Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_gloKriUPlanGemei: Ad-hoc-Gruppe - Globale Krisen und planetarisches Gemeinwohl - Theoretische und empirische Perspektiven
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Ramin Bahrami, Universität Bonn
Chair der Sitzung: Evelyn Moser, Universität Bonn
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Externe Ressource:
Zeige Hilfe zu 'Vergrößern oder verkleinern Sie den Text der Zusammenfassung' an
Präsentationen

Umweltbewusstsein statt Kalter Krieg. Planetarische Gemeinwohlkonstruktionen im weltpolitischen Kontext von 1968

Christian Hilgert

Universität Konstanz, Deutschland

Der Vortrag präsentiert die Ideengeschichte der ökologischen Selbstgefährdung als wichtigen Katalysator für eine planetarische Skalierung von Gemeinwohlvorstellungen. Die wissenssoziologische Analyse wirft die Frage auf, wie sich Diagnosen der globalen Umweltkrise Anfang der 1970er erstmals etablierten, und bietet dafür eine weltgesellschaftstheoretische Erklärung an.

Das Jahr 1968 war nicht nur eine weltpolitische Zäsur, sondern markiert auch, was weniger bekannt ist, einen umwelthistorischen Wendepunkt. Zuvor hatte die öffentliche Karriere der Umwelt vor allem in den Vereinigten Staaten stattgefunden. Ab 1968 kam es, wie eine breite historische Forschung gezeigt hat, zu einer explosionsartigen Zunahme ökologischer Kommunikation über Länder- und Teilsystemgrenzen hinweg. In dieser »ökologischen Revolution« (Radkau) spielten auf semantischer Ebene dezidiert global skalierte Diagnosen der ökologischen Selbstgefährdung, die mit Konzepten wie Biosphäre, globales Ökosystem und Raumschiff Erde operierten, eine tragende Rolle. Viele westliche Regierungen eigneten sich das Thema schnell an, wiesen administrative Zuständigkeiten zu, erließen Gesetze, einige schufen die ersten Umweltministerien.

Wie lässt sich die starke politische Resonanz in dieser Zeit erklären? Der Vortrag stellt die These auf, dass diese Reaktion sich bislang unterbelichteten Funktionen der globalen Umweltbeobachtung im weltpolitischen System verdankte. Im Aufstand der 68er hatten sich im Kontext des Kalten Krieges zahlreiche internationale und innenpolitische Konflikte zu einer tiefgreifenden Legitimationskrise der Politik diesseits (und jenseits) des Eisernen Vorhanges verdichtet. Vor diesem Hintergrund fungierte die mit wissenschaftlicher Autorität ausgestattete ökologische Krisendiagnose als neue Situationsdefinition, die es ermöglichte, die virulenten Spaltungen der sozialen Welt zu transzendieren. Insbesondere für westliche Regierungen, die schneller als andere Umweltexpertise mobilisieren konnten, bot diese Rechtfertigungsformel attraktive Gelegenheiten sich vor unterschiedlichen Publika als Fürsprecherinnen von Menschheitsinteressen zu präsentieren. Außenpolitisch fungierte die Einheitssemantik der geteilten Umwelt als wichtige Ressource der Entspannungspolitik; innenpolitisch half sie den radikal in Frage gestellten Eliten ihren Anspruch auf Vertretung des Gemeinwohls zu erneuern.



Ökologische Selbstorganisation als neue Form der Gemeinwohlorientierung? Kritische Perspektiven und Zwischenbilanzen

Thomas Dörfler1, Eberhard Rothfuß2

1Universität Heidelberg, Deutschland; 2Universität Bayreuth, Deutschland

Die (Rück-)Besinnung auf autonomes, nachhaltiges Handeln und Versorgen gilt nicht erst seit den als global wahrgenommenen ökologischen (und mittlerweile auch pandemischen) Krisen als Paradebeispiel einer regionalen Gemeinwohlorientierung. Wenn auch in der Regel kleinräumlich (selbst-)organisiert, so ist das Ziel solcher Initiativen, neue sozial-ökologische Lebensweisen aufzuzeigen und praktisch zu erproben.

Eine resiliente, eigenverantwortete und dem Kokurrenzkapitalismus entzogene Gemeinschaftsorientierung mitsamt zugehöriger Ethik(en) kann dabei als der kleinste gemeinsamer Nenner dieses durchaus heterogenen Feldes gelten. Ziel ist zumeist, neue nachhaltige Pfadabhängigkeiten jenseits der klassischen (post-)fordistischen Versorgungsstrukturen in Wert zu setzen und Mitglieder zu finden. Was im Kleinen funktioniert, soll dann auch im großen Maßstab seine Wirkung entfalten, um eine fundamentale gesellschaftliche Transformation anzustoßen.

Anhand einiger empirischer Beispiele (TransitionHaus Bayreuth, Umweltstation Waldsassen, Free Café Groningen; vgl. Hasanov et al. 2019) aus dem Forschungsprojekt SELFCITY (www.selfcity.eu - 2015-2019) wird dargelegt, welche Handlungs- und Organisationslogiken diese Gruppen verfolgen, wie auch ihre Schwierigkeiten, aus konkreter lokal situierter Gruppenarbeit etwas zur Lösung des ‚globalen‘ Problems der ökologischen Krise beizutragen.

Mithilfe der „Resonanz-Theorie“ von Rosa (2016) und den Annahmen der „Relationalen Soziologie“ nach Donati (2017) soll verdeutlich werden, wie solche Initiativen im Rahmen dieser Theoreme verortet werden können (post-funktionalistische Persönlichkeitsbeziehungen, resonante Kollaboration als neue Vergesellschaftungsform, u.a.). Ebenso rücken die Selbstwidersprüche und Schwierigkeiten in den Mittelpunkt, die sich aus solch ‚hohen‘ moralischen Ansprüchen und der Unterschiedlichkeit der beteiligten Akteure ergeben. Im Vortrag wird eine kritische und realistische Zwischenbilanz aus dieser Forschungsarbeit präsentiert werden.

Rosa, H. (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp

Donati, P. (2017): The good life as a sharing of relational goods, Relational Social Work, 1, 5–25, 2017

Hasanov, M.; Zuidema, C.; Horlings, L.G. (2019): Exploring the Role of Community Self-Organisation in the Creation and Creative Dissolution of a Community Food Initiative. In: Sustainability 11, 3170



Zur Produktion des planetarischen Gemeinwohls. Eine Handlungslücke und Legitimationschance für gemeinnützige Stiftungen

Pascal Goeke

Private Pädagogische Hochschule der Diözese Linz, Österreich

In den 20 Jahren seit ihrer Einführung hat sich die einfache Beobachtungskategorie Anthropozän zu einem kategorischen Weltbeobachtungsimperativ gemausert. Statt allein erdsystemische Prozesse in Form einer Realdefinition zu benennen, wird ein umweltliches Denken eingefordert, das räumlich und zeitlich planetarisch zu skalieren ist und grundlegende gesellschaftliche Transformationen anleiten soll. Diese Forderung geht allerdings mit enormen Überlastungen einher, weil zum Beispiel nicht alle umweltlichen Bezüge vor einer Handlung abgeklärt werden können und weil die planetarische Skalierung potenziell unendliche Verantwortungsketten mit sich bringt – für wie viele zukünftige Generationen ist zum Beispiel in der Gegenwart Sorge zu tragen? Ungeachtet dieser offensichtlichen Überlastungen bleiben die Forderungen aber weiter in der Welt und werden auch von global aktiven Stiftungen propagiert und verfolgt. Dabei steht insbesondere zur Diskussion, wie die Ziele in Programme überführt werden können und, etwas nachrangiger, ob mit den Programmen die Ziele und Effekte erreicht werden können.

Nach einer kurzen Rekonstruktion der Erfolgsgeschichte des Anthropozänbegriffs wird am Beispiel von global aktiven gemeinnützigen Stiftungen dargelegt, wie die Stifter:innen als Personen und die Stiftungen als Organisationen die Diskussionen um ein planetarisches Gemeinwohl mitgestalten (z.B. durch die Förderung von Projekten wie das „Big History Project“, das eine neue Form der Weltgeschichte zu etablieren versucht), welche Programme sie zur Erreichung der anspruchsvollen Ziele etablieren (z.B. Programme in Form von Challenges) und welche Wirkungen sie sich zuschreiben. Dabei wird deutlich, dass die Diskussionen um ein planetarisches Gemeinwohl Handlungslücken eröffnen, die Stiftungen zur Legitimation ihrer Existenz zu nutzen versuchen.



 
Impressum · Kontaktadresse:
Datenschutzerklärung · Veranstaltung: DGS ÖGS Soziologiekongress 2021
Conference Software - ConfTool Pro 2.6.144
© 2001–2022 by Dr. H. Weinreich, Hamburg, Germany