Veranstaltungsprogramm

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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_SocialScieGenetic: Ad-hoc-Gruppe - Social Science Genetics and Beyond
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
11:30 - 13:30

Chair der Sitzung: Manfred Hammerl, Universität Graz
Chair der Sitzung: Nicole Holzhauser, TU Braunschweig
Chair der Sitzung: Sebastian Schnettler, CvO Universität Oldenburg
Chair der Sitzung: Kai Pierre Willführ, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

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Präsentationen

Individuelle Anlagen oder doch Umwelteinflüsse? Bedingungen einer gelingenden Adaption in der Corona-Pandemie

Martin Diewald, Anita Kottwitz, Bastian Mönkediek, Lena Weigel

Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld, Deutschland

Die Corona-Pandemie hat zu starken Belastungen und großen Veränderungen im alltäglichen Leben vieler Menschen geführt. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wovon es abhängt, ob sich Menschen den veränderten Bedingungen erfolgreich anpassen? In der psychologischen Literatur wird vermutet, dass in Situationen, die weniger durch strukturelle und institutionelle Bedingungen gesteuert werden, gerade psychische Eigenschaften, eine besonders große Rolle spielen. Solche Eigenschaften sind in hohem Maße genetisch beeinflusst. In der soziologischen Literatur wird eher auf Ressourcen verwiesen, die in solchen Zeiten zur Abpufferung von Risiken und Unsicherheit mobilisiert werden können. Deren Wirkungsweise wird zumeist als uniform angenommen.

In Anlehnung an diese beiden Sichtweisen untersuchen wir, inwiefern genetische Variation und unterschiedliche Umweltbedingungen zu einer erfolgreichen Adaption an die Pandemie beitragen. Dabei betrachten wir neben der subjektiven Bewertung der Pandemie als Bedrohung für verschiedene Lebensbereiche die empfundene Belastung durch pandemiebedingte Veränderungen, u.a. durch soziale Isolation und unregelmäßige Tagesabläufe. Die Indikatoren sind dabei in unterschiedlichem Ausmaß individuell beeinflussbar. Datenbasis bildet die Corona-Zusatzbefragung aus dem Sommer 2020 und die Wiederholungsbefragung Ende 2020/Anfang 2021 der Zwillings-Längsschnittstudie TwinLife. Dies geschieht auf Basis von verhaltensgenetischen Modellierungen. Diese unterscheiden neben genetischer Variation (A) die Beiträge von uniform wirkenden Umwelten, welche die Zwillinge ähnlicher machen (C), und Umwelten, welche die Zwillinge sich nicht teilen oder sie unähnlicher werden lassen (E).

Unsere ersten Ergebnisse sprechen weder für die erste noch die zweite Sichtweise. Vielmehr sind Umwelteinflüsse, welche die Zwillinge in ihrer Reaktion unähnlicher werden lassen, am bedeutsamsten; auch wenn es zwischen den verschiedenen Indikatoren bemerkenswerte Unterschiede hinsichtlich der Bedeutung von A, C und E gibt. In weiteren Analysen werden wir Kovariaten ergänzen, die Rückschlüsse darüber erlauben, welche konkreten Persönlichkeitsmerkmale und welche Erfahrungen die jeweiligen Beiträge von genetischen Einflüssen und Umwelteinflüssen vermitteln.



The role of parental divorce and death for children’s chances to realize their genetic potential for education across 1920-1980 US birth cohorts

Zachary Van Winkle1,2, Tina Baier3

1Sciences Po, Observatoire sociologique du changement (OSC), CNRS, Paris; 2Nuffield College, University of Oxford; 3Department of Sociology and Human Geography, University of Oslo

Research on the Scarr-Rowe hypothesis – the relative importance of genes on cognitive ability is higher for advantaged compared to disadvantaged children – has been expanded to educational outcomes, but advantage and disadvantage is predominantly conceptualized as parental socioeconomic status. However, the unprecedented increase in parental divorce during the 20th century induced large disparities between single and two parent households that extent beyond socioeconomic difference.

We assess how the experience of parental divorce, separation, and death moderates the genetic influences on educational attainment in the United States. In addition, we link these findings to social change in social policies and values, and examine how the importance of genes for education by childhood family structure varies across cohorts born 1920–1980.

Based on a sample of genotyped respondents from the US Health and Retirement Study (HRS) who completed retrospective life history questionnaires, we estimate associations between established polygenic risk scores for educational attainment and years of education for respondents who experienced a parental divorce, separation, or death before age 16 compared to respondents who lived with both biological parents until age 16.

We find that genetic influences on educational attainment in the US has increased across 20th century birth cohorts. However, our results indicate that this trend is only evident for individuals who lived with both biological parents or experienced a parental death before age 16. In contrast, we find no evidence that genes have become more important for the educational attainment of individuals who experienced a parental divorce or separation during childhood. While there were no differences in the strength of genetic influences of education by childhood family structure for individual born before the 1940s, there is a growing gap in the chances of individuals to express their genetic potential for educational attainment by childhood family structure.

Our study is the first to compare differences in genetic influences on education across birth cohorts between individuals who experienced a parental death and parental divorce. This enables us to gain leverage on which enhancement and triggering mechanisms drive family structure differences in genetic influences for educational attainment.



Gen-Umwelt-Korrelationen als Mechanismus sozialer Bildungsungleichheit

Mirko Ruks

Universität Bielefeld, Deutschland

Dass moderne Gesellschaften durch soziale Bildungsungleichheiten geprägt sind, ist ein gut gesicherter Befund der sozialen Ungleichheitsforschung. Immer noch nicht hinreichend geklärt ist aber die Frage, welche Mechanismen hierfür ursächlich sind. Zwei in der Literatur diskutierte Mechanismen sind die der Kompensation und der Multiplikation, nach denen Familien mit einem höheren sozio-ökonomischen Status eher dazu in der Lage sind, frühere Misserfolge ihrer Kinder im Bildungsverlauf zu kompensieren (Kompensation) sowie Begabungen ihrer Kinder stärker zu fördern (Multiplikation).

Zwei Aspekte der empirischen Forschung zur sozialen Stratifikation des elterlichen Investitionsverhalten sind jedoch problematisch: Einerseits untersuchen die meisten Studien nur, ob der Effekt von Eigenschaften der Kinder auf den Schulerfolg zwischen den Schichten variiert, während konkrete Praktiken, über die die Kompensations- und Multiplikationsmechanismen ablaufen könnten, nicht identifiziert werden. Andererseits verbleibt die Forschung in der Regel auf einer rein phänotypischen Ebene, sodass die verhaltensgenetische Forschung zum Zusammenspiel genetischer und sozialer Einflussfaktoren auf menschliches Verhalten und Eigenschaften weitestgehend ignoriert wird. Eine Form dieses Zusammenspiels ist die Gen-Umwelt-Korrelation (rGE), der zufolge soziale Umwelterfahrungen eine Funktion der individuellen genetischen Veranlagung darstellen: Auf Basis ihrer genetischen Veranlagung selektieren sich Kinder in soziale Umwelten oder rufen Reaktionen hervor, die in Bezug auf den weiteren Bildungsverlauf eine kompensatorische oder multiplikative Wirkung entfalten können.

Das Ziel dieses Beitrags ist es, beide Kritikpunkte zu adressieren: Theoretisch wird das Konzept der rGE mit der Diskussion über die Kompensations- und Multiplikationsmechanismen verknüpft. Empirisch wird mit den Daten der ersten drei F2F-Wellen der Zwillingsstudie TwinLife ein biometrisches Cross-Lagged Panel-Modell berechnet und getestet, ob 1) Eltern über ihre Bildungserwartungen an ihre Kinder kompensierend oder multiplikativ in den über die Schulnoten gemessenen Bildungsverläufe ihrer Kinder eingreifen, 2) diese Praktiken mit dem sozio-ökonomischen Status variieren sowie 3) inwiefern die Bildungserwartungen mit den genetischen Veranlagungen der Kinder zusammenhängen und somit eine Form von rGE-Prozessen darstellen.



Evolution and Consequences of Xenophilia vs. Xenophobia

Martin Fieder

university of vienna, Österreich

We meanwhile know on basis of twin studies that the attitude towards outgroup members has a substantial genetic basis. Accordingly, from an evolutionary perspective the question arises what forces may have led to the highly emotional dichotomy of xenophilia vs. xenophobia. We hypothesise that both, the more xenophilic as well as a more xenophobic attitude may have brought benefits to the bearer and, thus, both attitudes may have been kept in human populations. A more xenophilic attitude may have fostered genetic and cultural exchange and thus may have lowered inbreeding and its genetic drawbacks. On the other hand, a more xenophobic attitude may have been associated with a stronger awareness of the danger inherent in intergroup violence (as documented for instance by prehistoric massacres), particularly affecting men of all ages. In line with these assumptions we find on the basis of the European social survey (N~ 83,700) that compared to women, in particular young and childless women, men are generally more sceptical to outgroup members. In addition, on the basis of genetic data from the Wisconsin Longitudinal Study (N~ 9,000) we find that more ethnocentric individuals have a higher tendency to within group marriages and thus run a higher risk of inbreeding. We conclude that both attitudes may have been important for survival in small scale societies and thus may have been kept in human populations by “balancing selection”. Understanding of this highly emotional topic may help overcome polarization.



Menschliche Natur in der Soziologie: Biokulturelle Integration und neue Forschungspotenziale.

Thomas Müller-Schneider

Universität Koblenz Landau, Deutschland

Die Existenz einer evolutiv entstandenen und sozial wirksamen menschlichen Natur stellt die Soziologie vor die Herausforderung, mentale Prädispositionen nicht nur ihrem soziokulturellen Gegenstand angemessen, sondern auch möglichst produktiv in ihr analytisches Instrumentarium zu integrieren.

Mentale Prädispositionen, so mein Vorschlag, lassen sich in ein soziologisches Situationsmodell integrieren. Neben soziokulturellen Dispositionen (z.B. Einstellungen) wären nun auch Prädispositionen zu den internen Handlungsbedingungen zu rechnen. Soziales Handeln (soziale Wirklichkeit) kann dann als Resultat eines interaktiven und durch externe Bedingungen kontextgebundenen Zusammenspiels von mentalen Prädispositionen und kulturellen Determinanten konzeptualisiert werden. In diesem Sinne spreche ich von einer biokulturellen Integration der menschlichen Natur in die Soziologie. Durch seinen Makro-Mikro-Bezug baut das erweiterte Situationsmodell außerdem eine Brücke zur geforderten transdisziplinären „vertikalen Integration“ der hierarchischen Analyseebenen menschlichen Handelns (Gene-Gehirn-Psyche-soziokulturelle Wirklichkeit).

Durch die Analyse kollektiver Konstellationen eröffnet das biokulturelle Situationsmodell Forschungs- und Erkenntnispotenziale, die der Soziologie bislang verschlossen blieben. In spätmodernen Gesellschaften mit ihren historisch einmaligen Handlungsoptionen (externe Bedingungen) entfalten bestimmte Prädispositionen (vermehrt) soziokulturelle Wirksamkeit. So entsteht aus der neurobiologisch verankerten Affektoptimierung eine Kultur des Glücksstrebens; die Prädispositionen Liebe und Eifersucht sind an der „bottom-up“ Genese einer nachtraditionalen Institution sexueller Treue beteiligt; geschlechterspezifische Prädispositionen bzgl. der Dinge-Menschen-Dimension tragen wesentlich zur Erklärung des Gender-equality Paradoxons bei. Andere Prädispositionen, wie situationsspezifische Aggressionsneigungen (u.a. bei Eifersucht) werden kulturell eingedämmt. Insgesamt ist die biokulturelle Integration für Kernbereiche der Soziologie relevant.

Literatur

Müller-Schneider, T., 2019: Liebe, Glück und menschliche Natur. Gießen.

Müller-Schneider, T., 2020: „Ärgerliche“ Geschlechterunterschiede. Politische Korrektheit, Wirklichkeit und besseres Denken. In G. Albert/L. Bluhm/M. Schiefer Ferrari (Hrsg.), Political Correctness. Baden-Baden, S. 137-172.



 
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