Veranstaltungsprogramm

Sitzung
ad_StruktBenach: Ad-hoc-Gruppe - Strukturelle Benachteiligung von Müttererwerbstätigkeit im deutschsprachigen Raum als Folge von Homeoffice und Lockdown in der Corona Pandemie
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Felizitas Sagebiel, Bergische Universität Wuppertal
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen

Mutterschaft und Wissenschaft. Über die (Un-)Vereinbarkeit von Mutterbild und wissenschaftlicher Tätigkeit

Lena Eckert1, Sarah Czerney2, Silke Martin3

1Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland; 2Leibnis Institut für Neurobiologie; 3Universität Erfurt

Die Pandemie, das ist nun oft beobachtet und beschrieben worden, spitzt nicht nur diese gesellschaftliche Schieflage und strukturelle Ungerechtigkeit zu. Eine besondere Zuspitzung lässt sich an der Figur der Mutter beobachten: Mütter von kleinen Kindern werden gerade als die Verliererinnen der Pandemie bezeichnet. Noch mehr gilt das für mehrfachdiskriminierte Mütter und Alleinerziehende, die erwerbstätig sind. Diese Benachteiligung / Diskriminierung von Müttern lässt sich auch in der Wissenschaft beobachten – auch dort sind es v.a. Mütter von Kindern unter 5 Jahren, die abgehängt werden (Oleschuk 2021, Myers et al. 2020). Während die Publikationen von Männern/Vätern während der Pandemie stiegen, sind die von Müttern immens eingebrochen. Die Soziologin Merin Oleschuk warnt deshalb davor, dass eine ganze Generation von Frauen, v.a. von denen, die Mütter sind, mitsamt ihrem Wissen verloren gehen könnten.

Mutterschaft ist in der Wissenschaft unsichtbar, wenn man von üblichen Vereinbarkeitsdiskursen absieht. Sowohl im akademischen Betrieb sind Mütter spätestens nach der Promotion selten und in der feministischen Theorie und Geschlechterforschung ist Mutterschaft fast eine „Leerstelle“ (Reusch 2018). Dabei, so unsere These, lässt sich exakt an Müttern aufzeigen, was die AD HOC Gruppe adressiert: die strukturelle Benachteiligung von Müttern in der Wissenschaft, die sich durch die Folge von Homeoffice und Lockdown in der Corona Pandemie nochmals verstärkt

Diesen Fragen möchten wir anhand einer Lesung aus unserem Buch, das vor der Pandemie vorbereitet wurde und im Dezember 2020 erschien und einer anschließenden Diskussion nachgehen. Das Buch versammelt autoethnographische Analysen des Feldes Mutterschaft/Wissenschaft, intergenerationelle Interviews zwischen Müttern aus unterschiedlichen Statusgruppen und essayistische Annäherungen an die Komplexität der Idealisierung und Ideologisierung beider Positionen.



Horizontale und vertikale Segregation zwischen Müttern und Vätern als Verführung zur überproportionalen Übernahme von Care-Aufgaben durch Mütter in der Pandemie

Felizitas Sagebiel

Bergische Universität Wuppertal, Deutschland

Der Beitrag beschäftigt sich in Thesenform mit einem Vergleich diskriminierender Aspekte der Müttererwerbstätigkeit vor und während der Pandemie.

1) Die horizontale Segregation, d.h. die Ungleichverteilung der Geschlechter auf Ausbildungen, Studiengänge und Berufe ist ein Spiegel der ungleichen Machtverteilung auf die Geschlechter. Es gibt Frauen-und Männerberufe, wobei erstere schlechter bezahlt werden. Der Männeranteil an den Auszubildenden der nichtakademischen Gesundheitsdienstberufe (Frauenberufe) liegt bei 16%, der Frauenanteil an den Auszubildenden in technischen Ausbildungsberufen (Männerberufe) bei 11%. Entsprechendes existiert auf der akademischen Ebene. Dass Frauen in deutschsprachigen Ländern häufig weniger als ihre Partner verdienen, lässt sie in der Pandemie eher beruflich zurückstecken und Care Aufgaben im größeren Umfang übernehmen (Allmendinger 2021).

2) Die vertikale Segregation ist Ausdruck der geschlechtlich unterschiedlichen hierarchischen Machtverteilung in der Gesellschaft. Der dritte Gleichstellungsatlas der Bundesregierung weist in Verwaltungsspitzenpositionen nur 11% Frauen aus. Bei Hochschulprofessuren sind es 22%, bei Führungspositionen in der Privatwirtschaft 2014 (oberste Ebene) sind es 25% Frauen. Informelle Männernetzwerke, die Frauen als ‚Andere‘ ausschließen (Sagebiel 2021) gehören zu den generellen Behinderungen für Frauen, die Karriere machen wollen. Geschlossene Schulen und Kitas mit dem Verweis von Betreuungsaufgaben an die Familie, treffen Mütter auch in gehobenen Positionen überproportional mit langfristigen Auswirkungen auf Karrieren und Verlust von Einkommen und Renten im Alter.

These 3: Die Vereinbarkeit von Machtpositionen mit privatem Leben/ Familie ist kein individuelles sondern ein strukturelles Problem. Die unterschiedlich häufige Teilzeitbeschäftigung (45 % Frauen zu 9 % Männer) führt bei Müttern und Vätern mit jüngstem Kind unter drei Jahren (2014) zur unterschiedliche Erwerbsquote (32% zu 82%). Während der Pandemie hat sich diese Differenz verschärft. Das Homeoffice in der Pandemie hat auch Mütter, die Wissenschaftlerinnen sind, strukturell benachteiligt, sie veröffentlichten weniger. „Das Homeoffice bringt die Figur der wartenden Mutter (Ilona Ostner) zurück, auf der die deutsche Sozialpolitik beruht.“ (Allmendinger 2021: 74)