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Sitzungsübersicht
Sitzung
Plenum_DiePostCorona: Plenum - Die Post-Corona-Gesellschaft: Begriffsproblematik und Krisensemantik
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
14:30 - 16:30

Chair der Sitzung: Martina Löw, TU Berlin
Chair der Sitzung: Uwe Schimank, Universität Bremen
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen
ID: 389 / Plenum_DiePostCorona: 1
Plenum - Die Post-Corona-Gesellschaft: Begriffsproblematik und Krisensemantik

Es ist Krise! – Probleme bei Definition und Semantik des Krisenbegriffs

Joris Steg

Bergische Universität Wuppertal, Deutschland

Der Krisenbegriff hat eine lange Tradition. Der etymologische Ursprung des Wortes liegt im griechischen Substantiv krísis, das Streit, Urteil, Unterscheidung, Entscheidung oder Wendepunkt bedeutet. Während der Begriff in der griechischen Antike noch einen recht klaren Bedeutungsinhalt hatte und auf endgültige Urteile und Entscheidungen abzielte, kam es in der Moderne zu einer Entgrenzung, Inflationierung und Diversifizierung der Krisenmetapher. Geblieben ist die Wahrnehmung der Krise als Wendepunkt. Krisen werden oft als historische Zäsuren gedeutet. Angesichts der Schwere und Intensität der Corona-Krise wird nun abermals vielfach behauptet, dass diese Krise ein Epochenbruch sei, dass die Gesellschaft nach Corona eine andere sein werde. In anderer Perspektive wird die Krise als Normal- und Dauerzustand interpretiert. Beide Perspektiven werden der Semantik von Krise nicht gerecht. Die Krise als Normalität oder auch, wie seit Ausbruch der Corona-Pandemie vermehrt zu hören ist, als „neue Normalität“ zu begreifen, ist begriffslogisch und analytisch Unsinn, denn Krisen zeichnen sich gerade dadurch aus, dass das Normale aussetzt. Ebenso irrig ist die Annahme, dass Krisen automatisch und zwangsläufig gravierende Veränderungen nach sich ziehen.

Der Vortrag befasst sich mit Problemen bei der Definition und Semantik des Krisenbegriffs. Es wird dafür plädiert, Krisen als spezifische Übergangsphasen aufzufassen, die auf eine kontingente Zukunft verweisen. Da ihr Ausgang offen ist, produzieren Krisen systematisch ein Moment der Unsicherheit. Krisen sind aber nicht nur Phasen der Unsicherheit, sondern auch der Entsicherung. Krisen verweisen also nicht nur auf eine offene, sondern auch auf eine gestaltbare Zukunft. Krisen sind damit in gleich doppelter Weise Entscheidungssituationen: Zum einen müssen in Krisen Entscheidungen zur Bearbeitung der Krise getroffen werden, zum anderen entscheidet sich in Krisen der weitere Entwicklungsverlauf. Krisen besitzen zwar das Potenzial, zu weitreichenden Veränderungen zu führen, aber in Krisen gibt es keinen Automatismus, Determinismus oder Teleologismus. Auf dieser krisentheoretischen Basis wird sodann ein Versuch unternommen, die langfristigen Folgen der Corona-Krise abzuschätzen und die Frage zu beantworten, ob wir gerade einen epochemachenden Umbruch erleben und die Gesellschaft nach Corona eine andere sein wird als vor Corona.



ID: 508 / Plenum_DiePostCorona: 2
Plenum - Die Post-Corona-Gesellschaft: Begriffsproblematik und Krisensemantik

Die Weltkrisengesellschaft. Oder: Nach der Krise ist vor der Krise

Tjorven Harmsen

Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), Erkner, Deutschland

Aufs Deutlichste, jedoch nicht als Einzelfall zeigt die Corona-Pandemie: Die zeitdiagnostisch betitelte „Weltrisikogesellschaft“ (Beck 2007) ist längst schon zu einer „Weltkrisengesellschaft“ geworden. War der Kommunikationsmodus vormals antizipativ, muss nun zunehmend auf komplexe, eigendynamische Gefährdungslagen reagiert werden. Fundamentale Bedrohung, Dringlichkeit und Unsicherheit sind Umstände, mit denen soziale Systeme verschiedener Skalen unter vielerlei Überschrift – Brexit, Klimawandelfolgen, Fluchtmigration etc. – konfrontiert sind. Auch ein Abklingen der Corona-Krise wird diese Übergangsphase in der Evolution der Gesellschaft nicht abschließen. Die Post-Corona-Gesellschaft wird zugleich eine Prä-Krisen-Phase sein, die in weiteren akuten Fällen konkreten Ausbruch findet. Es lohnt sich daher, für eine soziologische Zeitdiagnose über „Corona“ hinauszudenken und „Krise“ in den Mittelpunkt der Konzeption zu rücken.

Der geplante Beitrag möchte dieses zum Inhalt machen. Es dienen dazu Ergebnisse eines empirischen Forschungsprojektes zu Krisenverläufen („RESKIU“) sowie Konzeptionen der Krisenforschung und der Systemtheorie.

Auf Grundlage eines generischen Krisenverständnisses soll eine Krise als Übergangsphase sozialer Systeme gefasst werden. Während in ihr sofort klar ist, dass reagiert werden muss, herrscht zunächst Leere über das „Wie“ der Reaktion vor. Das betroffene System gerät in eine „kosmologische Episode“ (vgl. Weick 1993): Die Konzeption von Welt ist unterbrochen und kann den kommunikativen Anschluss nicht mehr quasi-automatisch herbeiführen. Welche Lösungsdynamiken sich in der Folge abspielen, kann der Beitrag anhand von Fallstudien darstellen. In der Weltkrisengesellschaft treten Fälle wie diese nicht nur gehäuft, sondern großräumig auf (vgl. „transboundary crisis“, Boin 2019). Sie markieren die Übergangsphase der „Weltgesellschaft“ (Stichweh 2009 u.a.) von der funktionalen hin zur nächsten Differenzierungsform. Nicht zuletzt dieses lässt akute Krisen für eine eingehende soziologische Beobachtung bedeutsam werden.



ID: 343 / Plenum_DiePostCorona: 3
Plenum - Die Post-Corona-Gesellschaft: Begriffsproblematik und Krisensemantik

Die Neuordnung der Zeit. Die Pandemie als Herausforderung des kapitalistischen Zeitregimes

Lisa Suckert

Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln, Deutschland

Der Vortrag betrachtet die Pandemie und die politischen Maßnahmen zu deren Eindämmung aus einer zeitsoziologischen Perspektive. Dabei ergänzt er den Befund einer „Refiguration von Räumen“ indem er betont, dass das Auftreten von Covid-19 die gesellschaftliche Ordnung nicht nur in der Dimension des Raumes, sondern ebenso in der Dimension der Zeit herausfordert. Zeitliche Strukturen und Zeitlichkeiten die das moderne Zusammenleben für gewöhnlich prägen, wurden durch die Pandemie in Frage gestellt und müssen neu geordnet werden.

Die Analyse der Corona-Krise als ein zeitliches Phänomen stützt sich sowohl auf klassische als auch auf neuere Theorien der Zeitsoziologie, die den Kapitalismus nicht nur als Produktions- sondern auch als Zeitregime begreifen. Im Zuge der Pandemie, so die zentrale These, wurde jedoch ein Umgang mit Zeit erforderlich, der diesem kapitalistischen Zeitregime zuwiderläuft: statt Beschleunigung und Wachstum galt es zu verlangsamen und geduldig zu bleiben; Zeitbudgets wurden umverteilt, z.B. von Erwerbsarbeit und Konsum hin zu unbezahlter Sorgearbeit und Freizeit; die Vorstellung einer plan- und gestaltbaren Zukunft, wurde durch radikale Unsicherheit ersetzt. Aus einer zeitsoziologischen Perspektive lassen sich erkennbare ökonomische und soziale Verwerfungen als Kollision entgegengesetzter zeitlicher Logiken verstehen. Die zeitlichen Erfordernisse der Pandemie laufen dem Wesen des kapitalistische Zeitregimes zuwider. Diese Erschütterung der zeitlichen Ordnung betrifft zweifelsohne verschiedene Bevölkerungsgruppen in unterschiedlicher Weise und kann sich sowohl in einem Gefühl der Befreiung aus dem kapitalistischen Zeitregime, als auch einer Verschärfung von (Zeit-)Not und Ungleichheit niederschlagen.

Der Vortrag veranschaulicht diese Verschiebungen der zeitlichen Ordnung mit empirischen Umfragedaten des Sozio-oekonomischen Panels. Er diskutiert abschließend die Widerkehr des Staates als einem Akteur der aktiv in die zeitliche Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft eingreift, um so die Potentiale und Risiken der dargestellten Neuordnung der Zeit zu reflektieren.



ID: 427 / Plenum_DiePostCorona: 4
Plenum - Die Post-Corona-Gesellschaft: Begriffsproblematik und Krisensemantik

Alles beim Alten, also: nichts bleibt wie es ist! Sind gesellschaftliche Transformationen durch Corona semantischer oder struktureller Art & warum kommt diese Differenz durch die Pandemie in Bewegung?

Joachim Renn

WWU Muenster, Deutschland

Was ändert die Corona Pandemie an der Gesellschaft? Bestehenden Tendenzen (Digitalisierung der Arbeit und des Privatverkehrs) wurde, in Deutschland, zu beschleunigtem Durchbruch verholfen. Den Diagnosen auf einen epochalen Wandel des Ganzen ist jedoch zu widersprechen. Zu Beginn der Pandemie schien (manchen) das Ganze „der Gesellschaft“ in den Radius politischer Steuerung zurück gestellt zu werden. War dies ein Schritt auf dem Weg zur (funktionalen) Entdifferenzierung? Eher nicht, denn im 2. Jahr der Pandemie wirken Sondereingriffe und Notstandsmaßnahen, zweckrational betrachtet, längst wieder so unterkomplex und wegen multipler Rücksichten inkonsequent, wie sie es von Anfang an waren. Es sortieren sich die strukturell vordifferenzierten Zuordnungen der Handlungsoptionen und -Ziele zu Bereichsrationalitäten und die Milieuhierarchien strenger als zuvor.

Soziologisch sollte klar sein, dass in der auf Innovation und Wachstum geeichten Weltgesellschaft der – strukturell kanalisierte – Wandel der Normalfall ist. Dass alles beim Alten bleibt, heißt, dass nichts bleibt wie es ist: das (mediale) Weltereignis der Pandemie hat, so die Diagnose einer Theorie der multiplen Differenzierung 2. Ordnung, diese strukturelle Kanalisierung normalen Wandels und gewöhnlicher Umbrüche (die permanente Enttraditionalisierung) durch die differenzierte Pfad-Selektion auch semantisch stärker zu Tage treten lassen: Die Pandemie hat semantischen Staub aufgewirbelt und damit durch eine krisenhafte Düpierung alteuropäischer Diskurshülsen die Struktur der Differenzierung 2. Ordnung für die Partikularsemantiken der Teilkontexte erkennbar freigelegt. Die Infektions-Kommunikation radikalisiert für den (langen) Moment der Krise das Verlangen, dass „die Gesellschaft“ ihre Probleme (als nächstes: das globale ökologische Desaster) in einer Sprache und mit einer Stimme verhandeln könne. Aber die praktisch unvermeidliche Ernüchterung stellt klar, dass die gesellschaftliche Komplexität Übersetzungsverhältnisse und Steuerungszurückhaltung erzwingt. Wir beobachten deshalb aktuell, wie die Differenz zwischen Struktur und Semantik der polykontexturalen Weltgesellschaft in einem folgenreichen Re-Entry in den Partikularkontexten der Kommunikation und der Lebensführung Unruhe stiftet.