Veranstaltungsprogramm

Sitzung
ad_upside: Ad-hoc-Gruppe - Upside down? Krisen und Chancen des Raums in der (Post-)Corona-Gesellschaft
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Andreas Schulz, soziologiemagazin e.V.
Chair der Sitzung: Veronika Riedl, Soziologiemagazin
Chair der Sitzung: Cathrin Mund, Universität Bayreuth / soziologiemagazin e.V.
Chair der Sitzung: Marlene Müller-Brandeck, Ludwig-Maximilians-Universität München
Chair der Sitzung: Philipp Meinert, Soziologiemagazin
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen

Digitale Nachbar*innenschaften in Zeiten von Corona – neue Solidarität, alte Ungleichheit?

Nina Böcker, Steffen Jähn

vhw - Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e.V., Deutschland

Nachbar*innenschaften waren bereits vor Corona durch digitale Medien geprägt: die Whatsapp-Gruppe der Hausgemeinschaft, die Kiezgruppe auf Facebook, die Hood auf nebenan.de. Durch digitale Vernetzung können die Identifikation mit der Nachbar*innenschaft gestärkt und verschiedene Formen von Sozialkapital aufgebaut werden (Becker & Schnur 2020).

Die Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie seit Frühjahr 2020 steigerten nochmals die Bedeutsamkeit digitaler Strukturen in der Nachbar*innenschaft: Auf einmal waren etwa viele Menschen auf Hilfe beim Einkaufen oder bei Botengängen angewiesen. Gleichzeitig wuchs die Hilfsbereitschaft vor Ort. Bei der Vermittlung zwischen beiden Seiten wurde verstärkt auf digitale Tools zurückgegriffen.

In unserem Beitrag wollen wir erste Ergebnisse des Forschungsprojekts „Digitale Transformationen im Quartier“ vorstellen. In vier kontrastierenden Berliner Nachbar*innenschaften haben wir mit einem Mixed-Methods-Ansatz (quantitative Nutzer*innen-Analysen, qualitative Auswertung digitaler Nachbar*innenschaftsgruppen, qualitative Interviews, standardisierte Befragung) untersucht, wie sich in der Pandemie nachbar*innenschaftliche Praktiken mittels digitaler Medien verändern, welche neuen digitalen Räume des Austauschs und der gegenseitigen Unterstützung entstehen und welche Auswirkungen das auf den Ressourcentransfer in Nachbar*innenschaften hat. Ausgangspunkt war die Annahme, dass durch ungleiche Zugänge zu digitalen Medien in der Pandemiesituation prägnante Unterschiede in der Teilhabe am (digitalen) nachbar*innenschaftlichen Austausch sowie im Zugang zu Hilfsangeboten entstehen. In unserem Beitrag gehen wir daher der Frage nach, ob sich durch digitale Re-Konfigurationen von urbanen Räumen soziale Ungleichheiten verstärken bzw. neue entstehen und welche Formen gegenseitiger Hilfe und Solidarität online geschaffen werden.

Literatur

Becker, Anna und Schnur, Olaf (2020): Die Digitalisierung des Zusammenlebens: Über die Wirkungen digitaler Medien in Quartier und Nachbarschaft. In: Christine Hannemann et al. (Hg.), Jahrbuch StadtRegion 2019/2020: Digitale Transformation. Wiesbaden: Springer, S. 3-24.



Politische Dimensionen Urbaner Interventionen: Parklets als Impulse für nachbarschaftliche Öffentlichkeiten?

Ole Gärtner

Hochschule München, Deutschland

Im Zuge der Maßnahmen zur Eindämmung der Coronakrise zeigte sich eine gesteigerte Bedeutung des öffentlichen Raums, die sich in München u.A. in der Ausweitung der Freischankflächen und der Verkehrsberuhigung einiger Wohnstraßen äußerte. Im Sommer 2021 werden die „saisonalen Stadträume“ wiederholt und um „Parklets“ – eine Form der temporären Umnutzung von Parkplätzen zu Aufenthaltsräumen – ergänzt. Als urbane Intervention werden Parklets hauptsächlich im Kontext der sozial-ökologischen (Mobilitäts-) Wende diskutiert und dabei als partizipatives Planungsinstrument verstanden. Ihre politischen Dimensionen wurden bisher außer Acht gelassen, obwohl die kleinteilige Quartiersebene als Keimzelle für eine lebendige politische Kultur gesehen wird und öffentliche Räume als konstitutiv für demokratische Gesellschaften gelten. Seinerseits wird das lokale Lebensumfeld zwar als Wiege der Demokratie angesehen, aber kaum mit Raumbezug diskutiert.

In dem Beitrag wird diskutiert, inwiefern Parklets ein Quartier aktivieren und womöglich demokratisierende Impulse geben. Ausgehend von ontologischen Begrifflichkeiten aus der Raumsoziologie (Löw 2001) und Akteur-Netzwerk-Theorie (Wilde 2021, Latour 2007) wird diese Annahme über die politische Wirkung der Interventionen durch ethnografische Erhebungen in München empirisch unterfüttert und unter Einbeziehung folgender theoretischer Dimensionen diskutiert: Parklets eröffnen erstens einen Raum für agonistische Konflikte bzw. sind Gegenstand agonistischer Raumproduktion (Lefebvre 1991; Rancière 2002). Indem sie zweitens einen situativen Ort mit bühnenhaftem Charakter darstellen und somit Sichtbarkeit für unterschiedliche Lebensentwürfe erzeugen, haben sie eine performative Wirkung (Dirksmeier et al. 2011; Butler 2018). Drittens wird in einer pragmatistischen Perspektive deutlich, dass die Gegenstände der Auseinandersetzungen zu organisierenden Agenten nachbarschaftlicher Netzwerke werden können (Dewey 1996; Marres 2005).



Eine Verschiebung der Ungleichheiten: Studentische Lebensstile und die Räume universitärer Bildung im Lockdown

Guy Schwegler, Hannah Göldi, Hanna Hubacher, Michelle Kobler, Maurice Köpfli, Samea Matter, Simon Räber, Irina Wais

Universität Luzern, Schweiz

Eine der fundamentalsten Veränderungen, die aus den Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus folgte, war eine Neuorientierung auf die eigenen vier Wände. Das Arbeiten von Zuhause wurde dabei nicht nur zur Realität für verschiedenste berufstätige Personen: Denn mit der Schließung der Räume von Bildungsinstitutionen mussten sich auch Schüler*innen und Studierende mit dem Homeoffice abfinden. Während die Auswirkungen auf Schulen bereits früh öffentlich verhandelt wurden, erhielten die Student*innen spätestens mit dem Andauern der Pandemie in den folgenden Semestern vermehrt Aufmerksamkeit. Im diesem Vortrag widmen wir uns den Veränderungen für Studierende, die sich aus der räumlichen Neuorientierung im Lockdown ergaben.

Die Grundlage für den Vortrag bildet unser BA Mixed-Methods Forschungsseminar, das im Frühling 2020 an der Universität Luzern stattfand. Im Rahmen dessen führten wir Leitfadeninterviews mit 26 Studierenden. Ebenfalls baten wir die interviewten Personen ein Tagebuch zu führen und ihre Aktivitäten zu protokollieren. Die so gewonnenen Daten wurden mit Befragungsdaten aus einem Semester vor der Pandemie verknüpft. Im Zentrum unseres Interesses standen die sozialen Ungleichheiten, die sich in den studentischen Lebensstilen zeigen. Unsere Ergebnisse fassten wir in Anlehnung an Ulrich Beck über Konzepte von ‚alten‘ und ‚neuen‘ Ungleichheiten sowie Individualisierung.

Während in Diskussionen um die Folgen für Ungleichheiten durch die Pandemie oft von einer Verstärkung gesprochen wird, möchten wir auf eine Verschiebung aufmerksam machen. Mit der räumlichen Neuorientierung vom Universitätsgebäude in die eigenen vier Wände wurden bestimmte Ressourcen einer ‚alten‘ Verteilung von gesellschaftlichem Reichtum wieder wichtiger: räumliche Gegebenheiten der Wohnsituation, Informations- und Kommunikationstechnik oder auch die sozialen Kontakte in der unmittelbaren Umgebung. Dies stellt eine besondere Herausforderung für Studierende aus sozial benachteiligten Schichten dar. Deren Unterschiede zu anderen Studierenden wurden vor dem Lockdown teilweise durch die Institution Universität und deren Räume ausgeglichen. Im Sinne einer Verschiebung treten nun die Ungleichheiten in der Pandemie wieder zu Tage.



Die Corona-Pandemie als Krise des Raums - eine praxeologische Perspektive

Luca Reinold1, Anna Baatz2

1Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg; 2Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung

Die Pandemie hat aufgrund der sich ständig verändernden Vorgaben und Empfehlungen Formen der Raumnutzung und -deutung auf den Kopf gestellt. Dieser Diskussionsbeitrag nimmt eine praxeologische Perspektive auf die Konsequenzen räumlicher Neuordnungen sowie die Potentiale für einen Wandel hin zu naturnahen Praktiken in der Post-Corona-Gesellschaft ein.

Die Maßnahmen zum Infektionsschutz verändern die Bedeutung von Körperlichkeit sowie von Räumen fundamental. Körperlichkeit erlangt aufgrund von Infektionsrisiken neue Bedeutsamkeit. Diesbezüglich ist eine praxeologische Betrachtung spannend: Materielle Instanzen (Artefakte und Körper) werden nach Reckwitz (2003) in Praktiken sinnhaft eingesetzt und ermöglichen sowie begrenzen diese. Praktiken beruhen zudem auf kontextspezifischen Deutungen und der Anwendung inkorporierten Wissens. Das auf Raumnutzung bezogene praktische Wissen wird durch die pandemiebedingten Neuordnungen aktualisierungsbedürftig, sodass Routinen unterbrochen werden. Diskutiert werden sollen mögliche motivationale Folgen einer so forcierten Re-Lokalisierung und Neuaushandlung von Routinen vor dem Hintergrund akuter Neuorientierungszwänge.

Mit dieser praxeologischen Perspektive wollen wir auf theoretischer Ebene beleuchten, inwiefern räumliche Neuordnungen und unterbrochene Routinen Chancen für einen Wandel hin zu naturnahen Praktiken in der Post-Corona-Gesellschaft darstellen. Als ‚naturnah‘ betrachten wir Praktiken, die in Naturräumen stattfinden oder darauf ausgelegt sind, solche zu schützen. Naturnahe Praktiken (bspw. zur Erholung) sollen eine Verbindung zur Natur schaffen und so das Umweltbewusstsein stärken und zur Nachhaltigkeitstransformation beitragen (Chawla 1998). Diesbezüglich lässt sich einerseits beobachten, dass viele Praktiken aufgrund geringerer Infektionsrisiken in Naturräume verlagert werden. Die Notwendigkeit der Neuverortung von Praktiken könnte Anlass zur Reflektion von Routinen auch nach der Pandemie geben (Shove, Walker 2010). Andererseits könnten die erzwungenen Neuorientierungen auch dazu führen, dass die Motivationen, naturnahe Praktiken auszuüben, mit den pandemiebedingten Zwängen assoziiert werden. Die Motivation, an naturnahen Praktiken zu partizipieren, könnte so gehemmt werden, sodass eine Rückkehr zum Status quo ante erfolgt.



No tears for the creatures of the night? Die Krise nächtlicher Heterotopien in der Corona-Gesellschaft.

Steven Reinhardt

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland

Seit dem Beginn der Covid-19-Pandemie sind in Deutschland alle Nachtclubs, Bordelle, Swinger-, Saunaclubs geschlossen. Neben der offensichtlichen wirtschaftlichen Funktionskrise kann durch die theoretische Bezugnahme auf Michel Foucaults Konzept der Heterotopie und Anthony Giddens‘ Theorie der raum-zeitlichen Situiertheit alltäglichen Handelns daher eine weitere gesellschaftliche Funktionskrise soziologisch in den Blick genommen werden: die Krise von nächtlichen Heterotopien.

Diese Orte des Nachtlebens können, trotz ihrer Unterschiede, im engen Sinne als Heterotopien begriffen werden. Insbesondere kennzeichnen sie beinahe paradigmatisch die Verschränkung von divergierenden Räumen in einem Ort, temporären Heterochronien und die Ein- und Ausschließungsmechanismen von Heterotopien. Als ‚nächtliche‘ Gegenorte des alltäglichen Raums kommen ihnen spezifische gesellschaftliche Funktionen zu. Sie sind ‚geschützte‘ Orte der Nähe und der temporären körperlichen Ekstase – Orte der unkontrollierten Körperlichkeit. Dementsprechend galten sie den Autoren bereits als Orte realisierter Utopien (Foucault) und/oder als Orte der Kompensation und Suspendierung von sozialer Selbst- und Fremdkontrolle (Giddens).

Mit ihrer Schließung geraten nicht nur die Orte in eine Krise, sondern auch die immanent mit dem Raum verbundenen heterotopischen Funktionen. Soziologisch kann danach gefragt werden, ob und wie diese gesellschaftlichen Funktionen in der Corona-Gesellschaft kompensiert werden. Wird in dieser Hinsicht nach einem möglichen empirischen Untersuchungsgegenstand gefragt, erweist sich die Suche bereits durch die strukturellen Eigenschaften der Heterotopien als äußerst schwierig. Exemplarisch sticht im medialen Diskurs dennoch eine Lobbyorganisation heraus: die „Clubcommision Berlin“. An den zugänglichen Mitteilungen dieses Verbandes, vor und in der Covid-19-Pandemie, lassen sich sowohl das heterotopische Selbstverständnis der Akteure der Berliner Clubszene als auch deren Kompensationsbemühungen aufzeigen. Bemerkenswerter Weise betreffen diese Bemühungen insbesondere die topografische Dimension der Clubkultur und changieren zwischen gesellschaftlicher Anerkennung (Kulturstätten), digitalem Raum („United We Stream“) und topografischer Entgrenzung („Kultur im Grünen“).