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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_transdiszli: Ad-hoc-Gruppe - Transdisziplinäre Forschung – ein wegweisender Modus der Krisenbearbeitung?
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Andrea Dorothea Bührmann, universität Göttingen
Chair der Sitzung: Stephan Lorenz, Friedrich Schiller Universität
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen
ID: 239 / ad_transdiszli: 1
Ad-hoc-Gruppe - Transdisziplinäre Forschung – ein wegweisender Modus der Krisenbearbeitung?

Transdisziplinäre Forschung – ein wegweisender Modus der Krisenbearbeitung?

Bührmann Andrea D.1, Stephan Lorenz2,3

1Georg-August-Universität Göttingen; 2Friedrich-Schiller-Universität Jena; 3Freie Universität Berlin

In den letzten Jahrzehnten formierte sich ein breites Feld an transdisziplinären Forschungen (TDF), besonders vorangetrieben in sozial-ökologischen Forschungen, doch nicht darauf beschränkt. Erkenntnistheoretische und begriffliche Bestimmungen sowie Qualitätskriterien sind weiterhin kontrovers. Als kleinster Nenner der TDF gilt, dass verschiedene Wissenschaftsdisziplinen mit nicht-akademischen Akteur:innen eine gesellschaftliche Problemstellung identifizieren und kooperativ an Lösungen arbeiten. Damit empfiehlt sich TDF auch für zahlreiche Pandemie-Herausforderungen: seien es lokale Umsetzungen medizinischer Empfehlungen, die Organisation präventiven Katastrophenschutzes, politische Steuerungen u.v.m. TDF gilt den beteiligten Forschenden als Ausdruck engagierter Wissenschaft und wird von Forschungsfördernden oft sogar eingefordert. Deshalb berührt die TDF nicht nur Fragen des wissenschaftlichen Selbstverständnisses, sondern auch nach der Bedeutung und Rolle der Wissenschaften bei der Bearbeitung und möglicherwiese Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen. In der Soziologie wurden diese Fragen immer wieder kontrovers diskutiert: Von Webers Verhältnisbestimmungen der Soziologie zur Sozialpolitik bis zur aktuellen Debatte um „public sociology“.

Die Ad-hoc-Gruppe will die Möglichkeiten von TDF für aktuelle wie präventive Pandemie- und Krisenforschungen diskutieren. In Form einer Podiumsdiskussion werden Wissenschaftler:innen aus Österreich, der Schweiz und Deutschland unterschiedlicher disziplinärer Herkunft beitragen. Die Beteiligten forschen seit vielen Jahren transdisziplinär, mit Expertisen in einem Spektrum an pandemie-relevanten Themen wie Palliative Care (Katharina Heimerl, Wien), Katastrophenforschung (Martin Voss, Berlin), Nachhaltige Entwicklung (Rico Defila und Antonietta Di Giulio, Basel), Soziale Ungleichheit (Yvonne Franke, Göttingen) und Kommunikationsethik (Larissa Krainer, Klagenfurt). Diskutiert wird aus diesen unterschiedlichen Perspektiven, inwiefern sich die Mittel der TDF zur Pandemieforschung eignen, welche Probleme sich durch TDF bearbeiten lassen und welche Herausforderungen TDF selbst mit sich bringt sowie welche Beiträge die Soziologie zu TDF leisten kann. Es moderieren Andrea D. Bührmann (Diversi-tätsforschung, Göttingen) und Stephan Lorenz (Umweltsoziologie, Jena/Berlin).



ID: 561 / ad_transdiszli: 2
Ad-hoc-Gruppe - Transdisziplinäre Forschung – ein wegweisender Modus der Krisenbearbeitung?

Transdisziplinäre Forschung in Palliative Care in Zeiten von COVID-19

Katharina Heimerl

Institut für Pflegewissenschaft, Universität Wien, Österreich

Transdisziplinäre Forschung orientiert sich an gesellschaftlichen Problemfeldern (Dressel et al. 2010), in Palliative Care ist das die Betreuung und Begleitung von schwerkranken und sterbenden Menschen. Ein Schwerpunkt der transdisziplinären Forschung in Palliative Care liegt auf der Partizipation der betroffenen und beteiligten Akteur*innen (Patient*innen, Bewohner*innen, Angehörige, Mitarbeiter*innen, Leitungspersonen, Freiwillige und Zivilgesellschaft).

Die Betroffenen in Palliative Care sind außerordentlich vulnerabel (Gastmans 2013), ihre Autonomie kann ausschließlich relational gedacht werden (Reitinger, Heller 2010). Partizipation an der Forschung ist erwünscht und möglich, unter der Voraussetzung, dass die Forschung sich an der Verletzlichkeit der Betroffenen orientiert. Dies erfordert Flexibilität und Anpassungen in Methode und Forschungsprozess.

Gerade in Zeiten von COVID 19 sind kreative Lösungen gefragt, um miteinander zu einer Forschungsfrage zu kommunizieren. Die epidemiologische Notwendigkeit des physical distancing schränkt die Möglichkeiten der Partizipativen Forschung in Palliative Care ein.

Gleichzeitig stellt die Partizipative Forschung in Palliative Care eine Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe dar, die gerade in Zeiten der Pandemie für die Betroffenen von besonderer Bedeutung ist. Überraschender Weise kann die digitale Kommunikation hier Möglichkeiten eröffnen, wie die Forschung mit Menschen mit Demenz zeigt.

In Bezug auf Care erleben wir gesellschaftlich, dass „zur Krise auch noch eine Pandemie dazukommt“ (Theissen 2021). Die professionell Sorgenden in Palliative Care werden in Zeiten der Pandemie als die zentralen „systemrelevanten“ Berufsgruppen bezeichnet. Sie sind außerordentlich gefährdet und belastet. Auch wenn der Eindruck entsteht, dass in dieser Situation die Zeit für die Forschung mit der knappen Zeit für die Betreuung konkurriert, so lässt sich dennoch an Beispielen aufzeigen, dass die transdisziplinäre, partizipative Forschung Reflexionsräume eröffnet, die gerade in Krisenzeiten Entlastung bringen und Wertschätzung für die Leistungen der professionell Sorgenden vermitteln können.



ID: 537 / ad_transdiszli: 3
Ad-hoc-Gruppe - Transdisziplinäre Forschung – ein wegweisender Modus der Krisenbearbeitung?

Zum Verhältnis transdisziplinärer Forschung und Kollektiver Aufklärung

Larissa Krainer

Universität Klagenfurt, Österreich

Krisen wie die COVID-19 Pandemie werfen vielfältige Fragen in Bezug auf Forschung und die mediale Vermittlung von Forschungserkenntnissen auf, die zu Verunsicherung, Ängsten oder auch Widerstand führen kann. Das lässt sich exemplarisch an den Reaktionen auf mediale Berichterstattung über Impfstoffe und deren potentielle Nebenwirkungen beobachten, die durch aufgeregte Debatten in Sozialen Medien einen zusätzlichen, äußerst negativen Spin erhalten. Die Rolle und Bedeutung von Medien als neutrale und glaubwürdige Instanzen, deren Nutzung zu breiter gesellschaftlicher Aufklärung führt, ist offenkundig passé, mindestens ins Wanken geraten. Obwohl Medien über Pro und Kontra in der Abwägung des Einsatzes von Impfstoffen berichteten, waren (zumindest in Österreich) massenhafte Abmeldungen von Impfterminen zu beobachten. Insgesamt zeigt sich an diesem Thema zudem, wie schwer es ist, eine persönliche Expertise zu äußerst komplexen Fragestellungen zu erwerben, um für das eigene Leben entscheidungsfähig zu sein.

Genau darin besteht allerdings ein zentrales Anliegen von Transdisziplinärer Forschung: In einer Kooperation von Wissenschaft und Praxis (besser von universitären oder hochschulischen Akteurinnen* und außerhochschulischen Akteuren*) soll gemeinsam zu praxisrelevanten Fragestellungen geforscht und dadurch eine Ko-Kreation von Wissen erzielt werden. Eine zugrundeliegende Hoffnung besteht darin, dass eine andere, weit tiefergehende Form von Verständnis erzielt werden kann, wenn Menschen Gelegenheit haben, am Erkenntnisgewinn im Forschungsprozess zu partizipieren. Noch weitergehend lässt sich dann von einer Form kollektiver Aufklärung sprechen.

Inwiefern Transdisziplinäre Forschung Potentiale hat, Formen des Wissens zu erzielen, die zu einer breiteren Aufklärung und größeren Entscheidungsfähigkeit führen und welche Grenzen demgegenüber sichtbar werden, soll im Rahmen des Beitrags sowohl aus der Perspektive der Transdisziplinären Forschung als auch der Medien- und Kommunikationswissenschaft diskutiert werden.



ID: 614 / ad_transdiszli: 4
Ad-hoc-Gruppe - Transdisziplinäre Forschung – ein wegweisender Modus der Krisenbearbeitung?

Transdisziplinäre Forschung in der und für die Krise?

Rico Defila, Antonietta Di Giulio

Universität Basel, Schweiz

Die Situation, wie sie im Zuge der Corona-Pandemie entstand, ist charakterisiert dadurch, dass ein (ausserhalb von Fachkreisen) unerwartetes und akutes gesellschaftliches Problem auftritt, das eine Bedrohung in mehreren Dimensionen darstellt und einer möglichst raschen Lösung bedarf. Merkmale einer solchen Krise sind, dass sie nicht schleichend, sondern plötzlich entsteht, dass die Bedrohung gut sichtbar und greifbar ist (jedenfalls für eine Mehrheit), und dass sie Routinen und Selbstverständlichkeiten mindestens kurzzeitig aufhebt. Für die transdisziplinäre Forschung zeig(t)en sich in dieser Situation zwei interessante Aspekte, die wir in unserem Beitrag entfalten werden:

Prioritäten: Die Erwartungen an die Wissenschaft, wesentlich zur Bewältigung der Krise beizutragen, waren (jedenfalls vielerorts) von Beginn an hoch. Entsprechend wurden in kurzer Zeit viele Mittel in Forschung investiert und umfangreiche Forschungsprogramme lanciert. In diesen Programmen spielte jedoch transdisziplinäre Forschung keine Rolle, d.h. ein transdisziplinärer Ansatz wurde nicht als relevante Grösse erachtet. Vor dem Hintergrund, dass es ein erklärtes Ziel transdisziplinärer Forschung ist, einen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Probleme zu leisten, stellt sich die Frage, weshalb transdisziplinäre Forschung in der aktuellen Pandemiebekämpfung so gar keine Rolle spielt(e).

Legitimität: Dass Wissenschaft lediglich eine Stimme unter mehreren ist, wenn es um gesellschaftliche Entscheidungen geht, und dass zu unterscheiden ist zwischen evidenzbasierten Empfehlungen von Forschenden und Entscheidungen, die andere gesellschaftliche Akteure treffen, ist nicht neu, wurde aber in der aktuellen Pandemie öffentlich sichtbar akzentuiert und Gegenstand kontroverser Debatten. Vor dem Hintergrund der Bedeutung, die der Partizipation mit Blick auf die gesellschaftliche Legitimität von Forschungsergebnissen zukommt, ist die Frage interessant, ob und ggf. welchen Beitrag zur Entschärfung solcher Debatten ein transdisziplinärer Ansatz leisten könnte.



ID: 594 / ad_transdiszli: 5
Ad-hoc-Gruppe - Transdisziplinäre Forschung – ein wegweisender Modus der Krisenbearbeitung?

Transdisziplinarität und demokratischer Evaluationsprozess

Yvonne Franke

Universität Göttingen, Deutschland

Im Zuge der Corona-Pandemie wurden im Verlaufe des vergangenen Jahres weitreichende politische Entscheidungen getroffen, die implementierten Gesetze und Verordnungen haben das öffentliche wie private gesellschaftliche Leben stark verändert. Diese waren in ungewöhnlichem Ausmaß direkt von wissenschaftlichen Erkenntnissen beeinflusst. Nun ist es eines der Grundanliegen akademischer Wissensproduktion, gesellschaftlich relevantes Wissen zu generieren. Allein die raum-zeitliche Komprimierung des Zusammenhangs von Wissensproduktion und darauf basierenden politischen Entscheidungen ist in dieser Qualität neu. Die so entstehende gesellschaftliche Dynamik erzeugte verschiedene Friktionen. Einerseits spielen dabei Unterschiedlichkeiten in der Einschätzung zur Gefährlichkeit des Corona-Virus und der Erkrankung Covid-19 selbst eine wesentliche Rolle. Die Beurteilung von akademischer Wissensproduktion sowie der gesellschaftlichen Rolle von (naturwissenschaftlichen/epidemiologischen) Expert*innen scheint dabei in einigen gesellschaftlichen Gruppen stark überformt zu werden von grundsätzlichen politischen Haltungen und Werturteilen. Die Bewegung Querdenken darf als Beispiel einer solchen höchst problematischen Rezeption akademischen Wissens gelesen werden. Anderseits basieren auch die politischen Maßnahmen - sowohl die aus epidemiologischen Gesichtspunkten getroffen politischen Entscheidungen als auch die sozio-ökonomischen Weichenstellungen im Zuge der Pandemiebekämpfung – auf einer selektiven Rezeption akademischer (und hier auch sozialwissenschaftlicher) Wissensproduktion.

Vor einem demokratietheoretischen Hintergrund verlangt diese zu beobachtende Dynamik nach einer aktualisierten Verhältnisbestimmung von (akademischer) Wissensproduktion, politischen Entscheidungen und gesellschaftlicher Mitbestimmung. Hier könnten transdisziplinäre Ansätze eine neue Wirkung entfalten, die weniger an der Koproduktion von Wissen selbst ansetzt, sondern vielmehr versucht, durch die dialogische Zusammenführung der Trias Gesellschaft-Wissenschaft-Politik eine Evaluationsinstanz zu schaffen, die in einem iterativen Prozess Impulse in die jeweiligen Sphären einbringt bzw. rückkoppelt und dadurch politische Entscheidungsprozesse demokratisch vertieften könnte.



ID: 382 / ad_transdiszli: 6
Ad-hoc-Gruppe - Transdisziplinäre Forschung – ein wegweisender Modus der Krisenbearbeitung?

Transdisziplinäre Vulnerabilitäts und Resilienzbewertung – Theorie und Praxis

Martin Voss

Katastrophenforschungsstelle, FU Berlin, Deutschland

Vulnerabilität und Resilienz haben sich in den letzten 10 Jahren zu buzzwords im nationalen wie internationalen Katastrophenschutz und -hilfe entwickelt (Lorenz und Dittmer 2016; Voss und Dittmer 2016). Die Mehrzahl der im Katastrophenschutz oder der internationalen humanitären Hilfe tätigen Organisationen hat ein organisationspezifisch angepasstes Vulnerabilitäts- und Resilienzassessment mit mehr oder weniger partizipativen Anteilen entwickelt. Gleichzeitig bieten wissenschaftliche Forschungsarbeiten immer neue Erkenntnisse und Bewertungsansätze. Was dabei unter „Vulnerabilität“ oder „Resilienz“ verstanden wird, wie diese operationalisiert und erhoben werden können und welche Maßnahmen sie generieren, fällt äußerst unterschiedlich aus.

Aus Sicht der Katastrophensoziologie sind Vulnerabilität und Resilienz Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Exklusions- und/oder Integrationsformen, hochgradig kontextbezogen, relational und nur im Zusammenspiel statistisch objektivierter und subjektiv wahrgenommenen Faktoren zu begreifen (Voss 2008). Lebensweltliche Realitäten und Probleme müssten deshalb über partizipative, integrierende oder transdisziplinäre Verfahren erhoben werden, um in Vulnerabilitätsreduktionsprogrammen nicht Gefahr zu laufen, mit einem singulären spezifischen Ziel letztlich destruktiv in ein in sich mehr oder weniger stabilisiertes, jedenfalls aber komplexes, in seine spezifischen Kontexte koevolutionär verkoppeltes System zu intervenieren (Voss 2008). Dazu bedürfte es eines interaktiven, transdisziplinären Prozesses, der verschiedene Wissensbestände als gleichwertig anerkennt und ihre Verhandelbarkeit und Verwobenheit mit Machtstrukturen und sozialer Ungleichheit berücksichtigt. Inwieweit nun die Forschungspraxis unter den gegebenen Rahmenbedingungen diesem Anspruch gerecht werden kann soll im Rahmen des Inputvortrags und der Diskussion aus der Erfahrung mit eigenen nationalen und internationalen Forschungsarbeiten im Bereich der soziologischen Krisen- und Katastrophenforschung und mit besonderem Blick auf Vulnerabilität und Resilienz in der Corona-Pandemie (selbst-)kritisch hinterfragt werden.