Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Sitzung
Sek_LandSoz: Sektionsveranstaltung - Post-Corona: Neue Wertschätzung des ländlichen Raumes?
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Markus Schermer, Universität Innsbruck
Chair der Sitzung: Jana Rückert-John, Hochschule Fulda
Chair der Sitzung: Petra Hagen Hodgson, ZHAW Wädenswil
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Ländliche Sozialforschung (ÖGS), Sektion Land-, Agrar- und Ernährungssoziologie (DGS)


Zeige Hilfe zu 'Vergrößern oder verkleinern Sie den Text der Zusammenfassung' an
Präsentationen
ID: 477 / Sek_LandSoz: 1
Sektionsveranstaltung - Post-Corona: Neue Wertschätzung des ländlichen Raumes?

Prozesse regionaler Resilienz. Eine Spurensuche.

Robert Lukesch

ÖAR GmbH, Österreich

Einst als technisch-kybernetischer, psychologischer und später auch ökologischer Spezialbegriff in Gebrauch, wird der Begriff Resilienz seit der Jahrtausendwende mehr und mehr im globalen Entwicklungsdiskurs verwendet. Die säkulare Klimakrise, aber auch disruptive Ereignisse wie die Finanzkrise 2008 und die Covid19-Pandemie seit 2020, haben der Popularisierung des Resilienzbegriffs stets neue Schubkraft verliehen. Heute ist daraus ein Alltagsbegriff geworden, der in kaum einem Dokument fehlt, das sich mit nachhaltiger Entwicklung befasst. Unter den Ansätzen in der EU, denen eine methodische Affinität zu Resilienzprozessen nachgesagt wird, firmiert an oberster Stelle Community-Led Local Development (CLLD), besser bekannt unter LEADER, das in ländlichen Räumen über sogenannte lokale Aktionsgruppen Impulse für eigenständige, innovative, sektorübergreifende und nachhaltige Regionalentwicklung zu setzen bestimmt ist. In dem Beitrag möchte ich die CLLD-Handlungsprinzipien mit Merkmalen der Resilienz im Allgemeinen und regionaler Resilienz im Besonderen einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Ich stütze mich dabei auf Fallgeschichten, die in einschlägigen Seminaren bzw. Webinaren sowie in wissenschaftlichen Studien und Publikationen erzählt werden und den daraus gefolgerten politischen Handlungsempfehlungen. Es erweist sich hierbei als unerlässlich, Bezüge zu Konzepten der sozialen Innovation und Transformationstheorien herzustellen, denn wie erwähnt, geht es um Prozesse des Wandels, die zwar definitionsgemäß in abgegrenzten Räumen stattfinden, im Prinzip aber globalen Charakter haben, was unmittelbar Fragen nach der Steuerbarkeit solcher Prozesse aufwirft. Die aktuelle Covid19-Krise liefert anschauliche Beispiele für Steuerungsversuche und oftmals hörbar mitschwingende Hoffnungen auf kathartische Effekte auf andere drückende Fragen, von der Klimakrise bis zu wachsenden Ungleichheiten und Überwachungskapitalismus. Die Kernfrage meines Beitrags lautet also: In welcher Weise und unter welchen Umständen führt die Anwendung der CLLD/LEADER-Methode in der Regionalentwicklung zur Stärkung regionaler Resilienz und was lässt sich in puncto regionaler Governance im Zeichen des post-Covid19-Wieder(?)aufbaus daraus folgern?



ID: 387 / Sek_LandSoz: 2
Sektionsveranstaltung - Post-Corona: Neue Wertschätzung des ländlichen Raumes?

Resilienz als Gemeingut: multiple Effekte des Allmendenmanagements im südlichen Japan

Wolfram Manzenreiter1, Johannes Wilhelm2

1Universität Wien, Österreich; 2Universität Kumamoto, Japan

Japan fand vor allem in der frühen Commons-Forschung große Beachtung als Beispiel für nachhaltige Nutzungssysteme. Ging es der Forschung in der Vergangenheit primär um die klassischen Fragen der Wirtschaftswissenschaften und Humanökologie, wie Rivalität und Konkurrenz bei der Nutzung von Gemeinschaftsgütern auf ein sinnvolles und nachhaltiges Niveau begrenzt werden kann, so haben demografische Krise und gesellschaftliche Abwärtsspirale im ländlichen Japan die Commons-Forschung für neue Aufgabenfelder geöffnet. Obwohl der wirtschaftliche Strukturwandel in vielen Fällen Gemeinschaftsgüter ökonomisch unbedeutend und sogar obsolet machte, bleiben sie in vielen Fällen als institutionelles Regelwerk und in den darauf basierenden Gemeinschaftsarbeiten präsent. Vor dem Hintergrund der Pandemie, in der diese Arbeiten zum Stillstand kamen oder im Umfang reduziert wurden, zeigt sich der Bedeutungswandel der Commons von der ökonomischen auf die sozial-ökologische Ebene. Unsere Forschung basiert auf mehrjähriger Feldforschung im südlichen Japan unter verschiedenen lokalen Gemeinschaften, deren Mitglieder diese im Alltag integrierten Gemeinschaftsarbeiten als konstituierendes Element des sozialen Zusammenlebens wahrnehmen. Diese Rolle spiegelt sich nicht nur in der Ausgestaltung weiterer sozialer Institutionen wieder, sondern auch in ihrer Bedeutung als überlebenssichernde Ressource in Extremsituationen. Obwohl diese Region in den letzten Jahren wiederholt von ernsthaften Umweltkatastrophen wie Überschwemmungen, Murenabgängen und Erdbeben heimgesucht worden ist, ist sie von hohen Opferzahlen verschont geblieben. Wir betrachten in unserer Diskussion von Weidemanagement und Wasserversorgung in der Caldera-Ebene des Aso-Vulkans (Präfektur Kumamoto) vor und während der Covid-Pandemie, (1) wie Gemeinschaftsgüter sich in Formen der Alltagspraxis objektiviert haben und (2) wie sie als gesellschaftlich internalisierte Praktiken in Gefahrensituationen zum Tragen kommen. Mit einer praxisorientierten Perspektive kann der bislang unterbelichtet gebliebene Beitrag von Gemeingütern für die Bildung von Sozialkapital in ländlichen Gemeinden in die neue Generation der Commons-Forschung hineingebracht werden.



ID: 679 / Sek_LandSoz: 3
Sektionsveranstaltung - Post-Corona: Neue Wertschätzung des ländlichen Raumes?

Paradoxien des COVID-19 Krisenmanagements: Erfahrungen von Saisonkräften in Tirol

Tanja Petry, Bernhard Bichler

Universität Innsbruck, Österreich

Der alpine ländliche Raum stand zu Beginn der COVID-19-Pandemie in Europa im Fokus des Infektionsgeschehens. In vielen europäischen Wintersportdestinationen herrschte eine paradoxe Situation, in der sich Hochsaison und Krisenprävention gegenüberstanden. Zentrale, aber bisher kaum beachtete Akteure in diesem Spannungsfeld und damit im Krisenmanagement vor Ort waren die Servicemitarbeiter*innen in den touristischen Betrieben. Während die sozioökonomischen Folgen des ersten Lockdowns für die (häufig prekär) Beschäftigten der globalen Tourismusindustrie bereits beleuchtet wurden (Baum et al., 2020), fehlt – abgesehen von Anekdoten - eine Thematisierung der Arbeitssituation der Beschäftigten, insbesondere Saisonkräften, unter akuten Krisenbedingungen.

Unter Paradoxien verstehen wir „gegensätzliche aber verknüpfte Elemente (Dualitäten), die gleichzeitig existieren und andauern; solche Elemente erscheinen einzeln logisch, aber irrational, inkonsistent, und absurd, wenn gegenübergestellt“ (Smith und Lewis, 2011, S. 387, eigene Übersetzung). Die Konfrontation mit und das Ausbalancieren von Paradoxien ist charakteristisch für moderne Organisationen (Sutherland und Smith, 2011), beispielsweise in Bezug auf Effizienz und Kundenorientierung (Jarzabkowski and Lê, 2017; Keyser et al., 2019). Bisher wurde weitgehend ausgeblendet, welche Spannungen und Lösungsstrategien der Umgang mit Paradoxien im Arbeitsalltag von Servicemitarbeiter*innen hervorbringt (Schneider et al., 2020) und wie Krisenbedingungen hinzuwirken.

Mithilfe von Paradoxien als Meta-Theorie und 21 explorativen Interviews mit Mitarbeitenden aus Tiroler Tourismusbetrieben bieten wir eine alternative Perspektive auf ein Schlüsselereignis der Covid-19 Pandemie, dem behördlich verordneten, vorzeitigen Saisonschluss im alpinen Skitourismus im März 2020. Unsere Auswertungen zeigen, wie Paradoxien für die Akteure überhaupt salient wurden und welche Lösungsstrategien sie entwickelten, welche Bedürfnisse Saisonkräfte in Krisensituationen gegenüber ihren Betrieben haben und wie sich ihre persönlichen Erfahrungen in dieser Situation auf ihre zukünftigen Beschäftigungsabsichten in der Tourismusbranche auswirken. Darüber hinaus porträtiert er ihre Sicht auf die zukünftige Gestaltung der regionalen Tourismuswirtschaft.



ID: 531 / Sek_LandSoz: 4
Sektionsveranstaltung - Post-Corona: Neue Wertschätzung des ländlichen Raumes?

Über die Rekonfiguration ländlicher Lebenswelten

Ralph Richter, Ariane Sept

Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS), Deutschland

Seit vielen Jahren wird in der Landsoziologie über eine „neue Ländlichkeit“ diskutiert. Demnach sei eine „aktuelle Konjunktur des Ländlichen“ zu beobachten, die nicht zuletzt vom romantischen Blick auf den ländlichen Raum lebt. Dabei bekommen vor allem Dörfer im Rahmen einer Idealisierung des Landlebens verstärkt mediale Aufmerksamkeit.

Im Zuge der Pandemie hat die Wiederentdeckung des Landes im medialen Diskurs weiter an Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig scheint sich diese zunächst eher diskursive Inwertsetzung des Ländlichen nun auch verstärkt in die Lebenspraxis zu übertragen. Gerade im Raum Berlin-Brandenburg beobachten wir seit Beginn der Pandemie eine verstärkte Verlagerung des Wohn- und Arbeitsortes von Berlin ins ländliche Umland. Ziele der neuen Landbewohner*innen sind dabei nicht mehr vorrangig suburbane Räume, sondern vermehrt auch peripher gelegene Dörfer und Kleinstädte.

Die Wiederentdeckung des Dorfes als Wohn- und Arbeitsort trifft auf einen tiefgreifenden Wandel des traditionellen Lebens auf dem Land, der mit Begriffen wie Detraditionalisierung, Entfunktionalisierung und einem Auseinanderfallen des Dorfes als Lebens- und Arbeitsort beschrieben worden ist. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wohin sich ländliche „Lebenswelten“ heute entwickeln. Erleben wir eine Diversifizierung ländlicher Lebenswirklichkeiten mit einem Nebeneinander von Eigenem und Fremdem, Anpassungsleistungen im Sinne einer „Etablierten-Außenseiter-Figuration“ oder das Hervorbringen neuartiger Formen, in welchen sich Erfahrungen und Vorstellungen vom herkömmlichen Landleben und urban geprägte Erwartungen an das gute Leben auf dem Land mischen?

Im Vortrag werden diese Fragen aufgeworfen und das Konzept einer „Rekonfiguration ländlicher Lebenswelten“ als Alternative einer diskutierten „Rekonfiguration des Urbanen“ zur Diskussion gestellt.



ID: 350 / Sek_LandSoz: 5
Sektionsveranstaltung - Post-Corona: Neue Wertschätzung des ländlichen Raumes?

Soziale Orte als Resilienz-Anker in Zeiten der Pandemie

Claudia Neu, Ljubica Nikolic

Universität Göttingen, Deutschland

Dritte Orte, Kommunikationsorte, Soziale Orte sind zurzeit „en vogue“ im Diskurs um die Sicherung der sozialen Kohäsion. Zugleich verlieren viele Gemeinden durch Infrastrukturabbau, infolge des demografischen Wandels, ihre kommunikative Mitte: Schulen, Lebensmittelgeschäfte und Verwaltungsgebäude als Orte sozialer Redundanz verschwinden und nehmen das engagierte Milieu gleich mit. Der Beitrag stellt Ergebnisse des BMBF-Projekts „Das Soziale-Orte-Konzept. Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ der Georg-August-Universität Göttingen vor (Projektlaufzeit 2017 – 2020), welches im Landkreis Waldeck-Frankenberg (Nordhessen) nach Sozialen Orten neuen Typs geforscht hat. Anhand der Fallbeispiele – Neue Ortsmitte Löhlbach, Bürgergenossenschaft „Schule Dalwigksthal“, Zukunftswerkstatt Diemelstadt und Solidarische Landwirtschaft Falkenhof Strothe – werden Soziale Orte als produktive Orte präsentiert, an denen aktive Bürger*innen ihre Bühne gefunden haben. Thematisiert werden auch die Bedingungsfaktoren für die Entstehung und den Erhalt Sozialer Orte, welche nicht einfach im luftleeren Raum auftauchen, sondern auf nachhaltige Unterstützungsstrukturen angewiesen sind. Um diese Möglichkeitsräume zu schaffen, braucht es neben dem raumplanerischen Zentrale-Orte-Konzept auch ein Soziale-Orte Konzept, das die Kohäsion vor Ort im Blick hat. Durch eine erneute Kontaktaufnahme zu den Schlüsselakteuren*innen der vorgestellten Fallbeispiele im November 2020, konnte die Entwicklung der Sozialen Orte in der Corona-Pandemie während des ersten Lock-Downs und der anschließenden Lockerung erhoben werden. Die Ergebnisse finden ebenfalls Einzug in diesen Beitrag und verdeutlichen die tragende Rolle der Sozialen Orte während der Pandemie.

Literatur:

Kersten, J., Neu, C. und Vogel, B. (2017) Das Soziale-Orte-Konzept – Ein Beitrag zur Politik des sozialen Zusammenhalts. In: Schink, A. (Hrsg.), UPR Zeitschrift für Wissenschaft und Praxis 2/2017, Heidelberg, Alfeld, Leine, München, 50 - 56

Georg-August-Universität Göttingen (Hrsg.) (2020) Das Soziale-Orte-Konzept - Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt. URL: http://www.uni-goettingen.de/soziale-orte-magazin



ID: 486 / Sek_LandSoz: 6
Sektionsveranstaltung - Post-Corona: Neue Wertschätzung des ländlichen Raumes?

Konzept zur Stärkung der überschaubaren Einheit unter Beteiligung der Bevölkerung – Gemeinsam.Krisensicher.Zukunftsfit

Helmut Retzl

Institut Retzl, Österreich

Die aktuelle Pandemie hat gezeigt, dass in den kleinen und mittelgroßen kommunalen Einheiten Lösungen schneller und einfacher erreicht wurden als in großen Verwaltungseinheiten. Kleine Einheiten konnten auf ein bewährtes Netzwerk der Zusammenarbeit zurückgreifen, während zentral gesteuerte Einheiten erst mühsam Strukturen aufbauen mussten bzw. oftmals überfordert waren.

In der der Eigenverantwortung der Gemeinden entstanden tolle regionale Initiativen, wie zB Einkaufsdienste für ältere Mitmenschen. Es zeigte sich auch, dass Entscheidungs- und Dialogfähigkeit wirksame Instrumente zur Eindämmung von Krisen sind.

Die österreichische Demokratie lebt von den mehr als 2.000 überschaubaren Einheiten (Gemeinden). Diese Stärke der Demokratie, der gelebte Föderalismus und das lebendige Freiwilligennetz bilden zusätzliche Möglichkeiten für eine strukturierte Zukunftsvorsorge und Absicherung der Menschen.

Mit einem einzigartigen Angebot des Instituts Retzl (www.institut-retzl.at) aus Linz, welches sich seit mehr als 30 Jahren mit Bürgerbeteiligung, Krisenmanagement und Konflikten beschäftigt, können im Rahmen des Lokale-Agenda-21-Prozesses diese Erfahrungen und die individuelle soziale Infrastruktur vor Ort miteinander verknüpfen werden.

Schrittweise werden dabei zuerst Lebens- und Überlebensbereiche in der Gemeinde betrachtet und bewertet.

Anschließend werden diese mit Repräsentanten der Vereine und Institutionen, aber auch der örtlichen Wirtschaft und aus der Bevölkerung „mit Leben gefüllt“.

Diese Infrastruktur kann dann im Krisenfall rasch teilweise oder vollständig hochgefahren werden.

Im Gegensatz zu vielen anderen Konzepten, welche oftmals nur auf dem Papier bestehen, wird diese Struktur kontinuierlich in der Praxis gelebt und ist deshalb rasch verfügbar. Gerade die Überschaubarkeit des ländlichen Raumes ermöglicht es, den Dialog miteinander zu pflegen und die einzelnen Ansprechpersonen persönlich zu kennen. Auch ist durch die ausgeprägte Einbindung der Bevölkerung durch Vereine bzw. Körperschaften in das Ortsleben die Bereitschaft zur Mitarbeit und Eigeninitiative im regionalen Bereich viel stärker gegeben, als dies in der Anonymität einer Stadtgemeinde oder einer Großstadt der Fall wäre.