Veranstaltungsprogramm

Sitzung
Sek_WissSoz: Sektionsveranstaltung - Labilität von Wissen. Wissenspolitiken und Wissenskulturen im Umgang mit der Corona-Pandemie
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Angelika Poferl, TU Dortmund University
Chair der Sitzung: Michaela Pfadenhauer, Universität Wien
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Wissenssoziologie (DGS)


Präsentationen

Gesellschaftliche Vagheitsabsorption und die „Corona-Krise“

Thomas Kron, Lars Winter

RWTH Aachen, Deutschland

Die „Corona-Krise“ ist der Abarbeitung von Vagheit geschuldet. Aus systemischer Perspektive gehen mit dem Auftauchen des neuen Virus zunächst Unsicherheiten für die Körper, die Bewusstseine und die Gesellschaft einher. Die Gesellschaft sucht nach nach einer Definition dessen, was da vor sich geht. Die versuchte Beantwortung dieser Frage funktioniert bei Sars-Cov-2 nun nicht im Sinne der Vagheitsabsorption (im Gegensatz etwa zu anderen Viren wie Ebola): Es bleibt hohe Vagheit bestehen, denn es drängt sich keine Eindeutigkeit auf. Die Vagheit wird nicht aufgelöst: Man kommuniziert gesellschaftlich zwischen Panik und Gelassenheit; manche Körper merken nichts, manche sterben elendig; manche Psychen sind extrem ängstlich, manche fatalistisch usw. Ergo: Statt Vagheit zu beseitigen, wird diese gesteigert! Diese Erhöhung von Vagheit muss dann wiederum in der Gesellschaft verarbeitet werden.

Analysiert man die gesellschaftlichen Verarbeitungsversuche dieser Vagheit, erkennt man (im Vortrag exemplarisch für Politik und Wissenschaft demonstriert), dass nicht nur unklar bleibt, wie kommunikativ nach den jeweils eigenen Systemlogiken angeschlossen werden soll (Codierungsvagheit), sondern dass zudem unklar ist, welches System überhaupt adressiert wird (Zugehörigkeitsvagheit), wer z.B. in der Krise die kollektive verbindlichen Entscheidungen trifft bzw. wer wissenschaftliche Zusammenhänge angemessen kommuniziert.

Um diese Vagheiten zu absorbieren, greift die Gesellschaft auf vier Mechanismen der Vagheitsabsortion zurück, die wir im Vortrag präsentieren: 1. Beauftragung, 2. Anschluss an die jeweilige Umwelt, 3. Commitments nach Entscheidungen, 4. Gesamtabsorption durch generellen Vagheitsverweis. Als Medium der Vagheitsabsorption dienen durchgängig Zahlen (Verdopplungsrate der Ansteckungen, Reproduktionszahl, Anteil Infizierter pro 100.000 Einwohner, Anzahl der Toten pro Woche etc.), die zur Erhöhung der Wahrscheinlichkeit unwahrscheinlicher Kommunikationsannahmen beitragen sollen - was ebenfalls nur mit Vagheitsfolgen gelingt. Typisiert werden die jeweiligen Vagheitsabsorb– tionen über Semantiken, die Zahlen in Form von Narrativen kondensieren (Flatten the Curve, „verantwortungsvolle Normalität“, aktuell: "No-Covid").



Was bedeutet Systemrelevanz in Pandemiezeiten? Definitionskämpfe im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik

David Kaldewey

Universität Bonn, Deutschland

Der Begriff der Systemrelevanz ist 2009, vor dem Hintergrund der Finanzkrise, relativ spontan zu einem zentralen Begriff des öffentlichen Diskurses geworden. Nachdem der Begriff mit dem Abflauen der Finanzkrise wieder etwas in den Hintergrund gerückt war, tauchte er im März 2020 sehr plötzlich und mit ganz anderen Bedeutungen wieder auf. Als weltweit Varianten des Lockdowns zur Eindämmung der Pandemie implementiert wurden, musste auch die Frage addressiert werden, welche gesellschaftlichen Bereiche von den historisch noch nie da gewesenen Einschränkungen ausgenommen werden. Im Vordergrund stand hier natürlich das Gesundheitswesen; darüber hinaus war und ist bis heute für eine ganze Reihe weiterer Bereiche der öffentlichen Infrastruktur selbstverständlich, dass sie auch im Lockdown weiterlaufen müssen. Mit Bezug auf die Schließung von Kitas und Schulen zeigte sich zudem, dass "systemrelevant" verstärkt als Eigenschaft von Personen betrachtet wurde: Es war immer klar, dass etwa das medizinische Personal weiter eine Betreuung der Kinder in Anspruch nehmen musste; und in den folgenden Monaten wurde dann schrittweise präzisiert und rechtlich kodifiziert, welche Berufe systemrelevant sind und welche nicht. In der Pandemie ist Systemrelevanz also zu einer wissenspolitischen Kategorie geworden, die nicht nur Wirtschaftsbereiche, sondern alle gesellschaftlichen Institutionen und potenziell jede*n einzelne*n Bürger*in betrifft. Der Begriff ist damit, im Vergleich zur Finanzkrise, näher an den Alltag gerückt; in jedem sozialen Feld und mit Bezug auf jede soziale Praxis kann die Frage aufgeworfen werden: "Ist das systemrelevant oder kann man das zumachen?" Vor diesem Hintergrund widmet sich der Vortrag aus soziologischer Perspektive der Frage, wie sich die Definitionskämpfe seit Beginn der Pandemie entwickelt haben. Wer konnte in welchem Moment welche Definitionen durchsetzen? In welcher Form findet die Zuschreibung von Systemrelevanz Eingang in die Selbstbeschreibung von sozialen Systemen und Akteuren? Welche Bedeutung hat die Fremdzuschreibung von Systemrelevanz durch die Politik und/oder die Wissenschaft? Wie steht es um die relative Definitionsmacht der Politik und der Wissenschaft?



Labiles Wissen unter labilen Umständen - Die Herstellung von Wirtschaftsprognosen in der Corona-Pandemie

Verena Emme1, Justus Henze1, Werner Reichmann2, Max Weinig1

1Universität Hamburg, Deutschland; 2Universität Konstanz, Deutschland

Prognosewissen ist stets labil. Erstens, weil die Zukunft offen ist und zweitens, weil auf die Zukunft empirisch nicht zugegriffen werden kann. Die Corona-Pandemie konfrontiert die Herstellung von Prognosewissen zusätzlich mit einer weiteren, gleichsam übergeordneten Labilität, die einen Kontext starker Volatilität und Ungewissheit der Rahmenbedingungen von Wissen und Handeln erzeugt.

In unserem Beitrag gehen wir am Beispiel der Wirtschaftsprognostik der Frage nach, wie sich die Praktiken der Produktion von Zukunftswissen im Kontext der pandemisch induzierten Ungewissheit verändern. Die Wirtschaftsprognostik steht vor der außergewöhnlichen Herausforderung, in Zeiten labiler politischer, wirtschaftlicher und (plötzlich auch) gesundheitlicher Rahmenbedingungen plausibles und beständiges über die Zukunft herzustellen.

In der soziologischen Literatur zu Prognosewissen werden Prognosen als Instrument kollektiver Erwartungsbildung (Beckert 2018) und als das Produkt eines Zusammenspiels datengetriebener Ökonometrie und “interactional expertise” (Evans 2007) verstanden. Die soziale und kulturelle Einbettung dieser Interaktionsprozesse ist konstitutiv für die Herstellung von Wissen über die ökonomische Zukunft (Reichmann 2018). Darüber hinaus nehmen vorhandene Wissensvorräte unterschiedlicher Herkunft eine entscheidende Rolle für die Antizipation möglicher Zukünfte ein (Schütz 1972).

Mithilfe eines mixed-methods-Ansatzes rekonstruieren wir Prozesse der Herstellung von Wissen über die ökonomische Zukunft während der Corona-Pandemie: Für die explorative Analyse des epistemischen Netzwerks wurde eine Netzwerkanalyse mit Twitter-Daten vorgenommen. Anschließend haben wir zwischen November 2020 und Januar 2021 sieben Experteninterviews mit Prognostikern aller an der Gemeinschaftsdiagnose beteiligten Wirtschaftsforschungsinstitute durchgeführt.

Unsere Daten zeigen, dass die Labilität der Rahmenbedingungen den Prognoseprozess signifikant verändert. Daten und Modellroutinen können die aktuelle Situation nicht mehr abbilden was zu kreativen Neukonzeptionen sowie zu neuen Wissens-Synthesen zwischen vormals nicht verbundenen Akteuren führt. Wir finden in der Wirtschaftsprognostik eine Verstärkung und funktionale Erweiterung von Interaktions- und Partizipationsprozessen sowohl bei der Herstellung als auch bei der Plausibilisierung von Zukunftswissen vor.



Digitale Wissensgenerierung in der COVID-19-Pandemie

Nicole Zillien, Nico Wettmann

Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Gesellschaftliche Debatten zum öffentlichen Umgang mit der Corona-Pandemie verweisen in hohem Ausmaß auf wissenschaftliches Wissen – und sind zugleich durch mannigfache Ungewissheiten charakterisiert. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie unter dem Entscheidungs- und Handlungsdruck der pandemischen Situation in der Öffentlichkeit mit dem vielfach konflikthaften und stets vorläufigen wissenschaftlichen Wissen umgegangen wird. In unserem Beitrag möchten wir die These aufstellen, dass sich die Corona-Gesellschaft an einem experimentellen Denkstil (Fleck 1935) orientiert und insbesondere unter Rückbezug auf das Objektivitätsversprechen digitaler Medien darauf zielt, das unsichere Wissen der Wissenschaft sukzessiv in alltagstaugliches Entscheidungswissen zu transformieren. Die pandemische Gesellschaft lässt sich so als ein „Experimentalsystem“ (Rheinberger 2002) verstehen, in dem die in der Pandemie omnipräsenten digitalen Medien die Rolle von „technischen Dingen“ (Rheinberger 2002: 24ff.) einnehmen: Als materialisierte, harte Wissensbestände schreiben diese „die Randbedingungen der Experimentalsysteme fest und erzeugen damit einen Spielraum, innerhalb dessen sich ein epistemisches Objekt entfalten kann“ (Rheinberger 2006: 314). Am empirischen Beispiel von Tracing- und Tracking-Apps, Online-Datenbanken, Dashboards und Visualisierungstools möchten wir aufzeigen, dass digitale Medien durch eine standardisierte Wissensherstellung sowie eine quantifizierte Wissenskommunikation die Zuschreibung von Faktizität wahrscheinlicher machen und so in der Logik eines experimentellen Denkstils zur Reduktion epistemischer Unsicherheit beitragen. Der experimentelle Denkstil der durch digitale Medien geprägten Corona-Gesellschaft orientiert sich somit am Erkenntnisideal der Objektivität und zielt zugleich auf ein durch Unabgeschlossenheit charakterisiertes Wissen, das sich unter dem Druck des Alltagslebens fortlaufend in der interventionistischen Umformung gesellschaftlicher Problemsituationen zu bewähren hat. In diesem Sinne stellt sich der gesellschaftliche Umgang mit dem coronabezogenen Wissen als ein infiniter Gestaltungsprozess dar, der unter Rückgriff auf digitale Medien auf ein Wissen zielt, das öffentliches Handeln ermöglichen und zumindest zum jeweiligen Zeitpunkt auch legitimieren soll.



Zwischen Stockbildern und Querbildern: Visuelle Wissenspolitiken der Pandemie

Sebastian W. Hoggenmüller1, Jürgen Raab2

1Universität Luzern, Schweiz; 2Universität Koblenz-Landau, Deutschland

Politisches Handeln und das damit untrennbar verbundene Machtstreben schafft Repräsentationen, die auf das Denken und Fühlen, das Wissen und Handeln sozialer Akteur*innen einwirken und soziale Welten ordnen. Krisensituationen lassen dieses Machtstreben und seine durch Symbole und Narrative geschaffenen Wahrnehmungs- und Deutungsschemata besonders deutlich zutage treten. Vor diesem Hintergrund richtet sich der Vortrag auf die visuelle Symbolik von politischen Wirklichkeitskonstruktionen im bisherigen Verlauf der Covid-19-Pandemie. Er stellt die Frage, wie visuelle Kommunikation dazu beiträgt, jene Sonderwissensbestände zu erzeugen und abzusichern, mit denen die Kämpfe um die legitime Wirklichkeitsbestimmung der Pandemie gegen konkurrierende Wirklichkeitsdeutungen angezeigt und ausgetragen werden. Dabei erlauben die anhaltende Ausbreitung des Virus und die globale Ausdehnung der Pandemie nicht nur die Prozesse des visuellen Handelns unmittelbar zu beobachten, in denen sich aus zunächst vielgestaltigen, tentativen und labilen Bildentwürfen allmählich jene visuellen Typen ausbilden und verfestigen, die dann als symbolische Infrastrukturen von Wissenspolitiken dienen. Vielmehr verhilft die Krise auch dazu, die grundsätzliche Frage nach der allgemeinen Bedeutung von Bildern für die kommunikative Konstruktion von Wirklichkeit neu aufzuwerfen. Denn werden Bilder im Vergleich zu Texten nicht pauschal als weniger rational, eindeutig, wahrheitsfähig und kommunikationsmächtig hierarchisiert, lässt sich auf der Grundlage materialer Analysen zu visuellen Wissenspolitiken im Umgang mit der Corona-Pandemie diskutieren, inwiefern es empirisch streitbar ist, dass es «nicht im gleichen Sinne wie beim Widerspruch des Wortes gegen das Wort einen Widerspruch des Bildes gegen das Bild» gibt (Luhmann 1996: 35).

Empirisch-analytisch kontrastieren wir für dieses Unterfangen zwei Fallbeispiele. Fokussiert das erste die Verwendung sogenannter Stockbilder zur Corona-Pandemie, beruht das zweite auf den hierzu gewissermaßen quer liegenden und gegensteuernden visuellen Darstellungen aus Kreisen von Corona-Leugner*innen und extremistischen Verschwörungstheoretiker*innen, wie sie innerhalb der Bildnetzwerke digitaler Plattformen zirkulieren. Der Fallvergleich zielt darauf ab, die spezifischen Bildtypen der beiden Sinnbereiche und ihr damit verbundenes Bildwissen herauszuarbeiten.