Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_vonAltenUndNeuenRisiko: Ad-hoc-Gruppe - Von alten und neuen „Risikogruppen“: (Globale) Personenkategorien und die Corona-Pandemie
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Hannah Bennani, Universität Tübingen
Chair der Sitzung: Marion Müller, Universität Tübingen
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen

„Bring Corona nicht zur Oma.“ Zur Verhandlung der „Risikogruppe der Älteren“ in Diskursen um intergenerationelle Solidarität und Verantwortung

Irmgard Steckdaub-Muller1, Larissa Pfaller1, Schweda Mark2, Ellerich-Groppe Niklas2

1Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland; 2Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg

Die zu Beginn der Corona-Pandemie Anfang 2020 ergriffenen Maßnahmen wurden nicht nur durch die deutsche Regierung implementiert, welche die Bevölkerung zur Verhaltensänderungen und Verantwortungsübernahme aufrief, auch die Bürger:innen selbst zeigten Initiative: Es wurden Masken genäht, Einkäufe organisiert, Nachbarschaftshilfen gegründet. Diese Akte der Solidarität richteten sich insbesondere an ältere Mitmenschen, die als besondere Risikogruppe der Pandemie identifiziert worden waren. Nie zuvor schienen Begriffe wie „Hochaltrigkeit“ oder „Vulnerabilität“ in Medien und Politik präsenter und die Zivilgesellschaft aufmerksamer gegenüber dieser Bevölkerungsgruppe.

Dabei ergibt sich nicht nur empirisch in Bezug auf die gezeichneten Rollen der „Alten“ und der „Jungen“ in der Corona-Pandemie ein heterogenes, wenn nicht gar ambivalentes Bild, auch fordern die Besonderheiten von „Alter“ als Differenzkategorie einen kritischen analytischen Blick auf Diskurse um intergenerationelle Solidarität und Verantwortung.

Anhand exemplarischer Fallbeispiele der „ersten Welle“ analysiert der Beitrag Solidarität und Verantwortung als leitende normative Bezugspunkte der medialen, politischen und zivilgesellschaftlichen Aufarbeitung der Generationenverhältnisse in der Corona-Pandemie: Welche Konzepte von Solidarität und Verantwortung werden transportiert? (Wie) werden Generationenverhältnisse (neu) verhandelt? Welche Differenzierungen werden hierbei (re-)produziert?

So fragt der Beitrag schließlich auch danach, wie sich in der Bezugnahme auf Ältere als Risikogruppe der Pandemie auch Mechanismen des die Kategorie des Alters begleitenden othering dokumentieren und beleuchtet die Gefahr der Reproduktion bestehender Ageismen.



Konstruktionen der Personenkategorie „Menschen mit Behinderungen" im UN-Diskurs um globale pandemische Betroffenheit

Annelen Fritz

Universität Tübingen, Deutschland

„Menschen mit Behinderungen“ werden im Kontext der Vereinten Nationen nicht mehr primär als „abweichende Körper“ adressiert. Vielmehr haben sich Selbstvertreter:innen der Behindertenrechtsbewegung auf UN-Ebene vehement dafür eingesetzt, gesellschaftliche Vorstellungen von „Behinderung“ vom biologisch-medizinischen Blick zu lösen. Entsprechend betonen aktuelle globale Selbst- und Fremdbeschreibungen der Personenkategorie insbesondere die Rolle exkludierender gesellschaftlicher Organisation für die Entstehung von „Behinderungen“ und rücken die Bedeutung zugrundeliegender diagnostizierter „Funktionsstörungen“ des Körpers in den Hintergrund.

Mit der Coronaviruspandemie wird nun eine den Körper bedrohende Krankheit zum global relevanten Diskursthema und der Schutz verletzlicher Körper vor Krankheit und Tod begründet weltweit politische Bemühungen. Neben neu entstehenden medizinisch begründeten Personenkategorien entlang derer politische Maßnahmen konzipiert werden, erfolgt die Bearbeitung der Pandemie auf UN-Ebene auch entlang bereits etablierter Personenkategorien – wie der „Menschen mit Behinderungen“.

Vor dem Hintergrund, dass „der Körper“ als primäres Argument für die Kategorienzugehörigkeit der „Menschen mit Behinderungen“ in den letzten Jahrzehnten zunehmend in Frage gestellt wurde, fragt der Vortrag, wie die politische Kategorie der „Menschen mit Behinderungen“ im medizinisch-biologisch dominierten Pandemiediskurs konstruiert und besondere Betroffenheit der Kategorie argumentiert wird. Der Vortrag widmet sich unter diesem Fokus Fragen nach der Herstellung kategorialer Einheit und Bestimmung von Kategoriengrenzen und nimmt potentielle Bedeutungsverschiebungen in der Selbst- und Fremdbeschreibung der Personenkategorie in den Blick.

Dazu wird anhand von Dokumenten der Vereinten Nationen und globaler Behindertenrechtsorganisationen illustriert, wie für die Kategorie der „Menschen mit Behinderungen“ global pandemische Relevanz reklamiert wird und wie dabei insbesondere „der Körper“ verhandelt wird.

Der Vortrag zeigt, dass die politische Kategorie durch das Virus medizinisch fragmentiert wird, da erhöhtes Mortalitätsrisiko nur Angehörigen mit bestimmten Diagnosen zugerechnet wird. Befördert dies einen erneuten Bedeutungszuwachs individueller medizinischer Defizitdiagnosen für die politische Kategorie der „Menschen mit Behinderungen"?



Von der Kategorie zur strukturellen Gewalt. Politik unter den Bedingungen des modernen Gewaltparadoxes

Gesa Lindemann

Carl von Ossietzky Universität, Deutschland

Wir haben uns als Soziolog*innen im Gewaltparadox eingerichtet. Dies besagt, dass wir alle der übermächtigen Gewalt des Staates unterworfen sind und deshalb auf private Gewalt verzichten. Dies ermöglicht ein „Vertrauen in Gewaltlosigkeit“. Für diejenigen, die so leben, erscheint es so, als könnten Menschen grundsätzlich ohne Gewalt zusammenleben. Dies kennzeichnet auch den Konsens der soziologischen Forschung, deren grundbegriffliches Gerüst ohne Gewalt auskommt, weshalb Gewalt nur als abweichendes Verhalten bzw. als soziales Problem thematisiert wird. Der Vortrag arbeitet heraus, dass das Gewaltparadox ein Merkmal der modernen Verfahrensordnung ist. Danach kann nur der Staat legitime Gewalt ausüben mit dem Zweck der illegitimen (privaten) Gewalt ein Ende zu setzen. Vor diesem Hintergrund findet in modernen Gesellschaften eine dauernde Auseinandersetzung darum statt, was als (illegitime) Gewalt gilt. Dies macht die politische List „der strukturellen Gewalt“ erkennbar. Diese kennzeichnet den erfolgreichen Versuch, die institutionellen Wirkzusammenhänge z.B. der Kategorisierungen als „schwarz“ oder „farbig“ in öffentlichen Diskursen als Gewalt zu bezeichnen. Mit Bezug auf die Black-Lives-Matters-Bewegung wird herausgearbeitet, wie aus der Kennzeichnung institutioneller Mechanismen als Gewalt ein politisch-moralischer Handlungsdruck entstehen kann, dieser Gewalt durch den Einsatz staatlicher Gewalt ein Ende zu setzen.



Sinnschichten pandemischer Humandifferenzierung: Weltgesellschaft und Klein-Gruppismus

Stefan Hirschauer

Uni Mainz, Deutschland

Die Corona-Pandemie lässt die Gesellschaft in mehreren Hinsichten neuordnen. In der Sinnschicht autoritativer Diskurse verbreitete sich mit der globalisierten Wissenschaft der Medizin zum einen schnell ein viraler Mit- und Gegenspieler der menschlichen Weltbevölkerung, zum anderen auch weltweite Personenkategorien: die Unterscheidung von Infizierten und Nichtinfizierten, die von Geimpften und Nichtgeimpften sowie die von Risikogruppen. Da die praktischen Verfahren der Unterscheidung von Menschen nach solchen Kategorien aber nicht in ausreichender Menge und Frequenz zur Verfügung stehen – es mangelt gemessen am gesellschaftlichen Ordnungsbedarf an Testkapazität, an Impfdosen sowie an individueller ärztlicher Risikobestimmung – strukturieren zahlreiche untaugliche Behelfsunterscheidungen das Personal der Gesellschaft: etwa nach Hautfarbe, Alter, Nationalität und Region. Diese Unterscheidungen ereignen sich nicht in autoritativen Diskursen, sondern in tieferen Sinnschichten des Kulturellen – etwa als Vorurteil oder Meidungsdistanz, wo sie nicht globalisierend, sondern regionalisierend wirken. Vor allem sind sie hochwirksam in der Pandemiepolitik, deren Raumordnungen intensiv an nationalen oder regionalen Wir/die-Fragmentierungen arbeitet. Ähnliche Schließungen gibt es auch in der Sinnschicht proxemischer Praktiken. Nicht allein die normative Ordnung der ‚AHA-Regeln‘, die der Interaktionsordnung neue körperliche Abstände einzuziehen versucht, auch die privaten Risikokalküle von Menschen, die sich gegenseitig auf ihre Risikoträgerschaft taxieren und in ihre Infektionsgemeinschaften einlassen oder nicht, befördern eine temporäre Fragmentierung der Gesellschaft in Kleingruppen. Solche Phänomene sind seuchen-geschichtlich lange bekannt, für die Theorie der Weltgesellschaft aber eine Herausforderung.