Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_RaumforschRau: Ad-hoc-Gruppe - Raumforschung ohne Raum. Sozialwissenschaftliche Herausforderungen und Strategien in (Post-)Corona-Zeiten
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
9:00 - 11:00

Chair der Sitzung: Michael Wetzels, Technische Universität Berlin
Chair der Sitzung: Vivien Sommer, TU Berlin
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Verlorene Räume - Zum Verhältnis von Demenz, Wissen und Raum in der Coronapandemie

Jo Reichertz

KWI Essen, Deutschland

Teilnehmende Beobachtung bedeutet, mit anderen Menschen mit dem eigenen Körper (als Wahrnehmungs-, Registrierungs- und Resonanzorgan) im gleichen Raum zu sein, diesen Raum mit ihnen zu teilen und deshalb gemeinsam mittels Kommunikation eine Ordnung im Raum zu erzeugen. Dabei verbindet der Raum nicht nur alle Teilnehmenden, sondern er platziert sie auch - mit bestimmten Rechten und Pflichten.

Wenn aufgrund der Corona Pandemie Mediziner*innen und Politiker*innen Forschenden verbieten, den in der bisherigen Feldforschung etablierten gemeinsamen Raum aufzusuchen - wie uns dies in unserem DFG-Projekt, in dem wir Menschen mit der Diagnose Demenz zu Hause aufsuchen und ihren Alltag teilen, dann muss man neue gemeinsame Räume von Kopräsenz schaffen – z.B. einen gemeinsamen digitalen Raum mithilfe von Zoom oder WhatsApp Konferenzen. Eine Videokonferenzen ist jedoch keine Feldforschung – halt nur mit anderen Mitteln, sondern stellt etwas völlig anderes dar: Nicht nur muss in solchen Fällen eine neue Ordnung im Raum erzeugt werden, sondern diese Ordnung im Raum und deren Bedeutung müssen später bei der Interpretation rekonstruiert und berücksichtigt werden – was in der methodologischen Debatte über digitale Datenproduktion bislang nur in Ansätzen reflektiert wurde.

Die Neuordnung der Räume fand in unserem Projekt jedoch nicht nur im Hinblick auf die Beobachtungssituation statt, sondern auch im Hinblick auf die Zusammenarbeit der Forscher* innen: Auch wir trafen uns fast ausschließlich nur noch in einem durch Videokonferenzen geschaffenen Raum. Wir verloren damit unseren Raum der gemeinsamen Interpretation und die dort etablierte Raum-Ordnung und die dort vorhandene Ordnung der Dinge. Wir mussten jetzt, einzeln vor dem Rechner in unseren Privatwohnungen sitzend, Daten gemeinsam anschauen, über deren Interpretation streiten und schlussendlich auch zu Lesarten kommen.

In dem geplanten Vortrag möchte ich versuchen, methodologisch zu reflektieren, wie sich Forschung verändert, wenn die gemeinsame Kommunikation nicht mehr in körperlicher Kopräsenz, sondern in von Bildschirmen übertragenen Fernpräsenz stattfindet. Angesprochen und diskutiert werden sollen dabei nicht nur die Verluste, sondern auch die Gewinne.



Remote Raumerlebnis: Eine Studie über die Vorteile der Durchführung von Interviews per Videoanruf für die Raumforschung

Elisabeth Schmidt

Technische Universität Berlin, Deutschland

Die COVID-19-Regelungen zur sozialen Distanzierung haben die Art und Weise, wie qualitative Forschung durchgeführt wird, tiefgreifend verändert. Infolgedessen befinden sich Sozialwissenschaftler nun in einer Position, in der sie physisch distanzierte Wege zur Erforschung sozialer Phänomene entwickeln müssen. Dieser Beitrag basiert auf einem autoethnographischen Bericht über Interviews, die mit Familien während dem ersten COVID-19-Lockdown (April 2020) via Zoom und Skype durchgeführt wurden. Es hat sich gezeigt, dass Befragungen per Videotelefonie nicht nur für die qualitative Forschung während des Lockdowns essenziell ist, sondern dass es darüber hinaus auch für spezifische Forschungsthemen wie z.B. in der Stadtforschung, in Studien über Homemaking oder über Körperlichkeiten vorteilhaft ist.

Konstitutionen des Raumes entstehen aus dem Verhältnis der objektivierten Anordnungen von menschlichen Körpern und dinglichen Objekten, dabei produzieren sie spezifische soziale Bedeutungen (Löw, 2001). In diesem Zusammenhang ist nicht nur relevant wo sich menschliche Körper befinden, sondern auch wo sie sich nicht befinden (Löw & Weidenhaus, 2018). Wenn eine Person sich in einem Raum befindet und diesen einer weiteren Person beschreibt, die den Raum nie betreten hat und ihn selbst nicht physisch erfahren kann, entsteht eine ganz besondere Situation.

Von den vielen Eigenschaften, die diese Interviewmethode per Video aufzeigt, möchte ich drei hervorheben, die mir wichtig für die Raumforschung erscheinen. Der erste Aspekt betrifft die remote Position der Interviewer, die motivierend auf eine detaillierte Raumbeschreibung wirken könnte, eine die die subjektiven Relevanzen des Interviewees wiederspiegelt. Der zweite Vorteil dieser Methode ist, dass der Interviewee wörtliche Beschreibungen unterbrechen kann, indem er mit der Kamera auf Details seiner Umwelt zeigen kann. Drittens besteht auch bei Gruppeninterviews die Möglichkeit, die Körperhaltungen, -positionierung und -distanz der interviewten Personen zueinander zu beobachten und zu deuten.

Der Videoanruf stellt daher eine sehr interessante Form des Interviews dar, denn beide Gesprächspartner können Einblicke in ihren jeweiligen Aufenthaltsort geben. Die Gesprächspartner können entscheiden, ob der andere den Standort sehen kann und entscheiden, was genau für den anderen sichtbar wird.



Reallabor auf Distanz: Ein Beispiel für Interventionen zur Steigerung der Reflexivität

Alexandra Kessler1, Melanie Jaeger-Erben2

1CSCP, Deutschland; 2Technische Universität Berlin, Deutschland

Reallabore werden in der Nachhaltigkeitsforschung als neue Form der Kooperation zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft eingesetzt, um gemeinsame Lernprozesse in einem experimentellen Umfeld anzustoßen und die Reflexivität in Transformationsprozessen zu erhöhen. Im „Reallabor Wuppertal“ liegt der Fokus auf der Analyse von sharing Praktiken im urbanen Kontext.

Das Teilen von Gütern und Ressourcen (Sharing) wird als ein möglicher Lösungsansatz für gegenwärtige Nachhaltigkeitsherausforderungen gesehen – sei es als Sharing Economy oder gemeinschaftsbasiertes Teilen auf lokaler Ebene. Sharing wird hier u.a. in Form von Foodsharing, Kleidertausch, Gemeinschaftsgärten oder auch dem gemeinsamen ko-kreativen Gestalten des urbanen Raums beobachtet. Im Reallabor soll nachvollzogen werden, welches Transformationspotenzial diese Praktiken in Bezug auf die soziale Komponente der Nachhaltigkeit besitzen. Konkret wird untersucht, wie sozialer Zusammenhalt zwischen Personen und Gruppen mit unterschiedlichem sozio-demographischen und kulturellen Hintergrund durch Sharing Initiativen gestärkt werden, und damit die Inklusivität der Praktiken erhöht werden kann.

Die im Reallabor gemeinsam mit Quartiersinitiativen geplanten Workshops und Interventionen zur Datensammlung wurden aufgrund der Coronapandemie digital statt analog vor Ort abgehalten, die geplante teilnehmende Beobachtung der Wissenschaftler*innen konnte nur eingeschränkt stattfinden. Um dennoch Erkenntnisse über Strategien und Reflexivität von Initiativen zum Thema Zusammenhalt zu erhalten, wurde ein auf der Methode der „Cultural Probes“ basiertes Kreativ-Kit eingesetzt. Dieses Kit sollte eine vielfältige Auseinandersetzung mit der eigenen Praxis in den Initiativen stimulieren. Der Beitrag beschreibt den methodischen Zugang und wie durch die kreativen Methoden Daten für den Forschungsprozess gewonnen werden konnten. Statt einer „Interaktion im Raum“ findet eine „Reflexion über den Raum“ statt. Der Beitrag diskutiert weitere Einsatzmöglichkeiten des Instruments, beispielsweise durch zivilgesellschaftliche Initiativen im urbanen Raum.



Die Geisterspiele der Gesellschaft

Max Weigelin

Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Deutschland

Oberflächlich betrachtet handelt es sich bei den sog. „Geisterspielen“ der Fußball-Bundesliga zunächst um reduzierte Versionen des üblichen Spielbetriebs. Anwesenheitsrechte am Gathering des Spiels bzw. Zutritt zum Stadion haben nur noch Sportler und handverlesene Mitarbeiter*innen, etwa des Medienbetriebs. Weiterhin gilt ein strenges Hygieneregime für alle Teilnehmenden auf den Rängen, bei gleichzeitiger Aussetzung aller Kontaktbeschränkungen für die Spieler auf dem Rasen. Kompakt formuliert handelt es sich vielleicht um eine ungewöhnliche wie folgenreiche Neu-Konfiguration der Kontaktzonen des Profifußball-Betriebs.

Die Reaktionen auf diese reduzierte Version des Fußball-Spektakels sind vielfältig. In den Reihen des Sportpulikums reichen sie von Artikulationen der Enttäuschung und ostentativem Sich-Abwenden in Anbetracht der starken Privilegierung der Fußballer, bis hin zu einer Neugier an den Eigenheiten dieser neuen Spielform. Andererseits begleitete insbesondere die Einführung dieser pandemischen Version des Profifußballs eine rege Debatte, die weit über die Sportöffentlichkeit hinausreichte und in der der Fußball mehr oder weniger stellvertretend für breitere Fragen der Risikopolitik verhandelt wurde.

Der Beitrag will die Geisterspiele daher als öffentlich hoch-umstrittenes und in alltäglichen Fan-Rezeptionspraktiken viel beobachtetes „Modellprojekt“ (wie es derzeit im Krisenvokabular heißt) der Einrichtung einer „neuen Realität“ (Krisenjargon im Frühjahr 2020) kulturanalytisch lesen. Anhand der gesellschaftspolitischen Debatte um die Il-/Legitimität der Durchführung des Sonderspielbetriebs und damit einhergehender selektiver Lockerungen für bestimmte Akteure, soll eine Perspektive auf die Geisterspiele der Gesellschaft entwickelt werden. Wie verhandelt und beobachtet die Gesellschaft das Experimentieren des Sports mit seinem Veranstaltungsformat und dessen Raum? Welche Art von symbolischer Ordnung der Repräsentation von Gefahr, Vorsicht und Widerstandskraft in Zeiten der Pandemie entwickelt sich im Raum der Geisterspiele und wird sodann Woche für Woche in Millionen von Haushalte übertragen?

Methodisch setzt der Beitrag auf eine Collage von Maßnahmen improvisierter ethnografischer Empirie (Diskursanalyse, Inhaltsanalyse, Medien-Ethnografie, etc.), die den empiristischen Opportunismus und die Flexibilität dieser Forschungshaltung betonen.