Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Sitzung
Plenum_NachDerNatur: Plenum - Nach der Naturbeherrschung: Impulse der Covid-19-Krise für eine globale nachhaltige Entwicklung?
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
14:30 - 16:30

Chair der Sitzung: Marina Fischer-Kowalski, Universität für Bodenkultur, Wien
Chair der Sitzung: Johann Behrens, keine (Rentner)
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Zeige Hilfe zu 'Vergrößern oder verkleinern Sie den Text der Zusammenfassung' an
Präsentationen

Aus der Pandemie ein neues Naturverhältnis entwickeln? Diskurs- und Narrationsanalysen zum Zusammenhang zwischen der Covid-19-Pandemie und dem massenhaften Artensterben

Jens Jetzkowitz

Museum für Naturkunde Berlin - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung, Deutschland

Als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 11. März 2020 die Ausbreitung von Covid-19 zur Pandemie erklärte, wurden alsbald Stimmen laut, die einen Zusammenhang zum anthropogenen massenhaften Verlust von Arten herstellten. Menschliche Eingriffe in den Naturhaushalt führen, so der Tenor, zu häufigeren Kontakten zwischen Menschen und ihren Nutztieren einerseits und Wildtieren andererseits, und erhöhen damit die Wahrscheinlichkeit von Zoonosen, d.h. des Übergangs von Infektionskrankheiten zwischen Tieren und Menschen. Insbesondere die Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) hat dieses Thema auf die Agenda der internationalen Umweltpolitik gesetzt. 2019 hatte sie mit der Veröffentlichung eines Weltzustandsberichts die Diskurshoheit hinsichtlich des globalen Artensterbens übernommen. 2020 wurden in Pressemitteilungen und einem Workshop-Bericht die Wirkungszusammenhänge zwischen den direkten Einflussfaktoren auf das Artensterben in terrestrischen Ökosystemen einerseits und Zoonosen andererseits ausgeleuchtet. In Deutschland hat sich Bundesumweltministerin – zusammen mit für die IPBES tätigen Wissenschaftler:innen – des Themas angenommen und Anfang April 2020 einen intensivierten Natur- und Artenschutz, inkl. eines Stopps für den Handel mit Wildtieren, als präventive Gesundheitspolitik gefordert.

Vor diesem Hintergrund untersuche ich, inwiefern die diskursive Verkoppelung der Covid-19-Pandemie mit dem massenhaften Artensterben naturbezogene Praktiken unterstützt, die sowohl menschliches Wohlbefinden und Gesundheit ermöglichen als auch wesentliche ökosystemare Funktionen dauerhaft erhalten. Scheint in dem Diskurs das Modell einer Welt auf, in welcher Gesellschaften die Risiken des Artensterbens und zoonotischer Epi- und Pandemien minimieren können? Von welchen Alternativen grenzt sich dieses Weltmodell ab? Wer trägt den wissenschaftlichen und den publizistischen Diskursstrang, wer ist Adressat und wer Publikum? Entlang dieser Forschungsfragen wird der Diskurs mit den Mitteln der wissenssoziologischen Diskursanalyse und der Narrationsanalyse rekonstruiert. Der Beitrag stellt die Ergebnisse vor und reflektiert, wie in dem Diskurs die Problemlage definiert wird und welche Lösungspotentiale für die aufgezeigten Konflikte aufscheinen.



Verhandlungen mit dem Virus? Zu sozial-ökologischen Transformationen in der Post-Corona-Gesellschaft

Stephan Lorenz1,2

1Friedrich Schiller Universität, Deutschland; 2FU Berlin, Deutschland

Kanzlerin Merkel sagte im Bundestag, das Virus lasse nicht mit sich verhandeln. Aus einer wissenschaftssoziologisch aufgeklärten sozialökologischen Sicht aber geht es genau darum und findet genau dies statt: Verhandlungen mit dem Virus. Verhandlung bedeutet, so wird es im Vortrag vertreten, sich auf ein Gegenüber einzulassen, um sich mit diesem wenigstens kompromisshaft zu arrangieren. Oder, wie Latour einmal formulierte, um „an erträglichen Orten zusammenleben“ zu können. Aber was ist für Menschen moderner Gesellschaften erträglich? Wenn die Natur v.a. als äußerer Gegenstand und Ressource erscheint, dann macht man sich diese zunutze oder muss sich, wo dies nicht gelingt, ihrer Übermacht – hier: „dem Virus“ – ergeben. Es bleiben nur Sieg oder Niederlage. Politisch ist das fatal. Realistisch betrachtet stellt es sich aber völlig anders dar. Überall ist man dabei zu erkunden, welche Arrangements möglich sind, um die dramatischen Konsequenzen der Pandemie in erträgliche Bahnen zu lenken. Was dabei ‚erträglich‘ heißen kann, bleibt selbstverständlich höchst umstritten und reicht von der Leugnung jeglicher Bedrohung bis zur völligen Erschöpfung. Auch Impfungen gehören zu den gesuchten Arrangements, obwohl ihre Entwicklung in Rekordzeit das Missverständnis bestärken könnte, dass der technologische Fortschrittspfad der einzig richtige sei. Jedoch wird dieser zugleich als Treiber von Pandemien beschrieben, wo er die Zerstörung von Habitaten, globale Vernetzungen (Produktion, Tourismus u.a.), Massentierhaltung und Wildtierhandel forciert. Hier gibt es zahlreiche ‚Verhandlungsspielräume‘. Die Post-Corona-Gesellschaft wird sich auf veränderte Naturverhältnisse einlassen müssen, wenn künftige pandemische ‚Überraschungen‘ vermieden werden sollen.

Soziologisch reicht dies aber noch nicht aus, weshalb die Grenzen dieser sozialökologischen Perspektive im Beitrag ebenfalls reflektiert werden. Denn die sozial ungleichen Optionen solcher Arrangements kommen darin nicht hinreichend vor. Ungleichheitsfragen folgen anderen Mustern als die sozial-ökologischen der Naturverhältnisse. Für das Pandemieverständnis können diese Perspektiven einander nicht ersetzen oder umfassen, sondern bleiben jeweils reduktionistisch. Sie müssen in der Post-Corona-Soziologie beide – je für sich und in ihrem Zusammenspiel – zur Geltung gebracht werden, was bislang nur unzureichend geschieht.



 
Impressum · Kontaktadresse:
Datenschutzerklärung · Veranstaltung: DGS ÖGS Soziologiekongress 2021
Conference Software - ConfTool Pro 2.6.142
© 2001–2022 by Dr. H. Weinreich, Hamburg, Germany