Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Sek_WissTechnik: Sektionsveranstaltung - Kommunikation in der Krise. Wissenschaft und ihre Öffentlichkeiten
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
9:00 - 11:00

Chair der Sitzung: Martina Franzen, Kulturwissenschaftliches Institut Essen
Chair der Sitzung: Alexander Bogner, Österreichische Gesellschaft für Soziologie
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Wissenschafts- und Technikforschung (DGS), Sektion Technik- und Wissenschaftssoziologie (ÖGS)


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Präsentationen
ID: 297 / Sek_WissTechnik: 1
Sektionsveranstaltung - Kommunikation in der Krise. Wissenschaft und ihre Öffentlichkeiten

Paradigmen der Pandemiebekämpfung und ihre differenzierten Öffentlichkeiten

Pascal Berger

RWTH Aachen, Deutschland

Als die Bundesregierung am 22. März 2020 allgemeine Kontaktbeschränkungen beschloss, konnte sie sich auf die Empfehlungen der Leopoldina-Akademie stützen: Ein dreiwöchiger Shutdown, so heißt der Ad-Hoc-Stellungnahme vom 21.März, sei aus „wissenschaftlicher Sicht“ empfehlenswert. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schrieb noch am selben Tag, hier spreche „die geballte wissenschaftliche Kompetenz“. Gleiches Datum, andere Gesell-schaft: Die „Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene“ (DGKH) sprach sich in einer Stellungnahme gegen allgemeine Kontaktbeschränkungen und Betriebsschließungen und für eine Konzentration der Ressourcen auf Risikogruppen aus. Ein mediales Echo fand die DGKH nur vereinzelt in fachspezifischen Medien wie dem „Ärzteblatt“ und der „Ärztezeitung“ – dagegen in keinem der größeren Leitmedien

Was beide Stellungnahmen besonders macht: Die DGKH berief sich auf bis dahin existierende Pandemiekonzepte, die Leopoldina nicht. Betriebs- und Grenzschließungen bis hin zu Ausgangssperren gehörten bis 2020 nicht zum empfohlenen Repertoire der Pandemiebekämpfung, und doch etablierten sich „Lockdowns“ in der Öffentlichkeit als legitime Instrumente der Seuchenbekämpfung. Es fand ein Paradigmenwechsel statt. Warum?

Die gesellschaftliche Navigation durch eine Pandemie ist eine komplexe Angelegenheit und auf das Zusammenspiel jeweils eigenwilliger Systeme angewiesen. Sie ist nicht allein die Exekution von Pandemieplänen, oder die Umsetzung von Erkenntnis. Das Krisenmanagement findet auf einer durch Massenmedien bereiteten öffentlichen Bühne statt, auf der Akteure aus Politik, Wissenschaft und Medien wechselseitig beobachten. Politik bedarf der Legitimation durch Wissenschaft, wissenschaftliche Politikberatung findet jedoch ihrerseits unter der selektiven Bedingung öffentlicher Aufmerksamkeit statt: Die Orientierung an öffentlicher Wahrnehmung bestimmt wesentlich die Legitimität einer Pandemie-Politik.

In meinem Beitrag untersuche ich exemplarisch für den Fall der Bundesrepublik die mediale Rezeption unterschiedlicher Fachgesellschaften. Mit Hilfe netzwerkanalytischer Methoden demonstriere ich eine Öffentlichkeitsdifferenzierung in eine spezielle Fachöffentlichkeit einerseits, sowie eine durch klassische Leitmedien konstituierte, allgemeine Öffentlichkeit andererseits. Dieser Differenzierung entspricht ein Paradigmenwechsel in der Seuchenbekämpfung.



ID: 216 / Sek_WissTechnik: 2
Sektionsveranstaltung - Kommunikation in der Krise. Wissenschaft und ihre Öffentlichkeiten

Die Sozialwissenschaften und ihre Öffentlichkeiten in der Krise: Eine international vergleichende Analyse deutschsprachiger Qualitätsmedien

Barbara Hoenig

Universität Graz, Österreich

Der Beitrag geht dem Ort der Sozialwissenschaften in der diskursiven Auseinandersetzung um Zuständigkeitsansprüche innerhalb eines interdisziplinär dynamischen Feldes der Wissenschaft sowie in Kommunikation mit außerwissenschaftlichen Öffentlichkeiten nach. Welche Bilder von Sozialwissenschaft vermitteln öffentliche Medien wie Qualitäts-Tageszeitungen in Zusammenhang mit der Covid19-Krise? In welcher Weise können die Sozialwissenschaften ihre disziplinäre Definitionsmacht gegenüber den in der Covid19-Krise dominanten Lebenswissenschaften behaupten, etwa im Erforschen sozioökonomischer und demokratiepolitischer Effekte der Pandemie? Werden veränderte Rahmenbedingungen sowie gruppenspezifisch verschärfte Ungleichheitslagen in Wissenschaft und Forschung als Effekte der Covid19-Krise selbst zum Thema öffentlicher Auseinandersetzung? Vermutet wird, dass der verstärkte Wettbewerbsdruck der Wissenschaftsdisziplinen in der Covid19-Krise erstens generell zuungunsten der Sozialwissenschaften wirkt und sich zweitens bestehende Differenzen in der öffentlichen Präsenz von Disziplinen, Ländern und gruppenspezifischen Akteuren der Wissenschaften erneut vertieften. Diese Annahmen werden anhand einer ländervergleichenden Diskursanalyse ausgewählter deutschsprachiger Qualitätsmedien in Deutschland, der Schweiz und Österreich einer Überprüfung unterzogen. Deren Textkorpora werden hinsichtlich repräsentierter Wissenschaftsdisziplinen und Akteure, Themen und Bilder der (Sozial-)Wissenschaften im Zeitverlauf vor und während verschiedener Phasen der Covid19-Krise untersucht. Ein Schwerpunkt der Analyse widmet sich der medialen Präsenz sozialer Gruppen, die im Wissenschaftssystem unterrepräsentiert sind, wie Wissenschaftlerinnen und Forschenden mit internationaler Geschichte, als Bestandteil öffentlicher Zuschreibungen wissenschaftlicher Expertise während der Covid19-Krise. Empirische Ergebnisse liefern Anknüpfungspunkte dafür, wie die im deutschsprachigen Raum vergleichsweise schwach repräsentierten Sozialwissenschaften ihr Wissenschaftskommunikation mit außerwissenschaftlichen Öffentlichkeiten verbessern und ihre Positionierung in einem transnationalen Feld der Wissenschaft langfristig zu stärken vermögen.



ID: 213 / Sek_WissTechnik: 3
Sektionsveranstaltung - Kommunikation in der Krise. Wissenschaft und ihre Öffentlichkeiten

Systemmisstrauen durch Partizipation

Sascha Dickel

Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland

In der Coronakrise wird Wissenschaft zum Gegenstand intensivierter öffentlicher Auseinandersetzung. Dabei werden Praktiken der Wissensproduktion in all ihrer Vorläufigkeit und Vielstimmigkeit öffentlich sichtbar. Schien gerade zu Beginn der Krise die epistemische Autorität von biomedizinischen Fachexpert:innen weithin anerkannt, zeigt sich die öffentliche Meinung mit dem Anhalten der Krise zunehmend fragmentiert. Heterodoxe Positionen bis hin zu Verschwörungstheorien gewinnen gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Eine besondere Rolle nehmen dabei soziale Medien ein. Auf sozialen Medien relativieren sich die Grenzen von Ex-pert:innen und Lai:innen, inner- und außerwissenschaftlicher Öffentlichkeit.

Der Vortrag fragt nach den Konsequenzen dieser Entwicklung für das Systemvertrauen in die Wissenschaft. Systemvertrauen basiert auf einer latenten und diffusen Beziehung zu Institutionen, die auf unmittelbare Außenkontrollen durch Laien verzichtet. An die Stelle konkreter Kontakte und Vertrauensbeziehungen zu spezifischen Personen tritt ein generalisiertes Vertrauen in die internen Kontroll- und Regulationsmechanismen von Systemen, die nur abstrakt erfahren werden. Der Systemkontakt der Öffentlichkeit beschränkt sich auf die Endpunkte intransparent bleibender Handlungsketten.

Ich argumentiere, dass die Grundlagen eines so verstandenen abstrakten Systemvertrauens durch den sozial-medialen Strukturwandel der Öffentlichkeit grundsätzlich infrage gestellt werden. Dabei stütze ich mich auf Josef Wehners (1997) These eines Vertrauensverlust in Massenmedien durch interaktivere öffentliche Kommunikationsmodi. Laut Wehner hebt die neue Kommunikationsökologie die ‚Gemachtheit‘ systemischer Wirklichkeitskonstruktionen in einer Weise hervor, welche den Referenzstatus von Informationen prekär werden lässt. Diese Diagnose lässt sich auf die Wissenschaft übertragen: Die partizipative Kommunikationsstruktur digitaler Öffentlichkeiten führt zur Infragestellung epistemischer Autorität(en) durch öffentlich sichtbar gemachte Wissenskonflikte und Widersprüche – und zwar ohne dass dies durch die Diskursregeln innerwissenschaftlicher Diskursgemeinschaften eingehegt wird.

Angesichts dessen kann die Wissenschaftskommunikation entweder ihr Boundary Work intensivieren und die Esoterik der Wissenschaft betonen oder aber wissenschaftliche Diskursregeln öffentlich zu universalisieren versuchen.



ID: 592 / Sek_WissTechnik: 4
Sektionsveranstaltung - Kommunikation in der Krise. Wissenschaft und ihre Öffentlichkeiten

Von alternativen zu multiplen Fakten: Varianten eines kommunikativen Scheiterns in der Wissenschaft, der Politik und den Medien

David Kaldewey

Universität Bonn, Deutschland

Die Corona-Krise zeichnet sich durch vielfach verhärtete Fronten aus. Während einer ersten Phase erschien die Grenze zwischen den Unterstützerinnen der wissenschaftsgeleiteten Politik einer Pandemieeindämmung auf der einen Seite und der diffusen Gruppe von Querdenkern und Verschwörungstheoretikern als die "Hauptfrontlinie". Schon bald aber wurde die Lage komplizierter: unter der Oberfläche der groben politischen Weichenstellungen (Lockdown vs. Lockerungen) zeigte sich eine Vielzahl von je für sich enorm komplexen "Nebenschauplätzen" der Pandemiepolitik – etwa die Frage nach der Bedeutung von Kita- und Schulschließungen für die Eindämmung der Pandemie und für die Gesundheit der Kinder. Hier kollidert und kollidieren auch heute noch verschiedenste Akteure und Einschätzungen, die sich allerdings kaum in das einfache Schema vernünftig/unvernünftig oder wissenschaftlich/unwissenschaftlich einsortieren lassen. Auf diesen Nebenschauplätzen zeigt sich, dass die kommunikative Herausforderung für die Wissenschaft, die Politik und die Medien nicht primär darin besteht, die wissenschaftlichen Fakten gegen alternative Fakten oder Verschwörungstheorien zu verteidigen, sondern vielmehr darin, mit einer Multiplizität von legitimen Fakten, die aber zugleich in Spannung oder auch in Widerspruch zueinander stehen, umzugehen. Dieses Problem ist vergleichbar mit demjenigen, das Daniel Sarewitz im Zusammenhang mit Umwelt- und Klimadebatten als "excess of objectivity" bezeichnet hat: Gemeint ist damit nicht nur, dass die Wissenschaft eine enorme Menge an Fakten aus der Natur extrahiert, sondern auch dass diese Fakten auf vielfältige Weise zu jeweils kohärenten Bildern der Realität verdichtet werden können. Wenn aber die multiplen Fakten ein Moment der Realität sind, in der wir uns bewegen, wie gehen dann verschiedene Akteure, nicht zuletzt die Entscheidungsträger, mit dieser Herausforderung um? Man muss im Blick auf das erste Jahr der Pandemiepolitik vermuten, dass die Wissenschaft, die Politik und die Medien jeweils auf eine eigene Art kommunikativ gescheitert sind an der Vielfalt und Komplexität multipler Fakten – vielleicht, weil sie sich zu sehr auf ein Schattenboxen mit dem vermeintlich übermächtigen Gegner, den Wissenschaftsfeinden und den alternativen Fakten, verlegt haben.