Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_SozialeRepro: Ad-hoc-Gruppe - Soziale Reproduktion in der Pandemie
Zeit:
Dienstag, 24.08.2021:
17:00 - 19:00

Chair der Sitzung: Emma Dowling, Universitaet Wien
Chair der Sitzung: Mike Laufenberg, Friedrich-Schiller-Universität
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Soziale Reproduktion in der Pandemie – ein Forschungsrahmen

Mike Laufenberg

Friedrich-Schiller-Universität, Deutschland

Der Beitrag skizziert zentrale Prämissen, Frage- und Problemstellungen von materialistisch-feministischen Theorien sozialer Reproduktion und lotet deren Erklärungsgehalt mit Blick auf die Corona-Krise aus. Er stellt damit zugleich eine Einleitung in allgemeine Forschungsperspektiven von Theorien sozialer Reproduktion dar, die in den Beiträgen der Ad-hoc-Gruppe zum Einsatz kommen.



Aufgekündigt? Der Reproduktionsdeal und die Krise der Globalisierung

Emma Dowling

Universitaet Wien, Österreich

Dieser Beitrag diskutiert die These, dass die Prozesse der Globalisierung und Finanzialisierung jeweils auf eigene, wenn auch verschränkte Weise den Reproduktionsdeal des Fordismus-Keynesianismus im Globalen Norden aufgelöst haben und dass dieser Prozess im Hintergrund der gegenwärtigen Care-Krise steht. In einem ersten Schritt werden die Konturen des ehemaligen Reproduktionsdeals nachgezeichnet. In einem zweiten Schritt wird erklärt, wie Globalisierungs- und Finanzialisierungsprozesse den Reproduktionsdeal konkret untergraben haben. In einem weiteren Schritt werden die gesellschaftlichen und sozialpolitischen Konsequenzen erläutert. Abschließend wird zur Diskussion gestellt, was die Aufkündigung des Reproduktionsdeals und die bislang erfolglose Suche nach Alternativen für emanzipatorische Politiken im gegenwärtigen Kontext der Coronavirus-Pandemie bedeutet.



Sorgende Subjektivitäten in der Pandemie – Gesellschaftliche Regulierungen sozialer Reproduktion und ihrer Krise

Julia Dück

Rosa Luxemburg Stiftung, Deutschland

Die aktuelle Pandemie hat die Krise sozialer Reproduktion nicht hervorgebracht. Sie hat sie vielmehr verschärft und ihre Krisendimensionen deutlicher hervortreten lassen: Die Ausbeutung von Fachpersonal im Gesundheitswesen und der Pflege sowie der institutionalisierten Kinderbetreuung wird intensiviert. Im Gesundheits- und Pflegesystem fehlt es erneut an Personal und Schutzausrüstung und das Ringen um Schließung oder Öffnung von Kitas und Schulen führt zu immensen Mehrbelastungen von Erziehungspersonal. Insbesondere „systemrelevante Arbeiter*innen“, die die Gesellschaft stützen, sind vermehrt dem Risiko einer Ansteckung ausgesetzt, finden sich aber dennoch weiterhin in prekären Arbeitsbedingungen wieder. Dies betrifft überwiegend Frauen* - sowohl in der bezahlten Sorgearbeit als auch informell, überwiegend unsichtbar und nicht bezahlt.

Zugleich findet auf der Ebene staatlicher Politik ein Deutungskampf um Handlungsprioritäten zwischen Produktivität und Gesundheitsschutz der Bevölkerung in der Krise statt. Die aktuelle Krisensituation ist allerdings nicht einfach eine Zuspitzung von unter kapitalistischen Verhältnissen immer schon periodisch in die Krise geratenden Sorgeverhältnissen. Vielmehr vertieft sie einerseits die schon vor der Krise bestandenen Widersprüche, andererseits birgt sie das Potential für gesellschaftliche Neu-Aushandlungen nach der Krise: Denn der Schutz der Bevölkerung wird zu einer Priorität, die zugleich verdeutlicht, dass die bestehenden Sorgeverhältnisse verändert werden müssen, wollen wir auf weitere Krisen besser vorbereitet sein. Selbst unter Bedingungen der aktuellen Krise kommt es daher zu Kämpfen um die Bedingungen der sozialen Reproduktion. Politisch spitzt sich der Deutungskampf um Lösungen der Reproduktionskrise also weiter zu.

Um diese Dynamik zu verstehen, lohnt daher ein Blick auf marxistisch-feministische Theorien der sozialen Reproduktion und ihrer polit-ökonomischen Regulierung. Mit dem Spannungsverhältnis zwischen kapitalistischer Akkumulation und sozialer Reproduktion sowie einem Blick auf sorgende Subjektivitäten bieten sie hilfreiche Analyseperspektiven, um die aktuelle Krise zu analysieren und ihre Auswirkungen im Horizont einer feministischen Gesellschaftskritik zu problematisieren.



The Social Reproduction of Queer Socialities and Infrastructures in the Covid-19 Pandemic: The Role of Social Movements and the State

Ben Trott

Leuphana Universität Lüneburg, Deutschland

Drawing on Berlin as case study as well as on social theory, this paper delineates a set of social and political demands that, within the ongoing Covid-19 pandemic, are at once of particular importance to a queer politics of social reproduction (oriented towards defending and developing queer infrastructures and the socialities that they sustain) while also serving a function in broader struggles around social reproduction in the context of differentially distributed pandemic precarity. These are demands that can already be found articulated by (queer) social movements, communities and sub-cultures. They may plausibly be won – granted by the state or by municipal authorities – but they may also perform a ‘compositional’ function, operating as a rallying point around which movements can converge, accumulating victories, constructing collective subjectivities, and building forms of power. These demands – which could together articulate what I call “a right to the queer city” – include, first, the demand for a guaranteed basic income, at least for the duration of the pandemic (securing the right to social reproduction for all those cultural and other workers that animate queer infrastructures, including those institutions that have been forced to close for public health reasons). Second, the demand for freedom of movement, the right to remain, and the rights of citizenship (concretely: demanding the closure of detention centres, particularly during the pandemic, and the creation of cities of ‘safe habour’ (Sichere Häfen), including for queer people). And finally, the right to housing, including new common forms of ownership which can accommodate queer modes of ‘kin-making’.



"Care Fixes" in transnationalen Care-Arrangements unter COVID-19 und die Politisierung des Sorge-Extraktivismus

Sarah Schilliger

Universität Bern, Schweiz

Mit ein paar Mausklicks kann heute innert weniger Tage eine Care-Arbeiterin aus Osteuropa in den Haushalt bestellt werden, um Rund-um-die-Uhr-Betreuung für pflegebedürftige Menschen zu leisten. Profitorientierte und transnational agierende Care-Unternehmen spezialisieren sich auf die Vermittlung von Care-Arbeiterinnen aus Ländern wie Polen, Ungarn oder der Slowakei und werben damit, "bezahlbare Pflege" anzubieten, bei der gleichzeitig eine "unbezahlbare Herzlichkeit" garantiert sei. In der Schweiz (wie auch in Deutschland/Österreich) boomt der private Markt für ambulante Pflege-, Betreuungs- und Haushaltsdienste. In Privathaushalten von pflegebedürftigen Menschen etabliert sich damit ein prekärer Arbeitsmarkt, der stark vergeschlechtlicht und rassialisiert ist. Die von den Agenturen angepriesenen Vorzüge eines privaten Care-Arrangements mit Migrant*innen deuten hin auf Überlastungssituationen von pflegenden Angehörigen, auf unterfinanzierte und rationalisierte öffentliche Pflegeinstitutionen und auf die Tatsache, dass Pflege und Betreuung sehr stark eine Privatangelegenheit ist.

Dieser Beitrag nutzt Emma Dowlings (2018, 2021) Konzept des "care fix", um die Bearbeitung von Krisen in der Schweizer Langzeitpflege vor und v.a. während der Covid-19-Pandemie zu untersuchen. Thematisiert werden dabei a) die Brüche, die die Pandemie durch die temporäre Unterbrechung transnationaler Mobilität verursacht hat, b) die verschiedene Formen von "care fixes", die angewandt wurden, um die kontinuierliche Versorgung mit transnationaler Care-Arbeit trotzdem sicherzustellen und c) die Auswirkungen, die dies auf die Arbeitsbedingungen und die Lebenssituation migrantischer Care-Arbeiter*innen hat.

Darüber hinaus wird erörtert, inwiefern sich aktuell auch Möglichkeiten der Politisierung dieses "Sorge-Extraktivismus" (Wichterich 2018) eröffnen: So haben sich in der Schweiz polnische Care-Arbeiterinnen im basisgewerkschaftlichen Netzwerk "Respekt" organisiert und in der Öffentlichkeit sowie vor Arbeitsgericht nicht nur Forderungen nach mehr Lohn, Freizeit und "Self-Care" gestellt, sondern diese auch mit dem Ruf nach einer Erhöhung der öffentlichen Ausgaben für Pflege und einem Ausbau der Care-Infrastruktur verknüpft. Dies weist darauf hin, dass die "Sphäre des Privaten" gerade auch durch die Kommerzialisierung von Care-Arbeit stärker zu einer umkämpften und damit politisierten Zone wird.



 
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