Veranstaltungsprogramm

Sitzung
ad_AmbiAnonyÜber: Ad-hoc-Gruppe - Ambivalenz, Anonymität, Überforderung – Aktuelle Spannungsfelder an Hochschulen vor dem Hintergrund des digitalen Lehrens und Lernens
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Katharina Resch, Universität Wien
Chair der Sitzung: Isabel Steinhardt, Universität Kassel
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen

Das digitale Selbst im Seminar

Achim Brosziewski

Pädagogische Hochschule Thurgau, Schweiz

Der Begriff des digitalen Selbst bezeichnet eine Modalität des Selbst (und nicht etwa ein Doppel oder eine Unterabteilung des Selbst). Kommunikation — also auch Lehre, Unterricht, Seminar — kommt dann zustande, wenn mindestens zwei selbstbezügliche Systeme in Kontakt zueinander treten und einen Eigenprozess etablieren, in dem sich beide Selbstbezüge durch Bezug auf das je andere Selbst in ihren Möglichkeiten einschränken (Luhmann 1984; Fuchs 2001; Baecker 2002). In diesem Rahmen lässt sich fragen, wie Digitalität kommunikativ an den Selbsteinschränkungen beteiligt wird.

Das digitale Selbst wird in der Rolle des „Users“ ausgebildet (Kay 1984; Oudshoorn & Pinch 2003). Anders als andere gesellschaftsstrukturelle Rollen (Ärztin & Patient, Käufer & Verkäufer, Regierende & Regierte, Künstlerin & Betrachter, Dozierende & Studierende, …) handelt es sich beim User um eine einsame Rolle, soll heissen: um eine Rolle ohne eine direkte Komplementärrolle. Der User wird allein über „Interfaces“ und „Designs“ von Gebrauchsmöglichkeiten (Winograd & Flores 1986) mit anderweitigen Rollen (Programmierern, Hard- und Softwaredesignern, Plattformbetreibern, …) vermittelt. Die sogenannte Digitalisierung der Gesellschaft vollzieht sich als Einbau des User-/Interface-Duals in die funktionsspezifischen Rollenverhältnisse.

Der Vortrag konkretisiert diesen allgemeinen Rahmen für die Digitalisierung der Bildung am Fall ihres Kernprozesses, des Unterrichts respektive für den Hochschulbereich: des Seminars und seminarähnlicher Veranstaltungen. Gerade im Vergleich mit dem klassischen Bildungssubjekt, dem literalen Selbst (Pott 1995), ist zu ermitteln, welche spezifischen Ansprüche (inklusive Überforderungen) an Unterricht, Dozierende und Studierende genuin auf die Digitalisierung zugerechnet werden können — und welche Ansprüche bereits durch das literale Selbst der Kommunikationsform Seminar vorgegeben sind.

Baecker, Dirk (2002): Wozu Systeme? Berlin.

Kay, Alan (1984). Computer Software. Scientific American, 251(3), 41-47.

Fuchs, Peter (2001). Die Metapher des Systems. Weilerswist.

Luhmann, Niklas (1984). Soziale Systeme. Frankfurt/M.

Oudshoorn, Nelly & Pinch, Trevor J. (eds.) (2003). How Users Matter. Cambridge.

Pott, Hans-Georg (1995). Literarische Bildung. München.

Winograd, Terry & Flores, Fernando (1986). Understanding Computers and Cognition. Norwood.



Analog↔Digitale Lehrpraktiken in der Corona-Pandemie

Isabel Steinhardt1, Nadine Bernhard2

1Universität Kassel, Deutschland; 2Humboldt-Universität Berlin, Deutschland

In den letzten drei Corona-Semestern wurden Lehrende vor die Herausforderung gestellt Online-Lehre durchzuführen, auf die sie oftmals didaktisch nicht vorbereitet waren und für die sie keine Lehrroutinen und -praktiken hatten, obwohl die meisten Hochschulen über lehrbezogene E-Learning- und/oder Digitalisierungsstrategien verfügen. Lehrpraktiken sind inkorporierte Handlungsschemata, auf die gerade in Krisensituationen zurückgegriffen wird (Szczyrba & Wiemer, 2011). Entsprechend waren die Corona-Semester ein Experimentalraum, wie sich Lehrpraktiken von analog zu digital verändern könnten. Dabei ermöglicht der Fokus auf Praktiken (Bourdieu, 1976; Reckwitz, 2003; Schäfer, 2016) eben diese Veränderungen und Inkorporationen von analog↔digital nachzuvollziehen.

Wie sich Lehrpraktiken in den Corona-Semestern verändert haben, soll daher anhand des Projektes „AEDiL - AutoEthnographische Forschung zu digitaler Lehre und deren Begleitung“ (Autor:innengruppe AEDiL, 2021) über die Rekonstruktion von Lehrpraktiken von 15 Lehrenden dargestellt werden. Es zeigt sich, dass bei der Umstellung auf Online-Lehre auf bekannte Praktiken zurückgegriffen wird, die in das Digitale transferiert werden und dort zu analog↔digitalen Lehrpraktiken werden. Digitale Lehrpraktiken, die allein durch digitale Artefakte entstehen (Steinhardt, 2020) wurden hingegen nicht gefunden.

Literatur

Autor:innengruppe AEDiL. (2021). Corona-Semester reflektiert Einblicke einer kollaborativen Autoethnographie. Bielefeld: wbv.

Bourdieu, P. (1976). Entwurf einer Theorie der Praxis: Auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft (Wiss. Sonderausg.,1. Aufl). Frankfurt/M: Suhrkamp.

Reckwitz, A. (2003). Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive. Zeitschrift für Soziologie, 32(4), 282–301. https://doi.org/10.1515/zfsoz-2003-0401

Schäfer, H. (Hrsg.). (2016). Praxistheorie: Ein soziologisches Forschungsprogramm. Bielefeld: Transcript.

Steinhardt, I. (2020). Digitale Praktiken und das Studium. SocArXiv. https://doi.org/10.31235/osf.io/rebh7

Szczyrba, B., & Wiemer, M. (2011). Lehrinnovationen durch doppelten Perspektivwechsel—Fachkulturell tradierte Lehrpraktiken und Hochschuldidaktik im Kontakt. In I. Jahnke & J. Wildt (Hrsg.), Fachbezogene und fachübergreifende Hochschuldidaktik (S. 101–110). Bielefeld: wbv.



Veränderte soziale Zugehörigkeit zur Hochschule während des Home Learnings

Katharina Resch

Universität Wien, Österreich

Studierende waren 2020 unterschiedlichen neuen digitalen Lehrerfahrungen vor dem Hintergrund der COVID19 Pandemie im remote distance teaching ausgesetzt (Bozkurt et al. 2020). Diese digitalen Erfahrungen werden als zunehmend anonyme, entfremdete und ambivalente soziale Erfahrungen geschildert. Studierende konnten der digitalen Lehre sowohl positive Effekte durch die zeitliche und räumliche Flexibilität als auch negative Effekte durch die Distanz zu Studienkolleg*innen und Lehrenden abgewinnen (Albrecht & Revermann 2016). Besonders verändert hat sich in dieser Zeit der digitalen Lehre allerdings das soziale Zugehörigkeitsgefühl zur Hochschule.

Der Beitrag befasst sich empirisch mit dem veränderten sozialen Zugehörigkeitsgefühl von n=640 Studierenden zu ihrer Hochschule während der COVID19 Pandemie (social and academic integration, Tinto 1975). Dazu wurde eine Fragebogenerhebung mit Studierenden der Universität Wien von April 2020 bis Juni 2020 mittels SoSci Survey durchgeführt. 75% der teilnehmenden Studierenden waren männlich, 25% weiblich. Das Alter betrug zwischen 18 und 81 Jahren im Durschnitt 26 Jahre (Mittel= 26, SD=11.61). Ca. 11% der Studienteilnehmenden waren Studierende im ersten Semester, ca. 19% sin dim Ausland geboren und ca. 15% gaben Deutsch nicht als ihre Erstsprache an.

Die Ergebnisse der Fragebogenerhebung zeigen, dass die soziale und die akademische Integration der Studierenden während des ersten Lockdowns 2020 deutlich zurückgegangen sind. Das Maß an gefühlter Unterstützung von Lehrenden konnte signifikant positiv mit höheren Einschätzungen der sozialen und akademischen Integration verknüpft werden. Das Alter der Studierenden stellte sich als ein Prädiktor für soziale Integration heraus. Weiters waren Erfahrungen und Zugehörigkeitsgefühle zur Hochschule – gemessen an der sozialen und akademischen Integration – signifikante Einflussfaktoren für Studierendenzufriedenheit.

Die Studie gibt interessante Einblicke die veränderten Zugehörigkeitsgefühle von Studierenden während der COVID19 Pandemie und diskutiert die Ergebnisse in Hinblick auf künftige Entwicklungen und weitere Einschränkungen der Präsenzlehre.