Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Sitzung
Sek_KulturSoz: Sektionsveranstaltung - Pandemie(n) im Fokus der Kulturtheorien. Kultursoziologische und kulturgeschichtliche Perspektiven auf Seuchen und Epidemien
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Lars Gertenbach, Universität Kassel
Chair der Sitzung: Uta Karstein, Universität Leipzig
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Kultursoziologie (DGS), Sektion Kulturtheorie und Kulturforschung (ÖGS)


Externe Ressource:
Zeige Hilfe zu 'Vergrößern oder verkleinern Sie den Text der Zusammenfassung' an
Präsentationen

Pandemische Humandifferenzierung in kulturhistorischer Perspektive

Aaron Hock

Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland

Der Vortrag gibt eine Übersicht über zentrale sozial- und kulturhistorische Arbeiten zur Seuchengeschichte unter der theoretischen Perspektive der Humandifferenzierung (Hirschauer 2017; 2020), die beschreibt, wie sich Menschen fortlaufend voneinander unterscheiden, kategorisieren und dadurch alltagsweltlich orientieren. Dabei werden kulturelle Wissensordnungen und Seuchendeutungen mit Blick auf die Verbindungen zwischen kategorialen Unterscheidungen und sozialräumlichen Differenzierungen beleuchtet.

Wesentlich für Seuchendeutungen sind Prozesse des Othering, mit denen die Krankheit in das ‚exotische Fremde‘ verlagert wird (Thießen 2015). So kam es im Kontext der Pestzüge des Mittelalters und der frühen Neuzeit zu religiösen Kategorisierungen (Dinges 1995), als adäquate Umgangsweisen mit ‚Kontaminierten‘ galten schon damals Isolation und Quarantäne. Die Cholera- und Influenza-Pandemien im 19. Jahrhundert waren zunehmend von ethnisierten Seuchendeutungen geprägt (Weindling 2007). Zudem fiel in diese Zeit mit der ‚bakteriologischen Wende‘ (Sarasin et al. 2007) auch der Siegeszug kontagionistischer Denkweisen und der Hygienebewegung, die in teils rigiden, oft aber erfolglosen Grenzregimes resultierten, mit denen auf Migrationsbewegungen reagiert wurde (Spree 2016).

Im 20. Jahrhundert kam es zur Verwebung ethnisierter mit sozialräumlichen Stigmatisierungen in der Rede über die ‚unreinen Chinatowns‘ in tuberkulosegeplagten Großstädten der USA (Shah 2001). Instruktiv ist zu dieser Zeit auch der Fall der ‚Typhoid Mary‘, die zur ‚Superspreaderin‘ stilisiert wurde, wobei wahlweise ihre Kategorisierung als Irin, Frau oder Proletarierin relevant gemacht wurde (Hasian 2007). In der AIDS-Pandemie wurden Kategorisierungen anhand moralischer Einschätzungen sexuellen Verhaltens relevant (Tümmers 2014) und auch die ‚alte‘ sozialräumliche Methode der Isolation kam wieder zum Einsatz (Lindner 2014).

Die sozialräumliche Dimension von Prozessen pandemischer Humandifferenzierung spielt auch im Kontext von COVID-19 eine Rolle und ein soziologisch-kulturhistorisch vergleichender Blick auf Seuchen verspricht, „Konjunkturen im Zusammenwirken von Differenzkategorien“ (Paulmann 2021) nachvollziehbar zu machen. So soll die Spezifik der aktuellen Pandemie in den Blick genommen werden, indem neuartige und historisch bekannte Formen pandemischer Humandifferenzierung identifiziert werden.



Epidemiologie der Ideen: Die Diffusion ansteckender Neuerungen bei Gabriel Tarde

Christoph Kircher

Universität Innsbruck, Österreich

In einem Interview im Juni letzten Jahres erklärte Bruno Latour dem Guardian gegenüber, die aktuelle Pandemie sei eine unglaubliche Bestätigung seiner ANT. Zweifelsohne hat sich gezeigt, inwiefern das Quasi-Objekt „Covid-19“ nicht nur die tradierten Grenzen zwischen Natur und Gesellschaft, sondern auch jene zwischen Individuum und Kollektiv vermischt, um sich, weltweit zirkulierend, in neuartigen Netzwerken zu versammeln. Dabei erklärt sich Latour insbesondere darüber erstaunt, dass etwas, was ausschließlich lokal zirkuliert, sich also immer nur punktuell wiederholt, dennoch so schnell global werden konnte. Der geplante Beitrag möchte diesen Sachverhalt aufgreifen und in Bezug auf einen Vorläufer der ANT diskutieren: Gabriel Tarde. Latour selbst weist darauf hin, dass das, was er Akteur-Netzwerk nennt, mit Tarde auch als Nachahmung begriffen werden kann. Der Begriff der Nachahmung bezeichnet dabei allerdings weniger individuelle Handlungen, sondern vielmehr den Umstand, dass sich Neuerungen wellen- oder strömungsartig in ihrem Umfeld ausbreiten. Um diesen Umstand soziologisch zu fassen, spricht Tarde davon, dass das, was nachgeahmt wird, immer hochgradig ansteckend ist und in seiner Diffusion insofern auch als Ansteckungsherd begriffen werden kann. Ähnlich der Dynamik passiver Affektionen bei Spinoza erfolgt die Ansteckung Tarde zufolge dadurch, dass Ideen, die suggeriert werden, automatisch für spontan gehalten werden – so als würde eine hochansteckende Idee den sozialen Stoffwechsel ihres Wirtes steuern, um dadurch in Wort und Tat endlos repliziert zu werden. In diesem Sinne konzipiert Tarde gesellschaftliche Neuerungen auch als „Mikroben“, „Bakterien“ oder „Viren“, als hochinfektiöse Keime also, die einen gesellschaftlichen Körper befallen. Eben deshalb kann auch von einer regelrechten Epidemiologie der Ideen gesprochen werden. Der geplante Beitrag möchte somit zeigen, dass a) gesellschaftliche Nachahmungswellen mit Tarde als Ansteckungsgeschehen konzeptualisiert werden können und dass sich b) diese nicht nur darauf beschränken, hochansteckende Ideen zu verbreiten, sondern in ihrem pandemischen Verlauf auch neuartige Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Bereichen herstellen und deshalb immer auch völlig neue Ideen schaffen. Nicht zuletzt soll gefragt werden, c) welchen Beitrag Tarde für eine Soziologie der aktuellen Pandemie leisten kann.



Körper, Krankheit & Kulturkritik: Möglichkeiten einer Theorie des ‚organischen Zusammenlebens‘ nach Niklas Luhmann

Luise Heinz

Hamburg, Deutschland

Niklas Luhmann hatte kein Auge für die Angelegenheiten des Körpers. Die Folgen der „Notwendigkeit des auch organischen Zusammenlebens“ (1981: 230) scheinen ihm stets ein kleines Ärgernis, eine Irritation im emphatischen Sinne zu sein. Mitunter entsteht gar der Eindruck, dass Luhmann im Anblick der geordneten Unordnung physischer Faktizität zum Kulturkritiker avanciert.

Wer die 'Seuche der Gesellschaft' beschreiben möchte, wählt für gemeinhin die körpersensiblen Ansätze Foucaults. Man überliest allzu leicht, dass auch Luhmann für die Erkrankung des Einzelnen beinah poetisch zum Ausdruck brachte, was sich im Angesicht der Pandemie einer ganzen Population aufdrängt: „Sie bringt alle Zeitordnungen durcheinander. Selbst ihre eigenen kausalen Zeitbezüge […] versinken, wenn die ganze Welt sich im Körper zusammenzieht.“ (2009: 182) Dass das ‚Versinken‘ der Zeitordnungen einmal eine ganze Gesellschaft treffen könnte, deren körperlich-medizinische Zustände unvermittelt zum zentralen Kriterium für alle weiteren Sozialsysteme werden, hat (auch) er sich nicht vorstellen können. Noch weniger wohl den neuen Alltag dieser medizinischen Ordnung – deren Effekte er sich jedoch durchaus zu bewerten traute: „Alle medizinisch orientierte Krankheitsprävention würde auch die Differenzierung der Funktionssysteme tangieren […] und sich von daher als unpraktikabel erweisen.“ (2009: 184)

Diese theoretische Leerstelle rund um die strukturierenden und positionierenden Bewegungsräume der Körper hat denn auch Einfluss auf die Beschreibungsmöglichkeiten von Erscheinungen der Körperordnungen, die nicht zuerst krankheitsbedingt sind: Frauen, BiPoC und ihre sozialen Forderungen nach Gleichberechtigung und Öffentlichkeit behandelt Luhmann bestenfalls despektierlich. Dem Ruf nach Entprivatisierung, den die feministische Bewegung formuliert, setzte er z.B. entgegen, dass gar nicht genug Hausarbeit für alle da sei. Dies mag ein Effekt des Beobachtens aus dem Krähennest sein, den Donna Haraway einmal griffig als ‚god trick‘ bezeichnete: Wer sich nicht ständig an seinem Körper stößt oder auf seinen Körper gestoßen wird, wird kaum Anlass sehen, diese Abstoßung in theoretische Form zu gießen. Dass die kommunikative Vergeschlechtlichtlichung und Rassifizierung der Körper im Krisenmodus noch einmal sehr viel konturierter zu beobachten ist, kann entsprechend als theoretische Chance begriffen werden.



Pandemie und die Ambivalenz der Moderne: Nicht-Antizipierbarkeit als Herausforderung

Jörn Ahrens

Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Zu den zentralen Eigenschaften der Moderne zählt ihre Zukunftgerichtetheit. Die systematische Integration von Zukünftigkeit in die Vergesellschaftungspraktiken der Gegenwart stellt eine maßgebliche Ressource für Ökonomie, Kultur, Biographie, etc., und damit eine wesentliche Determinante der Gegenwart dar. Als eine der wichtigsten Kategorien in modernen Gesellschaften, ist Zukunft zugleich das, was noch nicht ist, das aber dennoch bereits Bestandteil einer Gegenwart ist, die sich maßgeblich von der Zukunft her denkt und sich auf diese hin entwirft. Dabei stellt sich v.a. das Problem, dass Zukunft grundsätzlich kontingent und unbestimmbar ist und insofern genuin von Ambivalenz geprägt ist. Als letzte und ultimative ‚Frontier‘ von Vergesellschaftung, und als finale Zielmarge sozialen Handelns, bleibt aber gerade die Zukunft eine permanente Quelle der Gefährdung und Störung sozialer Abläufe und Institutionen. Die Konsequenzen dieser Kontingenz und Ambivalenz zeigen sich deutlich im Zuge der Covid-19-Pandemie. Vor diesem Hintergrund erstaunt es, dass, abseits der Techniken der Wahrscheinlichkeitsberechnung, die Geistes- und Sozialwissenschaften bislang keine nachhaltigen Kompetenzen ausgebildet haben, um Zukunftserwartungen zu adressieren. Dies umso mehr, als entsprechende Kulturtechniken durchaus vorliegen und erfolgreich angewendet werden. Dies betrifft den gesamten Bereich einer Produktion kultureller Narrative, die der Weltbeschreibung und Welterzeugung dienen und die notwendigen Mittel bereitstellen, um Bedeutung zu ermöglichen. Eine der diesbzgl. wichtigsten Techniken ist der Film. Dieser verfügt über Kompetenzen als analytisches Medium und ist in der Lage, Gedankenexperimente zu Fragen der Entwicklung sozialer Lagen der Gegenwart in eine Zukunft zu entwickeln, über die i.d.R. nur wenig belastbare Anhaltspunkte verfügbar sind. Die enorme Nachfrage etwa, die Steven Soderberghs Contagion im Frühjahr 2020 als Blaupause für soziale Dynamiken während einer Pandemie erfuhr, wäre ein Beispiel für diese Kompetenzen des Mediums Film. Der Vortrag diskutiert erstens die Ambivalenz der Moderne hinsichtlich ihrer Bezogenheit auf eine Zukunft, die grundsätzlich bestimmt ist durch Unsicherheit; zweitens wird die Bedeutung von Film als Quelle eines sozialen Imaginären betont, das sich auch als gesellschaftliches Datum nutzen lässt.