Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Sitzung
Sek_Netzw: Sektionsveranstaltung - Distanzierung als Herausforderung für soziale Netzwerke
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Malte Doehne, Universität Zürich
Chair der Sitzung: Sören Petermann, Ruhr-Universität Bochum

Soziologische Netzwerkforschung (DGS)


Zeige Hilfe zu 'Vergrößern oder verkleinern Sie den Text der Zusammenfassung' an
Präsentationen

Wenn die Distanzierung zu Unerreichbarkeit führt. Folgen der Überführung der Universität in den digitalen Raum.

Christian Stegbauer1, Stefan Klingelhöfer2

1Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland; 2Provadis Hochschule Frankfurt

In unserem Forschungsprojekt fragen wir nach den Auswirkungen der coronabedingten Transformation der Universität in die Kontaktlosigkeit. Wir möchten wissen, wie sich unter diesen Bedingungen die Struktur der Beziehungen und der Beziehungswahrnehmung zwischen Studierenden verändern und welche Konsequenzen dies hat.

Wir untersuchen dies an einer privaten Hochschule und einer großen öffentlichen Universität. Wir arbeiten mit einem Mixed Methods Design, welche die Beobachtung von Lehrveranstaltungen mit leitfadengestützten Interviews (ca. 50 – die Hälfte davon liegt bereits vor) und standardisierten Netzwerkerhebungen auf Veranstaltungsbasis (ca. 30 Veranstaltungen) verbindet. Bis Mitte Juli wird die Erhebung abgeschlossen sein und ein Teil dieser Daten wird zusätzlich in den Vortrag einfließen).

Auf Basis der Auswertungen der bisher erhobenen qualitativen Interviews kommen wir jetzt schon zu sehr aussagekräftigen Ergebnissen hinsichtlich der Veränderung von Netzwerken:

Die Studierenden schränken ihre Kontakte bis auf wenige Kernbeziehungen rigoros ein. Es bleiben meist ein bis zwei Kernbeziehungen (engste Freund*innen) und bereits eingeschränkte Eltern- bzw. Großelternbeziehungen bestehen. Praktisch alle schwachen Kontakte an den Hochschulen sind entfallen, abgesehen von organisatorisch vorgegeben (z.B. bei Gruppenarbeiten). Vorpandemisch vorhandene regelmäßige Treffen an der Hochschule (etwa am Rande der Bibliothek oder Mensaverabredungen) sind nicht mehr vorhanden. Zufällige Kontakte gibt es nicht mehr. Eine informelle Gruppenbildung ist praktisch unmöglich, ebenso wie das Kennenlernen neuer Kommiliton*innen. Vor allen Dingen entfällt vollständig die Wahrnehmungsfähigkeit der Beziehungen der anderen in der sozialen Umgebung, auch wenn dieser Desozialisierungseffekt zum Teil durch die Veranstaltungsorganisation moderiert wird.

Wenn schwache und zufällige Kontakte wegfallen, dann wirkt sich das auf die Verbreitung von kulturellem und organisatorischem Wissen aus. Den Studierenden fehlt z.B. das Wissen darüber, wie die anderen mit Problemen und praktischen Fragen umgehen. Ferner sind Auswirkungen auf die soziale Integration der Studierenden zu beobachten. Es fehlt die Wahrnehmung davon, wo man im sozialen Gefüge der Institution Hochschule steht.



Wissenschaftliche Kooperationsnetzwerke in Zeiten der Pandemie – starke Zentren, vernachlässigte Peripherien?

Melike Janßen1, Martin Reinhart2

1Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, Deutschland; 2Humboldt-Universität zu Berlin, Deutschland

Wissenschftl. Kooperationen sind unerlässlich für die Bewältigung komplexer Probleme und zentraler Bestandteil der Wissensproduktion, der Vorteile (z.B. Synergien, Ressourcenbündelung), aber auch Herausforderungen (z.B. Transaktionskosten, Reziprozität, Vertrauen) verbindet. In einem laufenden Projekt untersuchen wir Determinanten u. Auswirkungen wissenschftl. Kooperationen in divergierenden und sich verändernden Kontexten, wobei wir zwei Konstellationen fokussieren: Kooperationen in Organisationen und in Netzwerken. In vergleichenden Fallstudien in den Bereichen Biomedizin u. Umweltforschung verbinden wir Experteninterviews und bibliometrische Netzwerkanalysen, erfassen Kooperationsmerkmale wie räumliche Nähe und Heterogenität der Partner und untersuchen den Einfluss divergierender institutioneller Bedingungen auf die Forschungspraxis.

Der empirische Fall im Mittelpunkt des Beitrags ist ein wissenschftl. Kooperationsnetzwerk, das durch eine gleichzeitige Nähe & Distanz, mit starkem Zentrum und größerer Peripherie, sowie Elementen sozialer Schließung & Offenheit gekennzeichnet ist. Das Netzwerk versteht sich zudem auf mehreren Ebenen, u.a. Herkunft/Kultur, Geschlecht, Disziplin, als heterogen.

Während heterogene Kooperationen spezifische Herausforderungen bergen, zeitigt die Pandemiebedingte Distanz weitere Effekte: Sollen räumliche Nähe & Informalität soziale Distanz zwar überbrücken, wird der Aufbau einer Kooperationsbeziehungen fördernde und durch sie geförderte generalisierten Reziprozität durch auferlegte Distanz erschwert. Und während die (insb. disziplinäre) Heterogenität eine für die Bearbeitung komplexer Sachverhalte relevante Stärke markiert, mehren sich Anzeichen vergrößerter Homophilie resp. sozialer Schließung und –zuvor bereits existente– Probleme von Zentrum & Peripherie. Unser Beitrag nimmt sich diesen Herausforderungen, ihren Ursachen und Strategien des Umgangs sowie den sich bereits für eine Post-Corona-Gesellschaft abzeichnenden Folgerungen an. Basierend auf Experteninterviews mit Akteuren inner-&außerhalb des Zentrums werden Interaktionszusammenhänge (Kooperationsintensität, Anlässe, Objekte) beleuchtet und eruiert, welche sozialen Distanzen durch räumliche Distanzen verstärkt werden, welche Effekte auf Ebene der Netzwerkeinbindung & Wissensproduktion dies zeitigt und welche sozialen Distanzen mittels alternativer Wege überwunden werden.



Distanz schafft Nähe: Wie große räumliche Distanzen die Formation von Kollaborationsbeziehungen in interorganisationalen Innovationsprojekten fördern

Philip Roth1, Jannika Mattes2

1RWTH Aachen, Deutschland; 2Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Deutschland

Raum hat sich in vielen Bereichen der Organisationsforschung und besonders für die Formation von Beziehungen in und zwischen Organisationen als wichtiger Faktor erwiesen. In der diesbezüglichen Forschung wird Raum absolut gesetzt und losgelöst von sozialen Praktiken betrachtet. Davon ausgehend wird angenommen, dass die Formation von Beziehungen mit wachsender räumlicher Distanz linear unwahrscheinlicher wird, weil face-to-face Kontakte seltener werden. Ausgehend von aktuellen raumsoziologischen Überlegungen erscheint es jedoch plausibel, dass verschiedene Distanzen mit verschiedenen Praktiken assoziiert sind, die die Formation von Beziehungen in unterschiedlichem Maße begünstigen. Dementsprechend kann angenommen werden, dass die Wirkung von Distanz in nicht linearer Weise variiert und sich der Zusammenhang nur mit Blick auf die konkreten Mechanismen/Praktiken erschließen lässt. Diesem Argument folgenden wird im Artikel die Formation von 2011 persönlichen Beziehungen aus 20, vom deutschen Ministerium für Bildung und Forschung geförderten interorganisationalen Innovationsprojekten analysiert. Neben einer standardisierten Abfrage von sieben Beziehungsdimensionen wurden die Formation der Beziehungen mit sämtlichen Personen (ca. 200) in Qualitativen Interviews explorativ rekonstruiert. Auf Grundlage der Qualitativen Interviewdaten werden verschiedene Distanz bezogene Praktiken identifiziert. Dabei zeigt sich, dass beziehungsförderliche Mechanismen nicht nur für große Nähe existieren, sondern auch für große Distanz. In Übereinstimmung mit diesem Befund zeigt die statistische Analyse von Beziehungsstärken und räumlicher Distanzen, dass große Distanzen die Formation von persönlichen Beziehungen sogar stärker fördern als sehr kurze. Mittlere Distanzen erweisen sich ebenfalls im Einklang mit der qualitativen Mechanismenanalyse als besonders ungeeignet, sodass sich eine U kurve mit Maxima bei hoher Distanz ergibt. Die Analyse zeigt also, dass räumliche Distanz unter den gegebenen Bedingungen soziale Nähe schafft.



Was kann und muss der Haushalt leisten? - Sozialleben 2020 vor und während Covid-Kontaktbeschränkungen

Andreas Herz

Deutsches Jugendinstitut München, Deutschland

Die Maßnahmen zur Verlangsamung der Verbreitung des Covid-19-Erregers bzw. der Corona Pandemie nehmen zentral Einfluss auf das Sozialleben. Sie wirken sich darauf aus, wie umfangreich mit wem und wie Kontakte stattfinden (können). In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, ob es im Zug der Kontaktbeschränkungen zu einer Konzentration und Intensivierung von Sozialleben im unmittelbaren geographischen Umfeld, d.h. im Haushalt kommt und welche Auswirkungen dies auf die Beziehungsgestaltung im Sinne von sozialer Unterstützung und Konflikten in Sozialbeziehungen nimmt.

Grundlage für die Analysen bildet eine deutschlandweite Onlinebefragung mit rund 4.000 Befragten, welche Auskunft über Beziehungsgestaltung vor und während der ersten fünf Wochen der Covid-19-Kontaktbeschränkungen in 2020 gibt (Befragungsstart: 20.3.2020, www.uni-hildesheim.de/sozkon). In der Befragung wurden die vier zeitlich am kürzesten zurückliegenden Kontakte der Personen als ego-zentriertes Netzwerk, sowie Kommunikationsmodus, Kontaktveränderung, Unterstützung, Kontext der Beziehung etc. zu den Alteri erfragt.

Der Beitrag zeigt, dass sich im Zuge der ersten Kontaktbeschränkungen in 2020 face-to-face Kontakte deutlich auf den Haushalt konzentrieren und Kontakte zu Personen, die jenseits des Haushalts leben, stärker über Kommunikationsmedien vermittelt sind. Mit der Konzentration auf das Sozialleben auf den Haushaltskontext geht dabei sowohl eine Intensivierung von Unterstützung als auch Belastungssituationen in der Form von Konflikten im Haushalt einher.



Räumliche Nähe und Distanz in den Netzwerken ländlicher „Digitaler Pioniere“

Tobias Mettenberger, Julia Binder, Julia Zscherneck

BTU Cottbus - Senftenberg, Deutschland

Mit den territorialen Modellen der Wirtschaftsgeographie wird argumentiert, dass Innovationen insbesondere dort entstehen, wo ressourcenstarke Akteure in räumlicher Nähe miteinander kooperieren. Solche Cluster werden vorwiegend in urbanen Ballungsräumen verortet, sodass ländlichen Regionen nachteilige Innovationsbedingungen zugeschrieben werden. Dem kann entgegnet werden, dass sich soziale Beziehungen, insbesondere angesichts des digitalen Fortschritts, immer weniger durch physische Nähe strukturieren.

Für die von uns fokussierten „Digitalen Pionier*innen der ländlichen Regionalentwicklung“ erscheinen beide Argumente plausibel. Einerseits ist es für diese Akteure alltäglich, Beziehungen mittels digitaler Kommunikationstechnologien zu knüpfen oder zu pflegen, sodass die Bedeutung physischer Nähe nivelliert wird. Anderseits benötigen die Pionier*innen Unterstützung regionaler Governance-Netzwerke, damit sie ihre innovativen Lösungen zur Daseinsvorsorge und Wertschöpfung vor Ort umsetzen können. Folglich ist die Frage zentral: Wie beeinflussen soziale und räumliche Distanzen die netzwerkbasierten Ressourcenzugänge Digitaler Pionier*innen in ländlichen Regionen?

Dazu führen wir im Sommer 2021 eine ego-zentrierte Netzwerkanalyse in zwei Regionen in Ost- und West-Deutschland durch. Wir fokussieren innovative Projekten von Unternehmen, Verwaltungen sowie Vereinen und bitten die Schlüsselpersonen, ihre als Ressourcenzugänge wichtige Kontakte zu nennen, näher zu kategorisieren, zu lokalisieren und die erfahrene Unterstützung zu konkretisieren.

Wir verknüpfen netzwerkanalytische und raumtheoretische Überlegungen, um zu zeigen, inwiefern unterschiedliche Beziehungstypen (bonding, bridging, linking social capital) den Digitalen Pionier*innen Ressourcenzugänge eröffnen. Dazu ist das Verhältnis räumlicher und sozialer Distanzen entscheidend. So können unmittelbare physische Kontaktgelegenheiten wichtig sein und dementsprechend Vorteile nahräumlicher Beziehungen bestehen. Zugleich ist denkbar, dass zwischen Digitalen Pionier*innen und vielen Akteuren der ländlichen Politik und Regionalplanung aufgrund biographischer, beruflicher und soziokultureller Unterschiede große soziale Distanzen bestehen. Darüber hinaus knüpfen wir an Debatten zu Stadt-Umland-Beziehungen und praxistheoretische Raumkonzepte an, indem wir die individuellen Ortsbezüge der Pionier*innen rekonstruieren.



„Man erlebt wirklich, wer sein Nachbar ist“ Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Wohnumgebung und Nachbarschaft am Beispiel der Kölner Altstadt

Jan Üblacker1, Holger Spieckermann2, Max Freund2, Sophie Nagorni2, Milena Stankov3

1EBZ Business School Bochum, Deutschland; 2Technische Hochschule Köln; 3Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung Dortmund

Domumgebung und Altstadt bilden das Herz der Kölner Innenstadt: Auf vergleichsweise engem Raum konzentrieren sich touristische Attraktionen, Einkaufsmöglichkeiten, Gastgewerbe, Rheinschiffahrt, der Hauptbahnhof und das Rathaus. Nahezu wöchentlich finden in den öffentlichen Räumen des Gebiets politische Demonstrationen, kulturelle Veranstaltungen und Feste statt, die unter „normalen“ Umständen zahlreiche Besucher*innen und Tourist*innen anziehen. Das Wohnen im Gebiet ist vergleichsweise marginalisiert, wodurch die anderen Bewohner*innen außerhalb der eigenen Wohngebäude mitunter schwer zu erkennen sind. Seit Beginn der Corona-Pandemie haben sich die Verhältnisse jedoch grundlegend gewandelt. Kontakt- und Reisebeschränkungen, Ladenschließung und Maskenpflicht lassen das Wohnumfeld in einem gänzlich anderen Licht erscheinen. Vor diesem Hintergrund geht der vorgeschlagene Beitrag den folgenden Fragen nach:

1. Wie erleben die Bewohner*innen der Kölner Altstadt ihre Wohnumgebung und Nachbarschaft?

2. Wie bedingt dieser spezifische räumliche Kontext die wechselseitige Wahrnehmung und den Aufbau von Nachbarschaftsbeziehungen?

3. Wie wirken sich die Pandemie und die Maßnahmen zur Eindämmung auf das öffentliche Miteinander in der Kölner Altstadt aus?

Im Rahmen einer explorativen Studie wurden im Winter 20/21 20 leitfadengestützte Interviews mit Bewohner*innen geführt. Die Fallauswahl erfolgte nach Wohndauer- und Altersgruppen, die auf Basis einer Analyse der amtlichen Statistik gebildet wurden.

Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass Befragte das Gebiet über seine historische Bedeutung, kölsche Tradition und die dadurch hervorgerufene touristische (Über-)Nutzung charakterisieren. Letztere veranlasst die Alteingesessenen, die sich als Teil dieser Tradition verstehen, zu verschiedenen Umgangsstrategien die dem Aufbau und Fortbestand lokaler Beziehungen dienen. Einige Neuhinzugezogene hingegen äußern Schwierigkeiten unter den vielfältigen Nutzer*innen des Gebiets ihre Nachbar*innen zu identifizieren und Kontakte aufzubauen. Die Auswirkungen der Pandemie sind ambivalent: Die Nachbar*innen sind nun zwar „sichtbarer“, aber der Aufbau von Beziehungen ist aufgrund des Infektionsgeschehens weiterhin problematisch. Die verminderte Frequentierung des Gebiets steigert zwar die Zufriedenheit, ruft aber auch Unsicherheitsgefühle (Leerstand, enge Altstadtgassen) hervor.



 
Impressum · Kontaktadresse:
Datenschutzerklärung · Veranstaltung: DGS ÖGS Soziologiekongress 2021
Conference Software - ConfTool Pro 2.6.142
© 2001–2022 by Dr. H. Weinreich, Hamburg, Germany