Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Sitzungsübersicht
Sitzung
Sek_SozProb: Sektionsveranstaltung - Jugend und Corona – zwischen Problematisierung und Krisenbewältigung
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
14:30 - 16:30

Chair der Sitzung: Holger Schmidt, Technische Universität Dortmund
Chair der Sitzung: Franz Zahradnik, Universität Zürich
Chair der Sitzung: Martina Koch, Fachhochschule Nordwestschweiz
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Soziale Probleme und soziale Kontrolle (DGS), Forschungskomitee Soziale Probleme (SGS)


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Präsentationen

„…ich finde, dass es ziemlich spät kommt, dass wir auch endlich mal was sagen können.“ Jugend im LOCKDOWN

Anja Schierbaum

FernUniversität Hagen, Deutschland

Wir alle beobachten, dass sich Leben und Gesellschaft durch die Ausbreitung SARS-CoV2 verändert und die pandemische Krise auf alle Lebensbereiche wirkt: Homeschooling, Hybridunterricht und Social Distancing, aber auch die Sehnsucht nach Normalität kennzeichnen gegenwärtig den Alltag von nahezu allen Jugendlichen, auf denen jetzt nicht nur der Druck lastet, sich auf gesellschaftliche Veränderungen des Lebens einzulassen, sondern auch für sich und andere in unsicheren Zeiten Verantwortung zu übernehmen.

‚Alte‘ normative Maßstäbe und Ordnungsvorstellungen verlieren scheinbar an Verbindlichkeit. Verzichten müssen avanciert, so die Zeitdiagnose, zu einer neuen kulturellen Norm, die jugendcharakterisierende Vorstellungen ihrer Lebensführung wie ‚Gemeinschaft erleben‘, ‚Sorgen und Ängste miteinander zu teilen‘ oder ‚sich mit Gleichaltrigen und Freunden auszuprobieren‘, obsolet werden lässt. Altersspezifische Anforderungen an den eigenen Lebenslauf verlagern sich zunehmend nach hinten – sie müssen aufgeschoben werden, weil sich die Bedingungen der Lebensführung verändern; Jugendliche fühlen sich überfordert und erschöpft. Gleichzeitig suchen sie nach Anregungs- und Gelegenheitsstrukturen, um sich auch in der Zeit des LOCKDOWNs gesellschaftlichen Erwartungen zu stellen: Sie konzentrieren sich gezielter auf Schule und einen erfolgreichen Abschluss; wollen dran bleiben und ihre Motivation nicht verlieren. Dennoch sorgen sie sich, dem Leistungsdruck nicht Stand zu halten. Sie wollen aber auch an dem, was das Jugendalter ausmacht, festhalten. Sich Zukunftschancen offen halten und gleichzeitig biographische Entwürfe in Frage zu stellen, kennzeichnet nicht nur eine Jugend im LOCKDOWN, sondern auch das Jugendalter vergangener Generationen, allerdings unter anderen Vorzeichen und ohne bewährte Bewältigungsstrategien.

Anknüpfend an die Mini-Dokuserie „Am Limit?! Jetzt reden WIR!“ (2021, hr), in der Jugendliche im Selfie-Modus von ihrem Alltag in der pandemischen Krise berichten, wird fallrekonstruktiv herausgearbeitet, wie Heranwachsende die Pandemie wahrnehmen und die sich veränderten Lebensbedingungen erleben, aber auch wie sie sich von selbstverständlich mitlaufenden Normalitätsvorstellungen befreien. Die Jugendlichen selbst sollen zu Wort kommen und nicht die Erwachsenen, die das sich ständig verändernde Infektionsgeschehen bewerten und in Regeln einzurüsten versuchen.



Krisenbewältigung männlicher Jugendlicher in der Pandemie

Iris Schwarzenbacher

Friedrich-Schiller-Universität Jena, Deutschland

Entgegen medialer Anrufungen der Jugend als „Treiber“ der Pandemie – häufig in Form von migrantischen, „bildungsfernen“, männlichen Jugendlichen – möchte dieser Beitrag eine differenzierte Perspektive auf jugendliche Praktiken, ihre Lebenslagen und Bewältigungsstrategien in der Pandemie bieten und Jugendliche selbst zu Wort kommen lassen. Fokussiert wird die Frage, mit welchen Ressourcen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen eine erfolgreiche Krisenbewältigung von männlichen Jugendlichen zusammenhängt.

Der Beitrag basiert auf dem DFG-Projekt „Fürsorgliche Jungen?! Alternative (Forschungs-)Perspektiven auf die Reproduktionskrise“, das sich im Anschluss an Vera Kings Adoleszenzkonzept mit Vergesellschaftungsprozessen von männlichen Jugendlichen befasst. Dazu wurden vor Pandemiebeginn 55 teilnarrative Interviews mit 14-16-jährigen Jungen aus Ost- und Westdeutschland und rund ein Jahr später 33 Zweitinterviews geführt, in denen pandemiebedingte Veränderungen und Herausforderungen thematisiert wurden.

Empirisch zeigt sich eine breite Palette an verschiedenen pandemiebedingten Erfahrungen – von einer positiven Entschleunigungswahrnehmung bis hin zu schwerwiegenden psychischen Belastungen – sowie unterschiedlichste Anpassungs- bzw. Bewältigungsstrategien. Während im Material nur vereinzelt deviante Reaktionen auf Vorschriften zu beobachten sind, zeigt sich in einigen Fällen vielmehr ein relativ widerstandsloser Rückzug in Resignation und Passivität. Dies ist insbesondere der Fall bei sozio-ökonomisch benachteiligten Jungen, deren Möglichkeitshorizonte bereits vor der Pandemie sehr eng waren und v.a. durch den Wegfall des öffentlichen Raumes weiter radikal eingeschränkt wurden, während Jungen mit privilegierterem Hintergrund weiterhin deutlich größere Möglichkeitsräume offen stehen. Die an sich bereits konfliktreichen und anspruchsvollen Prozesse der Individuation in der Adoleszenz werden also durch pandemiebedingte Schwierigkeiten verstärkt, wobei eine erfolgreiche Bewältigung dieser Krisen zentral von der Verfügbarkeit von ökonomischen, sozialen und kulturellen Ressourcen abhängt. Der Beitrag bietet einen systematischen Einblick in unterschiedliche Praktiken von Jungen im Pandemiealltag und diskutiert diese insbesondere anhand von Fragen sozialer Ungleichheit.



„Corona hat alles zerstört“ – Mehrfachbelastungen und Bewältigungsstrategien von jungen Menschen in der Corona-Krise

Veronika Wöhrer, Johanna Neuhauser

University of Vienna, Österreich

Im Vortrag werden Ergebnisse aus der Längsschnittstudie „Wege in die Zukunft“ präsentiert. Im qualitativen Teil dieser Studie, die an den Instituten für Soziologie und Bildungswissenschaft der Universität Wien durchgeführt wird, werden Wiener Jugendliche seit der Abschlussklasse der Neuen Mittelschule fünf Jahre lang begleitet und jährlich mit problemzentrierten Interviews befragt. Das Schwerpunktthema der fünften Welle, die im Winter 2020/21 durchgeführt wurde, war COVID-19 und die dadurch bedingten Veränderungen in den Lebenssituationen der Jugendlichen. Die Ausgangspositionen der zwanzig interviewten Jugendlichen sind dabei unterschiedlich: Während manche nach der Neuen Mittelschule in eine AHS oder BHS umgestiegen sind und heuer vor der Matura und dem Studienbeginn stehen, sind andere in einer Lehre oder versuchen in einer Maßnahme der „Ausbildung bis 18“ eine Lehrstelle zu finden.

In den Analysen zeigt sich, dass die Corona-Pandemie Jugendliche besonders hart trifft: Aussagen wie „Corona hat alles zerstört“, „Das letzte Jahr, war eigentlich das schlimmste Jahr für mich“, „Is halt die Hölle” oder „Wegen Corona wissen wir nicht einmal [mehr] was wir machen wollen“ verweisen darauf, dass die Pandemie für die meisten der befragten jungen Menschen eine enorme Belastung darstellt. Die Freizeitgestaltung und das soziale Leben wurden stark eingeschränkt, das Home-Schooling war eine große Herausforderung und die Zurückgeworfenheit auf den familiären Raum hat häufig Konflikte verstärkt. Insbesondere für jene, die am Übergang von Schule zu Beruf stehen, löste die Krise Unsicherheiten und Zukunftssorgen aus. Obwohl die Pandemie für alle Befragten einen großen Einschnitt darstellte, sind die Belastungen für jene Jugendliche größer, die ohnehin schon unter Benachteiligungen litten. Aus einer intersektionalen Perspektive wird deutlich, dass Unterschiede aufgrund von sozialer Herkunft, Ethnizität bzw. Migrationshintergrund und Geschlecht in der Pandemieerfahrung an Relevanz gewinnen. Insbesondere benachteiligte Jugendliche erzählen von verstärkten Mehrfachbelastungen, da sie sich beispielweise gleichzeitig um Familienangehörige, den Haushalt und um die eigene Zukunft kümmern mussten. Es wird jedoch auch deutlich, dass die jungen Menschen versuchen, Strategien zu finden, um diese Situation besser bewältigen zu können.



„Jugendkrawalle“ in der Pandemie – „Neue“ Dimensionen der Jugendgewalt?

Sabrina Hoops, Diana Willems

Deutsches Jugendinstitut DJI, Deutschland

Seit dem Frühjahr 2020 ist der gesellschaftliche Alltag geprägt von der weltweiten Ausbreitung des SARS-CoV2 Virus. Darauffolgende Lockdowns und die verschiedenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie beherrschen seither die öffentliche Diskussion.

Am Anfang der Pandemie standen neben den Gesundheitsfragen vor allem die wirtschaftlichen Folgen im Fokus. Etwas verzögert wurde die Perspektive auf das Themenfeld der Kinderbetreuung und Schulbildung erweitert. Auch dies wurde wesentlich motiviert durch wirtschaftspolitische Erwägungen. Die Frage, wie es den jungen Menschen selbst geht, wie sie die Pandemie erleben, resp. wie sie unter diesen Bedingungen die Kernherausforderungen der Jugendphase bewältigen können, wurde vielfach vernachlässigt bzw. inhaltlich verengt unter dem Aspekt von Qualifizierung diskutiert. Das Interesse galt eher Fragen, wie junge Menschen ihre Abiturprüfungen absolvieren, einen Ausbildungsplatz antreten oder ein Studium beginnen könnten.

Der Fokus auf Jugend veränderte sich jäh mit den medial aufmerksam begleiteten Gewaltausschreitungen im Sommer 2020 in den Innenstädten einiger Großstädte. Plötzlich war das Interesse am Thema „Jugend“ – wie so oft, wenn junge Menschen mit ihrem Verhalten auf Unverständnis und Kritik stoßen – groß.

Verschiedentlich war von einem neuen Phänomen, von „Krawallen“ und von „Gewalteskalationen“ in den Medien zu lesen und zu hören. Aber: Handelt es sich bei den Ausschreitungen tatsächlich um eine neue Dimension von Jugendgewalt, die – so die Pandemie noch länger andauert – weitreichendere Folgen haben und auch den nun anstehenden Sommer 2021 bestimmen wird? Und: Was ist über die Hintergründe der Vorfälle bekannt, was über die jungen Menschen selbst? Welche allgemeinen kriminologischen Erkenntnisse zu Delinquenz im Kindes- und Jugendalter können hilfreich sein, die Vorfälle einzuordnen?

Der Input aus dem Kontext der DJI-Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention richtet einen sortierenden Blick auf jugendliches Delinquenzverhalten in der Pandemie. Gefragt wird: Welche aktuellen Entwicklungen lassen sich rekonstruieren? Auf welche Weise wird Jugend im medialen Diskurs, auch von Wissenschaftler*innen, problematisiert?