Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_soziobiolog: Ad-hoc-Gruppe - Soziobiologische Ansätze aus der Formationszeit der Soziologie
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Sebastian Klauke, Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft e. V.
Chair der Sitzung: Dieter Haselbach, Universität Marburg
Chair der Sitzung: Carsten Schlüter-Knauer, Fachhochschule Kiel
Chair der Sitzung: Christian Swertz, Universitäe Wien
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen

Lebenswissenschaft(en) und Soziologie um 1900

Alessandro Barberi

OVGU Magdeburg / Universität Wien, Österreich

Dass die Diskursgeschichte der Biologie und der Lebenswissenschaft(en) des 19. Jahrhunderts eine Voraussetzung der Formationszeit der Soziologie um 1900 gewesen ist, stellt den Ausgangspunkt der Überlegungen dieses Beitrags dar. So ist der Darwinismus – noch bevor er so hieß – schon mit der >Anatomie der Gesellschaft< bei Marx und Engels präsent, wenn etwa die Arbeitskraft menschlicher Lebewesen immer auch als Lebenskraft verstanden wurde. Eine vitale Kraft, die als Produktivkraft im Getriebe des Kapitalismus verausgabt wird. In diesem Sinne finden wir auch bei Ferdinand Tönnies entlang der Unterscheidung von Vitalismus und Mechanismus Formen der Soziobiologie bzw. Biosoziologie, wenn z. B. Organismen und Körper mit Werkzeugen und Maschinen enggeführt oder Rekurse auf Nietzsches physiologische Vorannahmen lesbar werden. Bemerkenswert ist dabei, dass die Lebenswissenschaften seit dem 19. Jahrhundert auf breiter Ebene die >Vererbung erworbener Merkmale< bestritten hat, die sich konstituierende Soziologie hingegen mit der Beschreibung von Vererbungen (etwa von Kapital, Liegenschaften oder anderen Besitzformen) zutiefst verbunden war. Inwiefern mithin Merkmale erworben und vererbt werden, ist auch angesichts aktueller Debatten zu Epigenetik und Biopolitik von geraumer Bedeutung. Der Vortrag geht dabei der Frage nach: Gibt es soziobiologische bzw. biosoziologische Wissensformen, die nicht als Biologismus gelten müssen?



Tönnies’ Kritik der Deszendenztheorie.

Dieter Haselbach

Universität Marburg, Deutschland

Soziologie tendiert zu kulturalistischen Sichtweisen: Soziales aus Sozialem erklären. Dabei gerät der ständige Einfluss, den die biologische Natur der Menschen auf Gesellschaft hat, leicht aus dem Blick: Menschlich Gesellschaften bleiben aber eingebunden in Naturkreisläufe, von ihnen abhängig. Und gleichzeitig hat der menschliche Einfluss auf diese Naturkreisläufe eine Tendenz, die natürli-chen Voraussetzungen gesellschaftlichen Lebens problematischer zu machen. Vom „Macht Euch die Erde untertan“ in alten Übersetzungen des Alten Testaments bis zur Diskussion des Anthropozän spiegelt sich diese Diskussion. Klimawandel und neuerdings die die Welt betreffende Zoonose sind hier Stichworte.

Wie Naturhaftigkeit in der Soziologie bearbeitet werden kann, ohne menschliches und soziales Handeln auf Natur zu verkürzen oder den Eigensinn des Sozialen zu leugnen, dafür gibt es in der Formationszeit von Soziologie interessante Beispiele. Der Vortrag will am Beispiel der Diskussion um Deszendenztheorie und Eugenik um die Jahrhundertwende einige Zugänge erproben, die für eine aktuelle Vermessung von Natur in Gesellschaft verwandt werden können.



Entsteht in der Corona-Krise ein „Community“-Kapitalismus? Grundzüge der Entwicklung von Gemeinschaft und Gesellschaft heute

Sebastian Klauke

Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft e. V., Deutschland

Die europäischen Staaten befinden sich inmitten der dritten Welle der Corona-Pandemie, die Vereinigten Staaten gar in der vierten. Die Folgen sind auf allen Ebenen spürbar: in der Wirtschaft, im Staat wie im Privaten. Politiker wie der Bundespräsident Steinermeier rufen die Gesellschaft zur Einigkeit in der Pandemiebekämpfung auf - es fragt sich jedoch, welche Art von Einigkeit hier gemeint ist und ob eine solche überhaupt aus der Perspektive soziologischer Gesellschaftsanalyse möglich ist. Denn anhand der Literatur, wie sie auf Karl Marx und Ferdinand Tönnies zurückgeht, und in deren Art der Analyse müssen solcherlei Appelle vor dem Hintergrund der grundlegenden gesellschaftlichen Organisationsprinzipien als nicht adäquat und unterkomplex zurückgewiesen werden. Offen ist, wie die Gesellschaft der westlich-kapitalistische Länder nach der Eindämmung der Pandemie aussehen wird - erste Prognosen sprechen vom Aufkommen eines Community-Kapitalismus, in dem zentrale Errungenschaften gesellschaftlicher Auffang- und Sorge-Mechanismen zurückverlagert werden in den Raum des Privaten und der Familie. Diese möglichen Entwicklungspfade sollen hier näher betrachtet werden und vor dem Hintergrund des Klassikers „Gemeinschaft und Gesellschaft“ eingeordnet werden.



Der Ethiker Tönnies und der Rassismus. Nicht nur ein Nachtrag zum 1. Deutschen Soziologentag

Carsten Schlüter-Knauer

Fachhochschule Kiel, Deutschland

Tönnies‘ Vortrag >Einteilung der Soziologie< von 1924 fasst mit >Rasse, Volk, Stamm und anderen genealogische Komplexen< Verbindungen zwischen Individuen, die >als Einheiten gedacht werden< können, welche biologische >natürliche Samtschaften< seien (1926: 436, vgl. TG 22.2: 38). Im Abschnitt über >Soziologische Zusammenhäng der Öffentlichen Meinung< seiner >Kritik der öffentlichen Meinung< erläutert er 1922 wiederum Entwicklung und Zusammenhänge sozialer Willensformen im Hinblick auf die Perspektiven der sozialen Verbindungen der Menschen unter den Aspekten ihrer Verwandtschaft, ihres regionalen (und auch schon virtuellen) Zusammenwohnens und ihres Zusammenarbeitens. Hinsichtlich der >Rasse< unterstreicht er dabei aber sehr nachdrücklich, dass >deren Begriff freilich wacklig< sei (TG 14: 263). Häufiger setzt er ihn in distanzierende Anführungszeichen. Im antinazistischen politischen Kontext spricht er 1932 in einem Zeitungsartikel breitenwirksam von der nur >sogenannten Rasse< (TG 22[1]: 354).

Was bedeutet die selbst etwas >wacklige< Verwendung des Rassebegriffs in Tönnies‘ Werk? Könnte sie im Hinblick auf Identitätspolitiken trotz ihrer über 100 Jahre alten wissenschaftlichen, ethischen und politischen Kontexte fruchtbare Hinweise beinhalten? Soziologisch hat sich Tönnies in lebhaften Diskussionen gegen sozialdarwinistische Soziobiologie gewandt. Politikwissenschaftlich analysiert er z.B. die Dominanz des Rassismus in den Vereinigten Staaten (spricht von >coloured people< und der >charakteristischen Weise<, in der von ihnen in der >weniger durch Klassengegensätze eingeschränkten< Öffentlichen Meinung der USA nicht die Rede sei, in der eher die >Rassengegensätze< zum Tragen kämen, TG 14: 413). Die Anliegen der Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur versucht er sowohl praktisch – so wirkt er etwa 1911 an entscheidender Stelle am >First universal Race Congress< an der Universität London mit – als auch theoretisch mit wissenschaftlicher Ethik zu unterstützen. Hierbei unterstreicht er 1918 deontologisch und politisch zugleich, was mit rassischen Kategorien schwerlich vereinbar scheint: die speziezistische > Einheit der Art, die gemeinsame Abstammung, also die Gleichheit des Menschentums<, die >nicht notwendig die vorhandenen Unterschiede … aufheben< müsse (TG 10: 431).



Virtuelle Gemeinschaften? Zur Relevanz von Tönnies Gesellschaftsbegriff für das Verständnis der Kommunikation mit digitalen Medien

Christian Swertz

Universität Wien, Österreich

Der Bildungsbegriff, der sich bilden, gebildet sein und gebildet werden einschließt, wird im Rückgriff auf Kants prominente Bestimmung von Vernunft als öffentlichem Vernunftgebrauch in allen retorsiv argumentierenden pädagogischen Theorien auf den Öffentlichkeitsbegriff bezogen. Die erste These des Vortrags ist, dass Tönnies dieses Verständnis aufgreift, indem er Gesellschaft in der Eröffnung seines Hauptwerks Gemeinschaft und Gesellschaft als „ideelle und mechanische Bildung“ (Tönnies 1920, 3) bestimmt und mit einer Diskussion der öffentlichen Meinung beendet (Tönnies 1920, 193). Die These wird diskutiert, indem dem Umstand nachgegangen wird, dass Tönnies Bildung Individuen und Gesellschaft gleichermaßen zuschreibt. Die zweite These des Vortrags ist, dass der Umstand, dass Bildung in der (derzeit viral getriebenen und werdenden) digitalen Kultur ein hoher Wert zugeschrieben wird, damit erläutert werden kann, dass Gemeinschaften an Relevanz verlieren. Die These wird begründet, indem Tönnies Kritik der öffentlichen Meinung als Kritik der Bildung von Gesellschaften und Individuen interpretiert wird. Mit dieser Entwicklung, so die abschließende These, wird die Freiheit von bürgerlichen Zwängen und Werten in erfreulicher Weise und mit einer „Tendenz zur Weltrepublik“ (Tönnies 1920, XIV) befördert.