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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_IntimiUSex: Ad-hoc-Gruppe - Intimität und Sexualität in Zeiten physischer Distanzierung
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Barbara Rothmüller, Sigmund Freud Universität Wien
Chair der Sitzung: Laura Wiesböck, Sigmund Freud Privatuniversität
Chair der Sitzung: Emelie Rack, Sigmund Freud Privatuniversität Wien
Ort: digital
Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen
ID: 635 / ad_IntimiUSex: 1
Ad-hoc-Gruppe - Intimität und Sexualität in Zeiten physischer Distanzierung

Von Monogamisierung bis Kontaktabbruch: Auswirkungen der Pandemiemaßnahmen auf intime Beziehungsstrukturen in Österreich und Deutschland.

Barbara Rothmüller, Laura Wiesböck, Emelie Rack

Sigmund Freud Universität Wien, Österreich

Im Zuge der Distanzierungsmaßnahmen in der COVID-19 Pandemie wurde die gesellschaftliche Grundlage für soziale Vertrauensverhältnisse neu strukturiert. Die Distanzierung veränderte insbesondere die Bedingungen für das Erleben von Freundschaft, emotionaler Nähe, körperlicher Intimität, Liebe und Sexualität. Infolgedessen bedarf es einer intensiven Grundlagenforschung, um die sozialen Auswirkungen der Pandemie frühzeitig sichtbar zu machen. Bislang wurde die Komplexität des Pandemieerlebens in vielfältigen Beziehungsstrukturen wenig berücksichtigt.

Der Vortrag liefert einen Beitrag dazu, indem er zentrale Befunde der Studie „Intimität, Sexualität und Solidarität in der COVID-19 Pandemie“ skizziert. Als Datenbasis dienen umfassende Onlinebefragungen in Österreich und Deutschland in den ersten zwei Lockdowns im April 2020 (N=4706) und November/Dezember 2020 (N=2569) sowie 16 problemzentrierte Interviews in Wien im dritten Lockdown im März/April 2021.

Die Ergebnisse zeigen die unterschiedliche Betroffenheit von Einsamkeit und Kontaktverlust unter den Studienteilnehmer*innen. Von den isolierenden Auswirkungen der Pandemie besonders nachteilig betroffen sind befragte Jugendliche und junge Erwachsene, Menschen, die alleine wohnen, queere Menschen sowie Personen, die in Mehrfachbeziehungen leben. Berührungsdeprivation zeigt sich bei Befragten ohne Partnerschaft, die teilweise monatelang keinen Menschen mehr umarmt haben. Romantische Beziehungen hingegen haben sich intensiviert und zum Teil monogamisiert.

Der Vortrag arbeitet neben den veränderten Intimitätsformen in sexuellen und romantischen Beziehungen auch die Auswirkungen der Lockdowns auf Datingroutinen und den Beziehungsstatus von Befragten heraus. In der Studie zeigen sich zudem sexualitätsbezogene Diskriminierungserfahrungen, Geheimhaltungsdruck und konflikthafte Kontaktabbrüche ebenso wie positive Erfahrungen der Vertiefung intimer Vertrauensbeziehungen im Lockdown.

Zusammengenommen bewirken Distanzierungsmaßnahmen komplexe Veränderungen in den intimen Beziehungsgefügen der Befragten. Allerdings sind Frauen und Akademiker*innen in der Stichprobe überrepräsentiert und Jugendliche unterrepräsentiert. Dementsprechend sind darauf aufbauende repräsentative Längsschnittstudien notwendig, um die langfristigen sozialen Auswirkungen der Distanzierung auf Vertrauensbeziehungen wissenschaftlich abschätzen zu können.



ID: 370 / ad_IntimiUSex: 2
Ad-hoc-Gruppe - Intimität und Sexualität in Zeiten physischer Distanzierung

COVID-19 und die Notwendigkeit zur exklusiven Wahl: Intimitäten im Corona-Krisenkontext

Andrea Newerla

Justus Liebig Universität Gießen, Deutschland

Der Vortrag präsentiert Ergebnisse einer qualitativen Studie, in dessen Rahmen 18 Menschen, die sich im Corona-Krisenjahr 2020 in keiner oder in mehr als einer Partnerschaft befunden haben, zu ihren Intimpraxen in der Corona-Pandemie befragt wurden. Wechselwirkungen zwischen Corona-Öffentlichkeit(en) und diesen Praxen stehen im Fokus der Analyse: Die Notwendigkeit zur Begrenzung physisch-naher Kontakte auf ein absolutes Minimum, Abstandsgebote und die Schließung öffentlicher Begegnungsräume haben Auswirkungen auf die Ausgestaltung von Intimbeziehungen. Die Interviews zeigen, dass öffentliche Bilder und Narrative Effekte darauf haben, welcher physisch-nahe Kontakt als legitim wahrgenommen wurde und welcher nicht. Zum Beispiel kreisen Fragen der Interviewpartner*innen um die Notwendigkeit von Datings in der Corona-Pandemie: Ist es in der Krisensituation notwendig, einen neuen Menschen kennenzulernen, wenn Kontakte weiter minimiert werden sollen? Aber was ist, wenn ich mich einsam fühle und mir körperliche Intimität wünsche? Menschen, die sich diese Fragen stellen, sind im Corona-Krisenkontext dazu aufgefordert, sie nicht allein für sich selbst zu beantworten. Sie sind ebenso dazu angehalten, ihr eigenes Handeln in Bezug zu setzen mit einer gesellschaftlichen Verantwortung, die sie im Umgang mit der Pandemie haben. Denn es geht nicht allein um das eigene Ansteckungsrisiko, sondern auch um das Risiko, andere anzustecken.

Aus diesem Grund stellen sich im Schatten der Covid-19-Pandemie Fragen rund um Intimbeziehungen und physische Nähe anders. Konstatiert beispielsweise Illouz (Warum Liebe weh tut) in ihrer Analyse zur Liebe (noch), dass die Nicht-Wahl – das heißt, sich nicht für etwas entscheiden zu müssen – freiheitlicher Ausdruck moderner Subjektivität sei, stehen diese Subjekte im Corona-Krisenkontext hingegen vor der Notwendigkeit, eine Wahl zu treffen: Sie müssen wählen, mit wem sie physische Nähe teilen wollen, und ihre Auswahl muss gering ausfallen. Diese Erfahrungen sind für viele Menschen neu, gerade für jene, die sich entschieden haben, vielfältige Formen von Intimbeziehungen (z.B. polyamore Beziehungen) zu praktizieren. Wie sich deren Intimpraxen durch die Covid-19-Pandemie verändert haben, wird im Rahmen der Präsentation diskutiert.



ID: 463 / ad_IntimiUSex: 3
Ad-hoc-Gruppe - Intimität und Sexualität in Zeiten physischer Distanzierung

Sexualität und Partnerschaft in der Corona-Krise in Japan

Alice Pacher

Meiji Universität, Japan

Liebe und Sexualität sind Lebensbereiche, die in Japan immer noch stark tabuisiert sind. Insofern ist es wenig überraschend, dass die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf intime Beziehungen in Japan bisher weitgehend unerforscht sind. Medial wird das Thema zwar vereinzelt aufgegriffen und von höheren Scheidungsraten berichtet. Was jedoch fehlt ist eine systematische Erhebung und Analyse über die Veränderungen von Intimbeziehungen in der gegenwärtigen Gesundheitskrise. Diese Forschungslücke greift die vorliegende Studie auf.

Im Mai/Juni 2020 (N=572) und Februar/März 2021 (N=814) wurde dafür jeweils eine Online-Befragung zu Praktiken von Intimität und Sexualität durchgeführt. Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass es zu keinen deutlichen Anstieg sexueller Solopraktiken oder der Nutzung von Dating-Apps gekommen ist. Interessanterweise war eher das Gegenteil zu beobachten: Mehr als die Hälfte der Befragten zeigten ein Desinteresse an solchen Apps. Die Umfrage ergab zudem, dass die Zufriedenheit im Hinblick auf Partnerschaft und Sexualität bei jüngeren Paaren gestiegen ist, bei Personen über 40 Jahre hingegen sank.

Neben den statistischen Ergebnissen sind es aber vor allem die Erfahrungen im Forschungsfeld die wertvolle Erkenntnisse liefern. Ein Schwerpunkt des Vortrags liegt deshalb auf den Herausforderungen in der Erforschung von Intimität und Sexualität in der japanischen Gesellschaft. So zeigen sich erhebliche Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Teilnehmer*innen, die den tabuisierten gesellschaftlichen Umgangs mit dem Thema reflektieren. Darüber hinaus ist die Anlehnung an etablierte Fragebogenitems und die Vergleichbarkeit der Daten zum Teil nicht möglich, da der spezifische Kontext andere Begriffe und Konzepte verlangt. Und nicht zuletzt spielen die Rahmenbedingungen der Pandemie eine Rolle, die in Japan andersartig gestaltet waren als im europäischen Raum. Statt mehrmaligen lockdowns mit strengen Auflagen und potenziellen Strafen bei Nichteinhaltung gab es „emergency states“ mit offiziellen Empfehlungen und starker compliance vonseiten der Bevölkerung. Insgesamt bietet der Vortrag einen differenzierten Blick auf die Kontextabhängigkeit der Erforschung von Intimität und Sexualität in der Corona-Pandemie.



 
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