinrichtungen in einem Zusammenhang steht. Dafür werden Daten einer face-to-face Befragung von Bewohner*innen aus 16 zufällig ausgewählten Langzeitpflegeeinrichtungen der SeneCura Gruppe in Österreich ausgewertet. Im Zeitraum von August bis September 2020 wurden insgesamt 259 Bewohner*innen befragt.

Für die Bewohner*innen bedeutet die Pandemie eine erhebliche emotionale Belastung, denn 64% der Befragten geben an, sich allgemein Sorgen über das Virus zu machen. Dabei zeigt sich, dass Corona-Sorgen in doppelter Weise mit Alltagspraktiken von Pflegeheimbewohner*innen in Verbindung stehen: So führt sowohl ein häufiger telefonischer oder persönlicher Kontakt zu Angehörigen (Kontakthypothese), als auch eine starke emotionale Einsamkeit (Isolationshypothese) zu einer signifikant höheren Corona-Sorge.

Die Daten zeigen daher, dass eine differenzierte Betrachtung der Situation von Pflegeheimbewohner*innen in Zeiten von Covid-19 notwendig ist. Denn obwohl die Pandemie bei emotional-einsamen Personen aufgrund mangelnder Coping-Möglichkeiten zu erhöhten Corona-Sorgen führt, kann dies ein häufiger Kontakt zu Angehörigen nicht ausgleichen. Corona-Sorgen umfassen nämlich nicht nur Ängste vor einer Infektion, sondern auch allgemeine Sorgen, weshalb sich Personen mit viel Kontakt auch allgemein mehr Sorgen über die Auswirkungen der Pandemie auf ihre Angehörigen machen. Die Daten verstärken daher den Ruf nach einer Berücksichtigung der Heterogenität von Pflegeheimbewohner*innen im Umgang mit der Pandemie, um so sinnvolle Interventionen planen zu können.