Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_CareUMänn: Ad-hoc-Gruppe - Care und Männlichkeiten intersektional gedacht
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Miranda Leontowitsch, Goethe-University Frankfurt
Chair der Sitzung: Anna Wanka, Goethe Universität Frankfurt am Main
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen

Refugees for Care - Zur Konstruktion ‚fremd-gemachter Männlichkeit‘ in der Altenpflegehilfeausbildung von Geflüchteten

Marina Schmidt

Goethe Universität Frankfurt am Main, Deutschland

Seit 2016 lassen sich in Deutschland intensive politische Bestrebungen beobachten, dem Fachkräftemangel im Altenpflegesektor durch die qualifizierte Ausbildung von Geflüchteten entgegenzuwirken. Davon ausgehend richtet meine Arbeit den Blick auf ein staatlich gefördertes Ausbildungsprogramm, welches die Ausbildung junger, vorwiegend männlicher* Geflüchteter zu Altenpflegehelfer*innen zum Ziel hat. Die empirische Ausgangsbeobachtung besteht entsprechend in der gesonderten Ausbildung von geflüchteten Menschen, die auf einer institutionellen Differenzierung in geflüchtete und nicht-geflüchtete Schüler*innen aufbaut. In diesem Zusammenhang stelle ich die Frage, wie Differenzen im Rahmen dieses Ausbildungsprogramms konstruiert werden und welche Funktion diese haben.

Differenzen werden im Rahmen dieser Arbeit gemäß des praxeologischen Konzepts des (Un-)Doing Differences von Hirschauer (2017) verstanden. Damit einhergehend vertrete ich die ethnomethodologische Grundannahme, dass soziale Differenzierungen in Interaktion hervorgebraucht und empirisch nachvollziehbar werden. Um die situativen Differenzierungspraktiken zu analysieren wird die Methode der Ethnografie gewählt. Die Schüler*innen dieses Ausbildungsprogramms werden in den entsprechend relevanten institutionellen Settings, der Berufsschule und dem Altenpflegeheim, ethnografisch begleitet.

Ein vorläufiger Befund meiner Feldforschung in der Berufsschule ist, dass in der Vermittlung von Pflegewissen das Zusammenwirken der Differenzkategorien Gender und Ethnizität deutlich wird: Den männlichen* und, auf Basis ihrer zugeschriebenen Herkunft, als fremd kategorisierten Auszubildenden wird von Seiten der Lehrer*innen ein traditionelles Männlichkeitsbild zugeschrieben, das mit der Ablehnung von Fürsorge verbunden ist. Es erfolgt, eine stereotype Darstellung und Problematisierung im Sinne ‚fremd-gemachter Männlichkeit‘ (Scheibelhofer 2018). Davon ausgehend vermitteln die Lehrer*innen neben pflegerischen Abläufen, dezidiert auch Werte wie Empathie und Beziehungsorientierung für die 'fremd-gemachten' Männer*. Vor diesem Hintergrund können zugleich unterschiedliche Strategien der Identitätskonstruktion der geflüchteten Männer* mit Blick auf die Vereinbarkeit von Männlichkeit und Care beobachtet werden.



Gepflegte Männlichkeit(en) im Pflegeheim

Rafaela Werny

Goethe Universität Frankfurt, Deutschland

Während sich der Perspektive sorgender Männer im Kontext der Care-Debatte verstärkt zugewendet wurde, blieb die Perspektive der Gepflegten auf die geleistete Sorgearbeit und ihr Einfluss auf die Präsentation und Konstruktion von Männlichkeiten unterrepräsentiert.

Pflegeheime in denen die Mehrheit der Gepflegten und Pflegenden weiblich sind, werden als „Frauenwelt“ bezeichnet. Ausgehend davon lag der Fokus bisheriger Forschung zu Männlichkeit(en) im Pflegeheim auf dem Aspekt der Marginalisierung. Die Privilegien, die mit Männlichkeit verknüpft sind und das Zusammenspiel von Marginalisierung blieben unsichtbar.

Im Fokus meines Beitrags stehen die Spielräume der Männlichkeitspräsentationen und Konstruktionen der Pflegeheimbewohner. Anhand der Dimensionen „Umgang der hochaltrigen Männer mit dem Gepflegt-Werden“ und „Männlichkeitskonstruktionen im Pflegeheim im Verhältnis zur Biographie“ werden die drei herausgebildeten Typen vorgestellt.

Der Typ unkompliziert-kooperative Männlichkeit zeichnet sich durch angepasstes Verhalten und Kooperation mit den Pfleger*innen aus. Das Zusammenspiel von Passivität, Anpassung und Wissen bildet eine Ressource für ihre Männlichkeitspräsentation.

Durch die Übernahme von weiblich konnotierte Care-Arbeit bietet das Leben im Pflegeheim für den Typen aktiv-unterstützende Männlichkeit Anknüpfungsmöglichkeiten an eine Präsentation als aktiver Mann Die Handlungsmacht und Anerkennung, die er dafür von Pfleger*innen und Bewohner*innen erhält, bilden wichtige Bezugspunkte für seine Männlichkeitskonstruktion.

Vertreter des Typs abwehrend-dominante Männlichkeit unternehmen den Versuch an biographisch erworbener Definitionsmacht, die sich primär auf das Patriachat stützt, anzuknüpfen. Gegenüber dem Pfleger*innen zeigen sie herausforderndes und diffamierendes Verhalten. Da die Konstruktion als machtvoller Mann aufgrund ihres Pflegebedarfs und der daraus resultierenden Abhängigkeit scheitern, kommt es zum Bruch.

Drei Fallbeispiele werden genutzt, um, die Typen auszudifferenzieren.



Caring Masculinities in Caring Organizations? Ergebnisse aus internationalen Studien in Organisationen

Elli Scambor

VMG, Österreich

Der Beitrag gewährt Einblick in aktuelle Ergebnisse der EU-Studie MiC - Men in Care, die sich in sieben europäischen Ländern mit Organisationskulturen beschäftigt, die Caring Masculinities fördern. MiC setzt auf langfristige Entwicklungen, die eng mit Veränderungen der Geschlechterverhältnisse verbunden sind. Zum einen verändert sich die Arbeit selbst, auf der anderen Seite ändern sich die Ansprüche an Erwerbsarbeit sowie Einstellungs- und Praxismuster bei Männern* - egalitäre Modelle der Arbeitsteilung und eine stärkere Orientierung an Care-Arbeit rücken in den Fokus.

Basierend auf qualitativen Interviews mit Organisationsexpert*innen (46) und mit Männer* (79), die Care-Aufgaben wahrnehmen, leistet die MiC-Studie einen Beitrag zur laufenden Debatte über ein sich entwickelndes Konzept (Caring Masculinities), das Männlichkeit mit Werte der feministischen Care-Ethik verknüpft. Die Analyse der unterstützenden Faktoren in verschiedenen Organisationen basiert auf dem 3-Phasen-Change-Model (Holter, Riesenfelder & Scambor, 2005), einem theoretischen Rahmen, der in der EU-geförderten Organisationsstudie Work Changes Gender (2001-2004) entwickelt wurde. Auf Basis dieses Modells wurden sowohl die geschlechterbezogenen Substrukturen der untersuchten Organisationen als auch die Rolle von Männern* in Care-Zusammenhängen einer vergleichenden internationalen und intersektionalen (Geschlecht, Bildung, Alter) Analyse unterzogen. Die Studie wurde während der Corona-Pandemie durchgeführt, wodurch Fragen der Care-Verantwortung von Männern* sowie die Rolle von Unternehmen sehr dringlich wurden.

Im Beitrag werden unterstützende Faktoren auf verschiedenen Ebenen diskutiert (Unternehmens- und Führungskulturen, relevante Akteur*innen und Netzwerke, feldspezifische Logiken) und es wird die Frage erörtert, wie sich Work-Life-Balance, Geschlechtergerechtigkeit sowie Konzepte von Männlichkeit(en) und Care in Organisationen miteinander verknüpfen lassen. Welche Maßnahmen strukturieren Prozesse hin zu fürsorglichen und geschlechtergerechteren Organisationen und wie können diese Maßnahmen im Kontext umfassender Veränderungsprozesse konzeptualisiert werden?



De/Stabilisierung privilegierter Verantwortungslosigkeit

Diana Lengersdorf

Universität Bielefeld, Deutschland

Eine zentrale Erkenntnis der Geschlechterforschung ist, dass die Beharrung von Geschlechterverhältnissen maßgeblich mit einer fortlaufenden Stabilisierung von Männlichkeiten in Verbindung steht. Um die Stabilisierungsprozesse verstehen zu können, greift die Männlichkeitenforschung auf das Konzept hegemonialer Männlichkeit zurück. Gegenwärtige Befunde zu Veränderungen von Männlichkeiten deuten auf einen grundlegenden Wandel hin, der zugleich auch das Konzept hegemonialer Männlichkeit herausfordert. Als Alternative drängt sich zunehmend „caring masculinities“ in den forschenden Fokus.

Der Vortrag wird zunächst kurz in den konzeptionellen Rahmen einführen, vor allem um zu verdeutlichen, dass mit dem fortlaufenden Praktizieren von hegemonialer Männlichkeit die Vielfalt von Männlichkeiten gerade auf einen Punkt hin gebündelt werden – die Verschränkung mit verschiedenen sozialen Kategorisierungen demnach verschleiert wird – und in einer spezifischen Form der Privilegierung münden. In einem zweiten Teil werde ich anhand von Daten aus einem DFG-geförderten Forschungsprojekt dann aufzeigen, inwiefern hierbei eine als spezifisch männlich gerahmte Verantwortung eine (reproduktive) Rolle spielt. Schließen werde ich mit Ergebnissen von Momenten der Veränderungen von Männlichkeiten, wie sie sich in unserem Projekt gezeigt haben.

(Projektinfos: „Neujustierung von Männlichkeiten“, Leitung: Prof. Dr. Diana Lengersdorf (Universität Bielefeld), Prof. Dr. Michael Meuser (TU Dortmund), Projektmitarbeitende: Dr. Diana Baumgarten, Tanja Jecht, Patrizia Lauterbach, Laufzeit. 2016-2019)



Care trans_formieren. Ethnographische Perspektiven auf trans männliche und queere Sorgearbeit

Francis Seeck

Hochschule Neubrandenburg, Deutschland

Wie Care jenseits von heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit entworfen wird, ist bisher kaum untersucht worden. Francis Seeck wendet sich dieser Leerstelle zu und beleuchtet mit einer ethnographischen Studie die Praktiken der Selbstsorge und Fürsorge, die trans und nicht-binäre Personen füreinander leisten. Sorgearbeit, die über privatisierte Familienverantwortung und medizinische Versorgungskontexte hinausweist, muss dabei für das Verständnis des komplexen Verhältnisses von Gender und Care in den Blick genommen werden. Die hier entwickelte Forschungsstrategie der Sorgenden Ethnographie ermöglicht, Care-Praktiken als zentrale Bestandteile ethnographischer Forschung produktiv zu machen. Die Studie macht zudem auf die Bedeutung der Kategorie Klasse in Sorgebeziehungen aufmerksam. Es wird deutlich, dass Klassenunterschiede und Klassismus den Zugang zu Für_Sorge erschwere, in den Zonen der Prekarität aber auch neue Formen der Fürsorge entwickelt werden. In dem Vortrag wird Francis Seeck insbesondere auf trans männliche Praktiken der Sorgearbeit eingehen.

Zur Autor*in

Francis Seeck, geb. 1987, ist Geschlechterforscher*in und Kulturanthropolog*in und arbeitet zu den Themen Klassismus, soziale Ungleichheit, Care und geschlechtliche Vielfalt. Francis Seeck hat 2021 an der Humboldt Universität promoviert und ist zurzeit Vertretungsprofessor*in für Sozialarbeitswissenschaft an der Hochschule Neubrandenburg. Seit 2009 ist Francis Seeck in der Antidiskriminierungsarbeit tätig und gibt Fortbildungen zu den Themen Klassismus und geschlechtliche Vielfalt. Im Oktober 2020 erschien der Sammelband „Solidarisch gegen Klassismus. Organisieren, intervenieren, umverteilen“, den Francis Seeck mit Brigitte Theißl bei Unrast herausgab (aktuell 3. Auflage). Im Juni 2021 erscheint bei Transcript: "Care trans_formieren. Eine ethnographische Studie zu trans und nicht-binärer Sorgearbeit"