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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_MixMeth: Ad-hoc-Gruppe - Mixed Methods jenseits des Methodologischen Nationalismus: Zur Erforschung von gesellschaftlichen Krisen, Dynamiken und Ordnungen in transnationalen Kontexten
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
14:30 - 16:30

Chair der Sitzung: Christian Schmidt-Wellenburg, Universität Potsdam
Chair der Sitzung: Andreas Schmitz, Gesis Köln
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Large-n in small-n: Ein integriertes Mixed Methods Design zur Untersuchung gesellschaftlicher Krisen, Dynamiken und Ordnungen als transnationales Wissen

Christian Schneijderberg1, Nicolai Götze2

1RWTH Aachen, Deutschland; 2INCHER, Universität Kassel, Deutschland

Im Beitrag soll ein neues methodisches Instrumentarium für Ländervergleiche mittels „large-n in small-n“ (Schneijderberg & Götze 2021) Untersuchungen als integriertes Mixed Methods Design präsentiert und diskutiert werden (siehe auch Burzan 2016; Kelle 2008). Large-n in small-n bezeichnet ein Untersuchungs-design, welche durch Methodenkombination sowohl die methodologischen Schwächen von quantitativen komparativen Studien (large-n) als auch von qualitativen Fallstudien (small-n) zu überwinden sucht (z. B. Seawright & Gerring 2008). Large-n in small-n Untersuchungen sind für Primärerhebungen und Sekundärauswertungen (z. B. Daten von Statistikämtern) anwendbar – und nicht nur zur Analyse (transnationaler) gesellschaftlicher Krisen. Die Large-n in small-n Herangehensweise wurde für die Untersuchung von Wissens- und Technologietransfer (academics‘ societal engagement) im Rahmen eines ländervergleichenden Forschungsprojektes zu Aufgaben, Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen in Hochschulen mit Titel Academic Profession in Knowledge Societies (APIKS) entwickelt.

Für das methodengeleitete Design der large-n APIKS-Fragebogenerhebung wurde zur Systematisierung des Vergleichskontextes ein Analysemodell geschaffen (Schneijderberg & Götze 2021: 8). Bei der Analyse der ausgewählten Indikatoren wurde der Schwäche von large-n Untersuchungen in einer Vielzahl von Ländern (z. B. durch die OECD), das heißt, der fehlende Reflektion der historischen, politischen usw. Kontextabhängigkeit sozialer Phänomene, zweifach begegnet: Erstens wurde theoriegeleitet nur eine geringe Anzahl an Fällen (small-n der Länder) ausgewählt, beispielsweise basierend auf Typisierungen (Collier et al. 2012). Die Länderauswahl erfordert dabei die Anpassung von Indikatoren und Klärung von Kategorien (z. B. Einteilung nach Senior- und Nachwuchswissenschaftler*innen. Zweitens wurde von den landesansässigen APIKS-Konsortialmitgliedern eine dichte Beschreibung (Geertz 1973) angefertigt. Ein ergänzender Mehrwert ist die Schaffung eines einhelligen Wissensstandes im transnationalen (Autor*innen)-Team. Unabhängig von der (subjektiven) Einordnung von Hochschule und Wissenschaft als kognitives und soziales Dauerkrisenphänomen, kann das methodenintegrierte large-n in small-n Untersuchungsdesign für die Analyse von gesellschaftlichen Krisen, Dynamiken und Ordnungen in transnationalen Kontexten angewendet werden.



Transgenerationale Krisenverarbeitung nach Zwangsmigration. Eine transnationale Mixed-Methods-Studie zum Wertewandel in Familien mit einer Vertreibungsgeschichte

Maria Borcsa1, Fady Guirgis1, Julia Hille2, Dietmar Wetzel3

1Hochschule Nordhausen, Institut für Sozialmedizin, Rehabilitationswissenschaften und Versorgungsforschung (ISRV); 2Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg; 3MSH Medical School, Hamburg

Nicht nur unsere aktuelle Zeit ist von Flucht und Vertreibung geprägt; der Zweite Weltkrieg und seine Folgen haben Wellen von Zwangsmigration hervorgerufen (Świder 2014). Die damit einhergehenden Krisen stellen für Menschen, Institutionen und die Staaten das dar, was Koselleck im Hinblick auf den Krisenbegriff als „strukturelle Signatur der Neuzeit“ (Koselleck 1973) bezeichnet hat. Ziel der hier vorgestellten Forschung, welche in Kooperation mit polnischen Kolleg*innen erfolgt, ist die Strukturrekonstruktion familiärer Muster der Krisenverarbeitung und der transgenerationalen Weitergabe von Krisenerfahrungen in deutschen und polnischen Familien, die im Kontext des Zweiten Weltkrieges zwangsmigrierten. Zudem fokussieren wir auf die Analyse der Bedeutung von Werten und Normen innerhalb familiendynamischer Prozesse und deren Wandel über drei Generationen hinweg. Dabei wird die Überwindung des Methodologischen Nationalismus angestrebt, indem strukturelle Ähnlichkeiten der Familienerfahrungen in den Mittelpunkt gerückt werden. Dieses transnationale Projekt ist als Mixed Methods-Studie angelegt, da Zugänge unterschiedlicher Disziplinen in qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden Anwendung finden. Im Vortrag wird ein Teil der Studie präsentiert, welches exemplarisch das Triangulationsdesign vorstellt. Es wurden hierbei mit Hilfe des „Portrait Values Questionnaire“ (PVQ) (Schwartz 2017) grundlegende Wertevorstellungen transgenerational erfasst und ausgewertet; ein Kommentarfeld am Ende des Fragebogens generierte z.T. ausführliche Narrationen, die mit Hilfe der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring deduktiv und induktiv kategorisiert wurden. In unserem Beitrag möchten wir neben der Vorstellung der Teilstudie die Chancen und Probleme der Kombination der Datenauswertungen, sowie die methodologischen und die interkulturellen Herausforderungen in einem transnationalen Forschungsprojekt diskutieren.

Koselleck, R. (1973). Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt. Frankfurt am Main.

Schwartz, S. (2017) Individual Values across Cultures. In: A. T. Church (Ed.), The Praeger Handbook of Personality across Cultures (S. 203-247). Santa Barbara, California: Praeger.

Świder, M. (2014). Die Entgermanisierung Oberschlesiens nach 1945. In Stickler, M. (Hg.) Jenseits von Aufrechnung und Verdrängung (S. 65–88). Stuttgart: Franz Steiner Verlag.



Wer „verdient“ Corona-Hilfen? Eine mixed-methods Analyse von Twitterdaten in der deutschen und US-amerikanischen Debatte über staatliche Rettungsmaßnahmen

Till Hilmar

Universität Bremen, SOCIUM, Deutschland

Die Coronakrise brachte – und bringt – außerordentliche ökonomische Verwerfungen und Einschnitte im Arbeitsleben. Im Frühjahr 2020 waren zeitweise rund achtzig Prozent der globalen erwerbstätigen Bevölkerung durch Restriktionsmaßnahmen dazu gezwungen, ihre Arbeit ruhen zu lassen (Tooze 2020). Vielfache Einschnitte wie erzwungene Schließungen, Geschäftsauflösungen, Kundenschwund, Einkommenseinbußen, Kurzarbeit, Mehrfachbelastung durch care-Arbeit, Unsicherheit und Prekarität haben langfristige Konsequenzen. Zugleich reagierten Staaten schon früh mit umfassenden Rettungsmaßnahmen. Insbesondere reiche Wohlfahrtstaaten im Westen und Norden haben ab März 2020 mit unterschiedlichen Formen von finanziellen Zuwendungen oder Kreditgarantien an Unternehmen und Individuen versucht, Liquidität, betriebliche Aktivität, sowie Beschäftigungsverhältnisse nach Möglichkeit zu erhalten.

Dieser Beitrag nimmt die öffentliche Wahrnehmung der finanziellen Rettungsmaßnahmen in zwei Gesellschaften, Deutschland und den USA, in den Blick. Konkret untersucht er die folgende Frage: Wie wird in der Öffentlichkeit die Frage, wer einzelne finanzielle Zuwendungen/Rettungsmaßnahmen „verdient“ oder „nicht verdient“, verhandelt? Damit steht die Frage nach den Gerechtigkeitsvorstellungen (Sachweh 2010), die in der Diskussion der Zahlungen und Garantien kollektiv artikuliert und verbreitet werden, im Vordergrund.

Zur Annäherung an diese Frage eignet sich ein mixed-methods Ansatz. Zunächst diskutiert der Beitrag mit Rückgriff auf computational social science Methoden (Evans und Aceves 2016) einen Korpus an Twitterdaten (Tweets, in denen die Rettungsmaßnahmen erwähnt werden – er orientiert sich hierbei an der staatlichen Bezeichnung der Maßnahmen wie z.B. „Soforthilfen“, „Novemberhilfen“). In einem zweiten Schritt werden diese Muster qualitativ interpretiert und kontextualisiert. Der Beitrag greift rezente Ansätze in der Gerechtigkeitsforschung bzw. „deservingness“ Literatur auf, die auf die Methodenintegration abzielen und den Wert der fokussierten qualitativen Analyse in den Vordergrund rücken (Laenen, Rossetti und Van Oorschot 2019). Die Analyse des deutschen und US-amerikanischen Materials im Vergleich erlaubt es, zu fragen, welche Rolle transnationale Deutungsmuster in diesen Debatten spielen.