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Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_MitTierenDur: Ad-hoc-Gruppe - Mit Tieren durch die Pandemie. (Un-)Sichtbarkeiten von Tieren in sozialen Annäherungs- und Abgrenzungsprozessen
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
9:00 - 11:00

Chair der Sitzung: Kerstin Jürgens, Universität Kassel
Chair der Sitzung: Sarah Mönkeberg, Universität Kassel
Ort: digital

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Präsentationen

Von Viren, Tieren und Menschen. Die Corona-Pandemie als Spiegel und Irritation interspezifischer Beziehungen und Verletzbarkeiten

Frithjof Nungesser

Österreichische Akademie der Wissenschaften, Österreich

Für die Soziologie sind Krisen in ihrem heuristischen und transformatorischen Potential bedeutend. Durch Krisen werden soziale Prozesse meist klarer erkennbar und teils nachhaltig verändert. Dieser Logik folgend soll in diesem Vortrag die Corona-Pandemie als Spiegel und Irritation des Tier-Mensch-Verhältnisses betrachtet werden, wobei 1) sowohl den zwischenartlichen Beziehungen 2) als auch der Sichtbarkeit von Verletzbarkeiten Aufmerksamkeit geschenkt wird.

1) Die Pandemie wirft ein Blitzlicht auf das gesamte Spektrum der Tier-Mensch-Beziehungen. Dies beginnt mit dem mutmaßlichen Ursprung des Krankheitserregers, der auf seinem evolutionären Weg zum Menschen wohl die Grenzen zwischen Wild- und Nutztierarten übersprang und wie viele Viren vor ihm von der räumlichen Verdichtung interspezifischer Interaktionen profitierte. Große Aufmerksamkeit wurde während der Pandemie den Arbeitsprozessen in der Fleischindustrie zuteil. Auch weniger beachtete Bereiche der Tiernutzung sind mit der Pandemie verknüpft: So wurden Pelztiere aufgrund ihrer möglichen Rolle als Zwischenwirte zu Tausenden getötet. Das Verhalten und die Wahrnehmung von Wildtieren – etwa von Singvögeln – wurden durch die Krise ebenfalls beeinflusst. Schließlich erlebte die Heimtierhaltung einen ungekannten Boom. Allein in Deutschland stieg die Zahl der Heimtiere im ersten Jahr der Pandemie um fast eine Million.

2) In das skizzierte Beziehungsnetzwerk sind vielfältig verschränkte Verletzbarkeiten eingewoben. So verdeutlichte die Pandemie einmal mehr, wie das Unbehagen gegenüber Tierleid zur Verdeckung menschlicher Verletzbarkeiten in der Fleischindustrie beträgt. Erscheint die Tiernutzung hier eher als Gesundheitsgefahr, so dient sie im Rahmen von Tierversuchen in der Impfstoffentwicklung dem Gesundheitsschutz von Menschen. Durch Lockdown-Maßnahmen sollten Risiken für Menschen reduziert werden, wodurch kurzfristig neue Freiräume für Tiere entstanden. Systemisch betrachtet führten ökonomische Vulnerabilitäten zu kurzen ökologischen Entlastungen.

Das Aufbrechen oft unsichtbarer Verstrickungen während der Pandemie kann, so wird argumentiert, generell zu einem besseren Verständnis des Tier-Mensch-Verhältnisses beitragen. Daraus ergibt sich schließlich ein selbstreflexives Potential der Krise, kann diese doch dazu beitragen, interspezifischen Beziehungen in der Soziologie mehr Aufmerksamkeit zu schenken.



Tiere im Spannungsfeld zwischen Wahrnehmungsgestalten, Vulnerabilität und Agency

Martin Huth1,2

1Universität Wien, Österreich; 2Messerli Forschungsinstitut Wien

Ausgehend von einer phänomenologischen Analyse von Mensch-Tier-Beziehungen wird der Vortrag der Verschiedenheit, aber auch der Verschiebbarkeit unserer Wahrnehmungen von und der Qualität unserer Beziehungen zu Tieren nachspüren.

Besonders Haus- und Therapietiere führen uns deutlich vor Augen, dass es eine fein abgestimmte und emotional aufgeladene „Zwischenleiblichkeit“ (Merleau-Ponty) zwischen Mensch und Tier geben kann. Es ist jedoch nachgerade trivial festzuhalten, dass wir es nie mit „Tieren an sich“ zu tun haben (vgl. der Vortrag von F. Nungesser), weshalb sich mit Nutztieren, Schädlingen oder Wildtieren eine solche Intimität nicht herstellt – v.a. wenn wir es mit zoonotischen Vektoren zu tun haben.

Der Vortrag analysiert in einem zweiten Schritt, wie unsere Wahrnehmungsdispositionen, affektiven Responses und moralischen Intuitionen mit sozialen Bedeutungen imprägniert sind. Es bilden sich Wahrnehmungsgestalten, die implizit reifizierend und empathiehemmend, vermenschlichend, distanzierend etc. sind. Entsprechend wird auch die Behandlung von Tieren in unterschiedlichen sozialen Räumen jeweils unterschiedlich als verhätschelnd, grausam, (nicht) tiergerecht wahrgenommen (selbst im Schlachthaus werden manche Handlungen als besonders grausam qualifiziert und von Routinehandlungen unterschieden).

Dieses Relief der Sichtbarkeit tierlicher Vulnerabilität und agency hat sich in der Pandemie noch deutlicher konturiert. Viele Menschen haben sich Haustiere zugelegt und/oder ihre Beziehung zu ihnen intensiviert, um der Einsamkeit während des social distancings Herr zu werden; dies mag zu ausgeprägteren Formen von Zwischenleiblichkeit geführt haben (vgl. der Vortrag von K. Jürgens, S. Mönkeberg und M. Kurth). Zootiere wurden medienwirksam geimpft. Nerze hingegen wurden wegen der Gefahr unbeherrschbarer Virusmutationen zu Tausenden gekeult, was vergleichsweise wenig öffentliche Reaktion evoziert hat.

Doch wird die gleichsam hegemoniale Macht der Wahrnehmungsgestalten ggf. konterkariert durch die Widerständigkeit tierlicher agency, aber auch die Sichtbarwerdung unerwartbarer Vulnerabilitäten, die die Grenzen des Sichtbaren potentiell überschreiten und dadurch eine Verschiebbarkeit der Raster der Wahrnehmung konstituieren.



Gefährten für den Lockdown? Tier-Mensch-Beziehungen zwischen Lebendigkeit und Instrumentalisierung

Kerstin Jürgens, Markus Kurth, Sarah Mönkeberg

Universität Kassel, Deutschland

In der Corona-Pandemie fungieren Tiere für viele Menschen als „Rettungsanker“, um in Zeiten der Kontaktbeschränkungen und der Fixierung auf die eigene Wohnstätte nicht allein zu sein bzw. das Haus verlassen zu können. Damit setzt die Corona-Pandemie einerseits einen Hinweis auf die Bedeutsamkeit bestimmter Formen des Zusammenlebens mit Tieren, andererseits bleiben Tiere gesellschaftlich, ebenso aber auch in wissenschaftlichen Diagnosen weitgehend unsichtbar. Neben den allerorts präsenten Hunden, treten die in deutschen Haushalten lebenden Millionen von Katzen, Vögeln und weiteren Kleintieren kaum in Erscheinung. Die Soziologie konstatiert zwar eine wachsende Bedeutung dieser Tiere und problematisiert deren Randständigkeit in der Forschung, doch werden Tiere noch immer bevorzugt als quasi funktionale Elemente humansozialer Interaktionszusammenhänge untersucht, oder es wird nach dem Einfluss sozialstruktureller Merkmale auf die Tierhaltung gefragt. In posthumanistischen Theorien werden anthropozentrische Setzungen kritisiert, doch bleibt ungeklärt, warum welche Tiere welchen sozialen Status erlangen, und wie Tiere weder dingähnlich noch vermenschlichend in die Forschung einbezogen werden können.

Der Vortrag präsentiert ein von der DFG gefördertes Projekt, das einige dieser Lücken zu schließen versucht: Am Beispiel der als „Gefährt:innen“ klassifizierten Tiere wird mittels einer Kombination qualitativer Methoden erhoben, wie und warum Menschen ihr Leben mit Tieren teilen, und was den Prozess der Konstitution dieser Interspeziesbeziehungen auszeichnet. Anhand erster Interviews will der Vortrag eine erste Einschätzung wagen, was Menschen zur Anschaffung von Tieren motiviert und wie diese Tier-Mensch-Beziehungen während der Pandemie gestaltet werden. Mit seinen Fragestellungen ist das Projekt nicht nur mit dem Problem einer multiplen (Un-)Sichtbarkeit von Tieren – in ihrer Distinktheit als Tiere – konfrontiert, sondern auch mit den Grenzen gängiger empirischer Vorgehensweisen, die dem Eigensinn nicht-humaner lebendiger Akteur:innen noch nicht angemessen Rechnung trägt. Über die Perspektivverschiebung auf Tiere kann es insofern gelingen, Impulse für die soziologische Zeitdiagnose ebenso wie für die qualitative Sozialforschung zu geben.



 
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