Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_Saisoniers: Ad-hoc-Gruppe - Saisoniers und Erntehelfer*innen in der Landwirtschaft während der Covid-19 Pandemie
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Georg Wiesinger, Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Externe Ressource:
Präsentationen

Belegschaftsstrukturen landwirtschaftlicher Betriebe mit Saisonarbeitskräften und Erntehelfer*innen

Julia Bock-Schappelwein

WIFO, Österreich

Die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung der Verbreitung der COVID-19-Pandemie bewirkten mit der Einschränkung der Bewegungs- und Erwerbsfreiheit Mitte März 2020, dass das öffentliche und wirtschaftliche Leben auf ein Minimum reduziert wurde (z. B. Bock-Schappelwein – Huemer – Hyll (2021) für einen rezenten Überblick). Sämtliche nicht-systemrelevante Wirtschaftsbereiche mit Kundenkontakt wurden geschlossen und die Grenzübertritte für im Ausland lebende Arbeitskräfte eingeschränkt ), was unmittelbare Auswirkungen auf PendlerInnen aus dem Ausland, worunter sich auch Saisonkräfte und Erntehelfer*innen be-finden, hatte.

Vor diesem Hintergrund wird im Beitrag danach gefragt, welche Relevanz diese Gruppe von Arbeitskräften in den Betrieben bzw. innerhalb der Belegschaften in der Landwirtschaft ein-nehmen. Konkret werden folgende Fragestellungen behandelt:

■ Wie groß ist der Anteil der landwirtschaftlichen Betriebe, die PendlerInnen aus dem Aus-land (bzw. Saisonkräfte und Erntehelfer*innen) beschäftigen (differenziert nach Teilbereichen)?

■ In welchen Belegschaftszusammensetzungen sind PendlerInnen (bzw. Saisonkräfte und Erntehelfer*innen) anzutreffen?

Die Datengrundlage bilden die Individualdaten des Dachverbands der Sozialversicherungs-träger ("DVSV-Daten"). Die Daten enthalten Informationen zum Dienstverhältnis einer beschäftigten Person, ergänzt um personenbezogene Charakteristika (Geschlecht, Alter, Nationalität, Wohnort) und betriebliche Merkmale (Region, Wirtschaftsklasse, Betriebsgröße). In der vorliegenden Analyse liegt der Fokus auf der Betriebsebene (Belegschaft). Referenzjahr ist 2020.

Die quantitative Analyse untersucht die Zusammensetzung der Belegschaft in einem landwirtschaftlichen Betrieb, differenziert nach Wohnort (In-, Ausland) und Staatsbürgerschaft der Beschäftigten (Österreich, EU-Staaten, Drittstaaten). Ziel ist, herauszuarbeiten, in welchen Belegschaftszusammensetzungen PendlerInnen aus dem Ausland (bzw. Saisonkräfte und Erntehelfer*innen) anzutreffen sind, um hieraus Anhaltspunkte zu erhalten, wie betroffen spezifische Be-triebe von den Grenzschließungen und den damit verbundenen Mobilitätseinschränkungen waren



»Wo Österreich draufsteht, ist Ausbeutung drin«

Lisa Bolyos

Sezonieri-Kampagne, Österreich

Violeta P. war sieben Jahre lang auf einem landwirtschaftlichen Betrieb im Tullnerfeld beschäftigt. Dort wurde vor allem Speisekohl angebaut, für den Verkauf geschnitten und verpackt. Sieben Jahre lang wurden Überstunden, Nacht- und Sonntagsarbeit nicht richtig entlohnt, die Sonderzahlungen für Weihnachts- und Urlaubsgeld vorenthalten und nur auf Druck der Arbeitnehmer_innen die Stundenlöhne von 3,50 auf 5 Euro erhöht. Violeta P.s Arbeitssituation, die mit Unterstützung der gewerkschaftlich-aktivistischen Sezonieri-Kampagne vor dem Wiener Arbeits- und Sozialgericht verhandelt wurde, ist kein Einzelfall. Mehrere 10.000 migrantische, saisonal beschäftigte Landarbeiter_innen arbeiten pro Jahr für österreichische landwirtschaftliche, Wein- und Gartenbaubetriebe. Ihre Sozial- und Arbeitsrechte sind genau geregelt und werden trotzdem strukturell unterwandert. Die Covid-19-Pandemie hat daran trotz massivem Arbeitskräftemangel nichts geändert – aber sie hat wie ein Vergrößerungsglas sichtbar gemacht, von welchem Grad an Ausbeutung hier die Rede ist.

Wieso ist die landwirtschaftliche Lohnarbeit fast flächendeckend von solchen Zuständen geprägt, und welches Kraut ist dagegen gewachsen? Die Sezonieri-Kampagne arbeitet seit 2013 an der rechtlichen Aufklärung, Beratung und Begleitung und der Aktivierung zur gewerkschaftlichen Selbstorganisation von Landarbeiter_innen. 2021 hat sie in Wien Simmering ein Pilotprojekt gestartet, in dem mit erstsprachlicher aufsuchender Beratung und einer Vielzahl flankierender Maßnahmen versucht wird, die rumänischen Kolleg_innen im Wiener Gemüsebau nachhaltig zu organisieren. Eine Analyse zur Halbzeit des Projekts wird präsentiert, um eine strategische Debatte in diesem Feld der Überausbeutung zu ermöglichen.



Ein Minimum an Erschütterung und ein Maximum an Kontinuität? Der Einfluss von Corona auf die Infrastruktur der landwirtschaftlichen Saisonarbeit

Ronja Schröder

Universität Kassel, Deutschland

Kaum ein anderes Phänomen beeinflusst die Gesellschaft aktuell so sehr wie die COVID-19-Pandemie: SARS-CoV-2 habe eine „globale Laborsituation“ (Bogusz 2020) hervorgerufen, indem bisherige Routinen und Strukturen unterbrochen wurden und auf eine neuartige Situation reagiert werden muss(te). Die Folgen, die unter dem Begriff der Post-Corona-Gesellschaft verhandelt werden, sind auch für die landwirtschaftliche Saisonarbeit ausschlaggebend. Auf der einen Seite stehen optimistische Prognosen, die die Unterbrechung durch das Virus als einen Möglichkeitsraum für Neues, bspw. in Form einer gewerkschaftlichen Organisation, beschreiben (vgl. Hohl 2020; vgl. Feddersen und Kresta 2020). Auf der anderen Seite werden negative Auswirkungen im Sinne eines Anstiegs an Kontrolle, einer Verschärfung sozialer Ungleichheit und ein Triumphieren des Neoliberalismus vorhergesagt (vgl. Seitz 2021; vgl. Hohl 2020; Dörre 2020). Beide Positionen teilen die Idee einer (radikalen) Veränderung, der jedoch eine dritte Option gegenübersteht, die auch im Untersuchungsbereich der landwirtschaftlichen Saisonarbeit beobachtet werden kann: die Krise als zeitlich befristete Unterbrechung, auf die eine Rückkehr zu Routinen, Traditionen und bekannten (Infra-)Strukturen folgt (vgl. Hohl 2020; vgl. Seitz 2021; vgl. Nassehi 2020; vgl. Baumann 2020; vgl. Jungkunz 2020; vgl. Sagmeister 2000).

In meinem Beitrag werde ich der Frage nach dem Einfluss des Virus auf die landwirtschaftliche Saisonarbeit nachgehen. Empirisch basieren meine Ergebnisse auf den Forschungen im Rahmen meiner Masterarbeit (Mai – November 2020). In einem flexiblen Vorgehen habe ich dreierlei Daten verwendet: Notizen eines Feldaufenthalts als Erntehelferin, Artikel aus überregionalen Zeitungen und Expert:inneninterviews mit Vertreter:innen aus Gewerkschaft, Arbeitgeber:innenverband und Unterstützungsstrukturen für ausländische Saisonarbeitskräfte. Über die Analyse der problematischen Situationen und der jeweiligen Umgangsstrategien zeige ich, dass sich der Umgang mit der Krise im Rahmen der landwirtschaftlichen Saisonarbeit durch ein Festhalten an bisherigen Routinen und Strukturen und dem Bestreben zu einem vor-Corona zurückzukehren auszeichnet. In der Konsequenz kann das reformerische Potenzial der Pandemie in Frage gestellt werden.



Arbeitsmigration zwischen den Grenzen – prekäre Arbeit von Migrant*innen in der Lebensmittelproduktion in Europa

Ingrid Jungwirth1, Tesseltje de Lange2, Anita Böcker2, Lisa Berntsen3, Sandra Mantu2, Natalia Skowronek2

1Hochschule Rhein-Waal, Deutschland; 2Radboud University, The Netherlands; 3De Burcht, The Netherlands

Obwohl prekäre Arbeitsbedingungen in der Lebensmittelproduktion und saisonalen Landwirtschaft in westeuropäischen Ländern, in denen zu einem hohen Anteil Arbeitsmigrant*innen aus Osteuropa beschäftigt sind, seit Langem bekannt sind, sind sie erst mit der Covid-19 Pandemie und dem Ausbruch von Infektionsgeschehen, vor allem in Betrieben der Fleischproduktion, im öffentlichen Diskurs und in der Politik thematisiert worden. Auch im wissenschaftlichen Diskurs wurden die prekären Arbeitsbedingungen dieser Arbeitsmigrant*innen bisher nur begrenzt behandelt. Diese Vernachlässigung steht in diametralem Gegensatz zur Bedeutung dieser Arbeit, die – nunmehr in der öffentlichen Sprachregelung der Pandemie als ‚systemrelevant‘ benannt – in ihrem Wert immerhin sprachlich zu ihrem Recht kommt.

In einem internationalen Kooperationsvorhaben untersuchen wir die Arbeits- und Lebensbedingungen von Arbeitsmigrant*innen in der Euregio Region Rhein-Waal, in einer Grenzregion zwischen den Niederlanden und Deutschland. Kennzeichnend für diese Arbeitsmigration ist Mobilität in einem europäisierten Arbeitsmarkt, in dem billige Arbeitskräfte, häufig aus osteuropäischen EU-Ländern, in zeitlich begrenzten und informalisierten Beschäftigungsverhältnissen in westeuropäischen Betrieben u. a. in der Lebensmittelproduktion arbeiten. In der Grenzregion wird diese Mobilität noch erhöht, indem manche Arbeitsmigrant*innen zudem grenzüberschreitend pendeln und Arbeit und Lebenswelt zwischen den Niederlanden und Deutschland aufteilen. Auf diese Weise wird die Gewinnspanne für Arbeitgeber*innen und Vermieter*innen zusätzlich vergrößert. Für die hochmobilen Arbeitsmigrant*innen sind äußerst prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen die Folge, zusätzlich ermöglicht durch die weiterhin nationalstaatlich organisierten Zuständigkeiten in einem europäisierten Arbeitsmarkt. In dem Beitrag untersuchen wir Charakteristika dieser prekären Beschäftigungsverhältnisse in der Lebensmittelproduktion daraufhin, inwiefern diese Parallelität von nationalstaatlichen Institutionen und transnationalen Praktiken von Arbeitgeber*innen, Vermieter*innen, Personalvermittlungen und Arbeitsmigrant*innen neue Formen eines segmentierten Arbeitsmarkts über nationalstaatliche Grenzen hinweg begründen.



FARm, Filiera Agricoltura Responsabile: ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt gegen Ausbeutung in der Italienischen Landwirtschaft

Susanne Elsen, Franca Zadra

Libera Università di Bolzano, Italien

In Italien verstoßen mit 39 % mehr als ein Drittel aller Arbeitsverhältnisse in der Landwirtschaft gegen rechtliche Vorschriften, das zeigt der vierte Bericht über die Agromafia und Ausbeutung in Italiens Landwirtschaft der CGIL-Beobachtungsstellle Placido Rizzotto.

Im Rahmen des interdiszipliären Forschungs- und Entwicklungsprojekts FARm arbeiten derzeit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Rechtswissenschaft, Sozialwissenschaft, Politikwissenschaft und Medizin in einem Verbund von fünf norditalienischen Universitäten gemeinsam mit zahlreichen öffentlichen und privaten Partnern in den Regionen Trentino-Südtirol, Veneto und Lombardei Präventionsarbeit gegen Ausbeutung und irreguläre Arbeitsverhältnisse in der Landwirtschaft.

Das zweijährige Projekt wird finanziert durch die Europäische Union und ist Teil des dreijährigen Nationalen Aktionsplanes “Piano triennale di contrasto allo sfruttamento lavorativo in agricoltura e al caporalato“, koordiniert durch die nationalen Ministerien für Arbeit und Inneres.



How are sub-Saharan trans-migrants originally based in Italy affected by the COVID-19 pandemic, and what implications for ethnographic research?

Gilles Reckinger

Institut supérieur de l'économie, Luxemburg

This contribution is organized in three parts.

The first part analyzes how West African migrant harvest workers in rural South Italy often try to escape from hyper-exploitation by temporarily travelling to other European countries to seek better working and living conditions. While this has always been a complicated endeavour, the Covid-19 pandemic is widely jeopardizing these projects, mainly because of the travel restrictions imposed by national governments within the Schengen area.

The second part considers some methodological challenges for ethnographic fieldwork – where social proximity, instead of social distancing is key – in times of COVID-19. By elaborating on the problematic of keeping contact with people in the field in a highly precarious research setup, the article shows the structurally insurmountable differences between the migrant's living conditions and those of the ethnographic researcher.

In the last part, a few key points on the recent trajectories of some migrant workers are reported to highlight how they are affected by the ongoing violence of the European border regime and how their condition is aggravated under the COVID-19 pandemic.