Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Sitzung
Sek_Theorie: Sektionsveranstaltung - Theorie der (Post-)Corona-Gesellschaft
Zeit:
Montag, 23.08.2021:
14:30 - 16:30

Chair der Sitzung: Frithjof Nungesser, Österreichische Akademie der Wissenschaften
Chair der Sitzung: Robert Seyfert, CAU Kiel
Chair der Sitzung: Frank Welz, Universität Innsbruck
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Sektion Soziologische Theorie (DGS), Sektion Soziologische Theorie (ÖGS)


Zeige Hilfe zu 'Vergrößern oder verkleinern Sie den Text der Zusammenfassung' an
Präsentationen

Eine Krise moderner Abhängigkeitsverleugnung: Dis/Kontinuitäten in der Corona-Pandemie

Katharina Hoppe

Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland

Die Covid-19 Pandemie mit ihren politischen und gesellschaftlichen Folgen erscheint wie ein Paukenschlag, eine Zäsur: ‚vor Corona‘ wird bereits zur Chiffre für einen Zustand, in dem Ausgangssperren, Lockdowns, Test- und Impfzentren noch nichts mit uns zu tun hatten. Damit verweist sie auch auf einen „Normalzustand“ der Gesellschaft, der in Politik, Medien und im Alltagssprachgebrauch als anzustrebender Zustand aufgerufen wird. Öffnungsschritte versprechen eine „Rückkehr zur Normalität“. Dabei ist freilich zu fragen, welche und wessen Normalität hier eigentlich angesprochen wird. In aktivistischen Kontexten – etwa im Rahmen der Mobilisierung zum Klimastreik 2020 – wird diese Frage gestellt: Unter dem Motto „Eure Normalität ist unsere Krise“ wird der fiktionale Normalzustand als seinerseits krisenhaft aufgerufen. Eine Theorie der (Post-)Corona-Gesellschaft muss daher auch den Kontinuitäten der gegenwärtigen Krisenerfahrung nachgehen.

Vor diesem Hintergrund bietet der Vortrag sowohl eine grundbegriffliche Diskussion als auch eine Analyse der Kontinuitäten und Diskontinuitäten der Krise an. Zentraler Bezugspunkt ist die dualismuskritische soziologische Theorie. Zunächst plausibilisiere ich, warum es notwendig ist, Sozialität als einen bio- und ökosozialen Prozess zu begreifen. Das Virus führt eindrücklich vor Augen, dass es eine konstitutive speziesübergreifende Relationalität ist, der ‚wir‘ stets – auch jenseits der Pandemie – ausgesetzt sind, oder besser: deren Teil wir sind. Das Problem einer Trennungsarbeit zwischen Natur und Sozialem führt zwei Facetten mit sich: Erstens die Problematik des Vergessens der konstitutiven Verwiesenheit von Natur und Gesellschaft und zweitens die daraus resultierende Unfähigkeit eine Eigensinnigkeit und Destruktivität des Natürlichen anzuerkennen, die sich der kompletten Beherrschung entzieht. Ein Verständnis dieses doppelten Problemkomplexes erlaubt es, die gegenwärtige Krisenerfahrung vor allem als Scheitern moderner Verleugnungsstrategien zu deuten. Mit modernen Verleugnungsstrategien – das wird der zweite Teil des Vortrags ausführen – meine ich kulturelle Leistungen der Modernen, Abhängigkeitsverhältnisse vergessen zu machen. Gemeinsam ist diesen Leistungen, dass gesellschaftliche Abwertungsprozesse mit ihnen einhergehen, welche die dualismuskritische Perspektive verdeutlichen und problematisieren kann.



Infrastrukturen: Fundamentalökonomie und Gesellschaftsanalyse

Sighard Neckel

Universität Hamburg, Deutschland

Die Corona-Pandemie hat zu zahlreichen Debatten darüber geführt, ob unverzichtbare gesellschaftliche Leistungen nicht erheblich besser entlohnt und elementare Funktionen der gesellschaftlichen Versorgung nicht als hochwertige öffentliche Güter bereitgestellt werden sollten. Auch im internationalen Vergleich hat sich erwiesen, dass die Privatisierung gesellschaftlich notwendiger Infrastrukturen nicht allein im Gesundheitswesen die Verwundbarkeit von Bevölkerungen steigert und insbesondere schlechter gestellte Klassen vergleichsweise schutzlos Infektionsgefahren aussetzt. Hieraus entstanden Forderungen nach einem „Infrastruktursozialismus“ und einer Umwertung ökonomischer Werte mit dem Ziel, dem kollektiven Konsum von Gütern und Dienstleistungen Vorrang vor der Steigerung individueller Einkommen und Konsumchancen einzuräumen. In den Sozialwissenschaften haben in diesem Zusammenhang gesellschaftspolitische Programme wie jenes einer „Fundamentalökonomie“ verstärkte Aufmerksamkeit gefunden. Im Zentrum solcher Programmatiken steht eine institutionelle Korrektur der (Post)-Corona-Gesellschaft mit dem Ziel, deren öffentliche Einrichtungen und Infrastrukturen im Sinne des Gemeinwohls zu stärken.

Auch die soziologische Theorie hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten intensiver mit Infrastrukturen als materielle Komponenten von Gesellschaften auseinandergesetzt. Im Vortrag sollen diese soziologischen Konzepte bilanziert und auf die Krisensituation der Corona-Pandemie bezogen werden. Dabei wird insbesondere von Interesse sein, in welcher Weise aktuelle soziologische Ansätze kategorial dazu geeignet erscheinen, die sich anbahnenden Konflikte um die Überführung vom Infrastrukturen in die Fundamentalökonomie einer (Post)-Corona-Gesellschaft analytisch erschließen zu können.



Natur, Kultur, Personen und Viren. Gesellschaftstheorie nach dem ontological turn

Heike Delitz

Universität Bamberg, Deutschland

Dem Beitrag geht es um die Frage, ob und wie die Corona-Viren die „Debatte um die Natur-Kultur-Grenze“ neu entfachen: Handelt es sich um eine „Einmischung“ der Viren in modernste (und extramoderne) Gesellschaften – und wie ließe sich diese ‚Einmischung‘ aus dem Blick jener Theorien denken, die sich zentral mit der Natur-Kultur-Relation beschäftigen?

Die neostrukturale Anthropologie (E. Viveiros de Castro, Ph. Descola) hat die Natur-Kultur-Frage zum Zentrum der Anthropologie gemacht, indes in einem kennzeichnenden ‚ontological turn‘ - einer konzeptionellen Drehung, die den Vergleich von Ontologien zur Aufgabe der Anthropologie macht, die eigene Ontologie darin als eine Variante neben anderen einbeziehend. Ziel ist, das anthropologische und soziologische Denken zu „dekolonisieren“. Es geht um einen weniger anthropozentrischen, vor allem aber geht es um einen weniger eurozentrischen Begriff von Gesellschaft: um die Anerkennung anderer Ontologien und ihrer Kultur- und Gesellschaftstheorien.

In südamerikanischen Kollektiven gelten viele Nichtmenschen als Subjekte: Pflanzen, Tiere, Geister sprechen miteinander, ‚tun die Dinge nicht auf gut Glück‘, haben Kultur. Welchen Platz haben Viren hier, zu welchen Aussagen kommen z.B. Kollektive, deren Gesellschaftsbegriffe auf der animistischen Ontologie basieren, in der Pandemie?

Indem der Vortrag sich auf diese Suche begibt, um die eigene, ‚naturalistische‘ oder ‚multi-kulturalistische‘ Ontologie mit anderen zu vergleichen, wird (vermutlich) deutlich, dass das gegeneinander exklusive Verhältnis von Natur / Kultur von neuen Viren nicht in Frage gestellt ist. Diese Viren unterscheiden sich nicht von anderen, und auch wenn die evolutionsbiologische Rhetorik Viren ‚Ziele‘ zuspricht und Kultur auf Natur reduziert, so haben Viren für ‚uns‘ weder Sprache, noch weitere Institutionen. Anders formuliert: Auch wenn das Virus infolge der Urbanisierung auf den Menschen übersprang, verändert es die uns eigene Ontologie kaum.

Derart geht es im Vortrag darum, im Vergleich ontologische Prämissen von Kultur- und Gesellschaftstheorien offenzulegen – und andere Ontologien, deren Epistemologien und Kultur- und Gesellschaftstheorien als solche ernst zu nehmen. Letztlich ist das Ziel, ebenso zu einer weniger eurozentrischen Gesellschaftstheorie, wie auch zu einer anderen politischen Ökologie zu kommen.



Sozialität und Soziologie – viral irritiert

Stefan Hirschauer

Uni Mainz, Deutschland

Der Vortrag versucht zu bestimmen, was ‚pandemisch‘ für die Soziologie und was eine Pandemie für Sozialität(sbegriffe) bedeutet. Das Pandemische lässt sich als Ordnungsproblem einer dreifachen Entgrenzung verstehen: als räumliche Entgrenzung von endemischen Krankheiten, als ontologische Überschreitung der Außengrenzen des Sozialen durch nicht-menschliche Partizipanden sozialer Prozesse, und als gesellschafts¬weite Priorisierung einer sonst teilsystemisch eingehegten Unterscheidung von Infizierten und Nicht-Infizierten. Die Corona-Pandemie war/ist eine Ordnungskrise, in der diese Unterscheidung einerseits durch eine akute Bedrohungslage gefordert, andererseits durch ein vielfaches Unwissen verunmöglicht wurde. Daher waren alle angesteckt von der Angst vor der Ansteckung, die nur wenige tatsächlich haben mussten. Auf dieses Ordnungsproblem reagierte die Pandemiepolitik mit einer Reorganisation von Räumen verschiedener Größenordnungen. Es kam zu einem ungeplanten gesellschaftlichen Großexperiment mit der ungestellten Frage: Wofür ist Face-to-face-Interaktion verzichtbar und telekommunikativ substituierbar, wofür nicht?

Der Vortrag versucht ein vorläufiges Resümee der sozialtheoretisch relevanten Wirkungen des politischen Programms der Drosselung von kopräsenten Interaktionen: Sie betreffen 1. die dominanten sozialen Gebilde: Pandemien stiften gute realhistorische Gründe für temporär praktizierten Minimal-Gruppismus. 2. nähern die Abstandsgebote den ethnosoziologischen Begriff von Sozialität dem abstrakteren soziologischen an. 3. sollten Pandemien dazu beitragen, diesen soziologischen Begriff zu readjustieren: Die Etablierung des Internets gab einem auf Reichweiten gestimmten Kommunikations¬begriff Konjunktur, die Wiederkehr von Pandemien nimmt Interaktionen ihre kommunikationstheoretische Niedlichkeit. Interaktionen verbinden Personen auch in ihrer labilen Lebendigkeit. Eben deshalb docken Viren an sie an und gehen hier eine nicht reziproke Beziehung mit den Menschen ein, um sich verlebendigen zu lassen: Interagierende Menschen sind für Viren Mobilitätsvehikel, eingefangene Viren für Menschen Interaktionsmitbringsel. Will die Gesellschaft dies unterbinden, muss sie die sozial aufdringlichen Erreger an ihren Rändern kulturell animieren. Biologisch existieren Viren in Symbiosen, kulturell besser in Ellipsen: in ihnen überlassenen, aber unwirtlich leeren Räumen.



 
Impressum · Kontaktadresse:
Datenschutzerklärung · Veranstaltung: DGS ÖGS Soziologiekongress 2021
Conference Software - ConfTool Pro 2.6.142
© 2001–2022 by Dr. H. Weinreich, Hamburg, Germany