Veranstaltungsprogramm

Sitzung
ad_SozUKrise: Ad-hoc-Gruppe - Soziologie und Krise
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Joris Steg, Bergische Universität Wuppertal
Chair der Sitzung: Jenny Preunkert, Universität Duisburg-Essen
Chair der Sitzung: Johannes Kiess, Universität Siegen
Chair der Sitzung: Martin Seeliger, Universität Hamburg
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Externe Ressource:
Präsentationen

Krise und Kriitk. Das schwierige Geschäft soziologischer Zeitdiagnose

Hans-Peter Müller

Humboldt-Universität Berlin, Deutschland

Die Soziologie gilt als Krisenwissenschaft, deren Expertise vor allem in Krisenzeiten nachgefragt wird. Seit Marxens Zeiten bedeutet das, Gesellschaftstheorie, Gesellschaftsanalyse und Gesellschaftskritik so zu verknüpfen, dass daraus evidenzbasierte Zeitdiagnosen entspringen können. Aber wie macht man das? Wie kommt man zu einer soliden Zeitdiagnose, die die „Zeichen der Zeit“ auf den Begriff bringt? Und welche Fallstricke stellen sich bei dem ambitionierten Versuch ein, der Gesellschaft ihren Spiegel vor Augen zu halten? Unter Rückgriff auf Beispiele aus meinem jüngsten Buch, Krise und Kritik (Suhrkamp 2021), werden einige typische Probleme der Zeitdiagnostik diskutiert.



Zur Eigendynamik akuter Krisen: Begriffsschärfung und Krisenanalyse

Tjorven Harmsen

Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), Erkner, Deutschland

Nicht erst seit der Corona-Pandemie befindet sich der Begriff der Krise in nahezu inflationärem Gebrauch. Klimawandel, Fluchtmigration, Brexit sind nur ein paar weitere der darunterfallenden Stichworte. Was aber steckt dahinter? Und was sollte die Soziologie dazu sagen? Der Beitrag möchte drei Konzeptionsangebote machen, die auf eine Begriffsschärfung abzielen sowie eine fundierte Krisenanalyse ermöglichen. Er basiert auf Ergebnissen eines empirischen Forschungsprojekts zu Krisenverläufen („RESKIU“).

(1) Generisches Krisenverständnis: Krisen sind beobachterabhängig und sollten in Relation zu einem jeweiligen Bezugssystem gefasst werden. Für die Soziologie sind sie interessant, wenn sie Soziales betreffen. Unterschieden werden kann der Auslösekomplex in der Umwelt (wie das Coronavirus). Der Krisenbegriff soll hier die akute Gefährdungslage eines sozialen Bezugssystems bezeichnen. Dieses erkennt zentrale Werte oder Strukturen als bedroht an und sieht sich auf Basis ungesicherter Information zur dringlichen Reaktion gezwungen.

(2) Erfassung von Krisenverläufen: Zwar ist mit dem heute grenzüberschreitenden Charakter schnell die Rede von „der einen“ (Corona-)Krise. Analytischen Vorteil erbringt jedoch die Einzelbenennung einer Vielzahl simultaner Krisen (z.B. „Verwaltungskrise“). Anhand qualitativ erhobener „Krisenbiographien“ kann der Beitrag Verlaufsdynamiken zeigen, die sich aus sozialen Interdependenzen und den Anforderungen der Situation ergeben. Darstellbar ist, wie ein soziales System zwischen Kognition und Aktion changiert, um die Lage zu bewältigen. Während sich in der „Chaosphase“ Ereignisse überschlagen und massive kognitive Einschränkungen beobachtbar sind, kommen Beteiligte im weiteren Verlauf zunehmend „vor die Lage“ und können schließlich der Krise eine (temporale) Struktur geben. Eine Krise findet also zweimal statt: als unüberschaubares Erleben und als geordnetes Erzählen (z.B. als Untersuchungsbericht).

(3) Unterscheidung akuter und latenter Lagen: Der Begriff der Krise sollte ausschließlich zur Beschreibung akuter Lagen genutzt werden. Latente Lagen (z.B. „Klimawandel“) sind tieferliegende Problemzusammenhänge, welche die Struktur- oder Legitimationsebene eines Systems betreffen und sehr wohl den Erklärungskontext für den akuten Fall bilden. Nicht jedoch besitzen sie Beschreibungswert für die sehr spezifische Eigendynamik des akuten Krisenfalls.



Wirtschaft - Lockdown - Krise

Klaus Kraemer

Universität Graz, Österreich, Institut für Soziologie

In diesem Beitrag wird die prekäre Lage der von Lockdowns unmittelbar betroffenen Wirtschaftssektoren zum Ausgangspunkt genommen, um die Leistungsfähigkeit der Wirtschaftssoziologie bei der soziologischen Analyse der Coronakrise kritisch zu prüfen. Die besondere Aufmerksamkeit soll darauf gerichtet werden, ob bzw. inwiefern zentrale Grundannahmen der älteren und neueren Wirtschaftssoziologie genutzt werden können, um wirtschaftliches Handeln im pandemischen Ausnahmezustand zu untersuchen. Im Einzelnen sollen folgende Fragestellungen aufgeworfen werden: Ist das Rationalmodell wirtschaftlichen Handeln im Lockdown suspendiert? Wie werden unternehmerische Ungewissheiten vor dem Hintergrund des weiteren Verlaufs der Pandemie bewältigt? Spielen "fiktionale" (Beckert) Zukunftserwartungen eine Rolle? Ist das populäre Einbettungstheorem (Granovetter) der Neueren Wirtschaftssoziologie hilfreich oder eher ungeeignet, um die außeralltägliche Lage von Lockdown-Unternehmen soziologisch zu erfassen? Wie wirkt sich der Lockdown auf die in normalen Zeiten üblichen Wert- und Preisbildungsprozesse aus? Der Beitrag schließt mit einigen Überlegungen zur Frage, inwiefern die Befunde zur Fragilität der vom Lockdown betroffenen Unternehmen auf andere Marktsegmente und Wirtschaftssektoren übertragen werden können und welche Schlussfolgerungen sich hieraus für eine allgemeine Soziologie wirtschaftlicher Krisen ergeben.



Wie die Dynamiken der Care-Krise erklären?

Emma Dowling

Universitaet Wien, Österreich

Schon länger spitzen sich steigender Pflege- und Sorgebedarf, reduzierte Pflegefinanzierung und mangelnde Zeit, für sich selbst und füreinander zu sorgen, zu einer Care-Krise zu. Immer mehr Menschen benötige Care, und dieser Gesamtbedarf wird immer teurer; der steigende Kostendruck wird aber an diejenigen weitergeleitet, die unbezahlt und unterbezahlt Sorgetätigkeiten ausüben. Die individualisierte Verantwortung für das Sorgen bei einer gleichzeitigen Indienstnahme von Verantwortungsgefühl und Mitgefühl erhält tradierte Sorgebeziehungen und die damit einhergehende Klassen- und Geschlechterverhältnisse aufrecht und vertieft sie sogar. Bei einer Care-Krise handelt es sich um eine Erschöpfung gesellschaftlicher Sorge- und Pflege-Ressourcen. Sie entsteht da, wo Menschen nicht hinreichend für sich und andere sorgen können, wo Menschen, die von der Fürsorge anderer abhängig sind, diese nicht im nötigen Ausmaß erhalten, und auch wo Menschen, die bezahlt oder unbezahlt für andere sorgen, ihre Tätigkeit nur noch eingeschränkt oder nur um den Preis von Selbstschädigung ausführen können. In einer von Ungleichheit geprägten Gesellschaft sind die Effekte einer Care-Krise ungleich verteilt, und wirkliche Auswege sind nicht in Sicht. In diesem Beitrag sollen grundlegende, krisenhafte Dynamiken des Verhältnisses zwischen Kapitalakkumulation und sozialer Reproduktion diskutiert werden, um auszuloten wann, warum und für wen Care-Krisen entstehen und wie neue und relativ stabile Care-Regime hervorgebracht werden könnten, um sie zu bewältigen.



Die Pandemie als Wissenskrise

Alexander Bogner

Österreichische Gesellschaft für Soziologie, Österreich

In diesem Beitrag wird die These vertreten, dass einige Krisen der Gegenwart (Coronakrise, Klimakrise, Demokratiekrise) ganz wesentlich als Wissenskrise verstanden und verhandelt werden. Dahinter steht der Glaube, dass diese Krisen erst dann richtig begriffen oder richtig formuliert werden können, wenn es im Kern um Wissensdinge geht bzw. wenn wir sie als Wissensprobleme verhandeln. In den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken deshalb epistemische Aspekte: Fakten, Evidenzen, kognitive Kompetenzen, wissenschaftliche Expertise.

Mit Blick auf die Demokratie heißt das, dass deren Krise als Folge der Ignoranz gedeutet wird, und zwar auf zwei Ebenen, nämlich als Folge geistig überforderter Wähler und Wählerinnen sowie als Folge inkompetenter Politik. Mit Blick auf den Klimawandel heißt das, dass im Streit um die richtige Klimapolitik vor allem die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Expertise im Mittelpunkt. In der Coronakrise schließlich entwickelte sich mancherorts die Vorstellung, dass die Wissenschaft für politische bzw. normative Fragen richtige Lösungen liefern kann.

Krisensituationen, so die Schlussfolgerung, fördern ganz offensichtlich problematische Rollen(kon)fusionen, auf Seiten der Politik wie auch der Wissenschaft. Während Fachleute mittels der Konstruktion von Konsens Politik zu betreiben beginnen, legitimiert sich demokratische Politik durch Verweis auf die wissenschaftliche Wahrheit. So scheint der Glaube an die Macht des Wissens der demokratiepolitisch bedenklichste Aspekt dieser Krisen zu sein.