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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_EvolutiSoz: Ad-hoc-Gruppe - Evolutionäre Soziologie. Zur Interaktion biologischer, sozialer und kultureller Einflüsse auf menschliches Verhalten
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
9:00 - 11:00

Chair der Sitzung: Manfred Hammerl, Universität Graz
Chair der Sitzung: Nicole Holzhauser, TU Braunschweig
Chair der Sitzung: Sebastian Schnettler, CvO Universität Oldenburg
Chair der Sitzung: Kai Pierre Willführ, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen
ID: 315 / ad_EvolutiSoz: 1
Ad-hoc-Gruppe - Evolutionäre Soziologie. Zur Interaktion biologischer, sozialer und kultureller Einflüsse auf menschliches Verhalten

Fighting the Pandemic – A Crosscultural Study of Compliance in Mask Wearing

Kathrin Masuch1,2, Katharina Prager2, Pia M. Böhm1,2, Susanne F. Schmehl2, Emma Riggs3, Mackenzie Zinck4, Carlota Batres3, Maryanne L. Fisher4, Elisabeth Oberzaucher1,2

1Fakultät für Lebenswissenschaften, Universität Wien, Österreich; 2Urban Human, Wien, Österreich; 3Department of Psychology, Franklin & Marshall College, Lancaster, PA, USA; 4Department of Psychology, Saint Mary's University, Halifax, Canada

The SARS-CoV-2 pandemic hit the whole world hard, and while there are some local improvements, globally, the situation remains grave. Despite the fact that a number of vaccines are available and the vaccination process slowly takes up speed, it will still take a long time until enough people are vaccinated – both regionally and worldwide – to contain the pandemic. Until then, measures have to be taken to keep infection rates low. Containment actions like social distancing and face mask wearing are essential measures to manage infection rates. As wearing face masks is a behavior both essential in containment and accessible to reliable observation, we used this behavior as proxy to approximate the general compliance to containment measures. We annotated the mask wearing behavior of people in different real-life settings (public transport, supermarkets, shopping malls and train stations, …) in Austria, Canada and the United States, resulting in a total of 14625 observations. Our data indicate some differences between the countries, as well as sex differences women showing higher adherence than men across all countries. The latter finding is in line with sex differences in risk-taking and risk avoidance behavior documented in previous studies. Age does not affect the degree of compliance. A comparison of the different behavior settings revealed that adherence is highest in public transport and lowest in shopping malls.

All in all, compliance of the general population is substantially higher than individual perceptions would indicate. This is most likely due to an overperception error that leads to an overrepresentation of rare and undesired events. As most infections do not happen in public, but in private and work settings, future investigations should focus on adherence in those surroundings. The intuitive reliance on the behavorial immune system decreases adherence in interactions with familiar persons, and could thus be one major driver of continued spread of the disease.



ID: 300 / ad_EvolutiSoz: 2
Ad-hoc-Gruppe - Evolutionäre Soziologie. Zur Interaktion biologischer, sozialer und kultureller Einflüsse auf menschliches Verhalten

Eine evolutionssoziologische Perspektive auf die Pandemie nicht-ansteckender, zivilisationsbedingter Krankheiten

Corvin Rick

Universität Bonn, Deutschland

Im Zentrum dieses Beitrages steht die Interaktion organischer und sozialer Evolutionsprozesse bei der Entstehung der globalen Prävalenz nicht-ansteckender Krankheiten (NCDs).

Laut WHO sind NCDs für ganze 71% der weltweiten, jährlichen Tode verantwortlich – in den westlichen Industrieländern alleine für 80%. Zunehmend sind auch Kinder von NCDs betroffen und langsam zeichnet sich in den verfügbaren Daten eine NCD-induzierte Verringerung der Lebenserwartung bei Geburt ab.

Gründe hierfür sind zunächst in der Phylogenese zu suchen: Das metabolische sowie das motivational-behaviorale System des Homo sapiens sind angepasst an seine über 150.000 jährige Lebenszeit in Wildbeutergesellschaften – mit wildbeutertypischem Bewegungsprofil und Speiseplan. Die enormen Veränderungen in beidem, die mit der Transition zur hortikulturellen, agrikulturellen und industriellen Lebensweise einhergingen, stehen in einem Missverhältnis zu seinen Veranlagungen – die NCDs sind in diesem Sinne als Mismatch Diseases anzusprechen. So ergibt sich die evolutionstheortisch paradoxe Situation, dass ein kulturell produzierter Überfluss an Ressourcen zum natürlichen Selektionsdruck wird.

Die evolvierte Konstitution des Menschen und ihr Mismatch mit (vor-)modernen Umwelten alleine, reicht als erklärende Variable der NCD-Pandemie aber nicht aus. Auch die Sozialevolution menschlicher Gesellschaften, besonders des Ernährungs- und Gesundheitsverhaltens seit der Transition zur hortikulturellen Lebensweise, muss zur Erklärung beachtet werden: Zum metabolischen und motivational-behavioralen Mismatch kommt folglich ein soziokultureller Mismatch hinzu.

Wenn nämlich schon die hortikulturellen Nahrungsmittelinstitutionen zum vermehrten Auftreten von NCDs führen und sich dieser Trend über die Evolution von Agrikultur und Industrialismus verstärkt, dann müssen neben den psycho-biologischen auch die sozio-kulturellen Determinanten des Ernährungsverhaltens betrachtet werden.

Der Vortrag exploriert die angezeigte Interaktion sozialer und organischer Evolution anhand archäologischer und sozialstatistischer Daten zum Ernährungs- und Gesundheitsverhalten, evolutionssoziologischer Theorie und -medizinischer Modelle. Er ist seinem Anspruch nach nicht erschöpfend, sondern als Werkstattbericht einer evolutionssoziologischen Dissertation zum Thema am SFB 1454 „Metaflammation and Cellular Programming“ konzipiert



ID: 298 / ad_EvolutiSoz: 3
Ad-hoc-Gruppe - Evolutionäre Soziologie. Zur Interaktion biologischer, sozialer und kultureller Einflüsse auf menschliches Verhalten

Die Evolutionäre Soziologie der Arzt-Patienten-Beziehung

Leander Steinkopf

LMU München, Deutschland

Das Immunsystem, die Fähigkeit zur Selbstheilung, aber auch Vermeidungsverhalten basierend auf Ekel oder Angst, dies alles sind evolutionäre Anpassungen an das entscheidende adaptive Problem von Krankheit und Verletzung. Der Mensch als extrem prosoziales Wesen hat darüber hinaus spezifische Formen sozialen Handelns hervorgebracht, etwa gegenseitige Unterstützung innerhalb der (Jäger-und-Sammler-)Gruppe als Puffer für das Infektions- und Verletzungsrisiko jedes Einzelnen. Auch Verletzungen, die Selbstversorgung und Selbstschutz einschränken, können so überstanden werden, das Überleben auch schwerer Krankheiten wird wahrscheinlicher. Unterstützung durch die Gruppe im Krankheitsfall ist ein großer Selektionsvorteil. Diese gegenseitige Krankenhilfe beruht auf adaptiven Mechanismen, wie der Anpassung von Symptomexpression an die Begebenheiten des sozialen Umfelds, dem dringenden Bedürfnis nach der Fürsorge anderer im Krankheitsfall, oder andererseits Empathie und Prosozialität aber auch Skepsis potentieller Helfer gegenüber Leidenden sowie Reputationsgewinne für tatsächliche Helfer.

Diese Perspektive der Anpassung des Menschen an die Gegenwart hilfsbereiter Anderer im Fall von Krankheit, Verletzung oder etwa Geburt und Entbindung ermöglicht ein besseres Verständnis von Phänomenen, die schwierig in das klassische medizinische Paradigma zu integrieren sind, wie etwa der Placebo-Effekt, unerklärte Symptome (medically unexplained physical symptoms) oder die soziale Modulation von Schmerzen.

Der Vortrag trägt empirische Erkenntnisse aus verschiedenen Disziplinen zusammen und zeigt, wie die Betrachtung der sozialen Situation von Krankheit und Heilung diese Erkenntnisse mit evolutionärer Fundierung integrieren kann. Er fragt nach Wechselwirkungen zwischen biologischer und kultureller Evolution, wie etwa Wissen um wirksame Behandlungen auf die biologische Konstitution des Menschen rückwirkt. Schließlich soll angerissen werden, wie soziologisches Denken die soziale Natur des Menschen besser fassbar macht.



ID: 634 / ad_EvolutiSoz: 4
Ad-hoc-Gruppe - Evolutionäre Soziologie. Zur Interaktion biologischer, sozialer und kultureller Einflüsse auf menschliches Verhalten

Trading descendants for persistence? – Understanding the cost-benefit-ratio of consanguinity

Kai Pierre Willführ1, Johannes Johow2, Eckart Voland3

1Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Deutschland; 2Unabhängiger Wissenschaftler, Deutschland; 3Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland

Consanguineous relationships are widespread around the globe and may be found in historical as well as contemporary populations. For agricultural societies, it has been shown that consanguinity is associated with an increased intergenerational transmission of landholdings through the patriline. The concentration of wealth hereby might contribute to the maintenance of high family socioeconomic status as well as its ability to have and raise children to adulthood. Intermarriage is at the same time associated with fewer descendants due to a pedigree collapse and health issues due to inbreeding depression. In this paper, we develop a theoretical model to estimate the population- and niche-specific thresholds where the benefits of consanguineous marriages compensate the costs. The beneficial aspects of a consanguineous relationship are a function of the effectiveness and availability of hereditary resources; e.g. farmland. The costs are composed of a static biological component, e.g. deriving from inbreeding depression, and from a dynamic and environment-specific component which is basically the fitness detriment resulting from fewer descendants. However, a reduction of descendants and extensive kinship might be a welcome side-effect in high-K environments where cutthroat competition calls rather for offspring quality than quantity. We use historical family reconstitution data from the Krummhörn region in Germany (1720-1874) and the St. Lawrence Valley in Canada (1670-1799) as template for synthetic populations to test the explanatory power and the predictions of our model. Furthermore, we discuss the impact of socio-environmental constraints such as kin availability on the matrimonial market and cultural norms.



ID: 314 / ad_EvolutiSoz: 5
Ad-hoc-Gruppe - Evolutionäre Soziologie. Zur Interaktion biologischer, sozialer und kultureller Einflüsse auf menschliches Verhalten

Network Ecology: Soziale Beziehungen im Kontext

Malte Doehne

Universität Zürich, Schweiz

Soziale Netzwerke sind eingebettet in kulturelle, institutionelle und materielle Kontexte, die sich auf Beziehungsbildungsprozesse und die daraus hervorgehenden Netzwerktopologien auswirken. Beispielsweise unterliegen romantische Verstrickungen sozialen und kulturellen Normen (Bearman, Moody, and Stovel 2004), Firmennetzwerke branchen- und länderspezifischen Rechtsvorschriften (Rosenkopf and Schilling 2007; Withers, Kim, and Howard 2018) und Freundschaften unter Jugendlichen Vorprägungen durch Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit und Nachbarschaftseffekte (e.g., McFarland et al. 2014). Kurzum: Die Antwort auf die Frage, ob zwei Mitglieder einer Population miteinander verbunden sind, hängt zumindest teilweise von deren Umfeld ab. Wie genau sich das jeweilige Umfeld auf soziale Beziehungen auswirkt (und wann) gilt es zu ermitteln.

Der Beitrag stellt Netzwerkökologie (Network Ecology) als analytischen Rahmen vor, der bestehende epistemische Lücken zwischen der Beziehungsanbahnung auf der Mikroebene, den resultierenden Netzwerktopologien auf der Mesoebene und dem sozialen Kontext auf der Makroebene durch eine ökologische Sichtweise überbrückt. Zu diesem Zweck überträgt die Netzwerkökologie zwei aus der Evolutionsökologie entliehene Wirkungsmechanismen – den der Variation und selektiven Retention von Beziehungen sowie den der hierarchischen Ordnung der zugrundeliegenden Selektionsprozesse (Eldredge et al. 2016; Simon 1996) – auf die Stabilisierung sozialer Beziehungen aus Interaktionen. Der resultierende Ansatz dient als Grundlage für die Modellierung, Erklärung und Vorhersage der Koevolution sozialer Netzwerke mit Veränderungen in deren unmittelbaren Umfeld. Das Argument wird anhand einer agentenbasierten Simulation entwickelt, welche die Formierung sozialer Beziehungen als ordnungsbildende Strukturierungsleistung zufälliger Interaktionen erklärt.