Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_videovermitt: Ad-hoc-Gruppe - Videovermittelte Sozialität in der COVID-19-Krise
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Katharina Miko-Schefzig, Wirtschaftsuniversität Wien
Chair der Sitzung: Cornelia Reiter, Wirtschaftsuniversität Wien
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen

Videovermittelte Sozialität in der COVID-19-Pandemie

Katharina Miko-Schefzig, Cornelia Reiter

Wirtschaftsuniversität Wien, Österreich

Die Einschränkung sozialer Kontakte während der COVID-19-Pandemie hat enorme Auswirkungen auf private, berufliche und öffentliche Situationen und verändert die Möglichkeit zur Teilnahme an der Gesellschaft (Ammar et al., 2020). Viele Aspekte des sozialen Lebens haben sich in der Krise auf videobasierte Interaktionen verlagert und zu einer verstärkten Nutzung digitaler Kommunikationskanäle geführt. In unserem Vortrag präsentieren wir, wie videovermittelte Interaktion zur Aufrechterhaltung von Sozialität während und nach der COVID-19-Krise beigetragen hat, gehen aber auch auf Risiken ein, die damit einhergehen, dass die umfassende Nutzung digitaler Kommunikation digitale Interaktionen von einer Möglichkeit zu einer Notwendigkeit gemacht haben (Beaunoyer et al., 2020; Xie et al., 2020).

Einerseits geben wir einen Überblick darüber, wie videovermittelte Interaktion Menschen trotz der Kontaktbeschränkungen in öffentliche, organisationale und private Situationen einbezieht, indem sie (i) es Menschen ermöglicht, ohne physischen Kontakt zu kommunizieren und zu interagieren (z.B. Skype-Partys); (ii) indem sie die Aufrechterhaltung von Dienstleistungen über Distanz ermöglicht (z.B. Gesundheitsdienst; Therapie); (iii) indem sie Gruppen verbindet, um zusammenzuarbeiten (z.B. Teambesprechungen, Fernunterricht); und (iv) indem sie private Beziehungen aufrechterhält und eine Art von Gemeinschaft bietet (z.B. religiöse Gruppen, Spielrunden). Andererseits diskutieren wir Risiken der Videonutzung, wie etwa diejenigen sozial auszugrenzen und zu isolieren, die nicht in der Lage sind, die notwendigen Technologien zu nutzen, oder Belastungen, die aus dem Verwischen von Grenzen, etwa im Homeoffice, resultieren. Theoretisch referieren wir auf die Soziologie der Situation (Knorr-Cetina, 2014; Miko-Schefzig, 2019; Reichertz, 2013) und diskutieren, welche Situationen sich für Betroffene ergeben, wenn sie videovermittelte Interaktionen und realweltliche Erwartungen in Situationen ausbalancieren müssen und wie in video-vermittelten Interaktionen Sinn und Orientierung hergestellt wird.



Telepsychotherapie während der COVID-19 Pandemie

Moritz von Stetten, Jasmin Dierkes

Universität Bonn, Deutschland

Die Corona-Pandemie hat zu einem weitreichenden Rückgriff auf Videotelefonie im psychotherapeutischen Feld geführt. PsychotherapeutInnen oder HeilpraktikerInnen stiegen zeitweise vollumfänglich von Präsenzsitzungen auf videovermittelte Therapieformate um. Wir erforschen die Folgen dieser Entwicklung für die psychotherapeutische Versorgung und führen im Kontext dessen seit März 2020 qualitative Interviews und werten Fachliteratur sowie Stellungnahmen von Krankenkassen und Verbänden aus.

Dabei orientieren wir uns einerseits an einer historischen Diskursanalyse, um den Diskurs der Digitalisierung des Psychotherapeutischen im weiteren Kontext von Technisierung, Mediatisierung und Digitalisierung verorten zu können. Wir knüpfen hier an die These an, dass der Digitalisierungsdiskurs in der Tradition eines behavioristischen Denkens steht, das seit den 1970er Jahren auch im psychotherapeutischen Feld zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Andererseits gehen wir aus einer professionssoziologischen Perspektive davon aus, dass die Digitalisierung des Psychotherapeutischen eine Herausforderung für die bestehenden Asymmetrien und Arbeitspraktiken zwischen Professionen, Berufen und Akteuren darstellt.

In unserem Vortrag stellen wir die Formen videovermittelter Interaktionen einerseits in den Kontext der psychotherapeutischen Wissensbestände, andererseits in den des Digitalisierungsdrucks durch das Pandemiegeschehen. Dabei zeigen wir, dass Videotelefonie (Skype, WhatsApp, etc.) schon vor der Pandemie in legaler und illegaler Form eine Rolle gespielt haben. Die Pandemiesituation verschärft jedoch die feldinternen Konflikte. Dies lässt sich an verschiedenen Punkten festmachen.

Erstens lässt sich ein Zusammenhang zur jeweiligen Schulenzugehörigkeit (psychoanalytisch, verhaltenstherapeutisch, etc.) feststellen. Die Kluft verläuft hier jedoch nicht zwischen Digitalisierungsskeptikern und –optimisten, sondern zwischen verschiedenen Vorstellungen von der Bedeutung und Funktion der „Mediendurchdringung“ (Grenz 2014:21). Zweitens findet sich eine Konfliktlinie zwischen approbierten PsychotherapeutInnen, die die besondere Bedeutung der therapeutischen (Präsenz-) Beziehung betonen, und anderen Akteuren wie Krankenkassen und Therapie-App-Unternehmen, die die Chancen von digitalen Versorgungstechniken als Ergänzung und Alternative zur therapeutischen Beziehung herausstellen.



Videovermittelte Sozialität und ihre körperlich-materiellen Ansprüche

Stefan Laube

Johannes Kepler Universität Linz, Österreich

Durch die massive Ausweitung des Gebrauchs von Videokonferenzen im Zuge der Covid-19 Pandemie verlagern sich soziale Situationen der Ko-Präsenz so stark in virtuelle Räume wie nie zuvor. Was bedeutet dies für die Körper und materiellen Räume der Beteiligten? Die Soziologie hat zu diesen Fragen bislang zu wenige Antworten. Klar ist mittlerweile jedenfalls auch in der Soziologie, dass soziale Ko-Präsenz nicht mehr automatisch an körperlich-räumliche Ko-Präsenz gebunden sein muss. Mit der Relativierung von körperlicher Anwesenheit als notwendiges Element von Sozialität ergibt sich allerdings auch die Gefahr einer vorschnellen ‚Entkörperung‘ des Sozialitätsbegriffs, die digital vermittelte Interaktionen tendenziell auf ein Geschehen reduziert, das sich in erster Linie medial ereignet und vollzieht. Problematisch ist dies deshalb, da damit Fragen der Rückbindung dieses medialen Geschehens an die Materialität digitaler Interaktionspraktiken und ihrer physisch situierten Körper außer Acht gelassen werden. Das stärkt wiederum hartnäckige Mythen der Befreiung vom Körper im Zeitalter digitaler Vergemeinschaftung, die ein prägendes Narrativ der frühen sozialwissenschaftlichen Internetforschung darstellen. Auf der Basis von ethnographischen Beobachtungen von arbeitsbezogenen Trainings zu ‚Online-Präsenz‘ sowie des pandemiebedingten Gebrauchs von Videokonferenzen untersucht der Vortrag die Frage, in welcher Weise gerade in digitalen Interaktionssettings Formen der Disziplinierung und Beteiligung des Körpers verhandeln werden. Dabei wird der Vortrag auch danach fragen, welche Spannungen sich zwischen den materiellen Ansprüchen videovermittelter Interaktionen im Home-Office und den interaktiven Erfordernissen, Normen und Erwartungen von Wohn- und Familiensituationen ergeben.



Corona und das (Un-)Behagen an der digitalen Kultur

Michaela Pfadenhauer, Annalena Mittlmeier

Universität Wien, Österreich

Im März 2020 änderte sich das Leben der meisten Menschen (nicht nur) in Österreich buchstäblich von heute auf morgen. Um der allzu raschen Ausbreitung des neuartigen Corona-Virus entgegenzutreten, wurden Grenzen abgeriegelt, Schulen und Universitäten geschlossen, Produktionen eingestellt, Veranstaltungen verboten und Ausgangssperren für die gesamte Bevölkerung verhängt. Das Leben der Menschen beschränkte sich – zumindest räumlich – fortan primär auf die eigenen vier Wände. Erwerbsarbeit, Schule und Universität, Kulturgenuss und Freundschaftspflege gestalteten sich ab diesem Zeitpunkt, sofern möglich, von diversen heimischen digitalen Endgeräten aus. Hinzu trat in diesem ersten Lockdown die Unsicherheit darüber, ob die Netze der großen Mobilfunkanbieter Österreichs der erhöhten Internetnutzung und dem damit gestiegenen Datenverbrauch standhalten würden.

Weitgehend verstummt ist in dieser Zeit hingegen das bisher gängige Lamento über negative Begleiterscheinungen, ja sogar Gefahren des Medienkonsums, mit dem anders als früher nicht mehr stundenlanges Fernsehen, sondern Binge-Watching von Serien mit Streamingdiensten, vor allem aber das unbedachte Bespielen so genannter sozialer Netzwerke und exzessives Computerspielen gemeint war. Deshalb macht Armin Nassehi eine „Form der Kritik an der Kulturkritik am Digitalen“ aus, die er in „Muster“ als „Unbehagen an der digitalen Kultur‘“ skizziert hatte – ein Resultat aus dem „Sichtbarwerden der Unsichtbarkeit der gesellschaftlichen Antezedenzbedingungen des individuellen Lebens“. Die von Zygmunt Bauman für die Postmoderne aufgegriffene These Sigmund Freuds vom "Unbehagen in der Kultur" betrifft das Pendel zwischen Freiheit und Sicherheit, das mit der Corona-Pandemie machtvoll zugunsten von letzterem ausgeschlagen ist. Das Unbehagen an der digitalen Kultur wiederum oszilliert zwischen den Polen menschlicher Freiheit und maschinellen Freiheitsgraden. Fraglich ist von daher, ob dieses tatsächlich in ein Behagen an oder gar Behaglichkeit in der digitalen Kultur umgeschlagen ist.



Panelist

Friedrich Krotz

Universität Bremen

Panelist