Veranstaltungsprogramm

Sitzung
Plenum_Pandemic: Plenum - Pandemic Classism, Sexism, Ageism, Racism? Intersektionale Differenzierungen während und nach der Corona-Pandemie
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
14:30 - 16:30

Chair der Sitzung: Anna Wanka, Goethe Universität Frankfurt am Main
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen

Klassifikation, Stigmatisierung, Exklusion – Pandemiebezogene Ausgrenzungserfahrungen in Österreich und Deutschland

Barbara Rothmüller, Laura Wiesböck

Sigmund Freud Privatuniversität, Österreich

Gesellschaftliche Differenzierungen und Klassifikationen haben einen starken Einfluss auf die Teilhabe an zentralen Lebensbereichen. Obwohl in mancher Hinsicht die Analogie der Pandemie mit einem „Brennglas“ zutreffend ist - etwa bei der geschlechtsspezifisch ungleichen Verteilung von Care-Arbeit - zeigen sich im Zuge der COVID-19 Krise auch neue Formen ungleichheitsstrukturierender Klassifikationen und Exklusionen. Welche Ausprägungen diese annehmen und wie sie pandemiebezogenes Handeln und Erleben prägen, steht im Zentrum des Vortrags.

Als Datengrundlage dienen umfassende Onlinebefragungen in Österreich und Deutschland in den ersten zwei Lockdowns im April 2020 (N=4706) und November/Dezember 2020 (N=2569) sowie 15 problemzentrierte Interviews in Wien (März/April 2021).

Die Ergebnisse verweisen auf eine Intensivierung der Ausgrenzung von bereits marginalisierten Gruppen im öffentlichen Raum (z.B. auf Basis der sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität oder zugeschriebenen Ethnizität). Zudem sind Ausgrenzungen im sozialen Nahbereich von besonders von Gesundheitsrisiken gefährdeten Gruppen erkennbar (z.B. Personen in Berufen mit häufigem Menschenkontakt oder Risikogruppen). Darüber hinaus zeigen sich neue Formen der Stigmatisierung als “unverantwortlich” bzw. “non-compliant” hinsichtlich der Einhaltung der Pandemiemaßnahmen (z.B. Jugendliche, Wohnungslose oder Suchtkranke).

Insgesamt liefern die Erkenntnisse Hinweise auf neue und verstärkte Formen gruppenspezifischer Marginalisierung und Exklusion, die sich in Vermeidungsverhalten, Kontaktabbrüchen zu Vertrauenspersonen aber auch reaktiver Selbstexklusion aus dem öffentlichen Raum ausdrücken, und mitunter zu einer Politisierung und Radikalisierung von Betroffenen führen können.



Soziale Deutungsmuster von Altersdiskriminierung

Stefan Hopf

National University Ireland, Galway, Irland, Republik

In modernen Gesellschaften ist der Zugang zu Dienstleistungen wesentlicher Bestandteil sozialer Teilhabe. Für ältere Menschen können Ageismus und Altersdiskriminierung diese grundlegend untergraben. Zu den negativen Effekten zählen dabei etwa eine schlechtere Gesundheitsversorgung (Shin et al. 2018) oder die soziale Ausgrenzung älterer Menschen (Walsh et al. 2017). Diese bereits vor der Pandemie bestehenden Benachteiligungen wurden durch die Krise verschärft, etwa in dem das chronologische Alter auschlaggebend wurde für Triageverfahren (Previtali et al. 2020) oder für besondere Beschränkungsmaßnahme für Ältere, wie etwa das „cocooning“ (Ó Cathaoir & Gundersby Rognlien 2021).

Aufbauend auf der multi-perspektivisch vergleichenden Analyse von 12 Expert*inneninterviews, zwei Stakeholder Fokusgruppen und 26 problemzentrierten Interviews mit älteren Menschen aus Irland und Österreich widmet sich der Vortrag zunächst der Darstellung verschiedener Deutungsmuster von Ageismus und Altersdiskriminierung, und wie sich diese in den Erfahrungen älterer Menschen mit Diskriminierung beim Zugang zu Dienstleistungen vor und in der Pandemie wiederfinden. Vor diesem Hintergrund wird anschließend die Intersektion zwischen den Diversitätsmarkern „Alter – Raum – Digital Skills“ im Hinblick auf subjektiv erlebte Diskriminierung beim Zugang zu Dienstleistungen diskutiert.

Erste Ergebnisse zeigen, dass ältere Menschen für die Schilderung ihrer Erfahrungen mit Ageismus und Altersdiskriminierung kaum auf rechtlich konnotierte Deutungsmuster, wie Gleichberechtigung oder Gerechtigkeit zurückgreifen, sondern Diskriminierung vor allem als individueller Anerkennungsmangel erlebt wird. Außerdem wird die Zuordnung zur Kategorie „der Alten“ als Diskriminierung gedeutet, was einen seitens der Befragten wahrgenommen Statusmangel des Alters betont. „Intersektionale“ Deutungsmuster finden sich in den Erzählungen dort, wo gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen durch Strukturtransformationen unterminiert wird, d.h. wo Dienstleistungen ins Internet verlagert und lokale Geschäftsstandorte abgebaut werden und diese Services nicht „altersgerecht“ entworfen sind.

Schlussfolgernd werden die rechts- und gesellschaftspolitischen Implikationen diskutiert, wobei die Unterscheidung zwischen Länder- und Akteurs-perspektivisch verschiedenen Deutungsmustern zu einem „Subytping“ von Ageismus beiträgt.



Veränderung beruflicher Anerkennung von systemrelevanten Berufen im Kontext der Corona-Pandemie

Axel Babst, Martin Groß, Volker Lang

Universität Tübingen, Deutschland

Die Corona-Pandemie erneuert eine bereits länger schwelende Diskussion um die Wertschätzung, die Anerkennung und die Sichtbarkeit der Arbeitsleistungen bestimmter Berufsgruppen. Durch die Debatte um die sogenannte „Systemrelevanz“ von Berufsgruppen wurde die Diskrepanz zwischen hohem Arbeitsaufwand unter großer Belastung und Verantwortung auf der einen Seite sowie geringer Bezahlung und gesellschaftlicher Wertschätzung auf der anderen Seite sichtbar.

Vor dem Hintergrund dieser Diskussionen stellt sich die Frage, ob in den betroffenen Berufsgruppen ein stärkerer Rückhalt aus Bevölkerung und Politik in Form von Anerkennung und finanzieller Unterstützung wahrgenommen wird. Diese Frage ist von großer Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, da berufliche Anerkennung eine zentrale Kategorie für die Konstruktion sozialer Identitäten in modernen Erwerbsgesellschaften darstellt (Honneth 1992, Tajfel & Turner 1986).

Das vom BMAS geförderte Forschungsprojekt „Corona-Krise und berufliche Anerkennung“, knüpft an dieses Thema an und beschäftigt sich mit den Fragen, inwiefern systemrelevante Berufe anerkannt werden und ob sich die wahrgenommene Anerkennung im Verlauf der Pandemie verändert hat. Wir untersuchen diese Forschungsfragen auf Basis von zwei für die deutsche Erwerbsbevölkerung repräsentativen Onlinesurveys (n=3.102, Online-Fragebogen) die im Rahmen dieses Projekts zwischen Januar und März 2021 durchgeführt wurden.

Erste Resultate deuten daraufhin, dass Personen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, sich hinsichtlich verschiedener Respektsdimensionen gegenüber der Berufsgruppe und der eigenen beruflichen Tätigkeit derzeit weniger anerkannt fühlen im Vergleich zu Personen anderer Berufsgruppen. Allerdings nehmen Personen in systemrelevanten Berufen im Falle einer empfundenen Veränderung der Anerkennung eher einen positiven Unterschied wahr. Besonders das Gefühl finanzieller und materieller Absicherung hat einen signifikanten Effekt darauf, ob Personen aus systemrelevanten Berufsgruppen eine positive Veränderung wahrnehmen.

Demnach scheinen sich Personen in systemrelevanten Berufen derzeit weniger anerkannt zu fühlen als Beschäftigte anderer Sektoren. Jedoch wird generell eine positive Veränderung wahrgenommen, die maßgeblich von dem Gefühl finanzieller und materieller Absicherung beeinflusst wird.



Der pandemische Gartenzaun: Intersektionale Ungleichheit im urbanen Raum

Almut Poppinga

Institut für Sozialforschung, Deutschland

Nachbarschaftliche Unterstützung boomte zu Beginn der Pandemie: man hörte von ihr im regionalen Radio, las von ihr in den Tageszeitungen und sah sie in Form von Aushängen an Straßenlaternen, Hauseingängen und Ladenzeilen. Zumindest in einigen Stadtteilen. Die Form der Unterstützung blieb hingegen dort vergleichsweise unsichtbar, wo die existentiellen Gefahren für die Versorgung und Anerkennung hoch sind und waren: In Stadtteilen, wo Gruppen mit geringen Einkommen in systemrelevanten Berufen und kleinen Wohnungen arbeiten und leben. In diesen Gegenden verschränkten sich bereits bestehende Ungleichheiten an der Intersektion von Class und Race mit einem erhöhten Ausgeliefert-Sein gegenüber dem Virus selbst sowie – zusammengenommen – der Gefahr von Abwertung und Diskriminierung. Dies veranschaulichte u. a. die öffentlichkeitswirksame Abriegelung von Hochhausblöcken in Berlin und Göttingen. Während nachbarschaftliche Unterstützung ein positives Gemeinschaftsgefühl auf der einen Seite des pandemischen Gartenzauns konstituierte, ist sie auf der anderen Seite verbunden mit Stigma, Scham und Policing.

Der Vortrag schließt an die Ergebnisse aus dem Projekt »Versorgung und Unterstützung in der SARS-CoV-2-Pandemie (VERSUS-Corona)« an. In einem Mixed Methods-Verfahren wurden in dem Projekt zwischen März 2020 und März 2021 1000 quantitative Datensätze und ca. 60 leitfadengestützte Interviews über die Auswirkungen der Pandemie auf den Alltag, Unterstützungsformen und Versorgungsbeziehungen, unter anderem als kontrastiver Vergleich in zwei Frankfurter Stadtteilen, erhoben. Nachdem nachbarschaftliche Unterstützung zu Beginn der Pandemie soziale Ungleichheitsdimensionen außer Kraft zu setzen schien, werden im Material zwei widerkehrende (a-typische) Figuren vor dem Hintergrund nachbarschaftlicher Unterstützung im Verlauf sichtbar: Eine hohe Anerkennung für ihre Hilfebedürftigkeit und Vulnerabilität wird der Figur der älteren Frau zuteil. Eine hohe Abwertung als regelbrechender Superspreader erfährt demgegenüber die Figur des Migrant Male Workers. Anhand der Figurationen wird überlegt, welchen Einfluss die pandemischen Vorstellungen von Vulnerabilität und Gefahr auf intersektionale Ungleichheit haben und wie sie die realen Auswirkungen der Pandemie im urbanen Raum überlagern.