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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_PraxisDesPro: Ad-hoc-Gruppe - Praxis des Problems. Wie entstehen und wirken gesellschaftliche Probleme?
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
9:00 - 11:00

Chair der Sitzung: Christoph Kircher, Universität Innsbruck
Chair der Sitzung: Christine Neubert, Universität Hamburg
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen
ID: 275 / ad_PraxisDesPro: 1
Ad-hoc-Gruppe - Praxis des Problems. Wie entstehen und wirken gesellschaftliche Probleme?

Gesellschaftliche Probleme hacken. Praktiken der Problematisierung auf Hackathons

Oliver Berli1, Hannes Krämer2, Diana Lengersdorf3, Alexandra Manske4, Ronja Trischler5, Matthias Wieser6

1Universität zu Köln; 2Universität Duisburg-Essen; 3Universität Bielefeld; 4Universität Hamburg; 5Goethe-Universität Frankfurt; 6Universität Klagenfurt

Auf Hackathons arbeiten Teams in begrenzter Zeit (gegeneinander) daran, Lösungen für „Challenges“ zu finden, die von den ausrichtenden Firmen, Institutionen oder Organisationen gestellt werden. Neben dem ursprünglichen Format des technologiezentrierten Hackathons, in dem „gehackt“ wurde, um an Problemen der Computerprogrammierung zu arbeiten, lässt sich seit der Jahrtausendwende eine thematische Ausdifferenzierung des Veranstaltungsformats beobachten. Wir befassen uns mit zivilgesellschaftlichen Hackathons, auf denen weitreichende gesellschaftliche Probleme – wie Klimawandel, Welthunger oder die anhaltende Corona-Pandemie – einberufen werden, um lokal bearbeitet zu werden. Die Dringlichkeit der bearbeiteten Probleme wird auch in der zeitlichen Rahmung der Veranstaltung praktisch hergestellt und steht im Kontrast zum Anspruch nachhaltiger Problembearbeitung. Zeitdiagnostisch lässt sich zudem auf die Spannung von kompetitiven und kollaborativen Arbeitsformen sowie spielerisch-kreativer und „ernsthafter“ Problematisierung hinweisen.

Wir betrachten in unserem Beitrag zwei Formen der praktischen Problematisierung per Hackathon. Wir greifen dabei auf Daten aus unserer kollaborativen ethnografischen Forschung im Rahmen eines DFG-Netzwerks zurück. Erstens untersuchen wir die Formulierung von „Challenges“ durch die Ausrichter*innen, mit denen vor dem Event sowie zu dessen Beginn eine erste Problemdefinition als Zielhorizont angedeutet wird. Interessant für die Frage nach der Praxis sozialer Probleme sind hier die vorrangig diskursiven Rahmungen und Stabilisierungen: Challenges spannen nicht nur einen Themenrahmen auf, sondern eröffnen ebenso performativ und dramaturgisch einen Problemhorizont. Zweitens nehmen wir die Ergebnispräsentation der Teams in den Blick. In den Abschlusspitches werden die gesellschaftlichen Probleme, die die Hackathons adressieren, qua Lösungsvorschlag neu gerahmt. In diesem Fall sind es vor allem multimodale Ressourcen (Körper, Technik, Sprache), die die adressierten Probleme als analytisch fassbar, faktisch bearbeitbar und potenziell lösbar darstellen. Das Ziel unserer Beitrags ist es, anhand dieser beiden Schlaglichter Elemente der praktischen und technischen Bearbeitung von gesellschaftlichen Problemen und deren Übersetzung in die lokale Praxis betreffende Probleme nachzuzeichnen und so auf die Praxis sozialer Problemlagen hinzuweisen.



ID: 521 / ad_PraxisDesPro: 2
Ad-hoc-Gruppe - Praxis des Problems. Wie entstehen und wirken gesellschaftliche Probleme?

Problemkonstruktion in Kommunalverwaltungen

Diana Lindner

Universität Jena, Deutschland

Der geplante Vortrag geht der Frage der Problemkonstruktion in Kommunalverwaltungen nach. Aufgrund ihrer bürokratischen Struktur bieten sie einen sehr eindrücklichen empirischen Einblick in die Praxis des Problems. Problemlösungen erfolgen entlang kleinteilig formulierter Regeln. Dazu gehört von jeher, Probleme quantifizierbar zu machen. Kommunalverwaltungen bauen ihre Kontrollfunktionen auf Prüfziffern und Normwerten und legitimieren damit ihre Herrschaft.

Mit dieser Perspektive wird ein empirischer Blick auf die Praxis der aktuellen Problemkonstruktionen in Kommunalverwaltungen geworfen. Datenbasis bilden Interviews, Dokumente sowie Beobachtungen, die im Kontext des Projektverbundes „Das vermessene Leben“ erhoben wurden.

Ausgangspunkt der Beschreibung von Problemkonstruktionen ist die Neustrukturierung der Problemwahrnehmung und Problembearbeitung im Zuge der Neuen Steuerungsreform. Kommunalverwaltungen müssen zur effizienteren und nachhaltigen Finanzierung nicht nur ein besseres Vommunaler Problemlagen entwickeln. Sie müssen dies auch in einer bestimmten Form tun. So ist für sie die Arbeit mit Leitbildern, Kennzahlen und Strategiepapieren zu einem Professionalitätsnachweis geworden.

Ein wesentliches Ergebnis der praxistheoretischen Beschreibung ist die Unterscheidung zwischen gelingenden und misslingenden Problemkonstruktionen. Ein handlungsleitendes Wissen über kommunale Problemlagen entsteht pragmatisch bei der Planung von Dienstleistungen.

Die Problematisierung als Teil einer pflichtmäßigen und rein quantitativen Berichterstattung, wie sie im Rahmen prognostischer Vorhersagen durch das Controlling in einer untersuchten Kommunalverwaltung stattfindet, wird demgegenüber als misslungen gefasst, weil sie kein Problembewusstsein bei den politischen Entscheidern erzeugen kann.

Die vorgestellten Beispiele sollen zudem zeigen, dass schlecht funktionierende quantitative Problemkonstruktionen dazu beitragen, ein Bewusstsein für komplexe Problemlagen zu entwickeln, denen die Verwaltung ausgesetzt ist. Der hohe Professionalisierungsdruck der ControllerInnen verhindert jedoch die Anwendung pragmatischer Vorgehen und zwingt die Problembearbeitung in eine wissenschaftlich anmutende „Stellschraubenlogik“.



ID: 255 / ad_PraxisDesPro: 3
Ad-hoc-Gruppe - Praxis des Problems. Wie entstehen und wirken gesellschaftliche Probleme?

Praxistheorie, „doing social problems“ und Gefängnis-Empirie

Maria Jakob

Deutsches Jugendinstitut e.V., Deutschland

In der Soziologie sozialer Probleme wird unter dem Stichwort „doing social problems“ (Groenemeyer 2010) schon seit einigen Jahren eine konstruktivistische, man könnte sagen ‚proto-praxeologische‘ Perspektive auf Probleme und Problematisierungen diskutiert. Zentral wird dabei einerseits auf die „Erstproblematisierung“, also der Umwandlung „unproblematischer“ in „problematische“ soziale Phänomene geblickt, andererseits wird vorrangig auf Prozedere in gesellschaftlich etablierten Institutionen der Problembearbeitung geschaut, wo Problemarbeit schon sehr konkret als „Versuch der Veränderung von Menschen“ (ebd., 42) erscheint.

Mein Beitrag wird hier einerseits anknüpfen und in einer kurzen Bestandsaufnahme sichten, was eine „Praxis des Problems“ von der skizzierten Perspektive des „doing social problems“ verallgemeinernd aufgreifen kann. Darüber hinaus möchte ich an ein bis drei Beispielen ausprobieren, was eine dezidiert praxistheoretische Perspektive (etwa mit ihren Hervorhebungen des Situativen, Regelhaften, Materiellen) gegenüber der bisherigen doing-Perspektive akzentuieren kann. Als empirische Prüffälle greife ich dabei auf Material zurück, das aus dem Kontext eines Forschungsprojekts zur wissenschaftlichen Begleitung von Modellprojekten der Radikalisierungsprävention und Deradikalisierung im Strafvollzug stammt.



ID: 384 / ad_PraxisDesPro: 4
Ad-hoc-Gruppe - Praxis des Problems. Wie entstehen und wirken gesellschaftliche Probleme?

Zur Datafizierung des gesellschaftlichen Problems

Miriam Fahimi, Katharina Kinder-Kurlanda

Universität Klagenfurt, Deutschland

Die (Post-)Corona-Gesellschaft ist nicht nur ein Marker für eine neue Form der Datafizierung von gesellschaftlichen Problemen, sondern macht zunehmend auch die Fallstricke von auf Daten beruhenden, wissenschaftlichen Erkenntnissen deutlich. Daten werden dann zu einem systematischen Problem, wenn sie als Grundlage für KI-basierende Kalkulationen, Empfehlungen bzw. Entscheidungen herangezogen werden, welche weitreichende Konsequenzen für Subjekte haben können.

Die Annahme, dass Daten zum Training von Algorithmen neutral und objektiv seien, ist unter anderem deswegen problematisch, weil die Daten in soziotechnische Prozesse eingebettet sind und als solches durch Menschen generiert, ausgewählt, codiert und verarbeitet werden. Dabei stellt sich aus einer soziotechnischen Perspektive die Frage, wie implizite Werte in Daten einfließen, wie Zielvariablen definiert werden, welche Methoden ausgewählt werden und wie Attribute klassifiziert werden.

Vor diesem Hintergrund setzt sich unser Beitrag mit der von uns postulierten Datafizierung bestimmter gesellschaftlicher Probleme auseinander. Wir zeichnen am Beispiel von KI-unterstützen Entscheidungsverfahren, wie sie im Marie-Curie-Projekt NoBIAS – Artificial Intelligence without Bias von uns beforscht und zum Teil auch mitentwickelt werden, nach, wie die Sammlung, Generierung und Illustration von Daten gesellschaftliche Probleme einerseits erfass- und erfahrbar machen, sie diese andererseits aber auch ganz spezifisch konfigurieren und verzerren können. Anhand ausgewählter Beispiele aus unserem Projekt werden wir erste Vermutungen dazu anstellen, welche gesellschaftlichen Probleme überhaupt auf diese Weise technologisch erschlossen werden können und welche gesellschaftlichen Problemlagen eher durch nicht-datafizierbare Mechanismen gekennzeichnet sind und sich zunehmend verschließen. Abschließend möchten wir unter anderem einige Überlegungen anstellen, wie die Datafizierung gesellschaftlicher Probleme auf Ebene alltäglicher Erfahrungen unterschiedlich wirken und Subjekte je nach ihrer historisch-spezifischen Situierung unterschiedlich be-/treffen.



ID: 344 / ad_PraxisDesPro: 5
Ad-hoc-Gruppe - Praxis des Problems. Wie entstehen und wirken gesellschaftliche Probleme?

Ethnographische Betrachtungen der COVID-19-Pandemie: Institutionalisierung und Erfahrung

Melanie Pierburg

Universität Hildesheim, Deutschland

Ist die gegenwärtige Corona-Pandemie ein soziales Problem? Unstrittig erscheint zunächst, dass die von dem Virus ausgehende Infektionserkrankung und ihre Übertragbarkeitsmodi mannigfaltige soziale Probleme hervorrufen. Das ist insofern evident, als diese alltägliche Lebenswelten transformieren. So werden Regionen des Körpers gegenwärtig in öffentlichen Bereichen mit medizinischen Masken verdeckt und Videokonferenzen sind nach wie vor der Bedingungsrahmen für eine Vielzahl von Kommunikationen. Dabei ist die Mehrzahl der Personen, die die sozialen Auswirkungen der Pandemie erlebt und gestaltet, nicht tatsächlich an COVID-19 erkrankt – genau das soll schließlich verhindert werden. Es stellt sich also die Frage, wie die Pandemie als Phänomen, das sich nicht nur Betroffenen als Erkrankung zeigt, Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit wird. In meinem Vortrag möchte ich dieser Frage anhand eines ethnographischen Zugangs nachgehen, der den Übergang von vermitteltem Wissen in konkrete Erfahrungen in den Blick nimmt.

Die COVID-19-Pandemie kann man wissenssoziologisch als Institutionalisierungsprozess verstehen, als Herstellung einer sozialen Wirklichkeit, die mit Typisierungen einhergeht. Wie diese Konstruktionen, die ihren Ausgangspunkt an besagtem Virus nehmen, das vor allem von Naturwissenschaftler:innen benannt, erklärt und hinsichtlich seines Gefahrenpotenzials eingeschätzt wird, sich in konkrete Erfahrungen übersetzen, ist eine Frage, mit der sich Soziolog:innen befassen können, um einen Beitrag zum Verständnis der Pandemie als einem Konglomerat sozialer Probleme zu leisten. Dabei ist eine empirische Grundlage hilfreich, die Erfahrungen in situ dokumentiert und Theorien, die als Seh-Hilfe darauf fungieren. So möchte ich in meinem Vortrag anhand einer Feldvignette den Besuch eines Lebensmittelmarktes am Beginn der Pandemie vorstellen und die damit verbundenen Erfahrungen und Auslegungen hinsichtlich des Wirklichwerdens der Krise interpretieren. Dabei spielen Artefakte eine Rolle, die ich Anlehnung an die ANT in meine sozialphänomenologischen Überlegungen integriere. Das Lebensmittelgeschäft verstehe ich als einen Ort, an dem die Wirklichkeit der Pandemie erfahren, ausgehandelt und der soziologischen Beobachtung zugänglich wird.



 
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