Veranstaltungsprogramm

Eine Übersicht aller Sessions/Sitzungen dieser Veranstaltung.
Bitte wählen Sie einen Ort oder ein Datum aus, um nur die betreffenden Sitzungen anzuzeigen. Wählen Sie eine Sitzung aus, um zur Detailanzeige zu gelangen.

 
 
Sitzungsübersicht
Sitzung
ad_LiveInBetreu: Ad-hoc-Gruppe - Live-In-Betreuung im Lockdown?
Zeit:
Mittwoch, 25.08.2021:
9:00 - 11:00

Chair der Sitzung: Brigitte Aulenbacher, Johannes Kepler Universität
Ort: digital

Den Link zur digitalen Sitzung finden Sie nach Anmeldung zum Kongress bei Eventbrite.

Zeige Hilfe zu 'Vergrößern oder verkleinern Sie den Text der Zusammenfassung' an
Präsentationen

Business as usual? Gewinner*innen und Verlierer*innen von Live-In- Care in Deutschland in Zeiten von Corona

Ewa Palenga-Möllenbeck, Aranka Vanessa Benazha

Goethe-Universität Frankfurt, Deutschland

In Deutschland hat sich die transnational erbrachte Live-in-Care zunehmend zu einem etablierten Modell für häusliche Betreuung entwickelt. Da die Branche aber nach wie vor in einer rechtlichen Grauzone agiert und die Politik bislang noch keine Regularisierungsversuche unternommen hat, blieb diese Art der Arbeit im Privaten bisher weitgehend unsichtbar. Durch die COVID-19-Pandemie und die damit einhergehenden Reisebeschränkungen gerieten diese Arrangements (und ihre Fragilität) in den Blick der medialen und politischen Öffentlichkeit.

Der öffentliche Diskurs über Live-In-Care während der ersten Pandemiewelle hat dabei nicht nur die Systemrelevanz dieses Sektors zu Tage gebracht, er illustriert zudem das intersektionelle »Othering« der Betreuungskräfte, durch das die Prekarität ihrer Arbeitsbedingungen legitimiert und die Privilegien anderer Akteur*innen ausgeblendet werden. So sind es im Angesicht des aktuell viel zitierten »Pflegenotstands« die Pflegebedürftigen und deren Angehörige, die unter Druck stehen und der Unterstützung bedürfen. Die Situation der »Anderen«, also der Pendelmigrant*innen aus Mittel-/Osteuropa, scheint deren Notlage untergeordnet. Mehr noch, von ihnen wird erwartet, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse (die Sorge um ihre eigene Gesundheit und die Versorgung der eigenen Familie) zurückstellen und sich „solidarisch“ (SZ, 18.05.20) mit den ihnen überantworteten Pflegebedürftigen zeigen und diese nicht im Stich lassen. Als Nutznießerin der Situation erweist sich die Branche der Vermittlung dieser Dienstleistungen: Sie präsentiert Live-in-Care als Alternative zu stationären Pflegeeinrichtungen, die als Orte des „des Sterbens, der Angst und der Isolation“ (SZ, 9.6.20) geframt werden und damit als unverzichtbare dritte Säule der Versorgung alter und kranker Menschen. Dementsprechend politisch gefordert wird eine Beendigung des Zustands der Rechtsunsicherheit und eine öffentliche Anerkennung dieser Arbeit.



Vermittlungsagenturen als zentrale Akteure – Eine Untersuchung der Live-In-Pflege in Deutschland in der Covid-19-Pandemie

Simone Habel1, Rebekka Pflug2

1Nell-Breuning Institut; 2Europa-Universität Viadrina

In Deutschland werden ältere Menschen zunehmend in häuslicher Pflege durch – meist weibliche – Migrant*innen aus Mittel- und Osteuropa betreut. Diese Form der Pflege durch migrantische Live-Ins basiert auf transnationaler Mobilität. Infolge war die Branche von pandemiebedingten Maßnahmen – wie Quarantäne und Grenzschließungen – in besonderer Weise betroffen. In der Pandemie sind vor allem die Vermittlungsagenturen stark medial in Erscheinung getreten. Sie problematisierten öffentlichkeitswirksam den möglichen Wegfall der Pendelmigrant*innen und benannten Forderungen an die Politik.

Doch bereits vor der Pandemie stellten die Vermittlungsagenturen wichtige Akteure des „grauen Marktes“ der Live-In-Pflege dar. Auf dem „grauer Markt“ beziehen sich verschiedene Akteure auf einen rechtlichen Rahmen, setzen diesen jedoch nicht vollständig um. Vielmehr zeichnet sich die Branche durch einen Mangel an Regulierung und Kontrolle aus. Daher kommt den Agenturen in der Gestaltung von Arbeitsbedingungen eine zentrale Rolle zu. Der vorliegende Beitrag untersucht die These, inwieweit die Vermittlungsagenturen ihre einflussreiche Stellung auf dem deutschen Care-Markt im Rahmen der Covid-19-Pandemie ausbauen konnten.

Der Beitrag basiert auf sechs Interviews mit „Pionieren“ von Vermittlungsagenturen. Der Begriff der „Pioniere“ bezeichnet in Anlehnung an die Typologie nach Leiber, Matuszczyk und Rossow (2019) eine spezifische Gruppe innerhalb der Agenturen. Diese üben Kritik an der unklaren Situation des „grauen Marktes“. Durch politische Lobbyarbeit oder durch ihre Größe gestalten sie den Markt mit. Die meisten sind proaktive Mitglieder in der Verbändestruktur der Vermittlungsagenturen und setzen sich für eine Formalisierung des Marktes ein. Auch etablieren sie freiwillig Ansätze der Selbstregulierung.

Auf Basis der Interviews wird in diesem Beitrag die zentrale Rolle der Vermittlungsagenturen im Umgang mit der Pandemie beleuchtet. Zunächst werden die Maßnahmen der Agenturen im Zuge der Pandemie und deren Effekte auf die Arbeitsbedingungen der Live-Ins nachgezeichnet. Im Anschluss wird auf die mediale Präsenz und die verstärkte politische Vernetzung der Agenturen eingegangen.



Branche unter Druck: Österreichische Live-in-Care während der Pandemie

Michael Leiblfinger, Veronika Prieler

Johannes Kepler Universität Linz, Österreich

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Beschäftigung von hauptsächlich weiblichen, migrantischen Live-in-Betreuungskräften zu einer wichtigen Säule der Altenbetreuung in Europa entwickelt. Insbesondere in familialistischen Wohlfahrtsstaaten wie Österreich schließen pendelnde, häufig von Agenturen vermittelte Betreuungskräfte, die typischerweise aus Mittel- und Osteuropa kommen, zumindest teilweise jene Sorgelücken, die auf einen Rückgang der familiären Betreuung zurückzuführen sind. Geschlossene Grenzen und andere pandemiebedingte Beschränkungen brachten das transnationale Pendeln von Live-ins, deren Schichten in Österreich normalerweise zwischen zwei und vier Wochen dauern, plötzlich zum Stillstand und setzten das Betreuungsmodell und all seine Beteiligten unter Druck.

Davon zeugen neben der breiten Medienberichterstattung auch die von der österreichischen Bundesregierung verkündeten Maßnahmen: Um in den ersten Monaten der Pandemie die Schichtverlängerung der Betreuungskräfte zu fördern, wurde ein Bonus für Live-ins eingeführt, die ihren Aufenthalt um mindestens vier Wochen verlängerten. Darüber hinaus verhandelte die Regierung mit Nachbarländern über sogenannte Pflegekorridore, um den plötzlich als systemrelevant bezeichneten Betreuungskräften den Grenzübertritt zu ermöglichen. Wie bei landwirtschaftlichen Hilfskräften für die Frühlingsernte wurden Charterflüge und Sonderzüge organisiert, um das Live-in-Modell bis zur Wiedereröffnung der Grenzen mit Betreuungskräften zu versorgen. Diese Maßnahmen sowie die Ankündigung der Bundesregierung, dem Langzeitpflegesektor – einschließlich der von Anfang an in den Medien viel beachteten Live-in-Betreuung – 100 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, zeigen den öffentlichen Druck, dem die Politik ausgesetzt war.

Der Beitrag baut auf einer Policy Analyse der Pandemiemaßnahmen, die Live-in-Betreuung in Österreich und den beiden wichtigen Sendeländern Slowakei und Rumänien direkt und indirekt betroffen haben, auf. Vertieft wird dies anhand einer über 500 Beiträge umfassenden Medienanalyse sowie durch sechs Interviews mit Agenturvertreter*innen und weiteren Stakeholdern im Feld der österreichischen Live-in-Betreuung. Im Zentrum der Auswertungen steht die Frage, wie Betreuungskräfte, Agenturen und ihre jeweiligen Interessenorganisationen auf die Pandemie und die damit verbundenen Schwierigkeiten reagiert haben.



Live-in Betreuung im «FairCare Tandem-Model» - kritische Reflexion vor dem Hintergrund der Pandemie

Karin van Holten

Berner Fachhochschule, Kompetenzzentrum Partizipative Gesundheitsversorgung, Schweiz

Hintergrund und Leitfragen

Ausgehend von den bekannten Spannungsfeldern der Live-in Betreuung (prekäre, ungeschützte Bedingungen, soziale Isolation, hohe Arbeitsbelastung bei gleichzeitig niedrigen Löhnen, ungenügende soziale Absicherung und Abhängigkeit von Personalverleih- oder -vermittlungsunternehmen) hat eine Gruppe von Fachpersonen ein Modell für den Einsatz von Care-Migrant*innen in der Live-in Betreuung in der Schweiz erarbeitet. Die beiden Hauptziele waren dabei:

1. Menschen mit Betreuungsbedarf, die zuhause wohnen, sollen bei Bedarf qualitativ gute, bezahlbare Betreuung durch Care-Migrant*innen erhalten.

2. Care-Migrant*innen, die über das neue Modell zum Einsatz kommen, sollen faire Arbeitsbedingungen vorfinden.

Vorgehen

Basierend auf einer Situationsanalyse wurde in einem ersten Schritt ein Modell und Umsetzungskonzept für die migrationsgestützte Betreuungsarbeit auf partnerschaftlicher Basis in der deutschsprachigen Schweiz entwickelt (Januar bis Dezember 2020). Dabei wurde ein praktizierbares «FairCare Tandem-Modell» definiert, welches die beiden Hauptziele erfüllen soll. Dieses Modell soll nun in einer zweiten Phase ab 2021 als Pilot in der Umsetzung getestet und evaluiert sowie darauf aufbauend gezielt verbessert und weiterentwickelt werden.

Ergebnis/Produkt

Zentrales Merkmal des Modells ist die enge Anbindung des Live-in Betreuungsmodells an öffentlich-rechtliche Spitexorganisationen. Diese sind in der Schweiz gemeinnützig und haben einen Leistungsauftrag der jeweiligen Gemeinde oder des Kantons verbunden mit einer Versorgungspflicht gegenüber der Bevölkerung.

Durch die Anbindung an die Spitex sollen Live-in Betreuer*innen besser in das professionelle und informelle Care-Team integriert und in ihrer professionellen Rolle gestärkt werden.

Diskussion

Der Beitrag präsentiert wichtige Eckpunkte des ‘FairCare Tandem-Modells’. Er reflektiert kritisch und im aktiven Dialog mit den Teilnehmenden Schwächen und Lücken des Modells. Ein besonderer Fokus liegt auf den Rahmenbedingungen während der COVID-19 Pandemie. Herausgearbeitet werden soll, inwiefern diese den Anspruch an ‘faire’ Lebens- und Arbeitsbedingungen für Live-in Betreuungspersonen und Versorgungsqualität für Betreute gefährden bzw. inwiefern das Modell unter diesen Bedingungen seinen Anspruch einlösen kann oder eben auch nicht.



 
Impressum · Kontaktadresse:
Datenschutzerklärung · Veranstaltung: DGS ÖGS Soziologiekongress 2021
Conference Software - ConfTool Pro 2.6.145
© 2001–2022 by Dr. H. Weinreich, Hamburg, Germany