Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_AktFamiÖ: Ad-hoc-Gruppe - Familienforschung in Österreich
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Eva-Maria Schmidt, University of Vienna
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Präsentationen

Doing Work While Doing Family. Familienalltag zwischen häuslicher Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung

Jana Mikats

Univeristät Graz/Universität Wien, Österreich

Die raumzeitlichen Überschneidungen von Erwerbsarbeit und Familienleben warenin österreichischen Familien mit Kindern und häuslich Erwerbstätigen Eltern bereits vor der Covid-19 Pandemie eine zentrale Alltagsherausforderung. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Frage wie heterosexuelle Paare mit Kindern im Kindergarten-und Volksschulalter Erwerbsarbeit und Familienleben vereinbarenund was diese Arrangements für den Alltag der involvierten Familienmitglieder bedeutet. Die Ergebnisse basieren auf den Daten einer multiperspektivischen und qualitativen multimethodischen Forschungmit 11 österreichischen Familien sowie auf follow-up Interviews während der Covid-19 Pandemie. Die Analyse der Daten erfolgte mittels Kodierungs-und Kartierungstechniken der konstruktivistischen Grounded Theory und derSituationsanalyse.Die Analyse zeigt, dass Eltern dieDefizite des österreichischen Kinderbetreuungssystems (Öffnungszeiten, Flexibilität, pädagogische Ausrichtung) kompensieren, indem sie ihre häusliche Erwerbstätigkeitan dieinstitutionellen Betreuungszeiten und Bedürfnisse der Kinder anpassen (müssen). Dabei zeigt sich ein ambivalentes Bild: einerseits sind die häuslich Erwerbstätigenauf die formalenBetreuungsangebote angewiesen, da die Ausübung von Erwerbsarbeit in Anwesenheit von Kindernein voraussetzungsvolles, nicht auf Dauer angelegtes Arrangement ist. Andererseits gleichenEltern mit ihrer Präsenz zu Hause, dieDefiziteder Kinderbetreuungaus. Diese Koppelung von häuslicher Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung führt bei den untersuchten Familien zu unterschiedlich und vergeschlechtlichten Mustern in der Arbeitsteilung: arbeitet nur die Frau zu Hause wird ihr die volle Zuständigkeit für den häuslichen Bereich zugeschrieben, gehen beide Partner_innen einer häuslichen Erwerbsarbeit nach erfolgt eineegalitäre(re)Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Darauf aufbauend zeige ich, wie sich der Alltag von Kindern in Bezug zu diesen elterlichen Präsenzen zu Hause und der (un)gleichen Arbeitsteilung gestaltet. In derCovid-19 Pandemie und derphasenweise dauerhaften Präsenzaller Familienmitglieder zu Haus kommt es zu einerNeuordnung etablierter Abläufe, die in weiterer Folge jedoch eine Verfestigung der zuvor identifizierten Muster der Arbeitsteilung nahelegt.



Arbeiten und (Ver-)Sorgen: Arbeitsbedingungen von Eltern unter dem Einfluss von Maßnahmen zur Eindämmung der Covid19-Virus-Verbreitung

Gerlinde Mauerer

Universität Wien, Österreich

Im Beitrag werden empirische Ergebnisse zu Home-Office-Arbeitsbedingungen von erwerbstätigen Eltern in Wien und Umgebung präsentiert (Mauerer 2021). Es wurde gefragt, ob und wie die befragten Eltern seitens ihrer Arbeitgeber*innen in den Phasen laufender Covid-19-Virus-Verbreitungs-Einschränkungen unterstützt wurden und wie institutionelle Ausfälle in der Kinderbetreuung kompensiert werden konnten. Die empirischen Ergebnisse verdeutlichen eine Kluft zwischen Arbeitnehmer*innen mit und ohne Kinder. Sie zeigen über geschlechter- und branchenspezifische Differenzierungen hinausgehende Veränderungen in der Arbeitswelt, die besonders dann deutlich werden, wenn Väter vermehrt Sorgearbeit übernehmen (wollen).

Die präsentierte Forschung von September 2020 bis Februar 2021 (Mauerer 2021) fokussierte auf „Väterkarenzen und Frauenerwerbstätigkeit in Wien: Partnerschaftliche Zukunftsplanung“. Die Ergebnisse zeigen gender- und branchenspezifische Unterschiede in den getroffenen elterlichen Vereinbarungen zur Koordination von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung. Diese Ergebnisse werden vor dem Hintergrund von theoretischen Erkenntnissen aus der Forschung zu Arbeit, Geschlecht und Organisation diskutiert (u.a. Funder 2016; Aulenbacher & Wetterer 2009). In thematischer Erweiterung wird ein zusätzlicher Fokus auf transnationale (Leben-)Räume und familiäre Zusammenhänge gelegt, basierend auf vorgängigen empirischen Daten (Mauerer 2013-2020). Sie zeigen spezifische Implikationen, die sich für (Kern-)Familien in transnationalen (groß-)familiären Kontexten ergeben. Diese werden ebenso im Hinblick auf Genderkomponenten in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie von Männern und Frauen diskutiert. In Conclusio zeigen sich Ansätze einer sich erweiternden Kluft zwischen Eltern- und Nicht-Eltern in der Arbeitswelt, welche eine Reduktion von genderspezifischen Unterschieden zwischen Elternteilen, sprich zwischen Männern und Frauen – aktuell und zukünftig – zu überlagern scheinen. Diese ansatzweise Entwicklung wird auf der Basis der Ergebnisse zu elterlichen Aufteilungen von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung zwischen den befragten Männern und Frauen (09-12/2020) aufgezeigt.

Literatur u.a.: Mauerer, Gerlinde (2021): Work-Life-Balance und geschlechterspezifische Vorannahmen am Arbeitsplatz. Ergebnisse aus der empirischen Forschung zu Elternkarenzen in Österreich. In: SWS 1-21, Wien, 80-99.



Homeoffice und Arbeitszeiten in der Corona-Pandemie: Wie sind Familien mit Kindern betroffen?

Bernhard Riederer1,2, Caroline Berghammer1,2

1Institut für Soziologie, Universität Wien; 2Vienna Institute of Demography (OeAW), Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital (IIASA, OeAW, University of Vienna)

Eine wichtige Maßnahme zur Reduzierung sozialer Kontakte war seit dem ersten Lockdown die starke Förderung von Homeoffice. Statistik Austria zufolge arbeiteten Mitte April 2020 rund 40% der Erwerbstätigen zuhause—etwa fünf Mal so viele wie vor der Pandemie. Homeoffice ist insbesondere bei nicht-manuellen Berufen ohne häufigen persönlichen Kundenkontakt geeignet und betraf vor allem höher gebildete Personen: Mitte April 2020 waren drei Viertel der Erwerbstätigen mit höheren Bildungsabschlüssen im Homeoffice tätig (COVID-19 Prävalenzstudie der Statistik Austria). Das Arbeiten im Homeoffice stellte vor allem Personen mit Kindern vor große Schwierigkeiten; sie waren gefordert ihre Erwerbsarbeit mit Homeschooling und Kinderbetreuung zu vereinbaren. Zum Teil verlegten Eltern ihre Erwerbsarbeitszeiten daher in die Abend- und Nachtstunden oder auf das Wochenende.

Unsere Studie untersucht zum einen die Veränderungen in der Verbreitung von Homeoffice sowie in der Lage der Arbeitszeiten (Abend, Nacht, Wochenende) bei Paaren mit Kindern vor der Pandemie und in deren Verlauf; wobei hier explizit auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern eingegangen wird. Wir zeigen hier auf, wer von Homeoffice betroffen war und wie beide Partner*innen ihre Arbeitszeiten legten, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Zudem wird analysiert, welche Relevanz in diesem Kontext Charakteristika der familiären Situation und sozioökonomische Ressourcen beider Partner*innen besitzen (z.B. Alter und Anzahl der Kinder, Bildungsstand beider Partner*innen). Zum anderen beschäftigen wir uns mit möglichen Konsequenzen der Arbeit im Homeoffice auf die unbezahlte Arbeit, die in Familien geleistet wird, sowie deren Auswirkung auf Beziehungsqualität und Lebenszufriedenheit. Im Fokus stehen hier der zeitliche Aufwand für Kinder sowie damit einhergehende Work-Family-Konflikte während des ersten Lockdowns.

Die Datenbasis bilden der Österreichische Mikrozensus (Quartale 4/2019 bis 1/2021) und das Austrian Corona Panel (zwölf wöchentliche Befragungen ab 27.03.2020). Neben der Darstellung von Trends zu Homeoffice und Arbeitszeiten auf aggregierter Ebene erlaubt der Mikrozensus über fünf Quartale auch Panelanalysen der Entwicklungen auf Paarebene. Ausgewählte Wellen des Austrian Corona Panel ergänzen die Betrachtung durch wertvolle Informationen zur Familienarbeit und zur subjektiven Wahrnehmung der Menschen.



Frauen in der Rushhour: Covid-19-Familienalltag und Werteprioritäten Befunde eines Mehrmethoden, Mehrdesigns und Mixed-Studienansatzes

Karin Scaria-Braunstein1, Sabine Haring-Mosbacher1, Martina Beham-Rabanser2, Johann Bacher2, Matthias Forstner2

1Karl Franzens-Universität Graz, Österreich; 2Johannes Kepler Universität Linz

Die zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie von den Regierungen gesetzten Maßnahmen beeinfluss(t)en unser Alltagsleben in einem bis dato unbekannten Ausmaß. Enorm gefordert waren und sind jene mit Betreuungspflichten, wie vorliegende Befunde zeigen. So mussten gerade Mütter in der „Rushhour des Lebens“ in den Wochen des Lockdowns und dem damit verbundenen Homeschooling ihren Alltag umstrukturieren, um die eigene Erwerbsarbeit im Homeoffice mit Care-Arbeiten zu vereinen. Auch Frauen, die in systemkritischen Berufen tätig sind, waren und sind gezwungen, immer wieder neue Wege zu finden, veränderte und oftmals intensiveierte Berufsalltage bei gleichzeitiger Reduktion von unterstützenden Sozialkontakten in Einklang zu bringen (u.a. BMSGPK 2020; Speck 2020). Die pandemiebedingten Einschränkungen bedingen vielfältige Auswirkungen – wirtschaftlich und sozial –, bieten aber auch Potential für Veränderungen, die mitunter zu neuen Priorisierungen von Werten führen können (Beham et al. 2021).

In unserm Beitrag beschäftigen wir uns mit den Auswirkungen der Corona-Krise auf den Lebensalltag von Frauen in der „Rushhour des Lebens“. Dieser veränderte Lebensalltag ist mit mannigfaltigen Stresssituationen verbunden und erfordert vielfältige Anpassungsleistungen. Verfügbare Ressourcen und Prioritäten können sich in Folge auch verändern, wie dies Stresstheorien (siehe etwa Pearlin 1989; Pearlin und Bierman 2013) nahelegen. Ausgehend von den Fragen

• “Wie erleben und bewältigen Frauen in der „Rushhour des Lebens“ die Anforderungen des komplexen Covid-19-Familienalltags?“

• „Wie beeinflussen die erlebten Herausforderungen die Prioritäten von Arbeit und Familie?“

illustrieren wir anhand von den Befunden zweier – unabhängig durchgeführter – Studien mit unterschiedlicher Methodik, wie diese Datenquellen theoretisch und empirisch integriert werden und welche Herausforderungen, Möglichkeiten und Grenzen sich dabei stellen.

In unserem transuniversitären Forschungsprojekt stellen wir einerseits inhaltliche Fragen zu den Einflüssen der Corona-Krise auf den Familienalltag vor und diskutieren andererseits methodologische Herausforderungen im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Pandemie-Forschung.



Die Auswirkungen der COVID-19 Pandemie auf die elterliche Erwerbssituation und die finanzielle Lage von Familien in Österreich

Christina Siegert1, Nadia Steiber1,2

1Universität Wien; 2Institut für Höhere Studien

Obwohl Familien mit Kindern einen großen Anteil der Privathaushalte in Österreich ausmachen, gibt es bisher kaum Erkenntnisse darüber, wie sie wirtschaftlich von der COVID-19-Krise betroffen sind. Da wir dazu neigen, Paarbeziehungen mit Menschen einzugehen, die ähnliche Eigenschaften aufweisen (z.B. hinsichtlich Alter und Bildung) und damit ähnliche Arbeitsmarktpositionen einnehmen, können sich in den Familien Arbeitsmarktrisiken wie Arbeitslosigkeit und Einkommensverluste aufgrund von Kurzarbeit zuspitzen. In diesem Beitrag untersuchen wir daher auf Basis repräsentativer Paneldaten der AKCOVID-Befragung die krisenbedingten Veränderungen der elterlichen Erwerbssituation und deren subjektiv erlebten finanziellen Folgen für Familien mit Kindern in Österreich. Dabei wird die Situation vor Ausbruch der Krise (Februar 2020) mit der Situation im Juni 2020 bzw. im Jänner 2021 verglichen.

Anhand des Beitrags wird deutlich, dass viele Familien während der Krise in eine finanzielle Schieflage gerieten und nicht von den staatlichen Hilfsmaßnahmen aufgefangen werden konnten. Obwohl sich zwischen den beiden Erhebungszeitpunkten der Anteil der Eltern in Kurzarbeit deutlich reduzierte, befand sich im Jänner 2021 nach wie vor etwa jede fünfte Familie mit Kindern in einer finanziellen Schieflage. Der aus Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit resultierende finanzielle Schock wirkt sich längerfristig auf das Haushaltsbudget aus. Einerseits verschärfte sich die Situation derer (Alleinerziehende, Mehrkindfamilien), die bereits vor der Krise ein erhöhtes Armutsrisiko aufwiesen. Andererseits verzeichnen auch jene Haushalte finanzielle Einbußen, die zuvor durch ihre Erwerbsnähe vor finanziellen Schwierigkeiten geschützt schienen. Damit deuten unsere Forschungsergebnisse auf eine Verschärfung der Armutsbetroffenheit in Österreich hin.



Fathers@work: Zwischen Vaterschaftsbonus und Diskriminierung. Erfahrungen sorgender Männer am Arbeitsplatz in Österreich

Claudia Sorger1, Nadja Bergmann1, Sabine Wagner-Steinrigl2

1L&R Sozialforschung; 2Gleichbehandlungsanwaltschaft

In einer Vielzahl an Forschungsergebnissen wurde dokumentiert, dass Elternschaft unterschiedliche Auswirkungen auf die Berufskarrieren von Müttern und Vätern hat. Während Arbeitnehmerinnen eine sogenannte „Motherhood penalty“ (Cukrowska-Torzewska/Matysiak 2018, Crittenden 2001, Correll/Benard/Paik 2007, Budig/England 2001) erfahren, profitieren berufstätige Väter häufig von einem „Fatherhood Bonus“ (Mari 2019, Budig 2014, Hodges/Budig 2010).

Weniger erforscht sind die Benachteiligungen, die Väter am Arbeitsplatz erfahren, wenn sie die traditionelle Ernährerrolle durchbrechen und gesetzlich verankerte Ansprüche auf Elternkarenz oder Elternteilzeit nutzen (wollen) (Sardadvar/Bergmann/Sorger 2020). Noch weniger wurden bisher in diesem Zusammenhang Diskriminierungserfahrungen dokumentiert, die Männer im betrieblichen Kontext erfahren, wenn sie sich nicht zu 100% dem männlichen Ernährermodell und den damit zusammenhängenden Verpflichtungen zur betrieblichen Verfügbarkeit anpassen. Trotz der gesetzlichen Grundlagen wird die Inanspruchnahme einer Karenz, Elternteilzeit oder dem sog. „Papamonat“ immer noch als „good will“ seitens vieler ArbeitgeberInnen angesehen.

Vor diesem Hintergrund präsentieren und diskutieren wir die Ergebnisse einer qualitativen Studie aus Österreich zu Benachteiligungen, die Mütter und Väter aufgrund von Eltern-pflichten am Arbeitsplatz erfahren (Bergmann et al. 2021, siehe auch https://parentsatwork.eu/). Im Rahmen dieser Studie, die in Kooperation mit der österreichischen Gleichbehandlungsanwaltschaft umgesetzt wird, wurden ausführliche persönliche Interviews mit Müttern und Vätern geführt, die aufgrund ihrer Elternschaft am Arbeitsplatz diskriminiert worden waren. Zusätzlich wurden qualitative Interviews mit ArbeitgeberInnen sowie eine Online-Befragung durchgeführt. Im Besonderen soll es darum gehen, wie sich die Diskriminierung der Väter von jener der Mütter unterscheidet, in welchen Situationen und Konstellationen sie auftritt, mit welchen geschlechtsbezogenen Prämissen sie verbunden ist und wie sich diskriminierte Väter dagegen zur Wehr setzen. Die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Corona-Pandemie in diesem Bereich werden ebenfalls diskutiert.



Konsensuell nicht-monogame Mehrfachpartnerschaften in der Pandemie: eine longitudinale Perspektive

Cornelia Schadler, Tonina Giselle Weninger

Universität Wien, Österreich

Konsensuell nicht monogame Beziehungen, oft öffentlich unter der Chiffre Polyamorie verhandelt, werden in den letzten Jahren sichtbarer. Unser Vortrag führt kurz in diese Familienform ein und wie die Herstellung von Beziehung in dieser Lebensform passiert. Wir greifen hierfür auf ein Projekt aus dem Jahr 2014 – 2017 (family as a nexus of materialdiscursiv practices, FWF) zurück, das die Grenzziehungsprozesse, die Menschen zu Mitgliedern in Wahlfamilien macht, untersuchte. Auf der Grundlage von Interviews und Beobachtungen in 20 Netzwerken stellen wir im Vortrag kurz diese Grenzziehungspraktiken bei konsensuell nicht monogamen Beziehungen dar, die, anders als in Zweierbeziehungen, sich meist weder auf vorhandene legale Strukturen, noch auf manifeste kulturelle Verhaltensmuster zur Herstellung von Gemeinsamkeit beziehen können. Dies schafft für die Menschen in diesen Beziehungsformen einerseits die Möglichkeit vorhandene Demarkationslinien wie Geschlechterrollen oder Persönlichkeitsnormen zu überschreiten, andererseits sind diese Beziehungsformen von Diskriminierungen betroffen. In der Pandemie sehen wir diese Prozesse nochmals verstärkt. Auf der Grundlage von im Jahr 2021 von Tonina Weninger durchgeführte Interviews mit 15 Menschen die sich als nichtmonogam identifizieren, werden wir die Grenzziehungspraktiken, die wir einführend besprochen haben, nochmals aufgreifen und zeigen, wie sich in der Pandemie die Beziehungsherstellungsprozesse in konsensuell nicht-monogamen Beziehungen verändern. Wir fokussieren spezifisch jene Änderungen die sich durch die legalen Regelungen der Ausgangsbegrenzungen, aber auch durch die gesundheitlichen Aspekte der Pandemie ergeben haben.



„Es war daher spruchgemäß zu entscheiden“ – Zur diskursiven Praxis von Elternschaft und Partnerschaft in Familiengerichtsverfahren in Österreich

Marlies Zuccato-Doutlik, Viktoria Parisot

Universität Wien, Österreich

Im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts Doing Divorce befassen wir uns in Kooperation mit zwei Historikerinnen mit der Verhandlung von Familienleben und -beziehungen im Rahmen von Scheidungs- und Pflegschaftsverfahren. Aus familiensoziologischer (praxeologischer und diskursanalytischer) Perspektive beschäftigen wir uns dabei mit jenen Konzepten von Familie, Eltern- und Partnerschaft, deren Spuren sich in österreichischen Familiengerichtsakten von 1945 bis 2019 finden und stellen uns die Fragen: Welche Vorstellungen, Deutungsmuster und Leitbilder von Eltern- und Partnerschaft zeigen sich in den Gerichtsverfahren und welche Praktiken werden wie, von wem und in welcher geschlechtsdifferenzierenden Weise herangezogen und beurteilt? Welche Entscheidungen ergehen im Sinne dieser Konzepte in Hinblick auf Obsorge und Verschulden an der Zerrüttung der Partnerschaft? Wie und von welchen Akteur*innen werden diese Konzepte konstruiert, eingebracht, genutzt oder beschränkt?

Zur Beantwortung dieser Fragestellungen greifen wir auf ein für die familiensoziologische Forschung innovatives Datenmaterial zurück: Gerichtsakten aus Familiengerichtsverfahren. Gerichtsakten dokumentieren den Herstellungsprozess von ehelichen und familialen Beziehungen vor Gericht und stellen einen Ort diskursiver, familiärer Praxis dar. Derzeit bearbeiten wir Dokumente aus 45 Scheidungs- und 25 Pflegschaftsakten aus den Jahren 1976 bis 2019 mittels Deutungsmusteranalyse mit Verfahren der GTM sowie mittels Situationsanalyse und Trans-sequenzieller Analyse.

Erste Ergebnisse verdeutlichen, dass Dokumente aus Scheidungs- und Pflegschaftsverfahren der Familienforschung durch Datenquellen wie Verhandlungsprotokolle, Anträge und Klagen oder Gutachten zu Kindeswohl innovative, multiple Perspektiven auf Scheidung und Scheidungsfolgen sowie auf vergeschlechtlichte Machtstrukturen ermöglichen. Es konnten Dynamiken und Kontinuitäten historisch wandelbarer, kollektiver Wissensbestände zu Familie und Familienbeziehungen sowie deren Wirkmächtigkeit für diskursive und nicht-diskursive Praktiken vor Gericht erfasst werden.