Veranstaltungsprogramm

Sitzung
Plenum_Rekonfigurationen: Plenum - Rekonfigurationen von Grenz- und Care-Regimen in Zeiten von Corona / Reconfigurations of border and care regimes in Corona times
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
9:00 - 11:00

Chair der Sitzung: Brigitte Aulenbacher, Johannes Kepler Universität
Chair der Sitzung: Darja Klingenberg, Viadrina Universität
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Externe Ressource:
Präsentationen

Othering in Corona Zeiten. Perspektiven einer intersektional-dekolonialen Subjektivierungsforschung

Tina Spies1, Elisabeth Tuider2

1Universität Kiel, Deutschland; 2Universität Kassel, Deutschland

Seit einigen Jahren taucht der Begriff ‚postmigrantisch‘ in sozialwissenschaftlichen Veröffentlichungen auf (Foroutan et al. 2018). Zentraler Ausgangspunkt ist hierbei, dass sich transnationale Familien- und Arbeitsbezüge ebenso etabliert haben wie Mehrfachzugehörigkeiten (Mecheril 2003) und mehrheimische Erfahrungen (Yildiz 2018). Dabei hat sich ein rassifizierendes, ethnisierendes, binär-vergeschlechtlichendes und heteronormatives Othering in der Postmigrationsgesellschaft nicht aufgelöst. Verschärft in Corona-Zeiten lässt sich ein neuer Orientalismus (z.B. in Narrationen zur Entstehung des Virus und Verbreitung von Virusmutationen), eine Wiedergeburt der heterosexuellen Kleinfamilie und ein neuer antimigrantischer, postliberaler Rassismus beobachten. Den diskursiven Verhandlungen der Corona-Politiken werden wir mithilfe einer intersektional-dekolonialen Subjektivierungsforschung nachgehen und diese entwickeln. Dabei stellt sich die Frage: Wie können corona-bedingte Regulierungen gesellschaftskritisch analysiert werden, ohne dabei gleichermaßen verschwörungstheoretische Erzählungen zu reproduzieren?

Auf den theoretischen Spuren Stuart Halls, Judith Butlers und Ernesto Laclaus werden wir ein post-essentialistisches Subjektverständnis für die Subjektvierungsforschung starkmachen und mithilfe einer dekolonialen Perspektive Otheringprozesse und die ungleiche Verteilung von Macht und Ermächtigung in den Blick nehmen. Wir werden zeigen, wie in der Thematisierung der Covid 19-Pandemie und der nekropolitischen Regulierung der Bevölkerung (Mbembe 2011) zum Schutz vor der globalen Ausbreitung des Virus sich neue Subjektpositionen herausgebildet haben. Wir folgen hier zum einen der diskursiven Spur von Innen/Außen, und der Herstellung einer von außen kommenden Bedrohung vor der es das als ‚innen‘ Ausgegebene des Nationalstaates zu schützen gilt. Zum anderen folgen wir der diskursiven Spur der AHA-Formel und zeigen am Beispiel von #superspreader, #coronaeltern und #carecounts im #homeeverything, inwiefern hier Diskurspositionen zur Verfügung gestellt und angenommen werden müssen. Dabei werden gleichzeitig Mechanismen eines neuen Otherings in der postmigrantischen Gesellschaft u.a. in Form von Whitewashing des Homeoffice, der Bourgeoisierung von Carearbeit und der völkischen Nationalisierung von Kultur offensichtlich.



Pflegekräfte gesucht – Rekonfigurationen von Grenz- und Care-Regimen im Kontext von Männlichkeit, Flucht und Sorgearbeit

Sylka Scholz, Kevin Stützel

Friedrich-Schiller-Universität Jena, Deutschland

In der feministischen Debatte gilt es als Konsens, dass sich die Krise der sozialen Reproduktion in der gegenwärtigen Pandemie vorwiegend verschärft hat und keineswegs neu ist. Dies gilt auch für den Pflegesektor. Obwohl Pflegeberufe gegenwärtig als ‚systemrelevant‘ diskutiert werden, ist der Bereich weiterhin durch einen massiven Fachkräftemangel bei gleichzeitiger Ökonomisierung bestimmt. Unter diesen Bedingungen werden zunehmend Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrungen Gegenstand diskursiver Anrufungen, die die „Flüchtlingsfrage“ als „Männerfrage“ verhandeln.

Auch wenn sich historisch zeigen lässt, dass ungefähr zehn- bis fünfzehn Prozent der Pflegekräfte männlich waren, werden erst in jüngster Zeit Männer überhaupt adressiert, sich eine berufliche Zukunft in der Pflege aufzubauen. Dabei werden Tätigkeiten und Berufsaspirationen stereotyp vermännlicht, um eine Passung zwischen Pflege und Männlichkeit herzustellen. Bei der Anwerbung von geflüchteten und migrierten Pflegekräften tritt Geschlecht hinter den Aufenthaltsstatus zurück. Obwohl es sich um mehr männliche geflüchtete oder migrierte Personen handelt, die in der Pflege eine neue Berufs- und vor allem Bleibeperspektive suchen, bleibt ihr zunehmender Einzug in die Pflege ein wenig betrachtetes Phänomen.

Anhand der Befunde einer rekonstruktiven Interviewstudie setzt sich der Beitrag mit der Rekonfiguration von Grenz- und Careregimen im Kontext von Männlichkeit, Flucht und Sorgearbeit auseinander. Ausgehend von Interviews mit Pflegekräften mit Flucht- und Migrationserfahrungen, die zur Hälfte vor und zur Hälfte in der Pandemie entstanden sind, wird ein komplexes Verhältnis von Auf- und Abwertungen am empirischen Material analysiert. Anhand eines praxeologischen Zugangs, der die Handlungspraxis der Auszubildenden rekonstruiert, wird die Gleichzeitigkeit von Statusverbesserung und Rassismuserfahrungen herausgearbeitet. Aufgezeigt wird darüber hinaus, dass das Beziehungsverhältnis von ‚care giver‘ und ‚care receivern‘ mit einer Emotionsarbeit der Befragten einhergeht, die eine Passung zur Pflegetätigkeit herstellt und zur Transformation geschlechtsbezogener Orientierungen führt.



Global crises: a portal towards utopian visions in economic theory?

Karin Schönpflug

IHS, Österreich

This contribution opens by discussing models of economic agents and families in mainstream economic theory as fantastic imaginations of long-perspired enlightenment utopias: Economic man who is envisioned as a (care-)free, autonomous identity, a separate self, growing “like a mushroom fully formed from the earth” while family relations are likened to a complete amalgamation of the husband with his wife and children. Those conceptions of neoclassical economics are then juxtaposed with visions of feminist utopias and their incorporation into feminist economics: On a micro level, these visions include not only a remodeling of gender identities and gender relations, but also the reorganization of work and the care relationships within households. On a macro level it is stressed that an economic system based on self-interest and the subsuming of “others” enables a patriarchal and colonialist capitalism which is potentially lethal on a global scale as it cannot respond to values it does not recognize, such as unpaid work or the inputs of nature.

While the COVID-19 crisis is a real-life dystopia lastly arriving in the global North, the crisis can also be understood as a portal opening into renewed discursive spaces, finally allowing epistemological change: Financial losses caused by the pandemic may accelerate an overhaul of harmful institutions including systematic individualism, racialization, binary gender-roles, heteronormative families/households, nations, money, chrono-normative time and competitive markets which is necessary to create alternative economic theory. Such a theory that involves feminist, queer, Indigenous, and posthuman theories could replace androcentric and anthropocentric paradigms and enable economic policies that may not only generate real opportunities and justice for colonized and Indigenous populations, poor women*, care givers, workers in global factories and queer people, but may also prevent environmentally destructive processes and protect the planet per se.