Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
Sek_ReliS: Sektionsveranstaltung - Corona und die Spiritualität von Verschwörungsnarrativen
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Annette Schnabel, Heinrich-heine-Universität Düsseldorf
Chair der Sitzung: Alexander Yendell, Universität Leipzig
Chair der Sitzung: Kornelia Sammet, Deutsches Jugendinstitut
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Religionssoziologie (DGS)


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Präsentationen

Esoterik und Corona: Krisendeutungen zwischen Spiritualität und rechtem Denken

Lukas Geck

Universität Gießen, Deutschland

Die Zusammensetzung der Corona-Demonstrationen im vergangenen Jahr, in denen nicht nur Esoteriker*innen zu sehen waren, sondern Reichsflaggen geschwenkt und die Shoah relativiert wurde, wirft die Frage nach den weltanschaulichen Überschneidungen zwischen der Esoterikszene und der extremen Rechten auf. Anhand einer Analyse einschlägiger Beiträge in Telegramkanälen, Online-Foren und Blogs aus der Esoterikszene befasst sich mein Beitrag mit den ideologischen Anknüpfungspunkten an rechtsextremes Gedankengut. Esoterisches Denken ist auch in Zeiten von Corona keinesfalls homogen: Krisendeutungen reichen von Vorstellungen einer mahnenden Natur und dem Anbrechen eines neuen Zeitalters bis hin zu antisemitischen Verschwörungsfantasien. Die Suche nach einem Sinn oder einer Erklärung für die Geschehnisse entpuppen sich dabei als autoritärer und regressiver Wunsch, sich freiwillig eines höheren Schicksals zu unterwerfen und in einer subjektiv kontrollierbar empfundenen Welt zu leben. Insofern bergen esoterische Weltdeutungen die Gefahr absolute und unhintergehbare Wahrheiten für sich zu beanspruchen, was den Idealen einer aufgeklärten, liberalen und freiheitlichen Gesellschaft widerspricht. In manchen esoterischen Kreisen spielt ein damit korrespondierendes Elitenwissen eine große Rolle: Indem man sich selbst zu den Erwachten zählt, werden Gegenargumente mit dem Verweis auf fehlende tiefere Erkenntnis des anderen zurückgewiesen. Die damit verbundene Vorstellung, jedem Menschen einen Platz je nach Erkenntnisstufe zuzuweisen ist nicht nur antiegalitär und antidemokratisch, sondern offenbart völkisch-biologistische Ordnungsvorstellungen, die ebenfalls in rechtsextremen Ideologien zu finden sind. In Verbindung mit der Sichtweise, ältere Menschen am Leben zu erhalten sei unnatürlich, offenbaren sich Ungleichheitsvorstellungen sowie sozialdarwinistische Tendenzen, die anknüpfbar an völkische Gesellschaftsvorstellungen der extremen Rechten sind.



Die Offenbarungen des Q: Zur Verbreitung und ideologischen Anschlussfähigkeit der QAnon-Verschwörungstheorie bei US-amerikanischen Evangelikalen

Heiko Beyer, Niklas Herrberg

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Deutschland

Der Vortrag beschäftigt sich mit der allgemeinen Frage, ob und warum verschwörungstheoretische Überzeugungen unter Mitgliedern bestimmter religiöser Gruppen besonders verbreitet sind und welche Rolle in diesem Zusammenhang Ansichten zur Corona-Pandemie spielen. Am Beispiel der Einstellungen US-amerikanischer Bürger zu „QAnon“ zeigen wir zunächst mittels deskriptiver quantitativer Befunde (n=2830), dass vor allem Evangelikale empfänglich für diese Verschwörungstheorie sind. In einem zweiten Schritt legen wir dar, dass dieser Zusammenhang stark davon beeinflusst wird, wie Befragte die Faktenlage zu Covid19 einschätzen. Die rasant gestiegene Popularität der QAnon-Verschwörungstheorie im Laufe des Jahres 2020 ist demzufolge zu einem Teil auf die Ablehnung des dominanten öffentlichen Narratives zur Corona-Pandemie zurückzuführen. Dieser Mediatoreffekt kann, drittens, durch die Affinität zwischen evangelikalen und verschwörungstheoretischen Ideologemen erklärt werden: Die durch die Pandemie ausgelöste epistemische, moralische und praktische Verunsicherung, so die Annahme, wird durch Verschwörungstheorien, die an zentrale Elemente des evangelikalen Dogmas andocken, verringert.



Verschwörungsdenken als Kosmodizee: Rechtfertigung durch Kritik

Robert Schäfer

Universität Basel, Schweiz

Verschwörungsnarrative werden in diesem Beitrag dabei als Kosmodizee verstanden, als säkulare Form der Rechtfertigung der Welt. Ihr Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass etwas nicht stimmt mit der offiziellen Darstellung der Wirklichkeit. Diesem «Generalverdacht» (Boltanski) entspricht der Drang, zu entlarven und aufzudecken, was tatsächlich der Fall ist. Dieses Motiv ist aber nicht spezifisch für Verschwörungsnarrativen, sondern charakteristisch bspw. auch für sozialwissenschaftlich informierte Ideologiekritik. Der Unterschied liegt darin, dass Verschwörungsnarrative die Verblendung intentionalistisch interpretieren, sie also nicht auf gesellschaftliche Strukturen zurechnen, sondern auf Motive und Pläne.

Hier kann der religionssoziologische Vergleich ansetzen. Die Vorstellung, dass die weltlichen Ereignisse Ausdruck eines grösseren Plans sind, findet sich in unterschiedlicher Form in vielen Religionen. Der Glaube an einen göttlichen Plan funktioniert als radikale Kontingenzreduktion. Wenn das Weltgeschehen nach einem Plan abläuft, ist es so, wie es sein muss. Zufall wird (mehr oder weniger konsequent) ausgeschlossen und als Schicksal gedeutet, d.h. als Notwendigkeit. Die Annahme einer Notwendigkeit ist ihrerseits die radikalste Form der Rechtfertigung. Was nicht anders sein kann, als es ist, kann nicht kritisiert werde. Eine aufschlussreiche Untersuchung religiöser Rechtfertigungen des Weltgeschehens findet sich in Webers Theodizeetypologie. Indem man diese so «übersetzt», dass sie zur Untersuchung auch säkularer Rechtfertigungsstrategien verwendet werden kann, lässt sich zeigen, wie Verschwörungsnarrative als dualistische Kosmodizee funktionieren. Das steht in genauem Gegensatz zur Selbstbeschreibung als Form fundamentaler Gesellschaftskritik und führt zur Beobachtung der Paradoxie von Kritik als Rechtfertigung.



Religiosität und Verschwörungsaffinität in Zeiten gesellschaftlicher Krisen

Lisa Schwaiger, Jörg Schneider, Mark Eisenegger

Universität Zürich, Schweiz

Krisenzeiten sind seit jeher davon geprägt, dass alternative Weltdeutungen an Definitionsmacht gewinnen und hegemoniale Leitbilder der öffentlichen Sphäre in Frage stellen, da Erklärungen der medialen und politischen Öffentlichkeit für Teile der Bevölkerung keine zufriedenstellenden Antworten mehr auf gesellschaftliche Probleme bieten (Imhof, 1996). Im Zuge der Covid-19-Pandemie zirkulieren verstärkt ebensolche alternativen Narrative im Sinne von Verschwörungstheorien, die im Kern versuchen, Erklärungen für komplexe Sachverhalte zu geben: Gesellschaftliche Ereignisse stünden miteinander in Zusammenhang und würden von geheimen Gruppen gesteuert (Clarke, 2002). Es stellt sich dabei die Frage, ob Verschwörungstheorien religiöse oder spirituelle Züge beinhalten und allenfalls sogar eine Art „Ersatzreligion“ darstellen, mit dem Ziel, schicksalhafte Ereignisse mit Sinn zu füllen.

Im Zuge einer repräsentativen Befragung der Schweizer Bevölkerung mit einem standardisierten Onlinefragebogen (n = 1.212) während der Covid-19-Pandemie im November/Dezember 2020 untersuchten wir den Zusammenhang zwischen Religiosität und der Affinität gegenüber Verschwörungsnarrativen. Erste Ergebnisse zeigen, dass Schweizer_innen mit evangelischer Konfession im Vergleich zu Katholik_innen und Konfessionslosen die signifikant geringste Affinität gegenüber Verschwörungsnarrativen aufweisen. Insgesamt sind jedoch Personen, die Religion und Spiritualität eine höhere Wichtigkeit in unterschiedlichen Lebensbereichen einräumen, tendenziell anfälliger für irrationalen Verschwörungsglauben und populistische Verschwörungsnarrative. Die Annahme, dass Verschwörungserzählungen durch religiös sozialisierte Wertvorstellungen tendenziell befördert werden können, wird im Rahmen einer zusätzlichen Bevölkerungsbefragung weiter untersucht.

Literatur

Clarke, S. (2002). Conspiracy Theories and Conspiracy Theorizing. Philosophy of the Social Sciences, 32(2), 131–150. doi:10.1177/004931032002001

Imhof, K. (1996). Intersubjektivität und Moderne. In K. Imhof & G. Romano (Hrsg.), Die Diskontinuität der Moderne. Zur Theorie sozialen Wandels. (S. 200–292). Frankfurt am Main: Campus.



Unbeachtete Zusammenhänge - Nichtreligiöse Glaubensformen, Verschwörungsmythen und Demokratiedistanz

Rebecca Endtricht, Jannik M.K. Fischer

Universität Hamburg, Deutschland

Die Rolle von Glaube und Religiosität in der Erklärung von Radikalisierungsphänomenen wurde in der Einstellungsforschung bislang primär anhand von Weltreligionen wie dem Christentum oder dem Islam betrachtet. Dabei konnten sowohl immunisierende Effekte als auch begünstigende Faktoren gegenüber extremismusaffinen, demokratiedistanten Einstellungen mit Religiosität assoziiert werden. Nichtreligiöse Glaubensformen, Weltbilder und Spiritualität finden in diesem Feld jedoch bislang kaum Beachtung. Angesichts des hohen Anteils Nichtreligiöser in Deutschland erscheint dies verwunderlich, da auch diese sich nicht in einem ideologiefreien Raum bewegen, sondern sich anhand ihrer Welt- und Wertebilder durchaus an glaubensbezogene Haltungen koppeln können. In Teilen der daraus entstehenden Strömungen (z.B. Esoterik, Neuheidentum) scheint zudem ein Hang zu Verschwörungsmythen und rechtem Gedankengut zu bestehen, der im Kontext der Corona-Pandemie auch öffentlich an Sichtbarkeit gewinnt.

Innerhalb des Forschungsverbundes MOTRA wird u.a. eine Befragung junger Menschen in Deutschland durchgeführt, deren Erhebungsfokus auf politischen und religiösen Einstellungen liegt. Dabei werden neben dem Christentum und dem Islam auch nichtreligiöse Glaubensformen, deren Weltbilder und spirituelle Ansichten erfasst und näher untersucht. Die gleichzeitige Erfassung von Verschwörungsmentalitäten sowie extremismusaffinen Einstellungen erlaubt eine Analyse der entsprechenden Zusammenhänge bei jungen Menschen. Anhand erster Befragungsdaten wird das Erhebungsinstrument zur Erfassung der Wertedimensionen nichtreligiöser und spiritueller Menschen vorgestellt und darüber hinaus beleuchtet, inwieweit sich Nichtreligiöse von Religionszugehörigen insbesondere mit Blick auf Offenheit gegenüber Verschwörungsmythen sowie extremismusaffinen Einstellungen unterscheiden.



 
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