Veranstaltungsprogramm

Sitzung
Sek_Kindheit: Sektionsveranstaltung - Kindheit und Pandemie - Diskurse, Räume, Institutionen
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
9:00 - 11:00

Chair der Sitzung: Raphaela Kogler, Universität Wien
Chair der Sitzung: Lars Alberth, Leuphana Universität Lüneburg
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Soziologie der Kindheit (DGS)


Externe Ressource:
Präsentationen
ID: 270 / Sek_Kindheit: 1
Sektionsveranstaltung - Kindheit und Pandemie - Diskurse, Räume, Institutionen

Kindheitskonstruktionen in den Aushandlungen von Notbetreuungsansprüchen am Beispiel einer ostdeutschen Großstadt

Thomas Grunau, Annegret Gaßmann, Ina Schubert

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Deutschland

Im Übergang vom Wohlfahrts- zum sozialinvestiven Staat wandelte sich das dominante Muster von Kindheit von einer Familien- hin zur Bildungskindheit (Mierendorff 2010). Gefördert und eingefordert wird von Familien die Nutzung pädagogischer Angebote außerhalb des familialen Binnenmilieus. Diese erzeugen „institutionalisierte Zeitregimes“ (Zeiher 2009: 115) und bringen dabei nicht nur Kindheit, sondern auch familiale Lebenswelten mit hervor. Der Übergang zur Bildungskindheit bringt zugleich wesentliche Veränderungen im Verhältnis privater und öffentlicher Erziehungssphären mit sich.

Im Zuge der politischen Maßnahmen zur Bearbeitung der Covid-19-Pandemie kam es zur Schließung vor- und nachmittäglicher Betreuungsangebote im Feld der FBBE in Deutschland. Innerhalb kurzer Zeit führten diese Maßnahmen zu einer Art Re-Familialisierung der (frühen) Kindheit. Je nach Region wurde lediglich bestimmten Familien das Recht auf eine “Notbetreuung” eingeräumt. Hierzu zählen Eltern, die im Bereich der sogenannten “kritischen Infrastruktur” tätig sind und Kinder, die auf Grund ihrer familialen Herkunft zu „Risikogruppen“ gezählt werden.

Bisher gibt es kaum Untersuchungen, die sich mit dem ‘Wie?’ der Aus- und Verhandlung eines etwaigen Anspruchs auf einen Notbetreuungsplatz befassen. Denn obwohl es in den einzelnen Ländern und Kommunen verschiedene, scheinbar objektive Definitionen davon gibt, wer zur “kritischen Infrastruktur” oder zur “Risikolage” zählt, muss die Vergabe von Plätzen meist auf der Kitaleitungsebene entschieden werden. In diesem Prozess werden auch generationale Konstruktionen hervorgebracht und mit weiteren Differenzlinien verbunden.

Dieser Frage nach Kindheitskonstruktionen in Aushandlungen von Notbetreuungsansprüchen nähern wir uns in dem vorgeschlagenen Beitrag am Beispiel einer ostdeutschen Großstadt an. Hierzu greifen wir auf qualitative Daten eines Forschungsprojekts zurück, in dem leitfadengestützte Interviews sowohl mit Eltern als auch mit Kita-Leitungen vierer kontrastiver Stadtteile der Großstadt geführt wurden. Zudem werden u.a. Dokumente, wie kommunale Eindämmungsverordnungen in die Analyse einbezogen. Die Analyse der Materialien erfolgt in Anlehnung an die pragmatistisch-interaktionistische Variante der Grounded Theory (Strauss 1994).



ID: 280 / Sek_Kindheit: 2
Sektionsveranstaltung - Kindheit und Pandemie - Diskurse, Räume, Institutionen

Familienräume: Partizipative Perspektiven auf die Herstellung von Kindheit und Kindsein währen der COVID19-Pandemie.

Jennifer Carnin, Svenja Garbade

Stiftung Universität Hildesheim, Deutschland

Die gesellschaftliche Organisation der Sorge um Erziehung und Bildung von Kindern gerät in der COVID-19-Pandemie in eine Krise. Während postmoderne Sorgeverhältnisse Kindheit als ‚betreute Kindheit‘ institutionalisieren und die gesellschaftliche Arbeitsteilung zur Aufrechterhaltung der Arbeitskraft lohnarbeitender Subjekte auf die familienexterne Betreuung (und Erziehung und Bildung) von Kindern angewiesen ist, werden diese Möglichkeiten während der Pandemie erheblich eingeschränkt. Die Kernfamilie wird dabei als Institution mit Erstverantwortung bildungs- und sozialpolitisch adressiert. Der vorgeschlagene Beitrag geht folgenden Forschungsfragen nach:

1. Wie positionieren Kinder sich und ihre Angehörigen zu ihrem familiären (Bildungs-)Alltag?

2. Welche (insbesondere material-räumlichen) Formationen von Familie und Familialiät werden dabei hervorgebracht?

Der Beitrag ist im Forschungsfeld der erziehungswissenschaftlichen Kindheitsforschung verortet und lehnt sich methodisch an PhotoVoice (vgl. Baker & Wang 2006) an. Im April 2020 dokumentierten elf Kinder ihren familiären (Bildungs-)Alltag fotografisch und wurden im Anschluss interviewt. Die Auswertung erfolgt angelehnt an die konstruktivistische Grounded Theory Methodology (Charmaz 2014). Die Studie ist praxistheoretisch ausgerichtet und nimmt insbesondere eine raumanalytische Perspektive ein. Familien werden in dieser Einstellung im Vollzug von Praxis-Arrangement-Bündeln hervorgebracht. Die Maßnahmen der Schließungen der Bildungs- und Betreuungseinrichtungen werden als material-räumliche Verschiebungen von Sozialität perspektiviert. Entlang der Fotografien kann Familialität im Sinne der Hervorbringung eines Familienraumes (vgl. Müller & Krinniger 2020) analysiert werden. Deutlich werden dabei die Verwobenheit von Sorge- und Bildungsarbeit. Re-konstruieren lassen sich insbesondere differente Erfahrungswelten der Kinder, die einen Rückschluss auf die Vulnerabilität von präkarisierten Lebenskonzepten erlaubt und im selben Schluss auch einer Separierung nach sozioökonomischem und -kulturellem Status sichtbar macht.



ID: 664 / Sek_Kindheit: 3
Sektionsveranstaltung - Kindheit und Pandemie - Diskurse, Räume, Institutionen

Spielen und Bewegen während des Lockdowns: Die Bedeutung priva-ter, öffentlicher und digitaler (Frei-)Räume für Kinder und familiale Kompensationsstrategien

Henriette Bertram, Johanna NIesen

Universität Kassel, Deutschland

Mit der Sperrung von Spielplätzen und Parkanlagen bei zeitgleicher Schließung aller Bildungs- und Betreuungseinrichtungen zu Beginn der Corona-Pandemie veränderte sich der Alltag von Kindern und Familien. Viele öffentliche Freiräume standen nicht mehr zur Verfügung; das Zuhause wurde zum Arbeitsplatz für die Eltern, zum Spielort oder Schulersatz für die Kinder. Forschungsergebnisse zeigen, dass frische Luft und Bewegung essentiell für die körperliche und geistige Gesundheit von Kindern sind. Entsprechend thematisieren einige Fachbeiträge der letzten Monate auch mögliche gesundheitliche Konsequenzen der Schließung von öffentlichen Grünflächen im Zusammenhang mit der Pandemie (vgl. Moore et al. 2020; Razani et al. 2020; Slater et al. 2020). Ball et al. kommen zu dem Ergebnis, dass es eine erhebliche Beeinträchtigung für Kinder bedeutet, von Orten des Spielens und vom Spielen mit Gleichaltrigen dauerhaft abgehalten zu werden (2020).

In unserem Beitrag nehmen wir Bezug auf die Frage aus dem Call for Papers nach den Be-deutungen von Raum in Zeiten der Pandemie aus Sicht der Kinder. Wir betrachten die pandemiebedingten Einschränkungen im Alltag von Kindern und Familien sowie ihre indi-viduellen Kompensationsstrategien: Wie haben sich die Wohn- und Freiraumpraktiken von Kindern verändert? Welche Bedeutung hat der an die Wohnung angrenzende private und öffentliche Freiraum für Kinder und Familien? Welche Bedarfe an öffentlichem und wohnungsnahem Freiraum entstehen über die Pandemie hinaus?

Methodisch stützen wir uns auf narrative Landkarten, mithilfe derer wir Bewegungsradius, Tagesrhythmus und Frei-raumpraxis von sechs Kindern zwischen acht und zwölf Jahren in der Frühphase der Pandemie (März bis Mai 2020) analysierten. Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl private Innenräume als auch (wohnungsnahe) Freiräume sowie digitale Räume für die Kinder an Bedeu-tung gewannen. Es gibt Hinweise darauf, dass die pandemiebedingten Einschränkungen für Kinder soziale und intergenerationale Ungleichheiten verstärken, da die Vielfalt und der Erfolg der Kompensationsstrategien in hohem Maße von zeitlichen und finanziellen Ressourcen der Eltern abhingen. Gleichzeitig kann der Zugang zu sicheren, gut erreichbaren und vielfältig nutzbaren Freiräumen die pandemiebedingten Einschränkungen für Kinder und Familien ausgleichen und bis zu einem gewissen Punkt sogar Konflikte abmildern.



ID: 289 / Sek_Kindheit: 4
Sektionsveranstaltung - Kindheit und Pandemie - Diskurse, Räume, Institutionen

Systemische Perspektiven auf den Raum Schule – vom geheimen Lehrplan und seiner Bedeutung im Prozess der Persönlichkeitsentwicklung

Christine Pichler

Fachhochschule Kärnten, Österreich

Schulschließungen, Home-Schooling und Distance Learning bekamen in den letzten Monaten eine ungeahnte Aufmerksamkeit und Umsetzung. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19 Pandemie machten es erforderlich den gewohnten Raum Schule in das private Umfeld der Familien zu verlegen. Neben dem Aspekt der Wissensvermittlung und Kompetenzaneignung durch den Unterricht in der Schule ist es aber auch vor allem das soziale Lernen als Beitrag zum Sozialisationsprozess der Kinder und Jugendlichen, der die Schule zu einem zentralen Raum in der Persönlichkeitsentwicklung macht. Der Vortragsvorschlag soll somit die Frage diskutieren, welche Bedeutung das sogenannte Hidden Curriculum im Raum Schule für das soziale Lernen und die Persönlichkeitsentwicklung für Kinder und Jugendliche hat und wie aus systemischer Sicht durch die Einschränkungen im Zuge der Eindämmung der Covid-19 Pandemie dieser Raum Veränderungen erfährt.

Der Vortrag soll zu Beginn auf die Bedeutung des Hidden Curriculums für das soziale Lernen im Raum Schule eingehen und ausgehend von den Auseinandersetzungen von Giroux und Penna (1983) zu strukturfunktionalistischen, phänomenologischen und kritischen Zugänge zum ‚heimlichen Lehrplan‘ und die Schulklasse als soziales System (Parsons 2005) thematisieren. Besonderer Fokus liegt dabei auf der Betrachtung des Raumes Schule als offenes System mit sozialen Differenzen und Ungleichheiten, die sich besonders während der Covid-19 Pandemie verstärkt haben (Riegel 2016, Poostchi 2013).

Anhand der systemischen Leitprinzipien – Zugehörigkeit, Achtsamkeit und Ordnung – und ihrer Wechselwirkungen soll anschließend diskutiert werden, welche Bedeutung das soziale Lernen im Raum Schule für die Persönlichkeitsentwicklung hat (Poostchi 2013), um anschließend auf die Beantwortung der Frage einzugehen, welche Veränderungen dieser Raum durch die Einschränkungen im Zuge der Eindämmung der Covid-19 Pandemie erfährt. Hierzu werden aktuelle Forschungsergebnisse zu den sozialen Folgen der Pandemie kritisch im Kontext der Fragestellungen diskutiert (Andresen et al. 2020, Lichtenberger & Ranftler 2020, Brandt & Drerup 2020, Langmeyer et al. 2020). Ein Ausblick soll die Bedeutung des Raumes Schule für das soziale Lernen hervorheben, Zukunftsperspektiven aufzeigen und Neuinterpretationen von ‚Raum‘ diskutieren.