Veranstaltungsprogramm

Sitzung
ad_eNeuerDigiStruW: Ad-hoc-Gruppe - Ein neuer, digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit?
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Sebastian Sevignani, Universität Jena
Chair der Sitzung: Martin Seeliger, Universität Hamburg
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen

Smarte Plattformöffentlichkeit, entkernte Deliberation

Fabian Anicker

WWU Münster, Deutschland

Mein Beitrag untersucht die Frage, inwiefern aktuell beobachtbare medientechnische und medienökonomische Wandel hin zu einem digitalen Plattformkapitalismus zu einer theoretischen Neubeschreibung demokratischer Öffentlichkeiten im Sinne eines digitalen Strukturwandels zwingt. Anknüpfend an Habermas' eigene, skeptische Stellungnahme zum deliberativen Potential digitaler Medien (Habermas 2008), möchte ich insbesondere die Frage untersuchen, inwiefern ein medienökonomisches System, in dem nicht einzelne Publikationsmedien, sondern ganze Kommunikationsmärkte im Privatbesitz der Eigentümer und Aktionäre digitaler Plattformen sind (Staab 2019), und in denen thematische Relevanzwahrnehmungen über intelligente Algorithmen gesteuert werden (Gillespie 2014; Fourcade/Johns 2020), sich als Adressat normativer Hoffnungen auf rationale Problembearbeitungen eignet.

Als korrekturbedürftig erscheint dabei nicht Habermas' Skeptizismus bezüglich der Deliberativität von Internetöffentlichkeiten und 'sozialen Medien', wohl aber dessen strukturtheoretische Begründung. Während der Habermas des 'Strukturwandels' ein kulturindustriell hypnotisiertes und zur Passivität verdammtes Publikum entmündigter Medienkonsumenten beschreibt, reproduziert sich die Struktur digitaler Medienöffentlichkeit eher über die selektive Aktivierung eines Prosumer-Publikums. Diese Einbindung wird dabei, genau konträr zur politischen Logik der Integration qua Aggregation von Interessen (wie man sie in deliberativen Theorien etwa Parteien oder dem politischen System als Ganzem zuschreibt), durch die Partikularisierung der Angebote, d.h. durch die immer feinere Clusterung und Zergliederung der User-Base nach ökonomisch verwertbaren und für Kommunikation aktivierbaren Spezialinteressen geleistet. Dabei müssen die Inhalte nicht einmal selbst produziert werden; es reicht bereits aus, vorhandene Tendenzen zu Homophilie durch Algorithmen zu unterstützen und User selektiv mit solchen Inhalten anderer User zu vernetzen, die die monetarisierbare Verweildauer maximieren. Durch diese Logik der Partikularisierung und Fragmentierung, wird eine Selbstwahrnehmung der Privatleute als Publikum, wie sie für die bürgerliche Öffentlichkeit konstitutiv ist, systematisch untergraben.



Der digitale Strukturwandel europäischer Öffentlichkeit

Yannik Peters, Caja Thimm

Universität Bonn, Deutschland

Der digitale Strukturwandel vollzieht sich gegenwärtig auf sämtlichen Ebenen von Öffentlichkeit. Dass digitale Öffentlichkeiten immer auch einen potenziell transnationalen Charakter aufweisen, kann als eine ihrer vielen Strukturmerkmale aufgefasst werden. Aus diesem Grund steht die Digitalisierung von Öffentlichkeit im engen Zusammenhang mit der Frage der Konstitution einer europäischen Öffentlichkeit. Der vorliegende Beitrag möchte ebendieses Wechselverhältnis systematisch aufarbeiten und besonders die Implikationen des digitalen Strukturwandels für den bisherigen Forschungsstand zur europäischen Öffentlichkeit nachvollziehen. Europäische Öffentlichkeit, so die These, muss im Kontext der Digitalisierung rekonzeptualisiert werden. Klassischerweise wurde europäische Öffentlichkeit auf der einen Seite als einheitliche, pan-europäische Medienöffentlichkeit charakterisiert. Auf der anderen Seite wurde von der Europäisierung nationaler Medienöffentlichkeiten ausgegangen. Die Digitalisierung von Öffentlichkeit stellt ebendiese klassischen Konzeptionen in Frage. So widerspricht die netzwerkartige Many-to-Many-Kommunikationsstruktur im Internet der vermeintlich eindeutigen Dichotomisierung europäischer und europäisierter Öffentlichkeit. Digitale Öffentlichkeiten hinterfragen zudem die Agenda-Setting-Funktion der Massenmedien, welche oftmals mit europäischer Öffentlichkeit gleichgesetzt wurden, und ermöglichen mehrdimensionale Formen des Produsage bzw. die aktive Beteiligung der NutzerInnen an der Konstitution von Öffentlichkeit. Aus demokratietheoretischer Perspektive erweist sich daher das liberal-repräsentative Modell zumindest in Bezug auf die europäischen Öffentlichkeiten des Internets als nicht länger angemessen. In den fragmentierten Öffentlichkeiten des Social Web kann europäische Öffentlichkeit als eine Vielzahl von sich überlappenden ereignis- und themenzentrierten Mini-Publics verstanden werden, die sich u.a. über Hashtags themen- und ereignisspezifisch strukturieren (z.B. #article13 oder #EuropeanElections). Diese europäischen Öffentlichkeiten kommunizieren allerdings nicht in neutraler Kommunikationsumgebung, sondern auf Grundlage von Plattformen und den von ihnen eingesetzten Algorithmen. Facebook, Twitter und Co strukturieren und regulieren die digitale, transnationale Kommunikation.



Prekarisierung und Digitalisierung im Strukturwandel betrieblicher Öffentlichkeit

Heiner Heiland

TU Darmstadt, Deutschland

Der Beitrag analysiert kritisch die Leerstellen und das analytische Potential in Jürgen Habermas‘ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ betreffend innerbetrieblicher Diskurse und Auseinandersetzungen. Es wird dargelegt, dass Habermas das Feld der Arbeit nur abstrakt analysiert und dabei insbesondere betriebliche Öffentlichkeiten ignoriert. Demgegenüber werden betriebliche Öffentlichkeiten als ein analytisches Konzept entwickelt, die sich in Unternehmen in Form von a) institutionalisierter Mitbestimmung, b) situativ gewährten Partizipationsangeboten und c) eigensinnigen Öffentlichkeiten der Arbeitenden äußern. Diese drei Felder werden anhand von empirischen Beispielen diskutiert. Es zeigt sich, dass betriebliche Öffentlichkeiten durch Prekarisierung erodieren und vom Management instrumentalisiert werden. Darüber hinaus wirkt Digitalisierung in Richtung einer umfassenden algorithmischen Kontrolle der Unternehmen über betriebliche Öffentlichkeiten, zugleich aber auch zu neuen autonomen Kommunikationsnetzwerken, die proletarische Öffentlichkeiten etablieren, sodass sowohl Refeudalisierung als auch Revitalisierung betrieblicher Öffentlichkeiten zu konstatieren sind.



Agonistische Öffentlichkeiten – Zur Rolle digitaler Medien in zivilgesellschaftlichen Protesten

Ricarda Drüeke

Universität Salzburg, Österreich

„Solidarity forever“ - ein Gewerkschaftssong aus dem Jahre 1915 – spricht zwei zentrale Problemdimensionen an: Solidarität formuliert ein gesellschaftliches Ziel und hat nichts an Relevanz eingebüßt. Solidarität wandelt sich jedoch, reflektiert auch Kämpfe um Deutungsmacht angesichts gesellschaftlicher und technologischer Erneuerungen. Gleichzeitig wird durch den Begriff „forever“ die Frage nach Veränderungen in den Protestformen sozialer Bewegungen angesichts von Digitalisierungsprozessen aufgeworfen und Temporalitäten von Aktivismus und politischen Engagement adressiert. Protestformen ändern sich also, sie sind flüchtiger und weniger beständig, gleichzeitig werden unterscheidbare Gemeinschaften adressiert und es zeigen sich u.a. durch Hate Speech exkludierende Solidaritäten und die Verunmöglichung von Partizipation. Auch hat die Kommerzialisierung und Individualisierung digitaler Medienumgebungen Einfluss auf Proteste.

Die Fragestellungen, denen ich in meinem Vortrag nachgehen möchte, lauten:

• Wie verändern sich Aktivismus und Protest angesichts von Digitalisierungsprozessen?

• Und mit welchen theoretischen Ansätzen lassen sich Protestartikulationen unter den Bedingungen gegenwärtiger Medienkonstellationen verstehen?

Theoretisch beziehe ich mich dabei auf drei Grundannahmen: Meine erste Grundannahme bildet die Auffassung von vielfältigen Öffentlichkeiten sowie unterschiedlicher politischer Kommunikations- und Ausdruckformen (vgl. Fraser 1992). Meine zweite Grundannahme ist dementsprechend, dass Öffentlichkeit kein machtfreier Raum ist. Chantal Mouffe hat, im dezidierten Widerspruch zu Habermas, eine Demokratietheorie vorgelegt, die die gesellschaftlich stets vorhandenen unterschiedlichen, auch agonistischen Interessen integriert. Um öffentlichen Protest in und durch digital vernetzte Medien zu verstehen, so meine dritte Annahme, sind Aspekte wie Temporalität und Technizität bei der Formierung digitaler Öffentlichkeiten zu berücksichtigen. Im Vortrag werden verschiedene Formen politischer Partizipation diskutiert, wie Hashtagaktivismus, Verhandlungen durch Memes und Bilder bei Instagram. Deutlich wird, dass es zentral ist, Fragen nach Teilhabe an und Repräsentation in Öffentlichkeiten zu stellen, nach Sichtbarkeiten aber auch Unsichtbarkeiten sowie Privilegien und Exklusionen und die sie bedingenden Faktoren in den Blick zu nehmen.