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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_DPraxSozTheobil: Ad-hoc-Gruppe - Die Praxis soziologischer Theoriebildung
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Fabian Anicker, WWU Münster
Chair der Sitzung: André Armbruster, Universität Duisburg-Essen
Ort: digital

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Externe Ressource:
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Präsentationen
ID: 253 / ad_DPraxSozTheobil: 1
Ad-hoc-Gruppe - Die Praxis soziologischer Theoriebildung

Gesellschaftsdiagnosen als gesellschaftstheoretische Exploration

Christian Strippel

Freie Universität Berlin, Deutschland

Zeit- und Gesellschaftsdiagnosen haben im soziologischen Theoriediskurs einen schweren Stand. Eine theoretische Abwertung erfahren sie dabei zumeist durch die Unterstellung ihrer Ausrichtung an massenmedialer Aufmerksamkeit und die Abgrenzung gegenüber ‚vollwertigen‘ Gesellschaftstheorien. Im Gegensatz dazu wird in dem Vortrag dafür plädiert, Gesellschaftsdiagnosen als gesellschaftstheoretische Exploration im Sinne eines induktiven Verfahrens der Theoriearbeit zu verstehen. Es wird die These vertreten, dass sie gewinnbringend für die Theoriearbeit zu gesellschaftlichen Wandlungsprozessen genutzt werden können, reagieren sie doch auf die Herausforderung, vor der die Soziologie steht, sobald sie versucht, mit ihren an der Industriegesellschaft geschulten Begriffen und Theorien jene sich wandelnden Gesellschaftsstrukturen zu beschreiben, die sich aufgrund dieses Strukturwandels von eben dieser Industriegesellschaft radikal unterscheiden. Die Stärke von Gesellschaftsdiagnosen besteht hierbei darin, dass sie nicht „die noch vorherrschende Vergangenheit“, sondern „die sich heute schon abzeichnende Zukunft“ (Beck) in den Blick nehmen. Unter der Bedingung des herrschenden Zeitverständnisses, demzufolge „die Gegenwart aus der Unterscheidung von Vergangenheit und Zukunft definiert wird“ und damit „das in die Zeit eingeschlossene ausgeschlossene Dritte, weder Zukunft noch Vergangenheit, aber zugleich auch das eine und das andere“ (Luhmann) ist, geben Gesellschaftsdiagnosen also „der Zukunft einen Primat über die Bestimmung der Gegenwart“. Wenn aber Gegenwart als zukünftige Vergangenheit verstanden wird, muss die Gegenwartsgesellschaft als das beschrieben werden, was sie noch nicht ist. Im Gegensatz zu deduktiver Theorieanwendung und empirisch getriebener Theorieentwicklung haben wir es bei Gesellschaftsdiagnosen also mit „projektiver Gesellschaftstheorie“ (Beck) zu tun. Im Sinne einer ‚Methodologie des Theoretisierens‘ wäre dies eine Methode des theoretischen Zugriffs auf eine sich wandelnde Gesellschaftsstruktur, etwa durch Fokussierung auf einzelne Strukturveränderungen und spekulativ verallgemeinernde Projektion. Im Vortrag wird diese Perspektive vorgestellt, an einem Beispiel diskutiert und kritisch auf mögliche (methodische) Probleme hin geprüft. Zudem werden Kriterien entwickelt, die eine solche gesellschaftstheoretische Exploration leiten könnten.



ID: 256 / ad_DPraxSozTheobil: 2
Ad-hoc-Gruppe - Die Praxis soziologischer Theoriebildung

Potentiale und Grenzen der funktionalen Analyse als Methode der Theoriekonstruktion

Kurt Rachlitz1, Benjamin Grossmann-Hensel2, Jan Gehrmann3

1Institut für sozialwissenschaftliche Forschung München; 2Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich; 3Institut für Soziologie der LMU München

Wer von „‚ökumenische[r]‘, für theoretischen Pluralismus offene[r] Praxis der Theoriebildung“ (CfP) spricht, darf von einem Denker nicht schweigen: Niklas Luhmann. Bekanntermaßen hat kaum eine Soziologin so unterschiedliche soziologische und nicht-soziologische Theorien aufeinander bezogen. Nicht um diese Fähigkeit aber geht es in unserem Beitrag – ja nicht einmal die Systemtheorie selbst soll im Vordergrund stehen. Stattdessen geht es um die Methode der Theoriekonstruktion, die Luhmann in seinem Frühwerk expliziert und bei aller Wandlung seines Werkes seiner Textpraxis zugrunde gelegt hat: Die funktionale Analyse.

Die theoretische (!) Leistung dieser Methode wird bisher allerdings nicht hinreichend ausgeschöpft. Kaum gesehen wird etwa, dass selbst die autopoietische Wende auf diese zurückgeht. Die Systemtheorie selbst ist weniger Werk eines Genies als vielmehr Artefakt einer methodisch-kontrollierten Theoriekonstruktion. Dies wird wohl v.a. deshalb zu wenig gesehen, weil man sich – bis auf Ausnahmen – darauf geeinigt hat, die funktionale Analyse entweder als empirische Methode zu lesen oder sich gänzlich der immanenten Relationierung systemtheoretischer Begriffe zu verschreiben.

Die in beiden Fällen implizit vorausgesetzte strikte Kopplung von Systemtheorie und funktionaler Analyse ist dabei alles andere als ein Muss – ja sie wird von Luhmann explizit abgestritten. Gerade das Identisch-halten der Methode hält die Möglichkeit der Theorieentwicklung und -ersetzung offen.

Wir stellen daher nach der Darstellung der Grundideen der funktionalen Analyse folgende zwei Fragen: Inwiefern lässt sich plausibel behaupten, dass sich die funktionale Analyse als Methode der Theoriekonstruktion eignet – und zwar nicht nur für System-, sondern auch für andere Theorien? Wie genau ist es zu verstehen, dass die funktionale Methode der Theoriekonstruktion dient? Daran anschließend vertreten wir die These, dass sich die funktionale Analyse darüber hinaus hervorragend zur Theoriebildung als kollektiver Praxis eignet. Wir führen daher ein Artefakt in den Diskurs ein, das die Form angibt, in der theoretische Erkenntnisse, die mit Hilfe der funktionalen Analyse gewonnen werden, visualisiert werden können: Das Problem-Lösungs-Netz (PLN). Es ist für die funktionale Analyse das, was das Akteur-Netzwerk für die ANT ist.



ID: 547 / ad_DPraxSozTheobil: 3
Ad-hoc-Gruppe - Die Praxis soziologischer Theoriebildung

Doing Theory. Zwei Formen soziologischer Theoriebildung

Frank Welz

Universität Innsbruck, Österreich

Theorien sind produktiv. Erst Theorien “bilden” für uns die Realität unserer Praxis und wirken in dieser statt jene nur abzubilden. Umso wichtiger ist es, die Wege ihrer Hervorbringung zu analysieren.

Dabei dominieren letztere zwei konkurrierende Varianten. Der eine Weg führt von Kant über den Neukantianismus zur deutschsprachigen Soziologie des frühen zwanzigsten Jahrhunderts und vielen Nachfolgern. Der andere von Hegel über Marx und die Kritische Theorie zu Foucault (1984), von welchem diese Gegenüberstellung stammt. Mein Vortrag möchte nicht soziologisch im Blick auf die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen der Soziologieproduktion die jeweilige Zukunft der beiden Wege prognostizieren, sondern hier letztere lediglich rational rekonstruieren, als würden wir unsere Theoriebildung frei projektieren können.

(1) Im Kantischen Verständnis erschließen erst die synthetisierenden Formen des Denkens die Realität, die uns andernfalls, wie Max Weber (1904) formulierte, nur als “Strom des unermeßlichen Geschehens” sinnlos entgegenstünde. Entsprechend kann das Erkennen nur subjektiv, die Theoriebildung nur Konstruktion und die Aufgabe der Soziologie die wohlbedachte Pflege ihrer grundlegenden Begriffe und schlussendlich deren “Messung” an der erfahrbaren Realität sein. Zwei Argumente stärkten Mitte des 20. Jahrhunderts diese Auffassung von Theorie – Hansons These der „Theoriebeladenheit der Erfahrung“ und Quines „Unterdetermination der Theorie durch Daten“: Empirie ohne Theorie ist blind. Doch umgekehrt bliebe letztere ohne die andere leer. Theorie und Gegenstand stehen sich gegenüber. Erstere wird von “Wertideen” geleitet gewählt, in Konsistenz, Kohärenz und Logik gepflegt.

(2) Der alternative Zugang, der nicht eine “Analytik der Wahrheit”, sondern eine “historische Ontologie unserer selbst” (Foucault) erstrebt, setzt im Anschluss an Hegels Historisierung der Philosophie und im Rekurs auf neuere Entwicklungen der Naturwissenschaften konträr an. In diesem Verständnis ist “Theorie” kein subjektives Denkprinzip, das die Wirklichkeit ordnet, sondern “detranszendentalisiert” selbst Teil letzterer – mit Konsequenzen: Theorie gilt nicht länger als eine Kreation eines einzelnen Erkenntnissubjekts. Sie ist vielmehr selbst “soziologisch” Form einer historischen, gemeinsamen Praxis.



ID: 264 / ad_DPraxSozTheobil: 4
Ad-hoc-Gruppe - Die Praxis soziologischer Theoriebildung

Theoriebildung als kollektive Praxis: eine post-, dekolonial und feministisch inspirierte Reflexion

Marietta Mayrhofer-Deak

Universität Wien, Österreich

Enrique Dussel – einer der wichtigsten Vertreter dekolonialer Theorie/Praxis – wurde für seine Kritik des modernen Diskurses bekannt. Die Transmoderne beginne damit, „den Wert dessen zu bejahen, was von der Moderne zur zurückgewiesenen, ungeachteten und nutzlosen Exteriorität der Kulturen erklärt wurde“ (Dussel 2013: 16) – insbesondere die von Philosoph*innen der kolonialen Peripherie produzierten Theorien. Auch in der Corona-Pandemie fußt die Theoriebildung auf dem kolonialen Erbe der Produktion und Zirkulation von Wissen. Wesentliche theoretische Innovationen der post- und dekolonialen Theorie, aber auch feministischer Ansätze fußen – gerade angesichts dieser Gegebenheiten – auf der Reflexion über die Unzulänglichkeiten dominanter Theorien. Sie leisten einen Beitrag zur Sichtbarmachung von Exklusionsmechanismen sowohl hinsichtlich der „blinden Flecken“ (wie z.B. Eurozentrismus, Sexismus) als auch hinsichtlich der (Un-)Sichtbarwerdung von Theoretiker*innen im sozialwissenschaftlichen Diskurs. Im Lichte dieser Ansätze scheint der einzelne und einsame männliche – und an einem vermeintlichen theoretischen Nullpunkt ansetzende – Theoretiker nicht als historische Gegebenheit, sondern vielmehr als wirkungsmächtige Fiktion. Ansätze einer Theorie der Theoriebildung, welche die Theoriebildung im Sinne von separierbaren Handlungsschritten nach mathematisch- naturwissenschaftlichem Vorbild erklären wollen missachten die Tatsache, dass die kritische Revision ihrer empirischen Grundlagen mehr als unabgeschlossen ist. Erläutern werde ich zwei Beispiele: 1. René Descartes, der in Dussels Kritik nicht mehr als Urheber der modernen Philosophie schlechthin erscheint, sondern als ein im kolonialen Diskurs agierender und rezitierter Philosoph; 2. Mary Jo Deegans „Female Chicago School of Sociology“, welche die unsichtbar gemachten Beiträge von Frauen zur soziologischen Theoriebildung an zentraler Stelle thematisiert. Der Beitrag wendet sich somit gegen eine „illusorische Abstraktion eines Nullpunktes“ in der Theoriebildung ebenso wie gegen die Fiktion des (historischen) einsamen und einzelnen Theoretikers. Diese ist nur aufrechtzuerhalten, wenn sein „Anderes“, sein „cogitatum“ ausgeblendet wird, so die vertretene Ansicht.