Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
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Sitzungsübersicht
Sitzung
Sek_Arbeit: Sektionsveranstaltung - Die Corona-Krise und der Wert der Arbeit
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Mascha Will-Zocholl, Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung
Chair der Sitzung: Dominik Klaus, Universtität Wien
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Arbeits- und Industriesoziologie (DGS), Sektion Arbeitssoziologie (ÖGS)


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Präsentationen

Neue Atypische Beschäftigung in der Corona-Krise – Chancen, Probleme und Datenlücken

Judith Derndorfer1, Johanna Hofbauer1,2

1Forschungsinstitut für Verteilungsfragen, WU Wien; 2Institut für Soziologie und Empirische Sozialforschung, WU Wien

Krisen wirken oft wie ein Brennglas und rücken Probleme in den Fokus, die auch schon in Vorkrisenzeiten existierten. Das trifft auch für die Frage der (ungleichen) Bewertung von Arbeit zu. Mangels einer soliden Datenbasis können wir aber keine differenzierte Einschätzung der Situation treffen. Aus einer Untersuchung (Mikrozensus-Auswertung und Expert_inneninterviews) leiten wir dennoch begründete Vermutungen darüber ab, wie neue atypische Beschäftigte durch die Corona-Krise betroffen sein können.

Ein allgemeines Problem betrifft die mangelnde Absicherung atypisch Beschäftigter im Krankheitsfalls. Abgesehen davon verdeutlicht die Krise zweitens die geringe soziale Absicherung im Fall von fehlenden Aufträgen oder Arbeitslosigkeit. Da neue atypische Beschäftigung vor allem Selbständige betrifft, greifen Absicherungsmechanismen wie Kurzarbeit und Arbeitslosengeld nicht.

Drittens offenbart die Krise eine Lücke bei der Interessenvertretung. 60% der UnternehmerInnen sind EPUs und somit auch die größte Gruppe in der Wirtschaftskammer. Jedoch fühlen sich diese nicht unbedingt von ihr vertreten. Auch der Widerstand gegen Gründungen von Betriebsräten bei plattformorganisierten Unternehmen zeigt die Schwierigkeit von gewerkschaftlicher Organisierung.

Viertens haben die Maßnahmen zur Bekämpfung der COVID-19-Krise auch nachgelagerte Effekte auf Frauen. Durch die Schulschließungen (bzw. dem Unterrichtsentfall an Schulen) verlagern sich die Betreuungspflichten in den privaten Haushalt, wo insbesondere Mütter den Großteil der Kinderbetreuung übernehmen. Frauen mit Betreuungspflichten könnten aufgrund des erhöhten Betreuungsaufwands Freelance-Aufträge zurückstellen oder verlieren.

Wir schließen, dass Neue Formen von Arbeit und Beschäftigung Chancen für Beschäftigungswachstum und -qualität bieten können, etwa erweiterte Handlungsspielräume und Flexibilität. Was allerdings jetzt die Corona-Krise bereits verdeutlicht hat, ist die fehlende bzw. unzureichende soziale Absicherung. In Zeiten von zunehmender Flexibilisierung am Arbeitsmarkt ist es wichtig, diese Beschäftigtengruppe stärker in wohlfahrtstaatliche Absicherungsmechanismen mit einzubeziehen. Eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung effektiver sozialrechtlicher und -politischer Maßnahmen ist aber eine detaillierte Erfassung der Situation neuer atypischer Beschäftigung durch eine solide Datenbasis.



Der Widerspruch zwischen gesellschaftlichem und individuellem Wert der Arbeit in Kurier-, Express- und Paketdiensten

Klaus Schmierl

Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V., ISF München, Deutschland

Einer der gesellschaftlichen Haupttrends der Digitalisierung und der allgegenwärtigen Verfügbarkeit des Internetzugangs ist der exorbitant angewachsene Onlinehandel und die Tendenz, sich jegliche Konsumgüter ins eigene Heim liefern zu lassen. Dieser in Europa vor etwa 30 Jahren (primär durch Amazon) begonnene Trend hat sich durch die Coronapandemie der Jahre 2020 und 2021 zu einer, auf alle Konsumgüterbereiche sowie auf bisher internetferne Bevölkerungsgruppen übergreifenden, Epidemie entwickelt. Neben umweltschädlichen Folgen in Form des Verkehrskollaps´ in den Innenstädten und an Verkehrsknotenpunkten setzt diese 24 Stunden am Tag gegebene, Bestell- und Konsummöglichkeit die Verfügbarkeit und Leistungsfähigkeit eines besonderen Arbeitskrafttypus voraus: die Paketbotin/den Kurier. Auf deren buchstäblich (sic!) Rücken werden die sich in Umsatzwachstum und gestiegener Tonnage bzw. individuell zu transportierenden Kilogramm andeutenden, Bestellzuwächse ausgetragen. Im Vortrag wird über Ergebnisse eines von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Forschungsprojekts berichtet, in dem empirische Untersuchungen und qualitative Interviews in der KEP-Branche durchgeführt wurden.

These 1: Die gerade in Pandemiezeiten erkannte „Systemrelevanz“ von Paketbotinnen und Kurieren, die sich nicht zuletzt auch in massiv gestiegenen Umsätzen (und Gewinnen) der Arbeitgeber auswirkte (in den Kurier-, Express- und Paketdiensten - KEP - sind das die bekannten „Big Five“), spiegelt sich allerdings – wenig überraschend – nicht in gestiegenen Löhnen, besseren Arbeitsbedingungen, Qualifizierungsmaßnahmen, einer humanorientierten Personalpolitik, einer klaren Arbeitszeitreglementierung und erhöhten Interessenvertretungs- und Mitbestimmungschancen wider. Eine Neubewertung von Arbeit findet in diesen Bereichen nicht statt.

These 2: „Verschärfte Betroffenheiten“ ergeben sich für die Kurierfahrer*innen und Paketboten aus der von den Arbeitgebern strategisch geprägten Einsatzform der Digitalisierungstechnik für Arbeitsbedingungen, Arbeitszeiten, sowie Autonomie versus Kontrolle.

These 3: An den KEP lassen sich gewissermaßen prototypisch in einer arbeits- und industrie-soziologischen Tradition theoretische Fragestellungen bezüglich gewandelter Mitbestimmungsstrukturen und Machtfragen, gesellschaftlicher Ungleichheits- und Klassenkonstellationen, sowie Zusammenhänge zur Migration erörtern.



Die neuen Systemerhalter*innen im Handel? Wertschätzung sowie Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten im Handel vor und während der Covid-19-Pandemie

Bettina Stadler, Annika Schönauer

Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA), Österreich

Am Beispiel der Beschäftigten im Einzelhandel in Niederösterreich soll gezeigt werden, wie es den „Systemerhalter*innen“ während der COVID-19-Pandemie ergangen ist und weiterhin geht, welche Auswirkungen diese Krise auf ihre Arbeit aber auch ihr Leben jenseits der Arbeit hatte und welche Veränderungsbedarfe nun (noch deutlicher) sichtbar wurden. Basis für die Analyse sind 22 leitfadengestützte Interviews, ergänzt durch die Analyse von Sekundärdaten über die Zeit vor und während der Krise. Ebenso möchten wir den Begriff der „Systemerhalter*innen“ einer kritischen Reflexion unterziehen.



Kultur als Luxus? Zum Arbeitsbewusstsein von Kulturschaffenden im Spiegel der Corona-Pandemie

Alexandra Manske

Universität Hamburg, Deutschland

Der Beitrag rückt die gesellschaftliche Neuverhandlung von Arbeit und ihre gesellschaftlichen Folgen für die Post-Corona-Gesellschaft am Beispiel des Kulturbereichs in den Mittelpunkt.

Ausgehend von der Frage nach dem gesellschaftlichen Wert von Kulturarbeit, beleuchte ich das Arbeitsbewusstsein von Kulturschaffenden (vgl. Kratzer et al. 2019): Wie muss Arbeit gestaltet sein, damit sie den Ansprüchen von Kulturschaffenden genügt? Empirische Basis sind Ergebnisse eines Forschungsprojektes über Interessenvertretung im Kulturbereich am Beispiel der darstellenden Künste. Geldgeber war die Hans-Böckler-Stiftung (Fördernummer 2017-330-2). Die qualitative Studie analysiert vergleichend die Arbeit und Interessenvertretung im öffentlichen Theaterbetrieb und der freien Szene der darstellenden Künste (FDK). Als methodologische Herangehensweise dient die Soziologie des politischen Feldes nach Bourdieu (2013). Operationalisiert wird sie im Rekurs auf den Machtressourcenansatz (Schmalz/Dörre 2014). Mit diesem theoretischen Besteck werden die interessenpolitischen Spiele der Akteur:innen als ein Kampf um normativ gute Arbeit sowie legitime Produktionsweisen von darstellender Kunst untersucht. Mein Beitrag stellt drei Thesen zur Diskussion.

1. Die Kritik der Interessenvertretung signalisiert einen Bruch mit der neoliberalen Hegemonie der 00er Jahre, wehrt sich solidarisch gegen die Zumutungen prekärer (und neoliberal regulierter) Produktionsverhältnisse und nutzt zugleich die diskursiven Ressourcen des neuen Geist des Kapitalismus als interessenpolitische Durchsetzungsmacht.

2. Die Interessenvertretungen zielen darauf ab, Arbeit im Kulturbereich zu einer normalen und zugleich sozial schützenswerten, vulnerablen Erwerbsarbeit gesellschaftlich aufzuwerten und damit „der“ Kultur und ihren Produzent*innen zu einem höheren gesellschaftlichen Stellenwert zu verhelfen.

3. Die interessenpolitischen Spiele im Kulturbereich werden von einem ernüchterten Künstlerhabitus ins Werk gesetzt. Normative Erwartungen an gute künstlerische Arbeit bündeln sich in künstlerkritischen Interessen und einer profanen Auffassung von Kunst als Arbeit. Freilich ist das im Feld umstritten. Dennoch gehen die Liebe zur Arbeit und zum Kühlschrank eine Wahlverwandtschaft ein, wie eine befragte Künstlerin im Interview unterstreicht.



Zwischen Auf- und Abwertung: „Systemrelevante Berufe“ und Care in der Corona-Krise

Alexandra Scheele1, Helene Schiffbänker2, Greta Wienkamp1

1Universität Bielefeld, Deutschland; 2Joanneum Research Graz, Österreich

Mit dem Beginn der COVID-19-Pandemie und dem ersten Lockdown im März 2020 erhielten in Deutschland und Österreich mit dem Begriff der „Systemrelevanz“ Berufsgruppen neue Aufmerksamkeit, die in anderen Krisen, keine Berücksichtigung fanden. Galten z.B. in der Finanzkrise Banken und Versicherugen, die Automobil- und die Baubranche insbesondere in Deutschland als „Schlüsselindustrien“, sind es in der Coronakrise in beiden Ländern die Gesundheits- und Pflegedienstleistungen und der Einzelhandel, die für einen längeren Zeitraum Gegenstand der medialen Berichterstattung und der parlamentarischen Debatte waren und in der Öffentlichkeit durch den abendlichen Applaus zumindest für einige Zeit symbolische Anerkennung erhielten. Die Sichtbarmachung und partielle symbolische Anerkennung der in diesen Sektoren arbeitenden Berufsgruppen entspricht jedoch nicht der faktischen Anerkennung. Vielmehr handelt es sich um Berufsgruppen, in denen der Frauenanteil sehr hoch ist, aber Prestige und Einkommensniveau niedrig sind.

Vor dem Hintergrund dieser Auf- und Abwertungsprozesse von zentralen gesellschaftlichen Berufsgruppen und auf der Basis eines laufenden Forschungsprojektes zu „Double Fragility: The Care Crisis in the Corona-Crisis“, wollen wir folgende Thesen diskutieren:

1. In der Coronakrise erleben wir eine Doppelbewegung von Auf- und Abwertung von Arbeit in systemrelevanten Berufen, insbesondere von Gesundheits-, Pflege- und Sorgearbeit.

2. Die kurzzeitige Aufwertung spiegelt die gesellschaftliche Notwendigkeit dieser Bereiche wider, ihre andauernde Abwertung ist jedoch inhärenter Bestandteil des kapitalistischen Akkumulationsregime samt geschlechtlicher Arbeitsteilung.

3. Die Abwertung erfolgt auf verschiedenen Ebenen: Gesellschaftliche Geringschätzung, geringe Bezahlung und schlechte Arbeitsbedingungen (hohes Ansteckungsrisiko am Arbeitsplatz, Personalausfall bei ohnehin dünner Personaldecke, geringe Flexibilität).

4. Aufgrund dieser Bedingungen erleben viele Beschäftigte ihre Erwerbsarbeit als sehr belastend und ihre Arbeitsfähigkeit dauerhaft in Frage gestellt.

Da zudem die Care-Anforderungen inhaltlich (Home-Schooling) und zeitlich (Schulschließungen und eingeschränkte Kinderbetreuung) zugenommen haben, sehen sich insbesondere Eltern in diesen Berufen Mehrfachbelastungen ausgesetzt, die die bestehende Krise sozialer Reproduktion weiter verschärfen.



Zur (Dis-)Funktionalität des Homeoffice während der Corona-Pandemie – Herausforderungen und Lösungsstrategien erwerbstätiger Eltern

Stefan Gründler, Christian Ebner

Technische Universität Braunschweig, Deutschland

Der „Trend zum Homeoffice” hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie drastisch verstärkt und setzt Familien erheblich unter Druck. Stellte „Homeoffice“ vorher oftmals ein Privileg dar, erzwingt die Pandemie ganz neue Bewältigungsstrategien insbesondere von erwerbstätigen Eltern.

Ziel des Beitrags ist die Beschreibung der (Dis-)Funktionalität des Homeoffice während der Corona-Pandemie spezifisch mit dem Fokus auf hochqualifizierte erwerbstätige Eltern, die während des „Lockdowns“ auf institutionelle Unterstützung durch Kinderbetreuungseinrichtungen verzichten mussten. Im Mittelpunkt der Analysen stehen Herausforderungen, aber auch Chancen, die bei der Arbeit von zu Hause aus auftreten, genauso wie spezifische Aspekte der Vereinbarkeit von Beruf und Familienleben.

Aus theoretischer Perspektive gehen wir davon aus, dass die aktuelle Situation eine Beschleunigung von Entgrenzungsphänomenen hervorbringt und es demnach zu einer Intensivierung des betrieblichen Zugriffs auf den gesamten Lebenszusammenhang kommt. Zu hinterfragen ist dabei, mit welchen individuellen sowie familiären Handlungsmustern erwerbstätige Eltern auf die auftretenden Entgrenzungserscheinungen antworten. Wir vermuten, dass Lösungsstrategien sowohl auf individueller Ebene, auf Paarebene oder organisationaler Ebene gefunden werden können.

Die Ausarbeitung greift auf eine empirische Datenbasis zurück, die subjektive Erfahrungshintergründe von Eltern während der Corona-Krise aufbereitet: Im Zeitraum von April bis September 2020 wurden 14 hochqualifizierte erwerbstätige Eltern im Homeoffice mithilfe von leitfadengestützten Interviews qualitativ befragt. Auch in Anlehnung an die empirischen Befunde sehen wir die Annahme einer Beschleunigung von Entgrenzungsphänomenen bestätigt. Homeoffice stellt für Familien zudem eine ambivalente Erfahrung dar: Jenseits negativer Begleiterscheinungen der Entgrenzung von Erwerbsarbeit und Familie schafft Homeoffice andererseits die nötige Flexibilität, um auf die pandemiebedingten Herausforderungen zu reagieren. Wir nehmen auf Grundlage der Befunde an, dass die Funktionalität von Homeoffice maßgeblich von partnerschaftlichen Arrangements aufrechterhalten wird und die betriebliche Unterstützung eine entscheidende Rolle für die Bewältigung der „neuen Normalität“ spielt. Insgesamt erscheint uns der Trend zum Homeoffice außerdem kaum umkehrbar.



Gesundheitsförderliche Telearbeit – Erfahrungen österreichischer Betriebe vor, während und nach dem 1. COVID19-Lockdown

Kathrin Hofer-Fischanger1, Gert Lang2

1FH JOANNEUM - University of Applied Sciences, Bad Gleichenberg, Österreich; 2Fonds Gesundes Österreich, Wien, Österreich

Durch die COVID19-Pandemie stellten viele Betriebe auf Telearbeit um. Die Arbeitsbedingungen zu Hause entsprechen nicht immer allgemeinen Grundprinzipien (vgl. Luxemburger Deklaration, 2007) und speziellen Qualitätskriterien (vgl. ÖNBGF) ganzheitlicher Betrieblicher Gesundheitsförderung (BGF). Aus diesem Umstand heraus stellen sich die Fragen, wie Betriebe auf die plötzlich geänderten Rahmenbedingungen reagiert haben, welche Erfahrungen sie mit Telearbeit gemacht haben und wie sie in der Umsetzung von gesundheitsförderlicher Telearbeit unterstützt werden können.

Im Juli 2020 wurde ein moderiertes Web-Meeting mit 11 ExpertInnen (BeraterInnen aus der BGF, Personen aus dem BGF-Netzwerk sowie Forschende zur Arbeit 4.0) durchgeführt. Basierend auf den Ergebnissen des Web-Meetings wurde ein standardisierter Online-Fragebogen entwickelt und an N=1.858 österreichische Betriebe unterschiedlicher Regionen, Branchen und Betriebsgrößen versandt. In der Auswertung der Studie wurden n=192 ausgefüllte Fragebögen berücksichtigt.

Es zeigt sich, dass die Rahmenbedingungen für gesundheitsförderliche Telearbeit (z.B. technisch, sozial, kommunikationsbezogen) in österreichischen Betrieben stark von den Telearbeit-Erfahrungen der Betriebe vor dem 1. Lockdown im Frühjahr 2020 abhängen. Betriebe mit weniger Vorerfahrungen hatten größere Herausforderungen bei der Umstellung bzw. Intensivierung. Erste Maßnahmen waren die Sicherung und Verbesserung der technischen Hilfen. Erst danach wurden Informations- und Kommunikationsprozesse angepasst oder ergonomische Aspekte am Telearbeitsplatz besprochen. Insgesamt verbinden die befragten Personen / Betriebe „Telearbeit“ oder „Home-Office“ überwiegend mit technischen oder rechtlichen Aspekten (digitale, technische Infrastruktur, Rechte und Pflichten bei Telearbeit, Zeitregelungen). Weniger wird Telearbeit im Sinne eines ganzheitlich gesundheitsförderlichen Zuganges mit Fokus auf Umgebungsbedingungen am Telearbeitsplatz (ergonomische, soziale Einflussfaktoren, physische Bedingungen wie Licht und Raumtemperatur etc.) oder mit Fokus auf persönliche Kompetenzen und Fähigkeiten (Zeit- und Selbstmanagement bei Arbeitsaufgaben, Konzentrationsfähigkeit) verstanden. Unterstützung für Betriebe können Schulungen und Fortbildungen zur Bewusstseinsbildung und zur Entwicklung einer entsprechenden Kultur für gesundheitsförderliche Telearbeit bringen.



Multiple Prekarität und Migration in der COVID-19-Krise Theoretische Konzepte und empirische Befunde am Beispiel der Fleischindustrie und Logistik in Deutschland und Österreich

Johanna Neuhauser1, Peter Birke2

1Universität Wien, Österreich; 2Universität Göttingen, Deutschland

In der Pandemie wurden Arbeits- und Lebensverhältnisse von Migrant_innen in „systemrelevanten“ Sektoren, in denen fast ausschließlich Menschen ohne deutschen bzw. österreichischen Pass arbeiten, kurzfristig öffentlich thematisiert. Im Fokus standen die Unmöglichkeit von Social Distancing, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und fehlende gesellschaftliche Anerkennung.

In unserem Beitrag stellen wir vergleichend erste Resultate empirischer Forschungen zur deutschen Fleischindustrie und österreichischen Logistikbetrieben vor. Auf Grundlage qualitativer Interviews mit Expert_innen sowie Beschäftigten rekonstruieren wir die Konflikte in beiden Branchen, um fallübergreifende Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.

Die Debatte um die Masseninfektionen in der deutschen Fleischindustrie hat dazu geführt, dass der Gesetzgeber u.a. ein Verbot von Werkverträgen ab 1.1.2021 verfügte. Auch in Österreich wurden Logistikbetriebe Hotspots, aber es kam (bisher) nicht zu vergleichbaren Verschiebungen in Bezug auf prekäre Beschäftigung.

Unsere erste These ist, dass solche Unterschiede nicht alleine als Resultate staatlicher Eingriffe gefasst werden können. So kam es in der Fleischindustrie aufgrund einer aus Arbeiter*innensicht günstigen Arbeitsmarktsituation zu zahlreichen Streiks, die zur Veränderung der Arbeitsbedingungen in diesem Sektor beigetragen haben, während dies im Bereich der Logistikwirtschaft ausblieb.

Unsere zweite These ist, dass die Analyse den ambivalenten Charakter staatlicher Eingriffe in den Blick nehmen muss. In unseren Studien sehen wir Formen der Regulierung, die einerseits auf Arbeitsverbesserungen, andererseits auf eine fortgesetzte Unterschichtung und differentielle Inklusion von Beschäftigten verweisen. Im Fokus steht, wie sich in beiden Fällen die Fragmentierung der Beschäftigung und intersektionale Ungleichheiten bedingen und wie diese Wechselwirkung sowohl durch (fehlende) arbeits- und aufenthaltsrechtliche Regulierungen als auch durch rassifizierende und vergeschlechtlichte Zuschreibungen gestützt wird.

Unsere dritte These ist, dass diese Ambivalenzen spezifische Formen von Informalisierung hervorbringen. Insofern muss die Gesamtheit der multiplen Prekarität migrantischer Arbeit untersucht werden. Dabei kann aus der Debatte um Arbeit im globalen Maßstab gelernt werden, ebenso wie Migrations- und Arbeitsforschung verbunden werden müssen.



Mobiles Arbeiten im Homeoffice? Institutionelle Lücken bei der nachhaltigen Gestaltung raum-zeitlich flexibler Arbeit

Matthias Wörlen, Tobias Hallensleben

Zeppelin Universität Friedrichshafen, Deutschland

(1) Zwar findet die Wertschöpfung industrieller Wissensarbeit seit langem im digitalen „Informationsraum“ statt (Boes et al. 2018), doch fungierte der physische Betrieb bis zur Corona-Pandemie noch immer als unmittelbarer Lebens-, Erfahrungs- und Diskursraum. Im Frühjahr 2020 wurden sodann unter immensem Druck adhokratische Homeoffice-Lösungen installiert. Es galt, schnellstmöglich eine funktionierende digitale Infrastruktur zu errichten, um trotz Krise arbeitsfähig zu bleiben. Digitales Arbeiten wurde zur neuen Normalität. Und ein Zurück in die „alte Zeit“ wird es nach der Pandemie in vielen Unternehmen nicht geben – darüber legen unsere bisherigen Befunde klar Zeugnis ab. Doch während hemdsärmelig Heimarbeitsplätze eingerichtet und virtuelle Arbeitspraktiken eingeübt wurden, blieb die Anpassung der regulatorischen Grundlagen auf der Strecke. V.a. die in über 4 Jahrzehnten betrieblicher Mitbestimmung gewachsenen Errungenschaften des Arbeits- und Gesundheitsschutzes drohen zu erodieren.

(2) So wird das Label mobile Arbeit genutzt, wo es de facto um Telearbeit geht. Während bei mobiler Arbeit der Ort keine Rolle spielt, meint Telearbeit allein die Arbeit von zu Hause. Mobile Arbeit aber unterliegt nur sehr rudimentären Regularien zu Arbeitszeit und -Gerätschaften. Bei Telearbeit greift hingegen die Arbeitsstättenverordnung mit umfangreichen Arbeits- und Gesundheitsschutzanforderungen. Das hat zur Folge, dass mit der Verlagerung der Arbeit in den privaten Raum auch der Gesundheitsschutz privatisiert wird (vgl. Vogl & Nies 2013). Betriebsvereinbarungen reduzieren sich darauf, Beschäftigte auf die Einhaltung von Arbeitsschutzbestimmungen zu verpflichten. Die ergonomische Gestaltung des häuslichen Arbeitsplatzes wird vorausgesetzt. Die Kosten übernehmen die Arbeitnehmer.

(3) Insgesamt zeigt sich ein erhebliches Regulierungs- und Gestaltungsdefizit. Homeoffice trifft auf Betriebsvereinbarungen zu Telearbeit, die aus einer Zeit stammen, die es nicht mehr gibt. Dies steht im Widerspruch zu einer arbeitspolitischen Agenda, die die Alternativlosigkeit einer digitalen Transformation betont. Eine nachhaltige raum-zeitliche Flexibilisierung erfordert, die Bedingungen mobiler Arbeit in reflexiver Auseinandersetzung mit der Arbeitssituation und Möglichkeiten der Kompetenzentwicklung (Selbstorganisation, Sozialintegration etc.) zusammen mit den Betroffenen auszugestalten.



Die Auswirkung der Corona-Krise auf berufliche Anerkennung und Compliance zu Anti-Corona-Maßnahmen

Martin Groß, Axel Babst

Universität Tübingen, Deutschland

Der Beitrag der Frage nach, ob sich im Rahmen der Corona-Krise die Anerkennung von Berufen geändert hat, und welche (Nicht-)Erfüllung einer adäquaten Anerkennung nach sich zieht.

Basierend auf Theorien sozialer Anerkennung (Honneth 2010, Fukuyama 2019) lassen sich folgende Hypothesen über die Folgen sozialer (Nicht-) Anerkennung herleiten: Generell lässt sich erwarten, dass sich eine bessere Anerkennung sowohl auf Berufsebene als auch im konkreten Arbeitsumfeld („Job-Anerkennung“) vermindernd auf Belastungserfahrung durch die Corona-Pandemie und bestärkend auf die Akzeptanz von technischen und politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie (“Compliance”) auswirkt. Dabei dürfte aufgrund der oben erwähnten gesellschaftlichen Debatte zur Thematik der Anerkennung von “systemrelevanten Berufen”, insbesondere die wahrgenommene Verbesserung oder Verschlechterung beruflicher Anerkennung während der Pandemie die Belastungserfahrung und die Akzeptanz von Anti-Corona-Maßnahmen beeinflussen.

Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Abstracts wurde eine erste Umfrage zu diesem Themenbereich (Online-Survey, n=3102 Interviews) gerade abgeschlossen, auf deren Basis erste vorläufige Auswertungen durchgeführt wurden. Die ersten Ergebnisse zeigen deutliche Einflüsse der Corona-Krise auf die berufliche Anerkennungsordnung: Etwa die Hälfte der Befragten berichten eine Verbesserung oder Verschlechterung auf einer von fünf Aspekten beruflicher Anerkennung (46%) bzw. der Job-Anerkennung (53. Es zeigt zeigt sich, dass berufliche und Job-Anerkennung sich auf eine Reihe vom Belastungs- und Compliance-Maße auswirken: Mit der Anerkennung sinkt die wahrgenommene Belastung durch die Anti-Corona-Maßnahmen, und es steigt die Bereitschaft, Anti-Corona-Maßnahmen am Arbeitsplatz mitzutragen und Einschränkungen von Freiheitsrechten zu akzeptieren.

Auch einige weitere Ergebnisse dieser ersten Analysen bestätigen die Vermutung, dass die Corona-Pandemie die berufliche Anerkennungsordnung verändert hat, und dass die berufliche Anerkennung – und ihre Corona-bedingte Veränderung – sich deutlich auf das Erleben der Krise und die Bereitschaft, ihre Bewältigung zu unterstützen, auswirken.



Zur Systemrelevanz interaktiver Arbeit – in der Corona-Krise und darüber hinaus

Wolfgang Dunkel1, Margit Weihrich2

1ISF München, Deutschland; 2Universität Augsburg, Deutschland

(1) Interaktive Arbeit ist systemrelevant

In der Pandemie wird denjenigen Berufsgruppen Systemrelevanz bescheinigt, die das Gemeinwesen mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen versorgen. Anerkennung gebührt den dort Beschäftigten vor allem für ihren unermüdlichen körperlichen Einsatz unter erhöhter Ansteckungsgefahr. Personenbezogene Dienstleistungsarbeit ist jedoch in einer erweiterten Hinsicht systemrelevant: Ihr Wert wird wesentlich dadurch bestimmt, dass dort interaktive Arbeit geleistet wird. Die Fähigkeiten, die man hierbei erwirbt, sind auch über die Dienstleistungsarbeit hinaus relevant.

(2) Interaktive Arbeit gerät unter Druck – in der Pandemie, aber auch darüber hinaus

Interaktive Arbeit wird in allen Dienstleistungstätigkeiten mit Kund*innenkontakt geleistet. Dienstleister*innen und Kund*innen haben je eigene Interessen und Bedürfnisse, müssen aber zusammenarbeiten, damit die Dienstleistung erstellt werden kann. Wir haben die Besonderheiten interaktiver Arbeit intensiv untersucht und aufgezeigt, was interaktive Arbeit unter Druck setzt. Dieser Druck verstärkt sich in der Pandemie noch einmal drastisch, allem voran durch die Einschränkungen direkter Kontakte und eine in der Regel wenig interaktionsarbeitssensible Ad hoc-Digitalisierung.

(3) Dienstleistungsbeziehungen fungieren als „Labore des Sozialen“

Betrachtet man interaktive Arbeit als die aktive Herstellung einer Kooperationsbeziehung unter Frem¬den, so zeigt sich, dass deren Bedeutung weit über die Dienstleistungsbeziehung hinausgeht. Wir haben Dienstleistungsbeziehungen daher als „Labore des Sozialen“ bezeichnet. Man lernt dort vieles, was sich auch im gesellschaftlichen Zusammenleben einsetzen lässt: wie man Interessen ausgleicht, Konflikte reguliert und gemeinsam neue Problemlösungen entwickelt. So kann interaktive Arbeit zur Integration von Gesellschaft beitragen – was gerade in der Pandemie, in der diese Integration in vielfacher Weise bedroht ist, besonders wichtig ist. Hierfür muss interaktive Arbeit allerdings so gestaltet werden, dass die für Aushandlungsprozesse notwendigen Handlungsspielräume gesichert sind.



Höhere Einkommen für Systemerhalter*innen? Die Frage der Einkommensgerechtigkeit in der Zeit der Corona-Krise

Anja Eder, Franz Höllinger

University of Graz, Österreich

Die Corona-Krise hat deutlich gemacht, welche Berufe für die Aufrechterhaltung der Grundfunktionen in der österreichischen Gesellschaft von besonderer Bedeutung sind. Die so genannten Systemerhalter*innen im Sozial-, Gesundheits- und Pflegebereich sowie im Handel ernteten in Krisenzeiten viel Lob vonseiten der Politik und eine wohl noch nie dagewesene Aufmerksamkeit im öffentlichen und medialen Diskurs. Im Zuge dessen wurden auch Stimmen laut, die für eine entsprechende Honorierung des Einsatzes dieser Berufsgruppen eintraten, denn die Systemerhalter*innen zählen nicht selten zu den Niedriglohnbezieher*innen.

Vor diesem Hintergrund gehen wir in unserer Präsentation anhand der Analyse verschiedener Umfragedaten der Frage nach, welche Einkommenshöhen die österreichische Bevölkerung für verschiedene Berufsgruppen (Verkäufer*in, ungelernte*n Arbeiter*in, Arzt*Ärztin, Manger*in und Minister*in) als gerecht empfindet. Diese Fragen wurden bereits 1993 und 2009 im Rahmen des International Social Survey Programme zum Thema „Soziale Ungleichheit“ erhoben und in der Corona-Panelstudie (Mai 2020) erneut gestellt. Ergänzend dazu betrachten wir die Einstellungen hinsichtlich der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, das zu einer sozialen Absicherung und Besserstellung von Personen in statusniedrigen Berufen führen würde. Den theoretischen Rahmen der empirischen Analysen bildet die Theorie funktionaler Schichtung, die vom Prinzip der Meritokratie ausgeht und Einkommensunterschiede zwischen Berufsgruppen im Wesentlichen als Ergebnis eines freien Marktes auffasst.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Befragten zu beiden Erhebungszeitpunkten für eine massive Reduktion der Einkommen von Eliteberufen (Manager*innen und Politiker*innen) aussprechen, während die Einkommen von statusniedrigen Berufen im Verkauf und in der Industrie ihrer Ansicht nach geringfügig erhöht werden sollten. Während der Coronakrise tritt diese Tendenz verstärkt zu Tage. Der Berufsgruppe der Ärzte*Ärztinnen wird hingegen zu beiden Zeitpunkten, insbesondere während der Corona-Krise, ein relativ hohes Einkommen zugestanden. Gleichzeitig ist in der Krise auch die Befürwortung eines bedingungslosen Grundeinkommens etwas höher, wobei die Bevölkerung in dieser Frage nach wie vor gespalten ist und sich zunehmend polarisierte.



Homeoffice in der COVID-19-Krise: Gewerkschaftliches und unternehmerisches Handeln im Umgang mit dem Digitalisierungsschub

Jana Flemming, David Wandjo, Florian Butollo, Christine Gerber

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Deutschland

Die ökonomischen und sozialen Disruptionen in Folge der COVID-19 Pandemie wirken sich auch auf Digitalisierungsprozesse in der Arbeitswelt aus. Mindestens partiell kommt es zu einer beschleunigten Einführung digitaler Technologien, die auch betriebliche Arbeitsorganisation sowie Tätigkeitsprofile, Qualifikationen und Arbeitsbedingungen verändern. Insbesondere wurde das mobile Arbeiten durch digitale Hilfsmittel ausgeweitet und für weite Teile der Beschäftigten zur neuen Arbeitsrealität.

Im Beitrag gehen wir auf die Frage ein, wie sich die Arbeit im Homeoffice auf betriebliche Kollaborationsformen auswirkt und wie sie die Gestaltung von Produktions- und Reproduktionsarbeit in ihrem Zusammenhang verändert. Das sich diese Veränderungen schicht- und geschlechtsspezifisch verschieden auswirken, ist bereits evident. Wir zeichnen die Unterschiede in spezifischen Industrie- und Dienstleistungssektoren (Automobilindustrie, Maschinenbau, Chemieindustrie, Finanzdienstleistungen, Gesundheit sowie Handelslogistik) nach und berücksichtigen dabei die Qualifikationsniveaus der Beschäftigten, die Arbeitsorganisation und die Produktionsbedingungen.

Die Praktiken der digitalen und virtuellen Zusammenarbeit sind dabei bereits durch vor der Krise konstituierte Pfadabhängigkeiten geprägt. Vor diesem Hintergrund schätzen wir ab, inwiefern die Bemühungen von Unternehmen, die Arbeit während der Covid-19-Krise weniger ortsabhängig zu machen, zu einem dauerhaften Phänomen werden.

Datengrundlage sind Expert_inneninterviews mit Betriebsrät_innen und Manager_innen in Unternehmen, sowie wirtschaftlicher und gewerkschaftliche Akteure, die über die Veränderungen der genannten Industrie- und Dienstleistungssektoren Arbeitswelt im Zuge der COVID-19-Krise berichten. Anhand der Interviewdaten, der Sekundäranalyse bisheriger Forschungsliteratur und Fachpresse sowie der Sichtung von Betriebsvereinbarungen erfolgt eine Einordnung von betriebspolitischen Maßnahmen wie mobiler Arbeit, Kurzarbeit und Schichtarbeit hinsichtlich ihrer Gestaltung und Einordnung im Kontext der Krise.

Die Ergebnisse diskutieren wir vor dem Hintergrund gegebener institutioneller Rahmenbedingungen und politischer Interventionen der Arbeits- und Gewerkschaftspolitik.



COVID-19, Soziale Klasse und der Wert der Arbeit: Ungleichheitsdynamiken und Wertschätzungsdefizite in der Pandemie

Hajo Holst, Agnes Fessler, Steffen Niehoff

Universität Osnabrück, Deutschland

Auf der Basis der quantitativen und qualitativen Empirie des in Deutschland durchgeführten Arbeitswelt-Monitors „Arbeiten in der Corona-Krise“ setzt sich der Beitrag aus einer klassenanalytischen Perspektive (Oesch) mit den Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeitswelt auseinander. Der Beitrag formuliert drei Thesen: (1) Die Arbeitsfolgen der Pandemie weisen starke Klassenungleichheiten auf – und zwar sowohl in der vertikalen als auch in der horizontalen Dimension. Von den wirtschaftlichen Lasten und den Infektionsrisiken am Arbeitsplatz sind die unteren Klassen deutlich stärker betroffen, während die oberen Klassen häufiger Zugang zum mobilen Arbeiten mit sich bringen. Zudem weisen die Arbeitsfolgen der Pandemie auch spürbare horizontale Ungleichheiten auf: Es existieren drei distinkte Corona-Erfahrungswelten, die Ihre Schwerpunkte in unterschiedlichen horizontalen Segmenten der Klassenstruktur haben: In den selbständigen und den technischen Erwerbsklassen wird die Pandemie primär als Wirtschaftskrise erlebt, in den interpersonellen Klassen als Gesundheitsgefährdung und in den administrativen Klassen als Treiber mobilen Arbeitens. (2) Die unteren Klassen sind trotz der Zuschreibung als „systemrelevant“ skeptisch hinsichtlich einer nachhaltigen Aufwertung Ihrer Erwerbsarbeit. Viele Arbeitende aus einfachen Dienstleistungs- und Produktionsberufen erleben auch nach mehr als zwölf Monaten Pandemie ein Wertschätzungsdefizit und kritisieren die anhaltende Verteilungsungerechtigkeit. In ihren Augen bleiben ihre eigenen Sorgen und Nöte weitgehend unsichtbar. (3) Zwar zeigt sich wenig offener Widerstand in den besonders von der Pandemie betroffenen unteren Klassen, die Beschäftigten formulieren jedoch trotz der vermeintlichen Ausweglosigkeit kollektive Ansprüche an Arbeit, die Ansatzpunkte für eine progressive Arbeitspolitik nach der Pandemie sein können.



Die Corona-Krise und Kämpfe um die Bewertung telemedizinischer Care-Arbeit

Michael Gemperle, Susanne Grylka-Baeschlin, Jessica Pehlke-Milde, Verena Klamroth, Thomas Ballmer, Brigitte Gantschnig

Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Schweiz

Die COVID-19-Pandemie schlug sich im Berufsleben und Alltag von Fachkräften des Gesundheitssektors in tiefgreifenden Einschnitten nieder. Hervorzuheben gilt es die Umstellung auf eine (ansteckungssicheren) Leistungserbringung auf Distanz mittels telemedizinischer Hilfsmittel, die im vergangenen Jahr in vielen Bereichen der Gesundheitsversorgung eine Anwendung fand. Noch gibt es wenig systematisches Wissen dazu, inwiefern mit der beispiellosen Verwendung der Telemedizin die (bezahlte) Care-Arbeit eine Neubewertung erfuhr und inwiefern dadurch die herkömmlichen Positionen im Kampf um den Wert der Care-Arbeit (re)produziert werden.

Der vorgeschlagene Beitrag interessiert sich dafür, welche Bewertungen von Care-Arbeit in Verbindung mit dem Einsatz telemedizinischer Hilfsmittel während der Pandemie bekräftigt werden und in welchem Verhältnis diese Vorstellungen zur behördlichen Strategie in dieser Frage steht sowie inwiefern gegebenenfalls Diskontinuitäten und Kontinuitäten in den Bewertungen von Care-Arbeit festzustellen sind. Der politische Kontext stellt die Schweiz dar und im Fokus stehen die Angehörigen von zwei Gesundheitsberufen, die ihre Arbeit bis zur Pandemie überwiegend in direkter physischer Präsenz bewerkstelligten: ErgotherapeutInnen und Hebammen.

Erste Analysen einer schweizweiten online-Befragung im Frühjahr 2020 unter ErgotherapeutInnen und Hebammen (N = 1269) zeigen, dass die Angehörigen der beiden Berufsgruppen in der Behandlung auf Distanz zwar viele Vorteile sehen, ihre Erfahrungen mit der Telemedizin aber letztlich mehrheitlich als negativ qualifizieren. In dieses Bild passt auch die Beobachtung, wonach die von den Befragten (auf eine offene Frage) genannten Vorteile sich neben der Möglichkeit, die KlientInnen trotz der außergewöhnlichen Lage weiter zu betreuen, vor allem auf die Arbeitsbedingungen beziehen, während die ebenfalls angeführten Nachteile überwiegend auf die Arbeitsinhalte verweisen (vgl. Schumann et al. 1982). Insgesamt besteht der Eindruck, dass die behördliche Strategie betreffend Telearbeit bei den Gesundheitsfachpersonen die Orientierung an den Arbeitsbedingungen zulasten der Erwartung an die Arbeitsinhalte beförderte, die Pierre Bourdieu (1996) zufolge ihrerseits der Verkennung der objektiven Arbeitsverhältnisse zugrunde liegen.



 
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