Veranstaltungsprogramm

Sitzung
Sek_Wirtsch: Sektionsveranstaltung - Wirtschaften vor, in und nach der Pandemie: Kontinuitäten und Brüche
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
9:00 - 11:00

Chair der Sitzung: Lisa Knoll, Universität Paderborn
Chair der Sitzung: Sebastian Nessel, University of Graz
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Wirtschaftssoziologie (ÖGS), Sektion Wirtschaftssoziologie (DGS), Forschungskomitee Wirtschaftssoziologie (SGS)


Externe Ressource:
Präsentationen

Textile Nachhaltigkeit im Krisenmodus – Befunde einer qualitativ-empirischen Studie zum corona-bedingten Krisenmanagement bei nachhaltigkeitsorientierten Textilunternehmen des B2B-Sektors

Eckhard Burkatzki, Albert Löhr

Technische Universität (TU) Dresden, Deutschland

Infolge des corona-bedingten Lockdowns war insbesondere die Textilbranche von gravierenden Absatzeinbrüche betroffen. Durch Branchenexperten wurde in roblematisiert, dass in der gegebenen Situation etablierte Leitideen eines nachhaltigen Wirtschaftens bei Unternehmen in Gefahr stünden ausgeschlichen zu werden. Vor dem Hintergrund dieser Problemstellung zielte das vorzustellende Forschungsprojekt auf die Beantwortung der folgenden Forschungsfragen: (1) Welchen Einfluss hat die Corona-Krise auf die Nachhaltigkeitsorientierung von auf Nachhaltigkeitsmärkten agierenden Textilunternehmen? (2) Welche Faktoren moderieren die Bereitschaft zur Aussetzung von Nachhaltigkeitsprojekten bei Unternehmen?

Um die skizzierten Fragen zu beantworten, wurde eine qualitative Interviewstudie durchgeführt. Befragt wurden 13 Geschäftsführer und leitende Mitarbeiter deutscher KMU der Textilbranche aus dem Kontext einer Multistakeholderinitiative für nachhaltiges Wirtschaften. Das Sampling-Verfahren war dabei an Leitprinzipien des purposive sampling (vgl. Bryman 2012: 418) orientiert. Bezüglich des Einflusses der Corona-Krise auf die Nachhaltigkeitsorientierung von Unternehmen ergab sich übergreifend kein einheitlicher Effekt. Ungeachtet der bei mehr als der Hälfte der Unternehmen zu beobachtenden starken Betroffenheit von Absatzeinbrüchen steht hier die Bereitschaft zum Festhalten an Nachhaltigkeitsstrategien einerseits der Entscheidung zum temporären Rückbau von Nachhaltigkeitsprojekten andererseits gegenüber. Als moderierender Faktor für das Ausschleichen ließ sich aus dem Interviewmaterial – in abduktiver Rückbindung an von Spence/Rutherfoord (2001) typologisch unterschiedene CSR-Motive bei klein- und mittelständischen Unternehmen – die Art der verantwortungsbezogenen Orientierung im Kontext unternehmerischer Verantwortungsmotive herauspräparieren. Dabei zeigte sich, dass Textilunternehmen, die ihre Nachhaltigkeitsstrategie aufgrund eines sog. „aufgeklärten Selbstinteresses“ optiert haben, in der Krise eher dazu bereit sind diese Strategie auszusetzen, als Unternehmen mit einer Priorisierung sozial-ethischer Verantwortungsmotive.



Kultur und Subjektivierung in der Digitalwirtschaft: Das Ethos der Tech Worker

Robert Dorschel

University of Cambridge, UK

Der digitale Kapitalismus bringt viele Verlierer_innen hervor. Im Kontext der Wahlverwandtschaft von digitalem Kapitalismus und der Abstiegsgesellschaft, welche nun auch noch durch Covid-19 Viren befeuert wird, gibt es jedoch auch Gewinner_innen. Sogenannte „tech worker“ stellen ein berufliches Aufstiegssegment in der Abstiegsgesellschaft dar. Das Herkunftshabitat der tech worker stellt die boomende Digitalwirtschaft dar. In der Digitalwirtschaft, wie in jedem anderen ökonomischen Feld auch, beruhen wirtschaftliche Prozesse und Praktiken auf kulturellen Sinnsystemen und einhergehenden Subjektivierungsformen. Dieser Beitrag, der auf einer seit 2019 laufenden Dissertationsstudie beruht, fragt nach dem Ethos der öffentlich-präsenten, aber soziologisch kaum erschlossenen Gruppe der tech worker.

Methodisch fußt die Untersuchung auf diskursanalytischen Erhebungen und Interviews in der deutschen und U.S.-amerikanischen Digitalwirtschaft. Das vorläufige Ergebnis der Untersuchung beläuft sich auf zwei Kernbefunde: 1) Tech Worker weisen viele Elemente der projektbasierten Polis auf: sie streben nach Kreativität, Flexibilität und Selbstverwirklichung in einem Wirtschaftssystem, dass seit den 1980ern Jahren unter Stichworten wie Postfordismus oder Neoliberalismus diskutiert wird. 2) Tech worker weisen Konturen eines neuen Arbeitsethos auf, dass mit neuen Märkten und veränderten Unternehmenskulturen korrespondiert, die im Kontext des digitalen Kapitalismus und der Corona-Krise entstanden sind. Das neue Ethos speist sich insbesondere aus einer habituellen Kalibrierung der tech worker für politische und gesellschaftliche Anliegen. Neben Kritik an Technologie-Giganten wird eine Gemeinwohlorientierung von digitalen Technologieerzeugnissen gefordert, die auch vor staatlichen Befugnissen und dezidiert politischen Eingriffen nicht Halt machen sollte. Diese technopolitische Subjektivität weist auf Konturen eines post-neoliberalen Arbeitsethos hin, korrespondiert zugleich jedoch mit dem Betreiben mancher Tech-Konzerne, staatliche Zuständigkeitsbereiche zu reklamieren (welches sich im Kontext der Corona-Krise intensiviert hat).



Krise als Chance? Potenzielle Auswirkungen der Übernahme systemrelevanter Tätigkeiten auf das Image privater Sicherheitsunternehmen aus arbeitspsychologischer und soziologischer Sicht

Patricia M. Schütte1, Malte Schönefeld1, Alexander Herrmann2

1Bergische Universität Wuppertal, Deutschland; 2Universität Innsbruck, Österreich

Die private Sicherheit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in Österreich und Deutschland konsequent zu einem integralen Partner der öffentlichen Sicherheit entwickelt. Unternehmen dieser Branche werden mittlerweile in diversen Settings als notwendiger Partner klassischer Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) wahrgenommen, wenngleich nicht immer geschätzt. Daten zur Prä-Covid-Arbeitssituation legen ein Ungleichgewicht von Nachfrage und Personalkraft nahe. Hohe Fluktuation und eine schwierige Bewerberlage sind verstärkende Faktoren.

Trotz der Entwicklung wird die Branche seit Jahren kontinuierlich begleitet von einem eher schlechten Image, dass sich neben weiteren tätigkeitsimmanenten Faktoren dieses Niedriglohnzweiges auch in der medialen Berichterstattung wiederfindet. Arbeitspsychologische Untersuchungen dokumentieren zudem den negativen Zusammenhang des sozialen Status auf Arbeitszufriedenheit, Kündigungsabsicht und Mitarbeitergesundheit. Auch Vertreter*innen von privaten Sicherheitsunternehmen beschreiben die eigene Branche oftmals wenig positiv.

Mit der Covid-19-Pandemie scheint es in der Branche zu einem Wandel zu kommen. Während zu Beginn der Pandemie teilweise existenzielle Aufgabenfelder wegbrachen, haben sich mit der fortschreitenden Lage immer wieder neue Aufgabenbereiche ergeben, die sich mitunter als systemrelevant charakterisieren lassen. Private Sicherheitsunternehmen nehmen die Gelegenheit wahr, ihre Expertise in diverse Settings einzubringen und so deren Weiterbetrieb zu ermöglichen. Aus soziologischer Sicht ist dies möglicherweise ein Anstoß zu nachhaltiger Veränderung der öffentlichen Wahrnehmung mit potentiell positiven Auswirkungen auf die Branchenentwicklung in einer Post-Corona-Gesellschaft. Vor dem Hintergrund stellt sich die Frage: Welche Auswirkungen der Covid-19-Pandemie lassen sich in Bezug auf die private Sicherheitswirtschaft identifizieren?

Um die Frage zu beantworten, greift der vorliegende Beitrag auf Daten einer Medieninhaltsanalyse von ausgewählten überregionalen und regionalen Zeitungen im Pandemie-Zeitraum 03/2020 – 12/2020 zurück. Diese Daten werden mittels prä-pandemischer Daten aus zwei aktuellen BMBF-Forschungsprojekten mit organisationssoziologischem Schwerpunkt und einem österreichisch-deutschen Forschungsprojekt mit arbeitspsychologischem Fokus in Bezug zur Forschungsfrage gesetzt.



The impact of the Covid-19 pandemic on financial and job (in)security in Switzerland: How the Covid-19 pandemic strengthens old and creates new labour market inequalities

Susanne Edler, Ivo Staub

Universität Fribourg, Schweiz

The COVID-19 pandemic and the political handling of this health crisis have a considerable influence on the organization of work. In Switzerland, a partial lockdown mandated by the authorities increased the number of people working remotely from home and the number of employees with a flexible work schedule (Refle et al. 2020). To deal with the economic downturn sparked by the COVID-19 pandemic, employers made greater use of short-time work or dismissals (Refle et al. 2020). These changes in working life affect the workers’ well-being (Kuhn et al. 2021, Tušl et al. 2021). Research also shows that the COVID-19 outbreak is related to changes in income and perceived financial insecurity (Refle et al. 2020). However, in order to respond to these new or amplified inequalities with social policy measurements research is needed to better understand the differential impact of COVID-19 on economic and labour market inequalities.

In this research paper our aims are (i) to study whether the COVID-19 pandemic is leading to a change or reinforcement of pre-existing economic inequalities in Switzerland as well as (ii) to explain why certain jobs and employees are more affected by financial and job insecurity arising from the COVID-19 pandemic than others?

Given that economic activity decelerated during the partial lockdown and digital forms of work became more relevant, we argue that workers are affected differently by changed work and employment practices, depending on the specific nature of each job as well as on the employees’ labour-market positions. Studying financial and job insecurities, our focus is on whether (a) jobs can be done only onsite or to a great extent also remotely, (b) workers belong to the core or non-core work-force that vary in their degree of dispensability, as well as (c) jobs counting as essential or non-essential and thus differ in their demand during the pandemic.

Our empirical analyses are based on longitudinal data from the Swiss Household Panel (Tillmann et al. 2016) and its special wave (“COVID-19 Study”) collected during the Swiss semi-lockdown in spring 2020. We analyze the data with standard pooled OLS regressions.