Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_PandExpertise: Ad-hoc-Gruppe - Pandemie der Expertise? Prozesse der Wissensbewertung in der "(Post-)Corona-Gesellschaft"
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Sebastian Klimasch, Universität Trier
Chair der Sitzung: Stefan Nicolae, Universität Trier
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Professionalisierung des Staates vs. Professionalisierung der Expertise Die Bedeutung institutionellen Wissens in der Pandemie der Expertise zur Pandemiebewältigung

Michaela Pfadenhauer

Universität Wien, Österreich

Schon früh in der Bewältigung der Covid_19-Pandemie ließ die Medienwirksamkeit insbesondere der Virologie in Deutschland Stimmen laut werden, welche die Politik als Spielball der Wissenschaft ansahen. Währenddessen problematisierte der medienöffentliche Diskurs in Österreich den eher zu geringen Einfluss der wissenschaftlichen Expertise innerhalb des Krisenstabs. Liegt Deutschland also am expertokratischen Pol des Kontinuums, an dessen anderem Ende eine in Österreich praktizierte „Autonomie des Politischen“ (Reckwitz 2020) läge? Hier wie dort und anderswo wird eine „Exekutive Politik“ (Frommel 2020) praktiziert, auf die verschiedene Typen von Experten mit unterschiedlichen Ausprägungen von Expertenwissen mehr oder weniger beratend Einfluss nehmen. Angesichts der Nachfrage nach Expertenwissen hierzulande, in Europa, ja weltweit, nicht nur in Demokratien, sondern auch in autokratischen Herrschaftssystemen ist die Diagnose einer Pandemie der Expertise in der Pandemie plausibel. Dieses Wissen ist nicht nur in der um Bewältigungsstrategien ringenden Staatspolitik, sondern auch in den Medien sehr gefragt – dies gilt für die sozialen Medien ebenso wie die privaten und öffentlich-rechtlichen Massenmedien, die in einem Ausmaß wie schon lange nicht mehr rezipiert wurden und sehr schnell mit großem Publikumserfolg schon länger bekannte Formate der Kommunikation wie Podcasts bespielt haben. Diese gesteigerte Nachfrage nach Expertenwissen nimmt parallel dazu ab, dass die anfängliche Wissenschaftseuphorie, ja -gläubigkeit in -realismus bis -häme umgeschlagen ist. Das nicht nur bildungsbürgerliche Interesse am medizinwissenschaftlichen Lernprozess, der in situ miterlebt werden kann, hat u.a. deshalb nachgelassen, weil mit dem Lerneffekt die Einsicht einherging, dass es nicht die eine Wissenschaft gibt und damit auch keine politisch beschworene Alternativlosigkeit. Zeitgleich ist eine Debatte über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik entbrannt. Zur Debatte steht die im Hinblick auf Politikberatung nicht erst heute diskutierte Legitimität des Verhältnisses von Politik und Wissenschaft. Der Fokus meines für die Adhoc-Gruppe vorgeschlagenen Vortrags ist auf die Ressortforschung gerichtet und will die Professionalisierung des Staates im Unterschied zur Professionalisierung des Experten thematisieren.



Talking About the Virus – Wie Wissenschaft SARS-CoV 2 für die Öffentlichkeit fabriziert

Bettina Ülpenich, Annette Schnabel

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Deutschland

Unser Vortrag geht auf Grundlage der Analyse von Podcast-Beiträgen der Frage nach, wie SARS-CoV 2 an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit fabriziert wird. Wir identifizieren die (Post-)Corona-Gesellschaft als eine Gesellschaft in der Krise, deren Erfahrungswissen und Routinen ihren Nutzen und ihre Bedeutung verloren haben: Zur Aufrechterhaltung von Handlungsfähigkeit braucht es demnach neue Sinnangebote (Schütz/Luckmann 2003). Dazu gehört, dass die Krise auf Ursachen zurückgeführt und diese Ursachen ausgedeutet werden. Unser wissenssoziologischer Zugriff nimmt seinen Ausgangspunkt in der Beobachtung der verstärkten Ausdeutung der Krisensituation durch Virolog*innen in breit rezipierten Podcast-Beiträgen im Zuge der Verbreitung von SARS-CoV 2. Deren Kommunikationen richten sich nicht mehr nur an einen ausgewählten Kreis anderer Expert*innen oder politische Akteure, die sie beraten. Ihre Deutungen werden einer breiten Öffentlichkeit direkt zugänglich gemacht und sind alltagsrelevant. Doch zeichnen sich das Beiträge und deren Inhalte nicht nur durch weitgehende formale Offenheit aus, sie sind gleichzeitig an ein kritisches Publikum gerichtet, für das Anschlussfähigkeit hergestellt werden muss. Damit sind sie zentrales Medium der wissenschaftlichen Kommunikation an der Schnittstelle zur Öffentlichkeit, deren Analyse verdeutlicht, wie Expert*innen versuchen, öffentlichkeitswirksam Sinn zu generieren und Unsicherheit zu reduzieren.

Wir verstehen die untersuchten verbalen Äußerungen in Podcast-Beiträgen als performative Akte (Butler 1993), die ein Virus entstehen lassen, an dem Handlungsstrategien ausgerichtet werden können. Welches Virus wird hier also fabriziert? Uns interessiert, welche Deutungsangebote des Virus in den untersuchten Beiträgen entwickelt werden und wie sich diese Ausdeutungen über die Zeit entwickeln. Daran anschließend fragen wir nach den damit verknüpften Legitimationsfiguren und Handlungsentwürfen der Krisenbewältigung.

Wir geben in unserem Vortrag Auskunft darüber, wie (a) die Wissen produzierenden Expert*innen ihren Status aneignen und behaupten, wie (b) die Konstruktion des Virus im Verlauf der Pandemie erfolgt, inwiefern (c) dem Virus Agency zugeschrieben wird und (d) welche Handlungsoptionen sich daraus ergeben. Wir verweisen damit auf Wahrheitsverständnisse über das Virus und die Konstruktion von Expert*innenwissen.



Journalistische Expertise in Zeiten der Unübersichtlichkeit. Praktiken journalistischer Wissensproduktion am Beispiel des (Nicht-)Aussetzens eines Impfstoffes

Alexander Antony, Sarah Miriam Pritz

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Deutschland

Im Zuge der Corona-Pandemie werden Nicht-Wissenschaftler*innen in einem beispiellosen Ausmaß mit verschiedenen Formen wissenschaftlichen Wissens konfrontiert. Wissenschaftliche Begriffe, Statistiken und Kennzahlen, aktuelle empirische Studienergebnisse etc. treffen wie selten zuvor auf wissenschaftsexterne Adressat*innen. Als eine zentrale Instanz der Distribution und Übersetzung wissenschaftlichen Wissens erweist sich der Journalismus. Er bietet wissenschaftlichen Akteur*innen und Standpunkten eine massenmediale Plattform und wird so zum (Mit-)Produzenten einer Pandemie der Expertise.

Wie ist es aber um die journalistische Expertise selbst bestellt? Gerade in epistemisch unbestimmten Situationen lässt sich fragen: Welche Formen inszenierter Kompetenz werden in der journalistischen Wissensproduktion sichtbar? Wie operiert der Journalismus im Spannungsfeld heterogener Positionierungen (insbesondere von wissenschaftlicher und politischer Seite)? Worin zeichnet sich die von ihm beanspruchte Expertise in Zeiten der Unübersichtlichkeit aus?

Diese Fragen behandeln wir auf der Grundlage einer Deutschland und Österreich vergleichenden Fallstudie, welche die mediale Berichterstattung (vornehmlich überregionaler Tageszeitungen) zum (Nicht-)Aussetzen des Covid 19-Impfstoffs des Herstellers AstraZeneca im März 2021 zum Gegenstand hat. Diese Situation war nicht nur deswegen besonders, weil sie sich durch (temporäre) wissenschaftliche Ungewissheit auszeichnete, sondern darüber hinaus die Regierungen der beiden Länder in der Folge – bei letztlich gleicher Datenlage – konträre Konsequenzen zogen: Impfstopp auf der einen, Weiterimpfen auf der anderen Seite. In Auseinandersetzung mit neueren Ansätzen der sociology of expertise rekonstruieren wir die diskursiven Strategien journalistischer Wissensproduktion zwischen (a) dem Beobachten und Ordnen unterschiedlicher Positionierungen, (b) dem gezielten Ermöglichen und Einfordern von Positionierungen (z. B. mittels Interviews) und (c) journalistischen Selbstpositionierungen im Modus der (Be )Wertung.



Krise der Expertise? Eine institutionelle Perspektive auf wissenschaftliche Expert*innengremien der österreichischen Bundesregierung während der Coronakrise

Nikolaus Poechhacker, Katharina König

Universität Graz, Österreich

Expertise ist grundsätzlich fragil, da sie stets und immer wieder aufs Neue hergestellt werden muss. Wie Irwin und Michael (2003) zeigen, konstituiert sie sich einerseits in einem komplexen institutionellen Geflecht von Abstimmung, Bereinigung, und Abgleichung von Positionen innerhalb der Institutionen der Wissensproduktion und wird aber andererseits durch eine Attribuierung von Expertise durch die öffentliche Rezeption hergestellt. Expertise vollzieht sich demnach im Spannungsfeld zwischen einer nach innen gerichteter Aushandlung (Pfadenhauer, 2003) und einer nach außen gerichteten Performativität von Wissen – welche sich gegenseitig irritieren können. Wie schon andernorts in den Science and Technology Studies diskutiert (Shapin, 1995), spielen Vertrauen und Abstimmungsprozesse wesentliche Rollen in der inneren Aushandlung von Expertise. Während in Zeiten relativer Stabilität auch Expertise durch institutionelle Prozesse stabilisiert wird – und so soziale Wirkmächtigkeit erhält – werden diese Gewissheiten in Zeiten von Unsicherheiten erschüttert. Die aktuelle Pandemie ist hierfür sicher ein Paradebeispiel - und wirft die Frage nach den Prozessen der Produktion von Expertise auf.

Basierend auf qualitativen Interviews mit Expert*innen, welche die österreichische Bundesregierung in der Coronakrise beraten haben, diskutieren wir in unserem Beitrag die Rolle der Institutionalisierung von Expertise vor dem theoretischen Hintergrund de Ethno-Epistemic Assemblages (Irwin & Michael, 2003). Insbesondere diese teilweise fehlenden Formen der institutionalisierten Konstruktion von Expertise haben eine Stabilisierung derselben innerhalb der Beratungsgremien erschwert. Die trifft auf die Mobilisierung von Expertise durch die Politik zu, aber auch auf die Prozesse der Aushandlung im Wechselspiel von Anerkennung und Abgrenzung unterschiedlicher Expertisen. In der Rekonstruktion von (fragilen) Aushandlungsprozessen zeigt sich, dass Krisen wie die gegenwärtige Pandemie nicht notwendigerweise zu einem erstarken von Expertise beitragen (allgemeiner dazu siehe Pfadenhauer, 2006), sondern entsprechende Strukturen bereits vorab und aktiv hergestellt werden müssen.



 
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